Über Machtzerfall und seine Folgen

1.

Die Entfesselung von staatlicher Gewalt und die Drohung damit kennzeichnet die Weltlage. Spätestens seit 2014 auch wieder in Europa, worauf ich mich hier beschränken muss. Die Erfahrung ist inzwischen auch in Deutschland voll angekommen und ruft hier Angst und Schrecken hervor. Aber für eine Antwort, für eine überzeugende Politik sorgt dieses „Aufwachen“, wie man es genannt, noch lange nicht. Seit den peinlichen Anfängen unserer Unterstützung für die Ukraine hat sich viel getan, wie es Kiew selbst und etwa auch der führende ukrainisch-amerikanische Osteuropahistoriker Serhij Plokhy (Harvard Universität) durchaus anerkennen. (Der Angriff, 2023, bei Hoffman und Campe). Aber die Ukraine-Politik des deutschen Bundeskanzlers bleibt anhaltend von Angst gesteuert und führt uns geradezu paradigmatisch vor Augen, was die Verweigerung von Führung ist: Über die ermutigende Botschaft, die dieses vordemokratisch stumm bleibende, sich dem normalen Bürger nicht explizit erklärende „Zögern“ – im Grunde ist es keines, sondern entschlossenes Appeasement – an den russischen Aggressor sendet, ist alles gesagt. Über den vollendeten Widersinn der deutschen Entscheidung, der Ukraine ausgerechnet den immer wieder dringlich verlangten weit reichenden Marschflugköper Taurus vorzuenthalten, rätselt halb, langsam ganz Europa. Der neue Einbruch von Krieg und Kriegsdrohung in der Weltpolitik belastet nicht nur unsere seelische Lage. Sie greift auch unser politisches Urteilsvermögen an. Vorsichtig ausgedrückt; denn die Gewalt Russlands gegen einen Nachbarstaat, die keine Grenze kennt, kann die strategische Rationalität einer europäischen demokratischen Gesellschaft in erheblichen Teilen auch verwirren, lähmen und ganz ausschalten. Nicht nur der deutschen, aber mangels Expertise kann ich nur über uns sprechen. Die Gewalt, die auf die Vernichtung eines anderen Landes, einer eigenständigen nationalen Identität, einer hoch entwickelten modernen Zivilisation abzielt und auf Völkermord angelegt ist – keineswegs nur in Mariupol (vgl. Otto Luchterhandt, Völkermord in Mariupol, in: Osteuropa, Jg. 72, Heft 1-3, 2022, S. 65 ff.), kann in einer sicherheitspolitisch dermaßen unvorbereiteten Gesellschaft wie der unserigen leicht als Übermacht wahrgenommen werden. Statt als das, was sie ist: ein Versuch des russischen Regimes seinen außenpolitisch wie innenpolitisch bereits fortgeschrittenen Machtverlust zu kompensieren; mittels Gewaltexzess zu übertrumpfen; mittels Repression abzufangen; mittels Terror verschwinden zu machen. Es wäre unsererseits die fiktive Dämonisierung eines faktisch angeschlagenen politischen Systems. Es wäre – mitten in einem Vernichtungskrieg gegen eine Zivilbevölkerung in großer Nähe zu uns – die fundamentale Verwechslung von politischer Gewalt mit politischer Kraft, mit Macht.

Wenn ein Staat auf Gewalt setzt – nach außen wie nach innen – , so zeugt dies jeweils nicht von politischer Stärke, sondern im Gegenteil von politischer Schwäche, das ist der Gedanke, den ich hier zur Diskussion stellen möchte. Er ist keineswegs neu. Er sieht sich nach wie vor in historischen und politischen Studien höchst produktiv umgesetzt. Nur dem politischen Diskurs scheint er weitgehend abhanden gekommen zu sein. Oder dies nur speziell in Deutschland?

