Auch der Aggressor ist schwach

1.

Kaum einer, der sich als verantwortlicher Staatsbürger versteht – und sich nicht doch vom Übermaß der Gefahren, Fronten und Abgründe in unserer Zeit erdrückt fühlte. Dabei kann gerade der Blick auf die überkomplexe Gesamtlage einen Rückhalt bieten, das Urteil erleichtern und die Zunge lösen. Versuchen wir es hier als Lockerungsübung einmal mit dem Thema der Konfrontation Europas und Russlands, die alles verdüstert. Eines wenig vorbereiteten Europas, ohne das vertraute Bündnis mit den USA , und eines Russlands in neuer, begieriger und anscheinend unerschöpflicher Zusammenarbeit jedenfalls mit einigen einflussreichen Amerikanern.

Wollte man hier die Gesamtlage willkürlich zerlegen, sie auseinanderreißen und das verunsicherte, schon gar desorientierte Europa immer nur isoliert für sich betrachten, produziert man unweigerlich einen Kurzschluss und Zerrbilder. Wie jetzt der nicht zu Unrecht vielbeachtete Schweizer Analyst Marcus M. Keupp („Militärökonom“) in seinem Buch „Spurwechsel. Die neue Weltordnung nach Russlands Krieg“ (Köln, 2025):

Das langjährige Appeasement Deutschlands und Westeuropas gegenüber dem aggressiven Expansionismus Putins sieht sich kaum irgendwo hellsichtiger auseinandergenommen und in ihrer verheerenden Tragweite vor allem für Osteuropa ausgelotet. Über das gegenwärtige Russland heißt es dann aber:

„Die imperiale Ideenwelt hat die Auflösung der Sowjetunion genauso unbeschadet überstanden wie diejenige des Zarenreichs. Erneut strebt sie nach globaler Dominanz. Mit ihr, nicht mit der Person Putin, findet die weltanschauliche und welthistorische Auseinandersetzung statt. In Russland ist sie unsterblich, tief in den nationalen Mythen und Selbstbildern verwurzelt. Sie findet stets neue personelle Träger, ganz unabhängig vom politischen System oder dem jeweiligen Herrscher. Ob unter den Zaren, in der Sowjetunion oder in der Russländischen Föderation – stets zeigt sich dieser expansive Zug, der nach Einfluss und Kontrolle strebt. Und selbst ein innerlich zerfallendes Russland wird von vergangener Größe träumen.

Die imperiale Idee ist geradezu der Kitt, der die Brüche in der russischen Geschichte verbindet: Zaren, Parteichefs, Präsidenten mögen kommen und gehen, politische Systeme sich verändern – sie aber ist die allumfassenden Klammer, die den zeithistorischen Sekundenzeiger überdauert.“ (Vgl. Spurwechsel, S. 234 f.)

Das ist jedenfalls nicht das reale Putin-Regime. Er ist nur das, was es Europa und der Welt über sich zu erzählen versucht. Und auch der eigenen Bevölkerung aufzwingt, wer öffentlich widerspricht, riskiert seine Existenz. Es ist die Geschichtspolitik, die Scheinwelt, der ideologische Müll der Diktatur, einer inzwischen schon totalitären Tyrannei, die sich hier zur zeitübergreifenden, authentischen Ideengeschichte einer jahrhundertealten Staatsräson verzaubert sieht. Es ist fast, als hätte den Verfasser seine eigene geschliffene Sprache des Zorns und der Betroffenheit über dieses so verblendete, kulturell so verwahrloste, dem Freiheitsgedanken dermaßen tief und anhaltend entfremdete Europa dazu verführt. den Antipoden, den Feind so groß zu machen und ihn in höheren, spirituellen Sphären anzusiedeln.

2.

Das ganze Unverständnis für das Phänomen Putin enthüllt sich hier in ein paar Worten: „Putins Tragik liegt letztlich darin, dass er sich nicht von diesen imperialen Ordnungsvorstellungen lösen konnte. Für ihn existiert eine ukrainische Nation nicht, er kann in der Ukraine nichts anderes sehen als eine Kolonie…“ (Vgl. a.a.O., S. 243) Das ist nur absurd, ganz im Gegenteil: er kann es sehr wohl. Er versteht die ganze Tragweite der Demokratisierung des Nachbarlandes. Er weiß, dass er in einer solchen Welt keinen Platz mehr haben wird. Er fürchtet diese Entwicklung über alles und bekämpft sie auf Leben und Tod, weil er sie versteht. Er ist in allem – in seinen Motiven, in seinen Interessen, in seinem Handeln das polare, antagonistische Produkt der gleichen Zeit, desselben Epochenbruchs. Von Anfang seiner politischen Karriere an, schon in seiner Zeit in Dresden.

Wie jetzt eine bahnbrechende Studie über das Schicksal Georgiens aufzeigt und im Detail dokumentiert, ist das System Putin kein Phänomen aus der Tiefe der russischen Geschichte, sondern unserer Gegenwart, der laufenden Zeitenwende im postsowjetischen Raum: Gesine Dornblüth, Thomas Franke, „Kampf um die Freiheit. Georgien und der lange Arm des Kreml“ (Freiburg im Breisgau, 2025, Herder Verlag)

Auch in diesem „Testgelände“ gelten die Angriffe und die Einflussnahmen Russlands wieder der Abwehr, dem Widerstand gegen das Schwinden und den drohenden Verlust der eigenen Macht: der Zerstörung der demokratischen Zukunft dieses Landes, wie sie von der überwältigenden Mehrheit der Bevölkerung unübersehbar und beharrlich gewollt ist. So paradox es in deutschen Ohren auch klingen mag: es sind Rückzugsgefechte auf bereits weitgehend verlorenem Posten. Auf dem wie immer gewundenen Weg in das Scheitern. Das Wrack der Großmacht ist in Sicht. Unsererseits einmal ein Anlass für Beistand und Loyalität mit den Angegriffenen, statt für das gewohnte Wegschauen oder gar ein angstgetriebenes Wegducken:

„Nach dem Augustkrieg (2008, E.K.) zeigt Russland Georgien noch einmal den Mittelfinger, indem er Südossetien und Abchasien als unabhängige Staaten anerkennt. Für Russland hat der Angriff auf Georgien keine Konsequenzen. Die USA und Russland wollen ihr Verhältnis verbessern. Im Frühjahr 2009 drücken der russische Außenminister Sergej Lawrow und seine US-amerikanische Kollegin Hillary Clinton in Genf persönlich einen roten Knopf für den Neustart der Beziehungen. Alle Verbrechen und Vertragsverletzungen einfach so weggedrückt. Die andauernde russische Besatzung von Abchasien und Südossetien interessiert nicht.

Putin hat seine Reizfigur Saakaschwili gedemütigt und ein Land, das sich friedlich auf den Weg Richtung Demokratie und EU gemacht hat, bestraft. Sein Plan ist aufgegangen, seine Strategie funktioniert. Russland gibt sich als Opfer einer westlichen Bedrohung, die nicht existiert. Russland behauptet, Menschen vor einem Genozid schützen zu müssen, der nicht stattfindet. Russland greift an, und es hat keine Folgen. Es funktioniert so gut, dass Putin 2014 in der Ukraine erneut nach diesem Muster vorgeht. Auch die Ukraine ist da im Begriff, sich von den korrupten an Moskau orientierten Eliten zu befreien. Wieder ist es das Duo Merkel/Steinmeier, das konsequentes Handeln gegenüber Russland verhindert. Geschäfte mit Russland sind ihnen wichtiger. Putins Motto ist: Wer Demokratie säht, wird Krieg ernten. Russland tut alles, um Demokratiebestrebungen zu sabotieren und Gesellschaften zu zerstören. Und die Bundesregierung hat kräftig mitgeholfen.“ (Vgl. a.a.O., S. 72)

Der Arm des Kreml ist lang. Aber wie stark ist er? Man kann sich ja ansehen, was an tragfähigem, nachhaltigem Machtaufbau er in dem kleinen Land noch zustande bringt:

„In Georgien entsteht derzeit keine Diktatur nach den Mustern des vergangenen Jahrhunderts, in denen es eine Verheißung gab, eine Ideologie und Personenkult. Es ist eine Form von Unterdrückung durch Organisierte Kriminalität gepaart mit den Geheimdienststrukturen der vergangenen Sowjetdiktatur, wiederbelebt von Wladimir Putin und seinen Leuten im Kreml. Wie Mafiaclans bedienen sie sich aller verfügbaren Machtmittel, um ihre Gegner einzuschüchtern oder auszuschalten. Putin geht es darum, Wohlstand, Demokratie und Freiheit in Russlands Nachbarschaft zu verhindern. In Russland soll niemand auf die Idee kommen, es den Nachbarn gleichzutun und eine Freiheitsbewegung zu initiieren. Darüber hinaus geht es darum, Unruhe im Rest der Welt zu schüren, andere Gesellschaften zu schwächen. Es geht um viel Geld und Macht. Schwache Demokratien wie die georgische sind eine leichte Beute.“ (Vgl. a.a.O., S.10)

3.

