{"id":435,"date":"2026-01-02T15:19:43","date_gmt":"2026-01-02T14:19:43","guid":{"rendered":"https:\/\/koehler-kn.de\/ernst\/?p=435"},"modified":"2026-01-02T15:19:43","modified_gmt":"2026-01-02T14:19:43","slug":"auch-der-aggressor-ist-schwach","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/koehler-kn.de\/ernst\/auch-der-aggressor-ist-schwach\/","title":{"rendered":"Auch der Aggressor ist schwach"},"content":{"rendered":"<h2>1.<\/h2>\n<p>Kaum einer, der sich als verantwortlicher Staatsb\u00fcrger versteht &#8211; und sich nicht doch vom \u00dcberma\u00df der Gefahren, Fronten und Abgr\u00fcnde in unserer Zeit erdr\u00fcckt f\u00fchlte. Dabei kann gerade der Blick auf die \u00fcberkomplexe Gesamtlage einen R\u00fcckhalt bieten, das Urteil erleichtern und die Zunge l\u00f6sen. Versuchen wir es hier als Lockerungs\u00fcbung einmal mit dem Thema der Konfrontation Europas und Russlands, die alles verd\u00fcstert. Eines wenig vorbereiteten Europas, ohne das vertraute B\u00fcndnis mit den USA , und eines Russlands in neuer, begieriger und anscheinend unersch\u00f6pflicher Zusammenarbeit jedenfalls mit einigen einflussreichen Amerikanern.<\/p>\n<p>Wollte man hier die Gesamtlage willk\u00fcrlich zerlegen, sie auseinanderrei\u00dfen und das verunsicherte, schon gar desorientierte Europa immer nur isoliert f\u00fcr sich betrachten, produziert man unweigerlich einen Kurzschluss und Zerrbilder. Wie jetzt der nicht zu Unrecht vielbeachtete Schweizer Analyst Marcus M. Keupp (\u201eMilit\u00e4r\u00f6konom\u201c) in seinem Buch \u201eSpurwechsel. Die neue Weltordnung nach Russlands Krieg\u201c (K\u00f6ln, 2025):<\/p>\n<p>Das langj\u00e4hrige Appeasement Deutschlands und Westeuropas gegen\u00fcber dem aggressiven Expansionismus Putins sieht sich kaum irgendwo hellsichtiger auseinandergenommen und in ihrer verheerenden Tragweite vor allem f\u00fcr Osteuropa ausgelotet. \u00dcber das gegenw\u00e4rtige Russland hei\u00dft es dann aber:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eDie imperiale Ideenwelt hat die Aufl\u00f6sung der Sowjetunion genauso unbeschadet \u00fcberstanden wie diejenige des Zarenreichs. Erneut strebt sie nach globaler Dominanz. Mit ihr, nicht mit der Person Putin, findet die weltanschauliche und welthistorische Auseinandersetzung statt. In Russland ist sie unsterblich, tief in den nationalen Mythen und Selbstbildern verwurzelt. Sie findet stets neue personelle Tr\u00e4ger, ganz unabh\u00e4ngig vom politischen System oder dem jeweiligen Herrscher. Ob unter den Zaren, in der Sowjetunion oder in der Russl\u00e4ndischen F\u00f6deration \u2013 stets zeigt sich dieser expansive Zug, der nach Einfluss und Kontrolle strebt. Und selbst ein innerlich zerfallendes Russland wird von vergangener Gr\u00f6\u00dfe tr\u00e4umen.<\/p>\n<p>Die imperiale Idee ist geradezu der Kitt, der die Br\u00fcche in der russischen Geschichte verbindet: Zaren, Parteichefs, Pr\u00e4sidenten m\u00f6gen kommen und gehen, politische Systeme sich ver\u00e4ndern \u2013 sie aber ist die allumfassenden Klammer, die den zeithistorischen Sekundenzeiger \u00fcberdauert.