Es gilt also, hinter den unseren Horizont verfinsternden Phänomenen der staatlich organisierten Gewalt den verborgenen, mit allen möglichen Mitteln der Propaganda und sonstigen Politiktechnik verschleierten Machtverlust hervorzuziehen. Macht ist im Kern immer Legitimation. Sie beruht immer auf massenhafter Anerkennung aus freien Stücken, auf genuiner kollektiver Zustimmung. Legitimationsverlust ist immer Machtverlust. Unterdrückung – auch flächendeckende – kann sie nur kaschieren.

Wir Deutschen sind hier ausgemachte Spätentwickler. Seit Jahrzehnten hatten wir uns auf Selbstabschottung, Ignoranz und Gleichgültigkeit auch und gerade gegenüber osteuropäischen Ländern mit starken prowestlichen Tendenzen, Kräften, sogar Mehrheiten wie Georgien und der Ukraine festgelegt und versteift. Kaum jemand hätte es uns schlagender, ergreifender als der ukrainische Schriftsteller Juri Andruchowytsch in seinen Essays (2014 bis 2022) vermitteln können: Was Putin mit der Ukraine macht, ist eine Menschheitskatastrophe. Ihren Dimensionen nach eine wie im Zweiten Weltkrieg. (Der Preis unserer Freiheit, 2023, edition suhrkamp). Aber es ist auch die Flucht nach vorn einer Diktatur, die ihr Ende kommen sieht oder doch vorausahnt. Es ist der Furor einer Gewaltherrschaft, die mit einer unabhängigen und demokratischen Ukraine direkt neben sich um ihre Zukunft fürchten muss. Mit guten Gründen, die sich auch von hier aus erschließen. Es bedarf dazu keiner besonderen seismografischen Hellsicht. Man muss sich nur die Überzeugungskraft der Anschauung vergegenwärtigen: die herausfordernde, exemplarische Alternative der politischen Ordnung vor der Tür Russlands; die grenzüberschreitende Ausstrahlung und Faszination gelebter, entschieden gewollter, kraftvoll verteidigter Freiheit nebenan.

Wenn man angesichts der grotesken Unwissenheit des Kremls über das überfallene große, komplexe Land von „Größenwahnsinn“ sprechen will: es ist ein eigenartig gebrochener, labiler. Es ist eine Gigantomanie der Bedrängnis, der Abwehr einer bereits unübersehbaren, sich schon konkret ausformenden, an Boden gewinnenden freieren Welt. Einer sich der Partizipation normaler Menschen öffnenden politischen Ordnung. Die Hybris der Mächtigen in Russland hat so etwas Paradoxes, sie verdankt sich der schwindenden Perspektive ihres imperialen Herrschaftsanspruchs.

Es geht auch keineswegs nur um unsere Regierung und ihre fragwürdige Außenpolitik, so schwer erträglich diese Unbelehrbarkeit im Blick auf ihre Opfer unter den Menschen in der Ukraine auch ist. Von der unzweifelhaften Bedrohung der gesamten Ordnung und Sicherheitsstruktur Europas durch Russland ganz zu schweigen. Wir müssen bei uns selbst ansetzen, bei der allbekannten schweigenden Mehrheit, die im Januar 2024 einmal nicht schweigt und – allerdings aus anderen Gründen – mit hunderttausenden Leuten auf der Straße ist. Die Vertauschung von Übermacht mit Gewaltexplosion könnte uns des eigenen – nur als ein persönliches zu denkendes – Verantwortungsbewusstseins, damit unserer Handlungsfähigkeit entfremden. Am Ende könnte sie aus dem vielschichtigen, pluralistischen Kollektiv von Staatsbürgern, das wir sind und bleiben müssen, in eine Art politischen Treibsands verwandeln. Soll heißen: in ein Heer von atomisierten Privatmenschen, die von sich selbst nichts anderes mehr erwarten und sich auch gar nichts mehr anderes vorstellen können als die Meisterung ihres Alltags und die Sorge für ihre Lieben.