Satanisch schlau wird man den „Georgischen Traum“, die regierende Partei (und das persönliches Eigentum des Oligarchen Bidsina Iwaninischwili ) nicht gerade nennen: mit ihrer Strategie, dem Land das genaue Gegenteil dessen zu verkünden und zu versprechen, was sie tatsächlich macht: Georgien in die EU zu führen. Mit seiner bizarren Verschwörungstheorie von einer „Partei des Krieges“, die in Europa ihr Unwesen treibe und wie schon die Ukraine auch Georgien gut ins Unglück stürzen könne. Aber die anhaltenden Massenproteste gegen das „russische Gesetz“ (über „ausländische Agenten“) , gegen die Fälschung der Parlamentswahl von 2024, die sich auch mit den zunehmenden, staatlich organisierten Überfällen und Terrorakten gegen einzelne Personen oder kleine Gruppen von Bürgern nicht paralysieren lassen, verlangen von uns etwas anderes als Spott und Verachtung, Und sie verlangen von der EU etwas anderes als schwammige Distanzierung, Abwarten und ein Aussetzen der Beitrittsverhandlungen. Nämlich die klare, weltöffentliche Unterstützung der massiv unterdrückten georgischen Demokratiebewegung. Bleibt sie weiter aus, ist es ein klägliches Versagen. Es wäre das alte, es wäre die Fortsetzung des Versagens von 2008, von 2014, von 2022.

Es gibt in Georgien auch genügend ungebrochene, mutige Stimmen, die genau das von Europa erwarten. Die vielleicht nicht unbedingt darauf bauen, es sind Leute von Erfahrung und Welt. Die bei aller Ernüchterung und Enttäuschung über das demokratische Niveau der EU aber heute von uns einfordern, Georgien in seinem Freiheitskampf „nicht im Stich zu lassen“. Es ist oft gesagt worden, es ist bitter, es sind die eigentlichen Europäer in Europa. Hier einer von ihnen:

Lascha Bakradse, ehemaliger Direktor des Literaturmuseums

„Ich sitze noch nicht im Gefängnis. Meine Konten sind noch nicht eingefroren. Es geht mir also den Umständen entsprechend gut. Ich versuche weiter, den politischen Prozess zu beleben. Ich spreche überall, wohin man mich einlädt, und sage meine Meinung ohne Umschweife: dass die selbst ernannte Regierung Georgiens das Land ins Verderben führt und wie man Widerstand leisten kann. Die Proteste machen den Menschen Mut, dass längst nicht alles verloren ist. Sie zeigen dem Westen (hoffentlich), dass das Volk seine Freiheit und Demokratie nicht aufgeben will. Hoffentlich hilft der Westen mehr als bisher.

Ich sorge mich um die Menschen in den Gefängnissen. Ich sorge mich darum, dass der Georgische Traum alle Institutionen zerstört, die wir mit Mühe aufgebaut haben und die mal mehr, mal weniger funktionieren. Es erscheint zwar alles sehr hoffnungslos, aber ich glaube, dass diejenigen, die die Macht ergriffen haben, nicht lange durchhalten, wenn der Druck von innen und von außen steigt. Ich werde weiter kämpfen und habe nicht vor, das Land zu verlassen.“ (Ebenda, S. 247 f.)

4.

Menschen von dieser Unbeugsamkeit sind es auch, die uns ermutigen, wieder nach Russland zu fragen: nach dem russischen Volk selbst, das in seiner umfassenden politischen Unterwerfung im aktuellen deutschen Diskurs schon kein Thema mehr zu sein scheint. Die Unterwerfung – das Wort nun passivisch verstanden als die erlittene Repression oder aktivistisch im Sinne der angeeigneten Ideologie (wie des großrussischen Nationalismus, spätestens seit der Annexion der Krim 2014; wie der Erinnerungspolitik nach dem Zweiten Weltkrieg; wie irgendeiner Version von Kulturimperialismus) – ist doppelt genäht, wirkt vollendet, geschlossen, unveränderlich, und kann so in unserer politischen Publizistik gut realistisch abgehakt werden.

Diese vermeintlich abschließenden Antworten, gern miteinander verquickt und alle auf einmal aufgeboten, unterbrechen sei Jahren russische und belarussische Stimmen im Exil. Und unterbricht jetzt auch Irina Scherbakowa, eine in der ganzen Welt geachtete russische Vorkämpferin der Menschenrechte, in ihrer Autobiographie: „Der Schlüssel würde noch passen. Moskauer Erinnerungen“ (München 2025, Droemer Verlag). Man lernt mit diesem Text wieder ganz von vorne danach zu fragen, was Putin alles zum Schweigen hat bringen müssen, um sich an der Macht zu halten: so die selbst von Memorial in ihren landesweiten zeitgeschichtlichen Jugendwettbewerben nie erwartete massenhafte, eigenständige Teilnahme einfacher russischer Jugendlicher und ihrer Schullehrer in tiefster Provinz: beharrliche Forschungsarbeit für ein anderen Land, für ein Russland der Erinnerung nicht nur an die Katastrophen und Verbrechen der Sowjetunion; für ein Russland der bisher verweigerten öffentlichen, oft auch familiären Wahrnehmung und Anerkennung der Opfer des vergangenen Jahrhunderts. Ist denn heute wieder ganz weg aus dem Bewusstsein der Gesellschaft, was ihr einmal so gegenwärtig war? So vielfältig und ansteckend präsent. Nur weil es ein Machthaber verbietet und ausgrenzt? Wir reden hier vom Aufbau einer politischen Kultur. Was kann Staatsgewalt auf diesem Feld, was kann sie nicht? Was kann eine solche Staatsgewalt, was nicht? Sie beherrscht die Medien, die Schule. Sie kann eine soziale Praxis der popularen Selbstaufklärung auch wieder zerschlagen. Sie kann reihenweise Existenzen vernichten, sie kann Menschen ermorden. Alles ungestraft, wenn auch nicht ohne Preis. Aber kann sie auch eine Gedankenwelt auslöschen? Eine Umkehr im Denken, wie es sich selbst auf dem Land im Alltagsleben der Russen verwurzeln konnte?

*

Je näher der 10. Januar rückte, umso aufgeregter wurden Oxana, meine einzige Helferin bei diesem Projekt, und ich. Über die Feiertage zum Jahreswechsel warf Jelzins Ankündigung seines Nachfolgers einen dunklen Schatten. Am meisten beunruhigte mich, dass viele Putin für eine durchaus gute Wahl hielten oder beschwichtigend meinten, ich solle keine Panik verbreiten, es könne doch keine Rückkehr in die Vergangenheit mehr geben. Meine Befürchtungen über den neuen Mann im Kreml rückten in den Hintergrund als uns Hunderte Einsendungen aus ganz Russland erreichten – es war eine richtige Flut. Die Postboten, die säckeweise Pakete für uns schleppen mussten, begegneten uns mit unverblümten Groll. Es war Mitte Januar, ein kalter schneereicher Winter, und die Pakete waren schwer. Wir beschlossen also, sie selbst mit Schlitten vom Postamt abzuholen, Als die eingereichten Arbeiten die Zahl von anderthalbtausend überschritten, waren wir fassungslos, Was mich am meisten überraschte: ich hatte angenommen, wenn es überhaupt Teilnehmer geben würde, dann kämen sie aus Moskau oder Sankt Petersburg, na ja, vielleicht noch aus ein paar anderen großen Städten. Doch sage und schreibe zwei Drittel der Absender kamen aus Kleinstädten und Dörfern, von denen wir noch nie gehört hatten. Und so sollte es bis zum Schluss bleiben – bis Memorial 2021 liquidiert wurde.