\u201c (Vgl. Spurwechsel, S. 234 f.)<\/p><\/blockquote>\n<p>Das ist jedenfalls nicht das reale Putin-Regime. Er ist nur das, was es Europa und der Welt \u00fcber sich zu erz\u00e4hlen versucht. Und auch der eigenen Bev\u00f6lkerung aufzwingt, wer \u00f6ffentlich widerspricht, riskiert seine Existenz. Es ist die Geschichtspolitik, die Scheinwelt, der ideologische M\u00fcll der Diktatur, einer inzwischen schon totalit\u00e4ren Tyrannei, die sich hier zur zeit\u00fcbergreifenden, authentischen Ideengeschichte einer jahrhundertealten Staatsr\u00e4son verzaubert sieht. Es ist fast, als h\u00e4tte den Verfasser seine eigene geschliffene Sprache des Zorns und der Betroffenheit \u00fcber dieses so verblendete, kulturell so verwahrloste, dem Freiheitsgedanken derma\u00dfen tief und anhaltend entfremdete Europa dazu verf\u00fchrt. den Antipoden, den Feind so gro\u00df zu machen und ihn in h\u00f6heren, spirituellen Sph\u00e4ren anzusiedeln.<\/p>\n<h2>2.<\/h2>\n<p>Das ganze Unverst\u00e4ndnis f\u00fcr das Ph\u00e4nomen Putin enth\u00fcllt sich hier in ein paar Worten: \u201ePutins Tragik liegt letztlich darin, dass er sich nicht von diesen imperialen Ordnungsvorstellungen l\u00f6sen konnte. F\u00fcr ihn existiert eine ukrainische Nation nicht, er <em>kann <\/em>in der Ukraine nichts anderes sehen als eine Kolonie\u2026\u201c (Vgl. a.a.O., S. 243) Das ist nur absurd, ganz im Gegenteil: er kann es sehr wohl. Er versteht die ganze Tragweite der Demokratisierung des Nachbarlandes. Er wei\u00df, dass er in einer solchen Welt keinen Platz mehr haben wird. Er f\u00fcrchtet diese Entwicklung \u00fcber alles und bek\u00e4mpft sie auf Leben und Tod, weil er sie versteht. Er ist in allem \u2013 in seinen Motiven, in seinen Interessen, in seinem Handeln das polare, antagonistische Produkt der gleichen Zeit, desselben Epochenbruchs. Von Anfang seiner politischen Karriere an, schon in seiner Zeit in Dresden.<\/p>\n<p>Wie jetzt eine bahnbrechende Studie \u00fcber das Schicksal Georgiens aufzeigt und im Detail dokumentiert, ist das System Putin kein Ph\u00e4nomen aus der Tiefe der russischen Geschichte, sondern unserer Gegenwart, der laufenden Zeitenwende im postsowjetischen Raum: Gesine Dornbl\u00fcth, Thomas Franke, \u201eKampf um die Freiheit. Georgien und der lange Arm des Kreml\u201c (Freiburg im Breisgau, 2025, Herder Verlag)<\/p>\n<blockquote><p>Auch in diesem \u201eTestgel\u00e4nde\u201c gelten die Angriffe und die Einflussnahmen Russlands wieder der Abwehr, dem Widerstand gegen das Schwinden und den drohenden Verlust der eigenen Macht: der Zerst\u00f6rung der demokratischen Zukunft dieses Landes, wie sie von der \u00fcberw\u00e4ltigenden Mehrheit der Bev\u00f6lkerung un\u00fcbersehbar und beharrlich gewollt ist. So paradox es in deutschen Ohren auch klingen mag: es sind R\u00fcckzugsgefechte auf bereits weitgehend verlorenem Posten. Auf dem wie immer gewundenen Weg in das Scheitern. Das Wrack der Gro\u00dfmacht ist in Sicht. Unsererseits einmal ein Anlass f\u00fcr Beistand und Loyalit\u00e4t mit den Angegriffenen, statt f\u00fcr das gewohnte