Um von der Angst und ihren Phantasmen – wie dem Zerrbild von einem vermeintlich machtpolitisch haushoch überlegenen, unbesiegbaren, wenn überhaupt noch irgendwie zu stoppenden Putin-Russland – zur Beobachtung und laufenden Zeitgeschichte zurückzufinden, brauchen wir Anleitung. Sie steht uns auch zur Verfügung. Hilfreich wäre vielleicht zunächst einmal ein unbekümmert etwas weiter ausholendes, ungeniert theoretisierendes Nachdenken über „Macht“ und „Gewalt“, die nach Hannah Arendt nicht „ dasselbe“ sind. Wir müssen uns dazu keine Gelehrsamkeit andichten. Es reicht vollauf, wenn wir den gängigen Kuddelmuddel der Begriffe und Kategorien einmal hinter uns lassen könnten. Politische Theorie ist alles andere als ein akademischer Luxus.

Aber vor allem wäre das unentwegt Kriege führende Putin-Regime genauer anzusehen: durch seine üppigen Kleider hindurch auf die nackte Funktionsweise. Der Verlust an Verfügungsgewalt über das engere und weitere regionale Umfeld wie intern der schwankende, seit 2022 dann der schleichend verfallende Rückhalt Putins im Volk haben an sich noch nichts Tröstliches. Es handelt sich um überaus komplexe Prozesse des Niedergangs, die sich endlos hinziehen und zumindest das beherrschte Land auch mit sich in den Abgrund reißen können. Solange Putin und seine eventuellen Nachfolger auf eine –aus der Ferne schier unerschöpflich anmutende – negative politische Ressource zurückgreifen können: die Zerstörung der russischen Zivilgesellschaft, wie sie unmittelbar nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion für einige wenige Jahre zum Lebern erwacht war.

Auch dabei können wir getrost die Laien bleiben, die wir nun einmal sind. Seit der umfassenden Invasion Russlands in die Ukraine haben unsere Osteuropahistoriker angefangen, sich in politische, öffentlich eingreifende Intellektuelle zu verwandeln – ein Typus von Kommentatoren, wie man sie sonst eher in Frankreich erwarten würde. Jetzt haben wir auch in Deutschland welche davon, und sie tun ihr Bestes, das breite Publikum historisch angemessen zu informieren und aufzuklären. (Man denke etwa an den „Ostausschuss der Salonkolumnisten“ und seine für viele inzwischen unverzichtbare Serie von Podcasts. Ein Video von 2023 des Tübinger Osteuropahistorikers Klaus Gestwa ebenfalls zum Krieg gegen die Ukraine hat es sogar auf fast eine Million Klicks gebracht.)

2.

In ihrem klassischen Essay „Macht und Gewalt“ (1970, hier zitiert nach der deutschen Ausgabe bei Piper) schreibt Hannah Arendt: „Ich erwähnte bereits, dass die Gewalt kaum je als ein eigenständiges Phänomen beachtet worden ist…Sie man sich nämlich die sehr große Literatur über das Phänomen der Macht an, so wird man schnell gewahr, dass man die Gewalt deshalb nicht beachtet hat, weil man von Links bis Rechts der einhelligen Meinung ist, dass Macht und Gewalt dasselbe sind, beziehungsweise dass Gewalt nichts weiter ist als die eklatanteste Manifestation von Macht…Im Sinne der Tradition politischen Denkens haben diese Definitionen viel für sich. Nicht nur sind sie die logische Folge des absoluten Machtbegriffs, der den Aufstieg des souveränen europäischen Nationalstaats begleitete, deren früheste und noch immer größte Repräsentanten Jean Bodin und Thomas Hobbes sind; sie decken sich auch mit den Begriffen, die seit dem griechischen Altertum dazu dienten, Staatsformen als Herrschaftsformen von Menschen über Menschen voneinander zu unterscheiden…Wir müssten heute diesen Grundformen noch die jüngste und vielleicht furchtbarste Herrschaftsform hinzufügen, die Bürokratie oder die Herrschaft, welche durch ein kompliziertes System von Ämtern ausgeführt wird, bei der man keinen mehr, weder den Einen noch die Wenigen, weder die Besten noch die Vielen verantwortlich machen kann, und die man daher am besten als Niemandsherrschaft bezeichnet.“