Die ersten Seiten ‚Geschichte‘, die ich aus den Postsäcken zog, werde ich wohl nie vergessen. Die meisten Texte waren handschriftlich verfasst und schwer zu lesen, manche waren auf Schreibmaschinen getippt, die es an den Schulen noch gab, nur sehr wenige am Computer verfasst…Damals ahnte noch niemand, dass dieser Wettbewerb über zwanzig Jahre fortbestehen und sich zum größten Geschichtswettbewerb Europas mausern würde, Dass die insgesamt 40 000 Arbeiten und zigtausend Teilnehmer eine neue Form der Erinnerung bilden würden – eine Geschichte Russlands, wie sie jungen Menschen, die noch die Schulbank drückten, wahrnahmen. Das war Ende 2021 einer der zentralen Vorwürfe, die die Generalstaatsanwaltschaft der Russischen Föderation gegen Memorial erhob und die schließlich zu unserer Liquidierung führten.

(Irina Scherbakowa, Der Schlüssel würde noch passen, S.130 ff.)

Die Jugendlichen leisteten enorme Arbeit, um das wiederherzustellen, was ihre Vorfahren über Jahrzehnte aus dem Familiengedächtnis verdrängt hatten. Zumal die materiellen Spuren sehr dürftig waren, denn was hätten Gulag-Häftlinge, deportierte Bauern und ganz Völker, die im Krieg evakuiert oder zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschickt worden waren, schon aufbewahren können, außer ein paar Fotos, Briefe und Urkunden? Was konnte man mitnehmen, was über Zeiten erhalten, wenn man vierundzwanzig Stunden zum Packen hatte, bevor man nach Sibirien deportiert wurde? Nur die Glücklichen hatten Dinge wie eine Nähmaschine von Singer oder ein Kupferkesselchen dabei, die zur Rettung wurden.

Trotzdem war das beharrliche Suchen oft von Erfolg gekrönt: In den Archiven fanden sich Dokumente und Namen, verlorene Verwandte und vergessene Gräber tauchten wieder auf und füllten die Leerstellen. Die Fundstücke waren unterschiedlichster Natur: eine Altgläubige Ikone, mit der die Söhne gesegnet wurden, bevor sie an Front mussten; Texte kalmückischer Volkslieder, die während der Verbannung nicht öffentlich gesungen werden durften, ein Heft mit laienhaften Gedichten, in denen die Urgroßmutter, eine Maschinenheizerin, von ihrem Leben zu erzählen versuchte. All diesen Fundstücken gemein war das Gefühl, dass die Familientradition gewaltsam unterbrochen, die Menschen mitsamt ihren Wurzeln aus ihrem bisherigen Leben herausgerissen worden waren…Die Furcht vor Repressionen hatte dazu geführt, dass die Menschen jahrzehntelang die Ungerechtigkeit und Brutalität verdrängten, zu deren Opfern oder Zeugen sie geworden waren. Als Kinder und Jugendliche in den entlegensten Winkeln des Landes wie Detektive in die Suche nach der Vergangenheit ihrer Familien eintauchten, erinnerten manche ihrer Einsendungen tatsächlich an Ermittlungsergebnisse. Der wichtigste Grund für all die Leichen im Keller, die ihnen entgegenkamen, war die Angst. Und sie war das größte Gespenst. Das Leben ihrer Vorfahren war über Jahrzehnte hinweg von ihr geprägt gewesen: die Angst hatte sie zum Schweigen verurteilt, hatte sie dazu gebracht, alles von sich abzuschneiden, was dem Lebenslauf schaden und die Behörden Verdacht schöpfen lassen könnte. Die Ermittlungen der Kinder enthielten zahlreiche Beschreibungen gefälschter Dokumente, mit korrigierten Geburtsdaten, veränderten Namen, vertuschten sozialen Zugehörigkeiten und Angehörigen im Ausland. In Datenblättern wurden repressierte Verwandte oder eine Deportation nach Deutschland während des Krieges einfach verschwiegen…Die Jugendlichen, die in den Achtzigern und frühen Neunzigern geboren wurden, schien die stalinistische Epoche der existenziellen Angst vor Repressionen sehr lange her zu sein. Wenn sie diese Vergangenheit beschrieben, suchten sie in den Repressionen und dem Massenterror vergeblich nach Rationalität und irgendwelchen Gesetzmäßigkeiten; die Ereignisse entbehrten jeder Logik und jeden Sinns. Die Opfer in ihren Familienstammbäumen hatten nur selten tatsächlich mit Politik zu tun, in der Regel waren es ganz einfache Leute. Die Frage nach dem „Warum“ wurde so zur Schlüsselfrage.

(Irene Scherbakowa, ebenda, S. 145-147)


Dieser Artikel wurde auch auf zeitenwende.online veröffentlicht.

Warum Friedensverhandlungen mit Russland ein Abgrund sind

Das Existenzrecht der Ukraine ist nicht verhandelbar. Oder gilt das etwa nur für das Existenzrecht Israels, das in Deutschland nur Antisemiten in Frage stellen? Wenn wir es nur für Israel gelten lassen wollten, blieben wir dann nicht im Bann einer fragwürdigen deutschen Erinnerungskultur? Wir würden uns nicht vom Recht, nicht vom Völkerrecht leiten lassen, sondern von einer speziellen, hierzulande für Jahrzehnte etablierten, erinnerungspolitischen Orientierung: von unserem Gedenken an den Holocaust. „Erinnerung“ sollte man dieses besondere Schuldbewusstsein besser nicht nennen, es wäre zu hoch gegriffen. Timothy Snyder hätte sein klassisches Buch „Bloodlands“ für uns umsonst geschrieben: das in Deutschland lange Zeit unbekannte, richtiger: ausgeblendete Schicksal der Ukraine unter der Herrschaft NS-Deutschlands wäre uns vergeblich aufgezeigt worden.

Die Ukraine schaffe es aber erkennbar nicht, so wird immer wieder argumentiert. Sie müsse zumindest die Krim an Russland abtreten. Vielleicht auch die anderen besetzten (und bereits von Russland offiziell annektierten) Gebiete im Süden und Osten des Landes. Um endlich den verbrecherischen Krieg gegen sich: gegen die ukrainische Zivilbevölkerung und ihre Lebensgrundlagen zu stoppen. Es ist dies eine Position, die Anteilnahme und Menschlichkeit für sich beansprucht und auch beanspruchen kann. Wenn sie auch maßgebliche Elemente der amerikanischen und europäischen Ukrainepolitik unterschlägt: wie die gezielte Verschleppung in der Lieferung bestimmter weittragender Waffen an das bedrohte Land. Wie das dem Opfer auferlegte Verbot, die westlichen Waffen in Russland selbst einzusetzen. Es wäre bei aller Empathie für das unerhörte Leid der Menschen in der Ukraine ein Humanismus, der seinen politischen Kontext verschweigt und verleugnet. Es wären mit Sicherheit weniger ukrainische Zivilisten gestorben und verletzt worden, wenn das ukrainische Militär den Krieg wie einen Krieg hätte führen können und die logistischen Zentren des russischen Aggressors hätte angreifen dürfen.

Bisher hält man freilich noch daran fest – auch in Berlin, wenn auch nicht, jedenfalls nicht verlässlich, in der SPD, dass die letzte Entscheidung bei der der Ukraine bleiben müsse. Sie dürfe ihr nicht abgenommen, nicht aufgezwungen werden.