Wegschauen oder gar ein angstgetriebenes Wegducken:<\/p>\n<p>\u201eNach dem Augustkrieg (2008, E.K.) zeigt Russland Georgien noch einmal den Mittelfinger, indem er S\u00fcdossetien und Abchasien als unabh\u00e4ngige Staaten anerkennt. F\u00fcr Russland hat der Angriff auf Georgien keine Konsequenzen. Die USA und Russland wollen ihr Verh\u00e4ltnis verbessern. Im Fr\u00fchjahr 2009 dr\u00fccken der russische Au\u00dfenminister Sergej Lawrow und seine US-amerikanische Kollegin Hillary Clinton in Genf pers\u00f6nlich einen roten Knopf f\u00fcr den Neustart der Beziehungen. Alle Verbrechen und Vertragsverletzungen einfach so weggedr\u00fcckt. Die andauernde russische Besatzung von Abchasien und S\u00fcdossetien interessiert nicht.<\/p>\n<p>Putin hat seine Reizfigur Saakaschwili gedem\u00fctigt und ein Land, das sich friedlich auf den Weg Richtung Demokratie und EU gemacht hat, bestraft. Sein Plan ist aufgegangen, seine Strategie funktioniert. Russland gibt sich als Opfer einer westlichen Bedrohung, die nicht existiert. Russland behauptet, Menschen vor einem Genozid sch\u00fctzen zu m\u00fcssen, der nicht stattfindet. Russland greift an, und es hat keine Folgen. Es funktioniert so gut, dass Putin 2014 in der Ukraine erneut nach diesem Muster vorgeht. Auch die Ukraine ist da im Begriff, sich von den korrupten an Moskau orientierten Eliten zu befreien. Wieder ist es das Duo Merkel\/Steinmeier, das konsequentes Handeln gegen\u00fcber Russland verhindert. Gesch\u00e4fte mit Russland sind ihnen wichtiger. Putins Motto ist: Wer Demokratie s\u00e4ht, wird Krieg ernten. Russland tut alles, um Demokratiebestrebungen zu sabotieren und Gesellschaften zu zerst\u00f6ren. Und die Bundesregierung hat kr\u00e4ftig mitgeholfen.\u201c (Vgl. a.a.O., S. 72)<\/p><\/blockquote>\n<p>Der Arm des Kreml ist lang. Aber wie stark ist er? Man kann sich ja ansehen, was an tragf\u00e4higem, nachhaltigem Machtaufbau er in dem kleinen Land noch zustande bringt:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eIn Georgien entsteht derzeit keine Diktatur nach den Mustern des vergangenen Jahrhunderts, in denen es eine Verhei\u00dfung gab, eine Ideologie und Personenkult. Es ist eine Form von Unterdr\u00fcckung durch Organisierte Kriminalit\u00e4t gepaart mit den Geheimdienststrukturen der vergangenen Sowjetdiktatur, wiederbelebt von Wladimir Putin und seinen Leuten im Kreml. Wie Mafiaclans bedienen sie sich aller verf\u00fcgbaren Machtmittel, um ihre Gegner einzusch\u00fcchtern oder auszuschalten. Putin geht es darum, Wohlstand, Demokratie und Freiheit in Russlands Nachbarschaft zu verhindern. In Russland soll niemand auf die Idee kommen, es den Nachbarn gleichzutun und eine Freiheitsbewegung zu initiieren. Dar\u00fcber hinaus geht es darum, Unruhe im Rest der Welt zu sch\u00fcren, andere Gesellschaften zu schw\u00e4chen. Es geht um viel Geld und Macht. Schwache Demokratien wie die georgische sind eine leichte Beute.\u201c (Vgl. a.a.O., S.10)<\/p><\/blockquote>\n<h2>3.