So sehen wir uns bereits an die Analyse der totalitären Herrschaft unter Hitler und Stalin herangeführt. Es gibt fast nur noch Menschen, die alles machen, was man von ihnen verlangt. Nur die Verantwortung für das, was einer tut, übernimmt er nicht, kann er nicht einmal denken. Er ist ein Spießer von einem Seelenfrieden, der von den eigenen Taten nicht erreicht und nicht gestört werden kann. Zu Hause meint er dann, er sei an allem Quälen und Morden persönlich nicht beteiligt. Er sei als Mensch, als Individuum schuldlos daraus hervorgegangen. Er habe lediglich Befehle ausgeführt. Mit den Zuständen, für die er sich abkommandiert sieht, habe er nichts zu tun. Verantwortung trage er nur für seine Familie. Das macht auch die Figur eines Adolf Eichmann aus, wie Hannah Arendt sie zeichnet: der leitende Funktionär des Holocaust kann nicht denken.

Es ist dieser einzigartige Durchbruch in der Geschichtsschreibung über das Europa des 20.Jahrhunderts, der in weiteren Werken der Autorin dann die Gegenvision vom seiner selbst bewussten, um seine Autonomie bemühten, politisch handelnden Menschen möglich macht. Man möchte fast sagen: philosophisch erzwingt. In „Macht und Gewalt“ heißt es dann weiter: „Was den Institutionen und Gesetzen eines Landes Macht verleiht, ist die Unterstützung des Volkes, die wiederum nur die Fortsetzung jenes ursprünglichen Konsenses ist, welcher Institutionen und Gesetze ins Leben gerufen hat…Alle politischen Institutionen sind Manifestationen und Materialisationen von Macht; sie erstarren und verfallen, sobald die lebendige Macht des Volkes nicht mehr hinten ihnen steht und sie stützt. Dies ist, was Madison meinte, wenn er sagte, dass alle Regierungen letztlich auf ‚Meinung’ beruhen, ein Wort, das für die verschiedenen monarchischen Staatsformen so gültig wie für die Demokratie, die ausdrücklich ihre Legitimität aus dem Volkswillen herleitet…Die Stärke dieser Meinung wiederum, also die eigentliche Macht der Regierung, hängt von der Zahl derer ab, die sie teilen; sie ‚ist proportional der Zahl derjenigen, mit denen sie im Bunde ist’. (The Federalist, 1788, Nr. 49) Dies ist der Grund, warum die Tyrannis, wie Montesquieu entdeckte, die gewalttätigste und zugleich ohnmächtigste aller Staatsformen ist.“

Von Hannah Arendt sind freilich nie und nirgends beruhigende Vereinfachungen und Schubladen zu erwarten. Sie fährt denn auch fort: „ Zu den entscheidenden Unterschieden zwischen Macht und Gewalt gehört, dass Macht immer von Zahlen abhängt, während die Gewalt bis zu einem gewissen Grade von Zahlen unabhängig ist, weil sie sich auf Werkzeuge verlässt. Eine Demokratie, die im Unterschied zu einer Republik nicht an Gesetze gebunden ist, als eine einfache Mehrheitsherrschaft, die nur auf Macht basiert, kann Minderheiten auf eine furchtbare Weise unterdrücken und abweichende Meinung ohne alle Gewaltsamkeiten sehr wirkungsvoll abwürgen. Ungeteilte und unkontrollierte Macht kann eine Meinungsuniformität erzeugen, die kaum ‚zwingend’ ist als gewalttätige Unterdrückung. Aber das heißt nicht, dass Gewalt und Macht dasselbe sind.“

3.

