{"id":431,"date":"2025-12-06T10:09:32","date_gmt":"2025-12-06T09:09:32","guid":{"rendered":"https:\/\/koehler-kn.de\/ernst\/?p=431"},"modified":"2025-12-06T10:09:32","modified_gmt":"2025-12-06T09:09:32","slug":"wie-israel-zu-kritisieren-und-zu-verteidigen-ist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/koehler-kn.de\/ernst\/wie-israel-zu-kritisieren-und-zu-verteidigen-ist\/","title":{"rendered":"Wie Israel zu kritisieren und zu verteidigen ist"},"content":{"rendered":"\r\n<p>Sich genau zu \u00fcberlegen, wann man von V\u00f6lkermord spricht und wann eher nicht, kann auch f\u00fcr den Laien nicht falsch sein. Es gibt das V\u00f6lkerrecht, das wir heranziehen k\u00f6nnen. (Vgl. in diesem Zusammenhang das hinrei\u00dfende Buch von Philippe Sands: R\u00fcckkehr nach Lemberg, 2. Auflage 2018, Verlag S. Fischer) Aber die Vorsicht, der Skrupel in der Wahl der Sprache, des Begriffs, sollte auch nicht unsere Spezialit\u00e4t als deutsche Beobachter des Gazakriegs bleiben. Als Deutsche, die unausl\u00f6schlich den Holocaust in ihrer Geschichte haben und es nicht vergessen wollen. Die Kriegsverbrechen der israelischen Armee an der Zivilbev\u00f6lkerung im Gazastreifen sind so ungeheuerlich wie faktisch unbestreitbar. Die ganze Welt kennt sie. Kann sie seit mehr als einem ganzen Jahr in ihrer nackten, detaillierten Wirklichkeit verfolgen. Sieht sie in ihrem ganzen menschenverachtenden Ausma\u00df. So darf kein Staat handeln. Auch nicht im Krieg. Auch kein Staat, der sich wie Israel in seiner Existenz bedroht sieht und es auch tats\u00e4chlich ist. Auch nach dem einzigartigen Pogrom der Hamas vom 7.Oktober 2023 darf Israel so keinesfalls handeln. Seine gegenw\u00e4rtige Regierung unter Benjamin Netanjahu handelt verbrecherisch. Sie muss im Interesse der Menschenrechte &#8211; im Interesse einer Weltordnung, die das Lebensrecht jedes einzelnen Menschen anerkennt und sichert \u2013 baldm\u00f6glichst entmachtet werden und gezwungen, sich vor einem zust\u00e4ndigen Gericht f\u00fcr ihre Entscheidungen verantworten.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Ich sage das, ich kann das nur sagen, weil mich der israelische Journalist Gideon Levy von der Zeitung \u201eHaaretz\u201c dazu ermutigt. Ihm verdanke ich diese Klarheit. Oder sie wird, wenn ich bisher da noch unsicher war und geschwankt habe, mit seinen Texten f\u00fcr mich jetzt zwingend und unabweisbar. Es gibt im Gazakrieg kein \u201eDilemma\u201c, von dem wir hier die ganze Zeit zu reden geneigt waren. Etwa so: Israel hat das unbezweifelbare Recht, sich zu verteidigen. Der Krieg ist von der Hamas ausgegangen. So zynisch es anmutet: Krieg ist Krieg. So schrecklich die Zehntausenden von Todesopfern sind, die niemand leugnet; die Hunderttausenden von Verletzten, Vertriebenen, mehrfach Vertriebenen, Ausgebombten, Entwurzelten, Mittellosen, Hungernden. Hamas als Milit\u00e4rmacht zu vernichten, ist ein zutiefst legitimes Ziel oder etwa nicht? Auch dieses islamistische Terror-Regime instrumentalisiert, missbraucht, opfert wie die ihm verwandten Gewaltdiktaturen gnadenlos die Massen seiner Untertanen f\u00fcr seinen ideologischen Wahn: in diesem Fall f\u00fcr seine kranken, ewigen Ausrottungskampf gegen die Juden und ihren Staat vor Ort. So lie\u00dfe sich jenes vermeintliche \u201eDilemma\u201c umrei\u00dfen, in dem auch ich mich verfangen habe. Gideon Levy zeigt uns in seinem k\u00fcrzlich erschienenen Buch auf, dass es nichts als eine Ausflucht ist: \u201eThe Killing of Gaza. Reports on a Catastrophe\u201c (2024, London, New York, Verso)<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Eine der Kernaussagen der hier versammelten Reportagen und Kolumnen ist: Nach dem Massaker vom Oktober 2023 gibt es in Israel keine Linke mehr. Die Linke l\u00f6st sich immer zuallererst auf. Nach dem Schock hat sich ein Trauma herausgebildet, das die Israelis nahezu totalit\u00e4r zusammenschwei\u00dft. Die israelischen Massenmedien, zumeist in privater Hand, berichten \u2013 \u201ebis auf Haaretz und ein paar dissident websites\u201c \u2013 \u00fcberhaupt nicht \u00fcber die Katastrophe der Zivilbev\u00f6lkerung im Gazastreifen. Davon wissen die Juden des Landes so gut wie nichts. Nichts zum Beispiel von den tausenden Kindern, die in den umfassenden Bombardements sterben. Es sind f\u00fcr die B\u00fcrger Israels gegenw\u00e4rtig zudem auch keine \u201eMenschen\u201c, wie man selbst einer ist. Wie die eigenen Kinder es sind. Jeder Fernsehzuschauer im fernen Oklahoma wei\u00df \u00fcber diese Kriegsf\u00fchrung mehr als die Israelis ein paar Kilometer nebenan.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Mehr noch: Die Israelis wollen davon offenbar auch gar nichts wissen. Die Zeitungen und Sender decken ausschlie\u00dflich ab, was das breite Publikum h\u00f6ren will. So konsequent, so illiberal, so antidemokratisch selektiv, so rassistisch wie noch niemals zuvor in der Geschichte des Landes. In Summa: die j\u00fcdischen Israelis sehen nur sich selbst: die eigene Bedrohung, das eigene Leid, die eigenen Opfer, die Geiseln &#8211; immer noch in der Gewalt der Hamas. Die arabischen Israelis haben nur noch Existenzangst, sie ducken sich weg und verstummen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Es ist anders als in den bisherigen Kriegen Israels, in denen sich jeweils &#8211; nach einer gewissen Zeit &#8211; gegen\u00fcber dem zun\u00e4chst blockartigen Konsens die normale politische Pluralit\u00e4t wiederherstellte. Jetzt bleibt es bei der einen, homogenen Position und Sicht: Rache, Vernichtung des Feindes, Entmenschung der anderen, gewisserma\u00dfen restaurative Heroisierung der mit Massaker der Hamas ja zun\u00e4chst massiv diskreditierten Armee. Was Gideon Levy hier vorlegt, ist die Analyse einer nahezu generellen psychisch-geistigen Regression, eines politisch- kulturellen Zusammenbruchs der gesamten israelischen Gesellschaft. Die aktuelle Selbstzerst\u00f6rung der israelischen liberalen Demokratie &#8211; in der hier diagnostizierten extremen, hermetischen Selbstbezogenheit und geradezu steinern anmutenden Indifferenz der allermeisten Israelis gegen\u00fcber dem Schicksal der anderen Nation &#8211; geht danach viel weiter als der vor dem Krieg versuchte Coup der Regierung Netanjahu gegen die Gewaltenteilung es je h\u00e4tte bewirken k\u00f6nnen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Auch eine Israelkritik. Aber eine andere als jene, auf die wir uns hier ohne gr\u00f6\u00dfere Probleme verst\u00e4ndigen k\u00f6nnen. Eine Kritik, die das Land vor sich selber verteidigt. Eine, die Israel retten will. Keine, die zufrieden ist, wenn sie den Verdacht und Vorwurf auf Antisemitismus plausibel zur\u00fcckweisen kann. Und auf geh\u00f6rigen Abstand geht zu den neuen, schmutzigen Erscheinungsformen der Israelhetze von links und aus der Richtung des \u201ePostkolonialismus\u201c &#8211; unser Mindeststandard.