Es wäre eine Katastrophe, wenn sich das Land in der übergroßen, nicht länger zu ertragenden Not dazu gezwungen sähe, sich amputieren, sich aufteilen zu lassen. Etwa, wie Selenskyi es gesagt hat: nach einem Referendum des ganzen Volkes; der Präsident, die Regierung allein könne es keinesfalls entscheiden. Es würde zunächst einmal Millionen von Menschen einem Terrorstaat überantworten. Einem Staat, der ihre nationale und kulturelle Identität nicht anerkennt. Es würde diese Menschen diesem System definitiv ausliefern. Für eine unabsehbare Epoche. Solange die russische Gewaltherrschaft existiert. Aber auch die freien Gebiete der Ukraine blieben weiterhin fundamental gefährdet. Es wäre nach allem, was das Putin-Regime kennzeichnet und ausmacht, nur eine zutiefst prekäre, wenn nicht überhaupt unhaltbare und zukunftslose Zwischenlösung. Der Vergleich Putins mit Hitler kann historisch betrachtet immer nur eine Annäherung sein. Hier trifft er dennoch ins Schwarze. Um noch einmal mit Timothy Snyder zu sprechen: Jener Kompromiss „Land gegen Frieden“ wäre der Versuch, die Ukraine auf Dauer in einer Situation zu erhalten, zu schützen und zu sichern, wie sie 1938 für die von Hitler überfallene Tschechoslowakei nur für eine kurze Frist Bestand hatte.

 

Über Machtzerfall und seine Folgen

1.

Die Entfesselung von staatlicher Gewalt und die Drohung damit kennzeichnet die Weltlage. Spätestens seit 2014 auch wieder in Europa, worauf ich mich hier beschränken muss. Die Erfahrung ist inzwischen auch in Deutschland voll angekommen und ruft hier Angst und Schrecken hervor. Aber für eine Antwort, für eine überzeugende Politik sorgt dieses „Aufwachen“, wie man es genannt, noch lange nicht. Seit den peinlichen Anfängen unserer Unterstützung für die Ukraine hat sich viel getan, wie es Kiew selbst und etwa auch der führende ukrainisch-amerikanische Osteuropahistoriker Serhij Plokhy (Harvard Universität) durchaus anerkennen. (Der Angriff, 2023, bei Hoffman und Campe). Aber die Ukraine-Politik des deutschen Bundeskanzlers bleibt anhaltend von Angst gesteuert und führt uns geradezu paradigmatisch vor Augen, was die Verweigerung von Führung ist: Über die ermutigende Botschaft, die dieses vordemokratisch stumm bleibende, sich dem normalen Bürger nicht explizit erklärende „Zögern“ – im Grunde ist es keines, sondern entschlossenes Appeasement – an den russischen Aggressor sendet, ist alles gesagt. Über den vollendeten Widersinn der deutschen Entscheidung, der Ukraine ausgerechnet den immer wieder dringlich verlangten weit reichenden Marschflugköper Taurus vorzuenthalten, rätselt halb, langsam ganz Europa. Der neue Einbruch von Krieg und Kriegsdrohung in der Weltpolitik belastet nicht nur unsere seelische Lage. Sie greift auch unser politisches Urteilsvermögen an. Vorsichtig ausgedrückt; denn die Gewalt Russlands gegen einen Nachbarstaat, die keine Grenze kennt, kann die strategische Rationalität einer europäischen demokratischen Gesellschaft in erheblichen Teilen auch verwirren, lähmen und ganz ausschalten. Nicht nur der deutschen, aber mangels Expertise kann ich nur über uns sprechen. Die Gewalt, die auf die Vernichtung eines anderen Landes, einer eigenständigen nationalen Identität, einer hoch entwickelten modernen Zivilisation abzielt und auf Völkermord angelegt ist – keineswegs nur in Mariupol (vgl. Otto Luchterhandt, Völkermord in Mariupol, in: Osteuropa, Jg. 72, Heft 1-3, 2022, S. 65 ff.), kann in einer sicherheitspolitisch dermaßen unvorbereiteten Gesellschaft wie der unserigen leicht als Übermacht wahrgenommen werden. Statt als das, was sie ist: ein Versuch des russischen Regimes seinen außenpolitisch wie innenpolitisch bereits fortgeschrittenen Machtverlust zu kompensieren; mittels Gewaltexzess zu übertrumpfen; mittels Repression abzufangen; mittels Terror verschwinden zu machen. Es wäre unsererseits die fiktive Dämonisierung eines faktisch angeschlagenen politischen Systems. Es wäre – mitten in einem Vernichtungskrieg gegen eine Zivilbevölkerung in großer Nähe zu uns – die fundamentale Verwechslung von politischer Gewalt mit politischer Kraft, mit Macht.

Wenn ein Staat auf Gewalt setzt – nach außen wie nach innen – , so zeugt dies jeweils nicht von politischer Stärke, sondern im Gegenteil von politischer Schwäche, das ist der Gedanke, den ich hier zur Diskussion stellen möchte. Er ist keineswegs neu. Er sieht sich nach wie vor in historischen und politischen Studien höchst produktiv umgesetzt. Nur dem politischen Diskurs scheint er weitgehend abhanden gekommen zu sein. Oder dies nur speziell in Deutschland?

Es gilt also, hinter den unseren Horizont verfinsternden Phänomenen der staatlich organisierten Gewalt den verborgenen, mit allen möglichen Mitteln der Propaganda und sonstigen Politiktechnik verschleierten Machtverlust hervorzuziehen. Macht ist im Kern immer Legitimation. Sie beruht immer auf massenhafter Anerkennung aus freien Stücken, auf genuiner kollektiver Zustimmung. Legitimationsverlust ist immer Machtverlust. Unterdrückung – auch flächendeckende – kann sie nur kaschieren.

Wir Deutschen sind hier ausgemachte Spätentwickler. Seit Jahrzehnten hatten wir uns auf Selbstabschottung, Ignoranz und Gleichgültigkeit auch und gerade gegenüber osteuropäischen Ländern mit starken prowestlichen Tendenzen, Kräften, sogar Mehrheiten wie Georgien und der Ukraine festgelegt und versteift. Kaum jemand hätte es uns schlagender, ergreifender als der ukrainische Schriftsteller Juri Andruchowytsch in seinen Essays (2014 bis 2022) vermitteln können: Was Putin mit der Ukraine macht, ist eine Menschheitskatastrophe. Ihren Dimensionen nach eine wie im Zweiten Weltkrieg. (Der Preis unserer Freiheit, 2023, edition suhrkamp). Aber es ist auch die Flucht nach vorn einer Diktatur, die ihr Ende kommen sieht oder doch vorausahnt. Es ist der Furor einer Gewaltherrschaft, die mit einer unabhängigen und demokratischen Ukraine direkt neben sich um ihre Zukunft fürchten muss. Mit guten Gründen, die sich auch von hier aus erschließen. Es bedarf dazu keiner besonderen seismografischen Hellsicht. Man muss sich nur die Überzeugungskraft der Anschauung vergegenwärtigen: die herausfordernde, exemplarische Alternative der politischen Ordnung vor der Tür Russlands; die grenzüberschreitende Ausstrahlung und Faszination gelebter, entschieden gewollter, kraftvoll verteidigter Freiheit nebenan.

Wenn man angesichts der grotesken Unwissenheit des Kremls über das überfallene große, komplexe Land von „Größenwahnsinn“ sprechen will: es ist ein eigenartig gebrochener, labiler. Es ist eine Gigantomanie der Bedrängnis, der Abwehr einer bereits unübersehbaren, sich schon konkret ausformenden, an Boden gewinnenden freieren Welt. Einer sich der Partizipation normaler Menschen öffnenden politischen Ordnung. Die Hybris der Mächtigen in Russland hat so etwas Paradoxes, sie verdankt sich der schwindenden Perspektive ihres imperialen Herrschaftsanspruchs.