Wer sich von dieser bahnbrechenden Unterscheidung zu weiteren Diktaturen vorarbeiten möchte, die in bestimmten Momenten ihrer politischen Karriere zu reinen Terrorstaaten werden, trifft auf wegweisende Literatur. Für die Türkei kommt dieser Moment im Ersten Weltkrieg, wie Hans-Lukas Kieser in einem Standardwerk über Talaat, die eigentliche Führungsfigur des späten jungtürkischen Regimes aus den Quellen dokumentiert.(Talaat Pascha. Gründer der modernen Türkei und Architekt des Völkermords an den Armeniern, 2021, bei Chronos) Zu einer unvorstellbaren Entartung der Staatsgewalt kommt es hier danach mit dem – uneingestandenen – Scheitern des im Bündnis mit Deutschland immer triumphaler auftretenden, ideologisch immer radikaler auf eine nationalistisch-islamistische Linie einschwenkenden, ganz und gar illusionären imperialen Herrschaftsanspruchs im Osten Kleinasiens und im Kaukasus. Die Christen in der osmanischen Bevölkerung sehen sich zum inneren Feind gemacht – ein Surrogat für den ersehnten, sich in militärischen Niederlagen zerschlagenden Aufstieg zur Großmacht. Die Methoden sind bekannt Die Aggression des Staates – unterstützt von Banditen – gegen die eigenen Bürger, für deren rechtstaatlich gesicherten Rechte die jungtürkische Revolution einmal angetreten war, reichen von Kapitalverbrechen an wehrlosen Menschen über die Beraubung und Enteignung vor allem christlicher Dörfer, bis hin zur Vertreibung ganzer Bevölkerungsgruppen und schließlich zu Todesmärschen in die syrische Wüste. Für das „China nach Mao“ (so der Titel eines neuen Buches des Chinakenners Frank Dikötter, 2023, bei Klett Cotta) sind es die Pekinger Massenproteste von 1989, die für die Herren des Landes eine gefühlte Systemgefährdung sind. In beiden Fällen kommt die Entscheidung zur vernichtenden Gewalt gegen Teile der eigenen Bevölkerung letztlich aus dem Hass und dem eisigen Kalkül von Machthabern, die ihre Herrschaft wegbrechen sehen. Aber nur, weil sie Kompromiss und Ausgleich nicht kennen. Tödliche Gewalt auf Grund von willkürlichen Unterstellungen und der bewussten Verfälschung und Manipulation der vorgefundenen realen Verhältnisse.

Beide Staaten verleugnen bekanntlich bis heute den Zivilisationsbruch in ihrer Geschichte – jeweils auf ihre eigene amtliche Weise. Der türkische liegt mehr ein Jahrhundert zurück, der chinesische immerhin ein Vierteljahrhundert. Auch jemand wie ich ohne Landeskenntnis und Vorwissen kann sich fragen, was das eigentlich bedeutet. Wie tief die beharrliche Lüge im Fall der Türkei und das nach wie vor erzwungene totale Schweigen im Fall von China blicken lässt. Der sich aus den Trümmern des Osmanischen Reiches formierende türkische Nationalstaat hat Talaat und seine Gedankenwelt nie ganz vergessen und fallen lassen: der weite historische Blick zurück und vor allem nach vorn gehört zu den bemerkenswertesten Aspekten der Pionierleistung von Hans-Lukas Kieser. Aber der neue Staat wird sich dann ungeachtet seines ethnizistisch-nationalistischen Selbstbildes und seiner autokratischen politischen Struktur über eine ganze Epoche hin immer irgendwie dem Westen zugehörig fühlen. Was für ein Widerspruch, was für eine Schizophrenie ist das? Und welchen Raum ließe sie einer Erinnerungskultur, die den Namen verdient?