<\/h2>\n<p>Satanisch schlau wird man den \u201eGeorgischen Traum\u201c, die regierende Partei (und das pers\u00f6nliches Eigentum des Oligarchen Bidsina Iwaninischwili ) nicht gerade nennen: mit ihrer Strategie, dem Land das genaue Gegenteil dessen zu verk\u00fcnden und zu versprechen, was sie tats\u00e4chlich macht: Georgien in die EU zu f\u00fchren. Mit seiner bizarren Verschw\u00f6rungstheorie von einer \u201ePartei des Krieges\u201c, die in Europa ihr Unwesen treibe und wie schon die Ukraine auch Georgien gut ins Ungl\u00fcck st\u00fcrzen k\u00f6nne. Aber die anhaltenden Massenproteste gegen das \u201erussische Gesetz\u201c (\u00fcber \u201eausl\u00e4ndische Agenten\u201c) , gegen die F\u00e4lschung der Parlamentswahl von 2024, die sich auch mit den zunehmenden, staatlich organisierten \u00dcberf\u00e4llen und Terrorakten gegen einzelne Personen oder kleine Gruppen von B\u00fcrgern nicht paralysieren lassen, verlangen von uns etwas anderes als Spott und Verachtung, Und sie verlangen von der EU etwas anderes als schwammige Distanzierung, Abwarten und ein Aussetzen der Beitrittsverhandlungen. N\u00e4mlich die klare, welt\u00f6ffentliche Unterst\u00fctzung der massiv unterdr\u00fcckten georgischen Demokratiebewegung. Bleibt sie weiter aus, ist es ein kl\u00e4gliches Versagen. Es w\u00e4re das alte, es w\u00e4re die Fortsetzung des Versagens von 2008, von 2014, von 2022.<\/p>\n<p>Es gibt in Georgien auch gen\u00fcgend ungebrochene, mutige Stimmen, die genau das von Europa erwarten. Die vielleicht nicht unbedingt darauf bauen, es sind Leute von Erfahrung und Welt. Die bei aller Ern\u00fcchterung und Entt\u00e4uschung \u00fcber das demokratische Niveau der EU aber heute von uns einfordern, Georgien in seinem Freiheitskampf \u201enicht im Stich zu lassen\u201c. Es ist oft gesagt worden, es ist bitter, es sind die eigentlichen Europ\u00e4er in Europa. Hier einer von ihnen:<\/p>\n<p><em>Lascha Bakradse, ehemaliger Direktor des Literaturmuseums<\/em><\/p>\n<blockquote><p>\u201eIch sitze noch nicht im Gef\u00e4ngnis. Meine Konten sind noch nicht eingefroren. Es geht mir also den Umst\u00e4nden entsprechend gut. Ich versuche weiter, den politischen Prozess zu beleben. Ich spreche \u00fcberall, wohin man mich einl\u00e4dt, und sage meine Meinung ohne Umschweife: dass die selbst ernannte Regierung Georgiens das Land ins Verderben f\u00fchrt und wie man Widerstand leisten kann. Die Proteste machen den Menschen Mut, dass l\u00e4ngst nicht alles verloren ist. Sie zeigen dem Westen (hoffentlich), dass das Volk seine Freiheit und Demokratie nicht aufgeben will. Hoffentlich hilft der Westen mehr als bisher.<\/p>\n<p>Ich sorge mich um die Menschen in den Gef\u00e4ngnissen. Ich sorge mich darum, dass der Georgische Traum alle Institutionen zerst\u00f6rt, die wir mit M\u00fche aufgebaut haben und die mal mehr, mal weniger funktionieren. Es erscheint zwar alles sehr hoffnungslos, aber ich glaube, dass diejenigen, die die Macht ergriffen haben, nicht lange durchhalten, wenn der Druck von innen und von au\u00dfen steigt. Ich werde weiter k\u00e4mpfen und habe nicht vor, das Land zu verlassen.&#8220; (Ebenda, S. 247 f.)<\/p><\/blockquote>\n<h2><em>4.