Es geht auch keineswegs nur um unsere Regierung und ihre fragwürdige Außenpolitik, so schwer erträglich diese Unbelehrbarkeit im Blick auf ihre Opfer unter den Menschen in der Ukraine auch ist. Von der unzweifelhaften Bedrohung der gesamten Ordnung und Sicherheitsstruktur Europas durch Russland ganz zu schweigen. Wir müssen bei uns selbst ansetzen, bei der allbekannten schweigenden Mehrheit, die im Januar 2024 einmal nicht schweigt und – allerdings aus anderen Gründen – mit hunderttausenden Leuten auf der Straße ist. Die Vertauschung von Übermacht mit Gewaltexplosion könnte uns des eigenen – nur als ein persönliches zu denkendes – Verantwortungsbewusstseins, damit unserer Handlungsfähigkeit entfremden. Am Ende könnte sie aus dem vielschichtigen, pluralistischen Kollektiv von Staatsbürgern, das wir sind und bleiben müssen, in eine Art politischen Treibsands verwandeln. Soll heißen: in ein Heer von atomisierten Privatmenschen, die von sich selbst nichts anderes mehr erwarten und sich auch gar nichts mehr anderes vorstellen können als die Meisterung ihres Alltags und die Sorge für ihre Lieben.

Um von der Angst und ihren Phantasmen – wie dem Zerrbild von einem vermeintlich machtpolitisch haushoch überlegenen, unbesiegbaren, wenn überhaupt noch irgendwie zu stoppenden Putin-Russland – zur Beobachtung und laufenden Zeitgeschichte zurückzufinden, brauchen wir Anleitung. Sie steht uns auch zur Verfügung. Hilfreich wäre vielleicht zunächst einmal ein unbekümmert etwas weiter ausholendes, ungeniert theoretisierendes Nachdenken über „Macht“ und „Gewalt“, die nach Hannah Arendt nicht „ dasselbe“ sind. Wir müssen uns dazu keine Gelehrsamkeit andichten. Es reicht vollauf, wenn wir den gängigen Kuddelmuddel der Begriffe und Kategorien einmal hinter uns lassen könnten. Politische Theorie ist alles andere als ein akademischer Luxus.

Aber vor allem wäre das unentwegt Kriege führende Putin-Regime genauer anzusehen: durch seine üppigen Kleider hindurch auf die nackte Funktionsweise. Der Verlust an Verfügungsgewalt über das engere und weitere regionale Umfeld wie intern der schwankende, seit 2022 dann der schleichend verfallende Rückhalt Putins im Volk haben an sich noch nichts Tröstliches. Es handelt sich um überaus komplexe Prozesse des Niedergangs, die sich endlos hinziehen und zumindest das beherrschte Land auch mit sich in den Abgrund reißen können. Solange Putin und seine eventuellen Nachfolger auf eine –aus der Ferne schier unerschöpflich anmutende – negative politische Ressource zurückgreifen können: die Zerstörung der russischen Zivilgesellschaft, wie sie unmittelbar nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion für einige wenige Jahre zum Lebern erwacht war.

Auch dabei können wir getrost die Laien bleiben, die wir nun einmal sind. Seit der umfassenden Invasion Russlands in die Ukraine haben unsere Osteuropahistoriker angefangen, sich in politische, öffentlich eingreifende Intellektuelle zu verwandeln – ein Typus von Kommentatoren, wie man sie sonst eher in Frankreich erwarten würde. Jetzt haben wir auch in Deutschland welche davon, und sie tun ihr Bestes, das breite Publikum historisch angemessen zu informieren und aufzuklären. (Man denke etwa an den „Ostausschuss der Salonkolumnisten“ und seine für viele inzwischen unverzichtbare Serie von Podcasts. Ein Video von 2023 des Tübinger Osteuropahistorikers Klaus Gestwa ebenfalls zum Krieg gegen die Ukraine hat es sogar auf fast eine Million Klicks gebracht.)

2.

In ihrem klassischen Essay „Macht und Gewalt“ (1970, hier zitiert nach der deutschen Ausgabe bei Piper) schreibt Hannah Arendt: „Ich erwähnte bereits, dass die Gewalt kaum je als ein eigenständiges Phänomen beachtet worden ist…Sie man sich nämlich die sehr große Literatur über das Phänomen der Macht an, so wird man schnell gewahr, dass man die Gewalt deshalb nicht beachtet hat, weil man von Links bis Rechts der einhelligen Meinung ist, dass Macht und Gewalt dasselbe sind, beziehungsweise dass Gewalt nichts weiter ist als die eklatanteste Manifestation von Macht…Im Sinne der Tradition politischen Denkens haben diese Definitionen viel für sich. Nicht nur sind sie die logische Folge des absoluten Machtbegriffs, der den Aufstieg des souveränen europäischen Nationalstaats begleitete, deren früheste und noch immer größte Repräsentanten Jean Bodin und Thomas Hobbes sind; sie decken sich auch mit den Begriffen, die seit dem griechischen Altertum dazu dienten, Staatsformen als Herrschaftsformen von Menschen über Menschen voneinander zu unterscheiden…Wir müssten heute diesen Grundformen noch die jüngste und vielleicht furchtbarste Herrschaftsform hinzufügen, die Bürokratie oder die Herrschaft, welche durch ein kompliziertes System von Ämtern ausgeführt wird, bei der man keinen mehr, weder den Einen noch die Wenigen, weder die Besten noch die Vielen verantwortlich machen kann, und die man daher am besten als Niemandsherrschaft bezeichnet.“

So sehen wir uns bereits an die Analyse der totalitären Herrschaft unter Hitler und Stalin herangeführt. Es gibt fast nur noch Menschen, die alles machen, was man von ihnen verlangt. Nur die Verantwortung für das, was einer tut, übernimmt er nicht, kann er nicht einmal denken. Er ist ein Spießer von einem Seelenfrieden, der von den eigenen Taten nicht erreicht und nicht gestört werden kann. Zu Hause meint er dann, er sei an allem Quälen und Morden persönlich nicht beteiligt. Er sei als Mensch, als Individuum schuldlos daraus hervorgegangen. Er habe lediglich Befehle ausgeführt. Mit den Zuständen, für die er sich abkommandiert sieht, habe er nichts zu tun. Verantwortung trage er nur für seine Familie. Das macht auch die Figur eines Adolf Eichmann aus, wie Hannah Arendt sie zeichnet: der leitende Funktionär des Holocaust kann nicht denken.

Es ist dieser einzigartige Durchbruch in der Geschichtsschreibung über das Europa des 20.Jahrhunderts, der in weiteren Werken der Autorin dann die Gegenvision vom seiner selbst bewussten, um seine Autonomie bemühten, politisch handelnden Menschen möglich macht. Man möchte fast sagen: philosophisch erzwingt. In „Macht und Gewalt“ heißt es dann weiter: „Was den Institutionen und Gesetzen eines Landes Macht verleiht, ist die Unterstützung des Volkes, die wiederum nur die Fortsetzung jenes ursprünglichen Konsenses ist, welcher Institutionen und Gesetze ins Leben gerufen hat…Alle politischen Institutionen sind Manifestationen und Materialisationen von Macht; sie erstarren und verfallen, sobald die lebendige Macht des Volkes nicht mehr hinten ihnen steht und sie stützt. Dies ist, was Madison meinte, wenn er sagte, dass alle Regierungen letztlich auf ‚Meinung’ beruhen, ein Wort, das für die verschiedenen monarchischen Staatsformen so gültig wie für die Demokratie, die ausdrücklich ihre Legitimität aus dem Volkswillen herleitet…Die Stärke dieser Meinung wiederum, also die eigentliche Macht der Regierung, hängt von der Zahl derer ab, die sie teilen; sie ‚ist proportional der Zahl derjenigen, mit denen sie im Bunde ist’. (The Federalist, 1788, Nr. 49) Dies ist der Grund, warum die Tyrannis, wie Montesquieu entdeckte, die gewalttätigste und zugleich ohnmächtigste aller Staatsformen ist.“

Von Hannah Arendt sind freilich nie und nirgends beruhigende Vereinfachungen und Schubladen zu erwarten. Sie fährt denn auch fort: „ Zu den entscheidenden Unterschieden zwischen Macht und Gewalt gehört, dass Macht immer von Zahlen abhängt, während die Gewalt bis zu einem gewissen Grade von Zahlen unabhängig ist, weil sie sich auf Werkzeuge verlässt. Eine Demokratie, die im Unterschied zu einer Republik nicht an Gesetze gebunden ist, als eine einfache Mehrheitsherrschaft, die nur auf Macht basiert, kann Minderheiten auf eine furchtbare Weise unterdrücken und abweichende Meinung ohne alle Gewaltsamkeiten sehr wirkungsvoll abwürgen. Ungeteilte und unkontrollierte Macht kann eine Meinungsuniformität erzeugen, die kaum ‚zwingend’ ist als gewalttätige Unterdrückung. Aber das heißt nicht, dass Gewalt und Macht dasselbe sind.“

3.