„Das Massaker“ (vgl. Frank Dikötter, a.a.O., Kapitel 5)) wiederum hat für immer das wahre Gesicht der kommunistischen Diktatur offenbart – „Öffnung zur Welt“ hin oder her; die Distanzierung von „Kulturrevolution“, „Sprung nach vorn“ samt Millionen von Verhungerten unbenommen. Wenn es hart auf hart kommt, werden sie immer die Feinde der ihnen unterworfenen Menschen sein. Es fragt sich nur, ob die einstige Selbstdemaskierung des Regimes, die 1989 enthüllte Fratze einer menschenverachtenden Gewaltbereitschaft gegen die eigenen Leute nicht inzwischen noch unerträglicher für den normalen Chinesen geworden ist. Oder auf andere Art inakzeptabel als damals: der Schock, die Einschüchterung, die rasche Selbstaufgabe und Unterwerfung des Protests könnten sich mit der Zeit in eine Haltung der Verachtung und des Überdrusses gegenüber dem Machtzentrum verwandelt haben. Und sogar zu dem notgedrungen noch verhaltenen, aber nagenden, nicht mehr zu besänftigenden Bewusstsein, in einer Welt ohne Werte, Halt und Orientierung, in einer politischen, einer moralischen, einer geistigen und spirituellen „Leere“ zu leben. (Grundlegend dazu: Evan Osnos, Große Ambitionen. Chinas grenzenloser Traum, Teil III, 2015, bei Suhrkamp) Das anscheinend in Stein gemeißelte Verbot, über den Staatsterrorismus von 1989 auch nur öffentlich zu sprechen, wäre dann kaum ein bloßes Symptom für Realitätsverlust auf der Seite der chinesischen Autokraten. Der weltbekannte chinesische Schriftsteller Yu Hua vermittelt uns in seinem autobiografisch bestimmten Prosawerk „China in zehn Wörtern“ (2012, bei S. Fischer) denn auch ein anderes Bild. Im Kontext seiner Skizzen erscheint das Tabu über dem Massenmord eher wie ein hilfloser Krampf oder ein Rückzugsgefecht. Zu dem Wort „Volk“ schreibt der Autor: „Zwanzig Jahre sind wie im Fluge vergangen, die historische Erinnerung aber, davon bin ich überzeugt, wird nicht ebenso schnell verschwinden. Ich glaube, wenn jemand 1989 an den Ereignissen vom Tian’anmen beteiligt war, wird er feststellen, dass dieses Erlebnis sich unauslöschlich in sein Gedächtnis eingegraben hat, sobald er eines Tages darauf zurückschaut, und zwar unabhängig davon, wie er heute dazu steht. – Meinem Gedächtnis hat sich unauslöschlich eingegraben, dass ich damals erfuhr, was das ist: V o l k.“

Auch eine weitere Kernaussage des Buches lässt die Frage aufkommen, wie stabil denn ein so vorsintflutartig abgehobenes Herrschaftssystem über einer ökonomisch dermaßen entfesselten Gesellschaft mittelfristig überhaupt sein kann: „Das rasante Wirtschaftswachstum in China hat offenbar alles verändert, uns aus einer Ära der Knappheit und des Mangels geradewegs in eine Ära hemmungsloser Verschwendung katapultiert, eine Ära, in der das Primat der Politik der Allmacht des Geldes gewichen ist und die Verdrängung der Triebe der zügellosen Ausschweifung. Und all dies in einer Spanne von gerade einmal dreißig Jahren.“

Vielleicht sollte man auch festhalten, wann dieses Buch erschienen ist: nämlich vor der Machtergreifung von Xi Jinping, die im Westen wieder das gespenstische Phantom – oder auch Faszinosum! – einer absolut unangefochtenen Superdiktatur suggeriert und aus der Versenkung geholt hat.

4.

Aber zurück zu Putins Russland: Die große Frage ist, warum „Russland so ist, wie es ist“, wie es die russisch-jüdische Schriftstellerin Maria Stepanova kürzlich formuliert hat. Gerade wenn man dem hier angedeuteten Gedankengang im Prinzip folgen will und Putin nichts als ein aus Zeit gefallener Diktator ist, ein zum Scheitern verdammter, ein längst bereits scheiternder Widergänger des großrussischen Nationalismus, fragt sich, warum es in Russland keinen massenhaften Widerstand gegen ihn und seine rundum sinnlose, auch für das eigene Land desaströse Gewaltpolitik gibt. Wenn sein Vernichtungskrieg gegen die Ukraine aus der Not eines weitreichen Machtzerfalls kommt – die Ukraine folgt unbeirrbar ihren Vorläufern wie Polen und den baltischen Staaten, und der Ukraine wiederum könnten künftig Georgien und andere, weiter östlich gelegene Staaten folgen – : wo bleiben die Russen? Wo bleibt ihr Protest gegen den Irrweg ihrer Regierung? Könnte sich die ganze Theorie vom Legitimationsverlust hinter der zunehmend auf Repression und die Terrorisierung der eigenen Bevölkerung zurückgreifenden Herrschaftssicherung des Kremls nicht als eine Denkfalle entpuppen? Als eine Quelle von Wunschdenken (wie es etwa mir in meiner Kolumne für die Konstanzer Regionalzeitung Südkurier unterlaufen ist, die eine Entmachtung Putins schon für 2023 erwartet hat)?