<\/em><\/h2>\n<p>Menschen von dieser Unbeugsamkeit sind es auch, die uns ermutigen, wieder nach Russland zu fragen: nach dem russischen Volk selbst, das in seiner umfassenden politischen Unterwerfung im aktuellen deutschen Diskurs schon kein Thema mehr zu sein scheint. Die Unterwerfung &#8211; das Wort nun passivisch verstanden als die erlittene Repression oder aktivistisch im Sinne der angeeigneten Ideologie (wie des gro\u00dfrussischen Nationalismus, sp\u00e4testens seit der Annexion der Krim 2014; wie der Erinnerungspolitik nach dem Zweiten Weltkrieg; wie irgendeiner Version von Kulturimperialismus) &#8211; ist doppelt gen\u00e4ht, wirkt vollendet, geschlossen, unver\u00e4nderlich, und kann so in unserer politischen Publizistik gut realistisch abgehakt werden.<\/p>\n<p>Diese vermeintlich abschlie\u00dfenden Antworten, gern miteinander verquickt und alle auf einmal aufgeboten, unterbrechen sei Jahren russische und belarussische Stimmen im Exil. Und unterbricht jetzt auch Irina Scherbakowa, eine in der ganzen Welt geachtete russische Vork\u00e4mpferin der Menschenrechte, in ihrer Autobiographie: \u201eDer Schl\u00fcssel w\u00fcrde noch passen. Moskauer Erinnerungen\u201c (M\u00fcnchen 2025, Droemer Verlag). Man lernt mit diesem Text wieder ganz von vorne danach zu fragen, was Putin alles zum Schweigen hat bringen m\u00fcssen, um sich an der Macht zu halten: so die selbst von <em>Memorial in <\/em>ihren landesweiten zeitgeschichtlichen Jugendwettbewerben nie erwartete massenhafte, eigenst\u00e4ndige Teilnahme einfacher russischer Jugendlicher und ihrer Schullehrer in tiefster Provinz: beharrliche Forschungsarbeit f\u00fcr ein anderen Land, f\u00fcr ein Russland der Erinnerung nicht nur an die Katastrophen und Verbrechen der Sowjetunion; f\u00fcr ein Russland der bisher verweigerten \u00f6ffentlichen, oft auch famili\u00e4ren Wahrnehmung und Anerkennung der Opfer des vergangenen Jahrhunderts. Ist denn heute wieder ganz weg aus dem Bewusstsein der Gesellschaft, was ihr einmal so gegenw\u00e4rtig war? So vielf\u00e4ltig und ansteckend pr\u00e4sent. Nur weil es ein Machthaber verbietet und ausgrenzt? Wir reden hier vom Aufbau einer politischen Kultur. Was kann Staatsgewalt auf diesem Feld, was kann sie nicht? Was kann eine solche Staatsgewalt, was nicht? Sie beherrscht die Medien, die Schule. Sie kann eine soziale Praxis der popularen Selbstaufkl\u00e4rung auch wieder zerschlagen. Sie kann reihenweise Existenzen vernichten, sie kann Menschen ermorden. Alles ungestraft, wenn auch nicht ohne Preis. Aber kann sie auch eine Gedankenwelt ausl\u00f6schen? Eine Umkehr im Denken, wie es sich selbst auf dem Land im Alltagsleben der Russen verwurzeln konnte?