Wer sich von dieser bahnbrechenden Unterscheidung zu weiteren Diktaturen vorarbeiten möchte, die in bestimmten Momenten ihrer politischen Karriere zu reinen Terrorstaaten werden, trifft auf wegweisende Literatur. Für die Türkei kommt dieser Moment im Ersten Weltkrieg, wie Hans-Lukas Kieser in einem Standardwerk über Talaat, die eigentliche Führungsfigur des späten jungtürkischen Regimes aus den Quellen dokumentiert.(Talaat Pascha. Gründer der modernen Türkei und Architekt des Völkermords an den Armeniern, 2021, bei Chronos) Zu einer unvorstellbaren Entartung der Staatsgewalt kommt es hier danach mit dem – uneingestandenen – Scheitern des im Bündnis mit Deutschland immer triumphaler auftretenden, ideologisch immer radikaler auf eine nationalistisch-islamistische Linie einschwenkenden, ganz und gar illusionären imperialen Herrschaftsanspruchs im Osten Kleinasiens und im Kaukasus. Die Christen in der osmanischen Bevölkerung sehen sich zum inneren Feind gemacht – ein Surrogat für den ersehnten, sich in militärischen Niederlagen zerschlagenden Aufstieg zur Großmacht. Die Methoden sind bekannt Die Aggression des Staates – unterstützt von Banditen – gegen die eigenen Bürger, für deren rechtstaatlich gesicherten Rechte die jungtürkische Revolution einmal angetreten war, reichen von Kapitalverbrechen an wehrlosen Menschen über die Beraubung und Enteignung vor allem christlicher Dörfer, bis hin zur Vertreibung ganzer Bevölkerungsgruppen und schließlich zu Todesmärschen in die syrische Wüste. Für das „China nach Mao“ (so der Titel eines neuen Buches des Chinakenners Frank Dikötter, 2023, bei Klett Cotta) sind es die Pekinger Massenproteste von 1989, die für die Herren des Landes eine gefühlte Systemgefährdung sind. In beiden Fällen kommt die Entscheidung zur vernichtenden Gewalt gegen Teile der eigenen Bevölkerung letztlich aus dem Hass und dem eisigen Kalkül von Machthabern, die ihre Herrschaft wegbrechen sehen. Aber nur, weil sie Kompromiss und Ausgleich nicht kennen. Tödliche Gewalt auf Grund von willkürlichen Unterstellungen und der bewussten Verfälschung und Manipulation der vorgefundenen realen Verhältnisse.

Beide Staaten verleugnen bekanntlich bis heute den Zivilisationsbruch in ihrer Geschichte – jeweils auf ihre eigene amtliche Weise. Der türkische liegt mehr ein Jahrhundert zurück, der chinesische immerhin ein Vierteljahrhundert. Auch jemand wie ich ohne Landeskenntnis und Vorwissen kann sich fragen, was das eigentlich bedeutet. Wie tief die beharrliche Lüge im Fall der Türkei und das nach wie vor erzwungene totale Schweigen im Fall von China blicken lässt. Der sich aus den Trümmern des Osmanischen Reiches formierende türkische Nationalstaat hat Talaat und seine Gedankenwelt nie ganz vergessen und fallen lassen: der weite historische Blick zurück und vor allem nach vorn gehört zu den bemerkenswertesten Aspekten der Pionierleistung von Hans-Lukas Kieser. Aber der neue Staat wird sich dann ungeachtet seines ethnizistisch-nationalistischen Selbstbildes und seiner autokratischen politischen Struktur über eine ganze Epoche hin immer irgendwie dem Westen zugehörig fühlen. Was für ein Widerspruch, was für eine Schizophrenie ist das? Und welchen Raum ließe sie einer Erinnerungskultur, die den Namen verdient?

„Das Massaker“ (vgl. Frank Dikötter, a.a.O., Kapitel 5)) wiederum hat für immer das wahre Gesicht der kommunistischen Diktatur offenbart – „Öffnung zur Welt“ hin oder her; die Distanzierung von „Kulturrevolution“, „Sprung nach vorn“ samt Millionen von Verhungerten unbenommen. Wenn es hart auf hart kommt, werden sie immer die Feinde der ihnen unterworfenen Menschen sein. Es fragt sich nur, ob die einstige Selbstdemaskierung des Regimes, die 1989 enthüllte Fratze einer menschenverachtenden Gewaltbereitschaft gegen die eigenen Leute nicht inzwischen noch unerträglicher für den normalen Chinesen geworden ist. Oder auf andere Art inakzeptabel als damals: der Schock, die Einschüchterung, die rasche Selbstaufgabe und Unterwerfung des Protests könnten sich mit der Zeit in eine Haltung der Verachtung und des Überdrusses gegenüber dem Machtzentrum verwandelt haben. Und sogar zu dem notgedrungen noch verhaltenen, aber nagenden, nicht mehr zu besänftigenden Bewusstsein, in einer Welt ohne Werte, Halt und Orientierung, in einer politischen, einer moralischen, einer geistigen und spirituellen „Leere“ zu leben. (Grundlegend dazu: Evan Osnos, Große Ambitionen. Chinas grenzenloser Traum, Teil III, 2015, bei Suhrkamp) Das anscheinend in Stein gemeißelte Verbot, über den Staatsterrorismus von 1989 auch nur öffentlich zu sprechen, wäre dann kaum ein bloßes Symptom für Realitätsverlust auf der Seite der chinesischen Autokraten. Der weltbekannte chinesische Schriftsteller Yu Hua vermittelt uns in seinem autobiografisch bestimmten Prosawerk „China in zehn Wörtern“ (2012, bei S. Fischer) denn auch ein anderes Bild. Im Kontext seiner Skizzen erscheint das Tabu über dem Massenmord eher wie ein hilfloser Krampf oder ein Rückzugsgefecht. Zu dem Wort „Volk“ schreibt der Autor: „Zwanzig Jahre sind wie im Fluge vergangen, die historische Erinnerung aber, davon bin ich überzeugt, wird nicht ebenso schnell verschwinden. Ich glaube, wenn jemand 1989 an den Ereignissen vom Tian’anmen beteiligt war, wird er feststellen, dass dieses Erlebnis sich unauslöschlich in sein Gedächtnis eingegraben hat, sobald er eines Tages darauf zurückschaut, und zwar unabhängig davon, wie er heute dazu steht. – Meinem Gedächtnis hat sich unauslöschlich eingegraben, dass ich damals erfuhr, was das ist: V o l k.“

Auch eine weitere Kernaussage des Buches lässt die Frage aufkommen, wie stabil denn ein so vorsintflutartig abgehobenes Herrschaftssystem über einer ökonomisch dermaßen entfesselten Gesellschaft mittelfristig überhaupt sein kann: „Das rasante Wirtschaftswachstum in China hat offenbar alles verändert, uns aus einer Ära der Knappheit und des Mangels geradewegs in eine Ära hemmungsloser Verschwendung katapultiert, eine Ära, in der das Primat der Politik der Allmacht des Geldes gewichen ist und die Verdrängung der Triebe der zügellosen Ausschweifung. Und all dies in einer Spanne von gerade einmal dreißig Jahren.“

Vielleicht sollte man auch festhalten, wann dieses Buch erschienen ist: nämlich vor der Machtergreifung von Xi Jinping, die im Westen wieder das gespenstische Phantom – oder auch Faszinosum! – einer absolut unangefochtenen Superdiktatur suggeriert und aus der Versenkung geholt hat.