Es liegt nicht an Hannah Arendt, wenn man ihre Einsichten schematisch anwendet. Sie hat selbst dargelegt, dass urteilen etwas grundsätzlich anderes ist und erfordert. Kenner Russlands und seiner Geschichte im 20. und 21. Jahrhundert haben oft genug gesagt, es bedürfe der definitiven Niederlage Putins im Krieg gegen die Ukraine, der „bedingungslosen Kapitulation“ wie der Hitlers im Zweiten Weltkrieg, damit die russische Gesellschaft politisch in Bewegung geraten und sich möglicherweise neu zu orientieren anfangen könne. Anfangen!

Hier abschließend Maria Stepanova über ihr Volk und sich selbst (Reparatur des Lebens, in: FAZ vom 27. November 2023):

„Bei uns – in einer säkularen jüdischen Familie, die an die Stelle der alten Religion den Kult von Bildung und Kultur gesetzt hatte – war das schwarze Loch, das sich weder aus dem Bewusstsein verdrängen noch verstehen und dadurch irgendwie beherrschen ließ, die Katastrophe des europäischen Judentums…Doch auch um mich herum lebten Kinder und Enkel von Menschen, die sich nicht hatten retten können: von ‚entkulakisierten’, deportierten, verhungerten Bauern, von in Straflager gesperrten und exekutierten Arbeitern, von sogenannten ‚Ehemaligen’ – Geschäftsleuten, Beamten, Geistlichen, Adeligen, die über Jahrzehnte unterdrückt und schrittweise eliminiert wurden. Und gleich daneben die Nachkommen derer, die erschossen hatten – der unzähligen Tschekisten oder Rotarmisten, die über Leichen gingen, um eine neue Welt aufzubauen, in der, wer nichts gewesen war, alles werden konnte. Nur das auch sie meist genauso endeten. Von einem Tag auf den anderen zu Volksfeinden erklärt und hingerichtet. Seite an Seite mit den anderen. Opfer waren also irgendwie alle. Der massenhafte gewaltsame Tod, das kollektive Schicksal machte auf ungute Weise alle gleich – sollte man da an den Gräbern noch nachforschen, wer hier ein guter und wer ein nicht so guter Mensch gewesen war?… Eine Hinrichtung ohne Verfahren und Urteil, ohne Recht und Gerechtigkeit hebt alles, was ihr vorausging, in der Erinnerung in gewisses Weise auf, und so verschmolzen die Millionen von Toten zu einem einzigen gewaltigen Unglück ohne Unterschiede und ohne Erklärung. Revolution, Bürgerkrieg, Kollektivierung, Terror, Vernichtungskrieg, Holocaust, erneuter Staatsterror – es gab keine Familie, keine persönliche Geschichte, die unversehrt aus diesem Fleischwolf hervorkam. Uns Kindern der späten Sowjetunion blieb angesichts all dieser scheinbar grundlosen, trostlosen, folgenlosen Tode nichts übrig als gut in der Schule zu sein, uns gut benehmen …Und dabei trugen wir in uns, wie einen Dotter im Ei, die dauerhafte Erinnerung an etwas nicht wieder Gutzumachendes – und mit ihr Selbstmitleid, denn auch uns konnte ja alles Mögliche zustoßen. Angst und Selbstmitleid: Mehr braucht es nicht, um sich selbst nicht als handelnde Person, nicht als Subjekt der Geschichte zu sehen, sondern als deren bloßes Material…“