<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">*<\/p>\n<blockquote><p>Je n\u00e4her der 10. Januar r\u00fcckte, umso aufgeregter wurden Oxana, meine einzige Helferin bei diesem Projekt, und ich. \u00dcber die Feiertage zum Jahreswechsel warf Jelzins Ank\u00fcndigung seines Nachfolgers einen dunklen Schatten. Am meisten beunruhigte mich, dass viele Putin f\u00fcr eine durchaus gute Wahl hielten oder beschwichtigend meinten, ich solle keine Panik verbreiten, es k\u00f6nne doch keine R\u00fcckkehr in die Vergangenheit mehr geben. Meine Bef\u00fcrchtungen \u00fcber den neuen Mann im Kreml r\u00fcckten in den Hintergrund als uns Hunderte Einsendungen aus ganz Russland erreichten \u2013 es war eine richtige Flut. Die Postboten, die s\u00e4ckeweise Pakete f\u00fcr uns schleppen mussten, begegneten uns mit unverbl\u00fcmten Groll. Es war Mitte Januar, ein kalter schneereicher Winter, und die Pakete waren schwer. Wir beschlossen also, sie selbst mit Schlitten vom Postamt abzuholen, Als die eingereichten Arbeiten die Zahl von anderthalbtausend \u00fcberschritten, waren wir fassungslos, Was mich am meisten \u00fcberraschte: ich hatte angenommen, wenn es \u00fcberhaupt Teilnehmer geben w\u00fcrde, dann k\u00e4men sie aus Moskau oder Sankt Petersburg, na ja, vielleicht noch aus ein paar anderen gro\u00dfen St\u00e4dten. Doch sage und schreibe zwei Drittel der Absender kamen aus Kleinst\u00e4dten und D\u00f6rfern, von denen wir noch nie geh\u00f6rt hatten. Und so sollte es bis zum Schluss bleiben \u2013 bis Memorial 2021 liquidiert wurde.<\/p>\n<p>Die ersten Seiten \u201aGeschichte\u2018, die ich aus den Posts\u00e4cken zog, werde ich wohl nie vergessen. Die meisten Texte waren handschriftlich verfasst und schwer zu lesen, manche waren auf Schreibmaschinen getippt, die es an den Schulen noch gab, nur sehr wenige am Computer verfasst\u2026Damals ahnte noch niemand, dass dieser Wettbewerb \u00fcber zwanzig Jahre fortbestehen und sich zum gr\u00f6\u00dften Geschichtswettbewerb Europas mausern w\u00fcrde, Dass die insgesamt 40 000 Arbeiten und zigtausend Teilnehmer eine neue Form der Erinnerung bilden w\u00fcrden \u2013 eine Geschichte Russlands, wie sie jungen Menschen, die noch die Schulbank dr\u00fcckten, wahrnahmen. Das war Ende 2021 einer der zentralen Vorw\u00fcrfe, die die Generalstaatsanwaltschaft der Russischen F\u00f6deration gegen Memorial erhob und die schlie\u00dflich zu unserer Liquidierung f\u00fchrten.<\/p><\/blockquote>\n<p>(Irina Scherbakowa, Der Schl\u00fcssel w\u00fcrde noch passen, S.130 ff.)<\/p>\n<blockquote><p>Die Jugendlichen leisteten enorme Arbeit, um das wiederherzustellen, was ihre Vorfahren \u00fcber Jahrzehnte aus dem Familienged\u00e4chtnis verdr\u00e4ngt hatten. Zumal die materiellen Spuren sehr d\u00fcrftig waren, denn was h\u00e4tten Gulag-H\u00e4ftlinge, deportierte Bauern und ganz V\u00f6lker, die im Krieg evakuiert oder zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschickt worden waren, schon aufbewahren k\u00f6nnen, au\u00dfer ein paar Fotos, Briefe und Urkunden? Was konnte man mitnehmen, was \u00fcber Zeiten erhalten, wenn man vierundzwanzig Stunden zum Packen hatte, bevor man nach Sibirien deportiert wurde? Nur die Gl\u00fccklichen hatten Dinge wie eine N\u00e4hmaschine von Singer oder ein Kupferkesselchen dabei, die zur Rettung wurden.