4.

Aber zurück zu Putins Russland: Die große Frage ist, warum „Russland so ist, wie es ist“, wie es die russisch-jüdische Schriftstellerin Maria Stepanova kürzlich formuliert hat. Gerade wenn man dem hier angedeuteten Gedankengang im Prinzip folgen will und Putin nichts als ein aus Zeit gefallener Diktator ist, ein zum Scheitern verdammter, ein längst bereits scheiternder Widergänger des großrussischen Nationalismus, fragt sich, warum es in Russland keinen massenhaften Widerstand gegen ihn und seine rundum sinnlose, auch für das eigene Land desaströse Gewaltpolitik gibt. Wenn sein Vernichtungskrieg gegen die Ukraine aus der Not eines weitreichen Machtzerfalls kommt – die Ukraine folgt unbeirrbar ihren Vorläufern wie Polen und den baltischen Staaten, und der Ukraine wiederum könnten künftig Georgien und andere, weiter östlich gelegene Staaten folgen – : wo bleiben die Russen? Wo bleibt ihr Protest gegen den Irrweg ihrer Regierung? Könnte sich die ganze Theorie vom Legitimationsverlust hinter der zunehmend auf Repression und die Terrorisierung der eigenen Bevölkerung zurückgreifenden Herrschaftssicherung des Kremls nicht als eine Denkfalle entpuppen? Als eine Quelle von Wunschdenken (wie es etwa mir in meiner Kolumne für die Konstanzer Regionalzeitung Südkurier unterlaufen ist, die eine Entmachtung Putins schon für 2023 erwartet hat)?

Es liegt nicht an Hannah Arendt, wenn man ihre Einsichten schematisch anwendet. Sie hat selbst dargelegt, dass urteilen etwas grundsätzlich anderes ist und erfordert. Kenner Russlands und seiner Geschichte im 20. und 21. Jahrhundert haben oft genug gesagt, es bedürfe der definitiven Niederlage Putins im Krieg gegen die Ukraine, der „bedingungslosen Kapitulation“ wie der Hitlers im Zweiten Weltkrieg, damit die russische Gesellschaft politisch in Bewegung geraten und sich möglicherweise neu zu orientieren anfangen könne. Anfangen!

Hier abschließend Maria Stepanova über ihr Volk und sich selbst (Reparatur des Lebens, in: FAZ vom 27. November 2023):

„Bei uns – in einer säkularen jüdischen Familie, die an die Stelle der alten Religion den Kult von Bildung und Kultur gesetzt hatte – war das schwarze Loch, das sich weder aus dem Bewusstsein verdrängen noch verstehen und dadurch irgendwie beherrschen ließ, die Katastrophe des europäischen Judentums…Doch auch um mich herum lebten Kinder und Enkel von Menschen, die sich nicht hatten retten können: von ‚entkulakisierten’, deportierten, verhungerten Bauern, von in Straflager gesperrten und exekutierten Arbeitern, von sogenannten ‚Ehemaligen’ – Geschäftsleuten, Beamten, Geistlichen, Adeligen, die über Jahrzehnte unterdrückt und schrittweise eliminiert wurden. Und gleich daneben die Nachkommen derer, die erschossen hatten – der unzähligen Tschekisten oder Rotarmisten, die über Leichen gingen, um eine neue Welt aufzubauen, in der, wer nichts gewesen war, alles werden konnte. Nur das auch sie meist genauso endeten. Von einem Tag auf den anderen zu Volksfeinden erklärt und hingerichtet. Seite an Seite mit den anderen. Opfer waren also irgendwie alle. Der massenhafte gewaltsame Tod, das kollektive Schicksal machte auf ungute Weise alle gleich – sollte man da an den Gräbern noch nachforschen, wer hier ein guter und wer ein nicht so guter Mensch gewesen war?… Eine Hinrichtung ohne Verfahren und Urteil, ohne Recht und Gerechtigkeit hebt alles, was ihr vorausging, in der Erinnerung in gewisses Weise auf, und so verschmolzen die Millionen von Toten zu einem einzigen gewaltigen Unglück ohne Unterschiede und ohne Erklärung. Revolution, Bürgerkrieg, Kollektivierung, Terror, Vernichtungskrieg, Holocaust, erneuter Staatsterror – es gab keine Familie, keine persönliche Geschichte, die unversehrt aus diesem Fleischwolf hervorkam. Uns Kindern der späten Sowjetunion blieb angesichts all dieser scheinbar grundlosen, trostlosen, folgenlosen Tode nichts übrig als gut in der Schule zu sein, uns gut benehmen …Und dabei trugen wir in uns, wie einen Dotter im Ei, die dauerhafte Erinnerung an etwas nicht wieder Gutzumachendes – und mit ihr Selbstmitleid, denn auch uns konnte ja alles Mögliche zustoßen. Angst und Selbstmitleid: Mehr braucht es nicht, um sich selbst nicht als handelnde Person, nicht als Subjekt der Geschichte zu sehen, sondern als deren bloßes Material…“

Anmerkung

In diesem Zusammenhang empfiehlt sich vielleicht ein Blick auf die deutsche Holocaust-Forschung:  Das NS-Projekt, die europäischen  Juden zu ermorden, lässt sich keinesfalls auf irgendeinen Kontrollverlust des politischen Systems,  auf einen Machtverlust, auf eine Krise oder ein Scheitern der NS-Herrschaft und ihrer uferlosen  kontinentalen Pläne der Eroberung, Neuordnung und Ausbeutung  zurückführen. Hier  ein bekannter Versuch in dieser Richtung – so exzellent recherchiert wie verfehlt:

„Ein Buch des herausragenden deutschen Historikers Götz Aly bietet einen weiteren Versuch, eine allgemeine Analyse des Shoah vorzulegen. Aly ist ein akademischer Außenseiter und erhielt niemals eine dauerhafte Stellung an einer Universität, obwohl seine Qualifikationen weit eindruckvoller sind als bei vielen, die man an deutschen Hochschulen antrifft. Sein Buch trägt den Titel „Endlösung“ (1995), der allerdings irreführend  ist, weil es sich nicht mit der Shoah, sondern nur mit dem Entscheidungsprozeß beschäftigt, der zu ihr führte. In dieser Hinsicht liegt die Darstellung auf einer Linie mit dem Großteil der deutschen Historiographie, die in gewisser Weise dem Mord selbst ausweicht und sich stattdessen den Kopf darüber zerbricht, wer wann welche Entscheidung traf. Aly behandelt den Zeitraum zwischen dem Ausbruch des Krieges 1939 und den massiven Mordaktionen 1942, in dem die Entscheidung fiel, die Juden zu vernichten. Seine Erkenntnisse sind neu und lehrreich, und sie basieren auf einem denkbar eindruckvollen Fundus an Dokumenten. Aly vertritt die Auffassung, die Vernichtung der Juden sei ein integraler Bestandteil des Nazi-Unternehmens gewesen, die ethnische Landkarte Osteuropas gemäß ihrer Ideen neu zu ordnen – mit dem Ziel, alle ethnischen Deutschen aus den baltischen Staaten, aus Ostpolen (Wolhynien) und schließlich auch vom Balkan und aus der Sowjetunion in das sich ausdehnende Reich ‚zurückzubringen’. Hinzukommen sollten landlose deutsche Bauern (insbesondere die jüngeren Söhne von Kleinbauern), um einer Zersplitterung von  Bauerhöfen vorzubeugen. Diese Millionen von Bauern sollten Land im neuen östlichen Grenzgebiet erhalten und auf diese Weise die Ausbreitung des ‚Deutschtums’ und damit die Vorherrschaft Deutschlands in Europa gewährleisten. Dies war die praktische Verwirklichung des Nazi-Traums vom ‚Lebensraum’ für das deutsche Volk. Die Neubesiedlung bedeutete gleichzeitig die Verdrängung nichtdeutscher Bevölkerungsgruppen, vor allem der Polen, aber auch der Juden sowie der Roma und Sinti …

Doch wohin sollte man diese Hunderttausende von Polen, Juden, Roman und Sinti verdrängen? Der einzige Ort, an den man sie schicken konnte, war das Rumpfgebiet Polens, das ‚Generalgouvernement’, das unter der Verwaltung des Nazi-Anwalts Hans Frank stand. Aly beschreibt die Entwicklung der deutschen Politik gegenüber dem ‚Generalgouvernement’: Sehr bald begann Frank – der an einer effizienten kolonialen Ausbeutung des ‚Generalgouvernements“ interessiert war – diese Deportationen negativ zu beurteilen, denn sie zerschlugen die Wirtschaft und schufen chaotische Verhältnisse, indem sie ökonomisches und soziales Planen unmöglich machten…Der Prozess verlief langsam und beschwerlich und brachte das Leid  einer gewaltigen Anzahl von Menschen mit sich, die trotz des Einspruchs von Frank in das ‚Generalgouvernement’ gedrängt wurden. Viele Zehntausende von Juden wurden zusammen mit Hunderttausenden  von Polen deportiert. Es gab keinen Ort, an den man diese Polen schicken konnte, und die ‚natürliche’ Lösung bestand darin, die Juden in Ghettos  zusammenzudrängen, um Platz für die Polen und für die zahlreichen deutschen Beamten und Wehrmachtsangehörige zu schaffen, die in das polnische Territorium einfielen.

Aly integriert in seine meisterhafte Darstellung einer stümperhaften deutschen Verwaltung die Schrecken der … ’Euthanasie“, des planvollen Mordes an etwa 100000 deutschen Behinderten, von denen fast ein Viertel vor August 1941 umgebracht wurden, als die Mordkampagne auf Grund des Protests der Kirchen und von Parteimitgliedern offiziell beendet wurde (die übrigen wurden später heimlich ermordet) …

Letztlich sei die Entscheidung zur Ermordung der Juden aus dem Druck von seiten des mittleren deutschen Beamtentums erwachsen – der Bevölkerungsexperten, der Ökonomen und der örtlichen Regierungsbeamten. Sie hätten nicht gewusst, was sie mit den Massen von Juden anfangen sollten, die nun in den Ghettos zusammengedrängt lebten. Die Ghettos waren lediglich als Übergangslösungen für die ‚Judenfrage’ errichtet worden, da man erwartete, nach dem Sie würden alle Juden aus dem Deutschen Reich und später aus Europa verschwinden. Doch die Übergangssituation wurde allmählich zu einer permanenten, da Großbritannien nicht kapitulierte und der Krieg fortdauerte. Die Juden seien zur wirtschaftlichen Belastung geworden, da man ihnen jede Möglichkeit, ihren Lebensunterhalt zu verdienen, genommen hatte. Ihre Verwendung als Zwangsarbeiter, die lediglich Hungerrationen erhielten, hätte sich gleichzeitig als kontraproduktiv erwiesen und sei aufgegeben worden, nachdem Tausende  jüdischer Arbeiter gestorben waren. Die Ghettobewohner seien in der Sicht der Nazis zur überschüssigen Bevölkerung geworden, die einem zunehmend brutalen und mörderischen Denken nach vernichtet werden sollten. Zur ‚Endlösung’ sei es also gekommen, weil die expansionistische und imperialistische Politik das Nazi-Reich in eine Sackgasse manövriert hätte.

Aly … erklärt, es habe keinen Gesamtplan, keine zentrale Entscheidung für die Ermordung der Juden gegeben. Die Logik, die aus dem Scheitern der Bürokratie bei der Neuordnung der ethnischen Landkarte Osteuropas resultierte, habe unerbittlich zur Mordlösung geführt, die in den höheren und mittleren Schichten der deutschen Gesellschaft begeistert akzeptiert worden sei. Der Rassismus im allgemeinen und der Antisemitismus im besonderen hätten zwar einen wesentlichen Hintergrund der Shoah gebildet, könnten sie jedoch nicht an sich erklären.  Aus Alys Sich waren die technologische Intelligenzia und die Bürokraten für den Mord verantwortlich, und sie hätten sich dabei von rationalen Erwägungen leiten lassen. Die Regierenden hätten ihren Empfehlungen zugestimmt, und die deutsche Gesellschaft hätte die Idee akzeptiert, all jene zu beseitigen, die nicht dem rassistischen Ideal entsprochen. Die unmittelbare Ursache der Shoah habe in dem fehlgeschlagenen Versuch der zuständigen Bürokraten gelegen, einen demographischen Wandel herbeizuführen.“

(Yehuda Bauer, Die dunkle Seite der Geschichte. Die Shoah in historischer Sicht, 2001, Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, S. 115 ff.)

Schamlose Vertauschung

In Gesprächen, die inzwischen das lange Schweigen abzulösen scheinen, trifft man bei uns schnell auf den Gedanken der Verhandlung zwischen der Ukraine und Russland. Mit den „offenen Briefen“ aus der Anfangsphase des Krieges hat das nicht unbedingt etwas zu tun. Es sind jetzt andere Leute – mit anderen Beweggründen, die sich so äußern. Angesichts des infamen Dauerbeschusses auf die ukrainische Zivilbevölkerung und ihre Versorgungssysteme für Licht, Wärme und Wasser erscheinen Verhandlungen zwischen den beiden Feinden nicht wenigen deutschen Bürgern als eine gebieterische Notwendigkeit, als die letzte Rettung vor einer ungeheuerlichen Barbarei.

Aber auch wenn er aus der Anteilnahme und Menschlichkeit kommt (statt aus einer bloß eingebildeten Weitsicht): der Gedanke an baldige Verhandlungen bleibt haltlos. Schon das Bild von den zwei ineinander verbissenen Kriegsparteien ist irreführend. Es gibt hier einen Aggressor, und es gibt sein Opfer. Sie haben nichts gemeinsam, und wir sollten sie auch nicht künstlich auf eine Stufe stellen. Wo böte sich in dieser katastrophal ungleichen Konstellation die Chance für ein bilaterales Zusammenkommen? Wenn der eine nur die endgültige Ausrottung des anderen will.

Und wenn man dem möglicherweise bereits mit dem Rücken an der Wand stehenden Putin die eroberten Teile des Donbass überließe? Damit er „sein Gesicht wahren“ und sich dem heimischen Publikum und der beunruhigten Machtelite gegenüber als so etwas wie ein Sieger ausgeben könnte? Wer so argumentiert – und das reicht durchaus bis in die Führungsspitzen der westeuropäischen Staaten -, offenbart damit nur, dass er nicht weiß – oder nicht wissen will -, wer Putin ist. Dass er lieber ausklammert, was seit 2014 in der Ukraine geschehen ist. Lieber beiseite schiebt, dass der begrenzte Krieg im Donbass Putin zu wenig war und er ihm den großen folgen ließ. Mehr noch, unser wendiger Diplomat ist bereit, die russische Kriegsführung seit Februar 2022 – zumindest für das Schicksal von Mariupol muss von Völkermord gesprochen werden – realpolitisch zu neutralisieren, gleichsam zu waschen. Was nur gegen den Willen der hier geschlossenen ukrainischen Bevölkerung geht. Was Verrat ist.

Wie kann man für Putin und seine Helfer neue „Nürnberger Prozesse“ ins Auge fassen und sie zugleich als tragende Figuren in eine Friedensregelung einbeziehen wollen? Als seien es nicht Verbrecher, wie die Welt sie nicht tragen kann – wie Hannah Arendt es einmal von Eichmann gesagt hat. Sondern Staatsmänner unter Staatsmännern. Eine Vertauschung, die vielleicht der am wenigsten hinterfragte Zynismus in unserem politischen Common Sense ist.