<\/p>\n<p>Trotzdem war das beharrliche Suchen oft von Erfolg gekr\u00f6nt: In den Archiven fanden sich Dokumente und Namen, verlorene Verwandte und vergessene Gr\u00e4ber tauchten wieder auf und f\u00fcllten die Leerstellen. Die Fundst\u00fccke waren unterschiedlichster Natur: eine Altgl\u00e4ubige Ikone, mit der die S\u00f6hne gesegnet wurden, bevor sie an Front mussten; Texte kalm\u00fcckischer Volkslieder, die w\u00e4hrend der Verbannung nicht \u00f6ffentlich gesungen werden durften, ein Heft mit laienhaften Gedichten, in denen die Urgro\u00dfmutter, eine Maschinenheizerin, von ihrem Leben zu erz\u00e4hlen versuchte. All diesen Fundst\u00fccken gemein war das Gef\u00fchl, dass die Familientradition gewaltsam unterbrochen, die Menschen mitsamt ihren Wurzeln aus ihrem bisherigen Leben herausgerissen worden waren\u2026Die Furcht vor Repressionen hatte dazu gef\u00fchrt, dass die Menschen jahrzehntelang die Ungerechtigkeit und Brutalit\u00e4t verdr\u00e4ngten, zu deren Opfern oder Zeugen sie geworden waren. Als Kinder und Jugendliche in den entlegensten Winkeln des Landes wie Detektive in die Suche nach der Vergangenheit ihrer Familien eintauchten, erinnerten manche ihrer Einsendungen tats\u00e4chlich an Ermittlungsergebnisse. Der wichtigste Grund f\u00fcr all die Leichen im Keller, die ihnen entgegenkamen, war die Angst. Und sie war das gr\u00f6\u00dfte Gespenst. Das Leben ihrer Vorfahren war \u00fcber Jahrzehnte hinweg von ihr gepr\u00e4gt gewesen: die Angst hatte sie zum Schweigen verurteilt, hatte sie dazu gebracht, alles von sich abzuschneiden, was dem Lebenslauf schaden und die Beh\u00f6rden Verdacht sch\u00f6pfen lassen k\u00f6nnte. Die Ermittlungen der Kinder enthielten zahlreiche Beschreibungen gef\u00e4lschter Dokumente, mit korrigierten Geburtsdaten, ver\u00e4nderten Namen, vertuschten sozialen Zugeh\u00f6rigkeiten und Angeh\u00f6rigen im Ausland. In Datenbl\u00e4ttern wurden repressierte Verwandte oder eine Deportation nach Deutschland w\u00e4hrend des Krieges einfach verschwiegen\u2026Die Jugendlichen, die in den Achtzigern und fr\u00fchen Neunzigern geboren wurden, schien die stalinistische Epoche der existenziellen Angst vor Repressionen sehr lange her zu sein. Wenn sie diese Vergangenheit beschrieben, suchten sie in den Repressionen und dem Massenterror vergeblich nach Rationalit\u00e4t und irgendwelchen Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten; die Ereignisse entbehrten jeder Logik und jeden Sinns. Die Opfer in ihren Familienstammb\u00e4umen hatten nur selten tats\u00e4chlich mit Politik zu tun, in der Regel waren es ganz einfache Leute. Die Frage nach dem \u201eWarum\u201c wurde so zur Schl\u00fcsselfrage.<\/p><\/blockquote>\n<p>(Irene Scherbakowa, ebenda, S. 145-147)<\/p>\n<hr \/>\n<p>Dieser Artikel wurde auch auf<a href=\"https:\/\/www.zeitenwende.online\/2025\/12\/28\/auch-der-aggressor-ist-schwach\/\"> zeitenwende.online<\/a> ver\u00f6ffentlicht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. Kaum einer, der sich als verantwortlicher Staatsb\u00fcrger versteht &#8211; und sich nicht doch vom \u00dcberma\u00df der Gefahren, Fronten und Abgr\u00fcnde in unserer Zeit erdr\u00fcckt f\u00fchlte. 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