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Wer heute in Israel so etwas wie Anteilnahme an der Situation der Pal\u00e4stinenser in Gaza zeigt, kann leicht in den Verdacht der Komplizenschaft mit der Hamas geraten. Levy spricht hier von \u201eMcCarthyismus\u201c und sogar von \u201eFaschismus\u201c. B\u00f6se, verzweifelte Beobachtungen dieser Art machen das Buch zur politischen Prosa. Auch in unseren gro\u00dfen Tageszeitungen findet man anst\u00e4ndige, schonungslose Berichte \u00fcber die Auswirkungen des Gazakrieges auf die politische Entwicklung im Westjordanland: \u00fcber aggressivere, destruktivere Interventionen der israelischen Armee, \u00fcber die Brutalisierung bewaffneter Siedlergruppen. Aber bei Levy f\u00fcgen sich diese Beobachtungen zu einem Bild des politischen Zerfalls und Umbruchs zusammen. Wir sehen uns hier mit einer Hellsicht, mit einem \u201eMoralismus\u201c klassischen Niveaus konfrontiert, wie er seit der Aufkl\u00e4rung immer zuerst bei sich selbst, bei der eigenen Deformation, beim eigenen Wertezerfall ansetzt. Die zunehmenden \u00dcbergriffe der Armee in den besetzten Gebieten \u2013 darunter mehr und mehr auch solche ohne jeden realen Anlass \u2013 und die eigenm\u00e4chtigen, rechtlosen, auch mit Lynchjustiz verkn\u00fcpften Vertreibungsaktionen zum Teil uniformierter Siedler (\u201eKriminelle in Uniform\u201c) sind bei Gideon Levy bereits kombinierte, zusammenh\u00e4ngende, systematische Versuche, einen neuen, anderen Staat zu schaffen. Im Schatten, unter dem Vorwand, unter dem Deckmantel des Gazakrieges. In welcher auch seri\u00f6sen deutschen Zeitung l\u00e4se man so etwas?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Bekanntlich verf\u00fcgt Israel freilich seit seinen Anf\u00e4ngen \u00fcber eine gro\u00dfe, bewunderungsw\u00fcrdige Tradition solcher fundamentaler, weitsichtiger Infragestellung seiner selbst \u2013 auch wenn Levy eingangs sagt, er f\u00fchle sich heute \u201eso isoliert wie noch nie\u201c. Aber er erw\u00e4hnt doch Amira Hass, seine weltbekannte Kollegin bei \u201eHaaretz\u201c, die einst &#8211; als das einem israelischen Journalisten noch nicht von Staatswegen verboten war &#8211; in den Gazastreifen umgezogen ist. Sie hat damals den Schritt wie folgt begr\u00fcndet:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"> <em>\u201eDiese Geschichten waren das Verm\u00e4chtnis meiner Eltern \u2013 eine Geschichte des Widerstands gegen jede Ungerechtigkeit, der offenen Meinungs\u00e4u\u00dferung und der Gegenwehr. Aber von all den Erinnerungen, die ich mir zu eigen gemacht habe, ist mir eine ganz besonders wichtig. An einem Sommertag des Jahres 1944 wurde meine Mutter zusammen mit der \u00fcbrigen menschlichen Fracht aus einem Viehwagen ausgeladen, der sie von Belgrad zum Konzentrationslager Bergen-Belsen gebracht hatte. Als die seltsame Prozession vorbeimarschierte, sah sie eine Gruppe deutscher Frauen, einige zu Fu\u00df, andere mit Fahrr\u00e4dern, die stehenblieben und mit gleichg\u00fcltiger Neugier in den Gesichtern zusahen. F\u00fcr mich wurden diese Frauen zu einem abscheulichen Symbol des unbeteiligten Zusehens, und schon in sehr jugendlichem Alter beschloss ich, dass ich niemals zu dieser Art von Zuschauern geh\u00f6ren wollte. So war mein Wunsch, in Gaza zu wohnen, nicht auf Abenteuerlust oder Wahnsinn zur\u00fcckzuf\u00fchren, sondern auf die Angst, zu einem tatenlosen Zuschauer zu werden, auf mein Bed\u00fcrfnis, eine Welt, die nach meinem besten politischen und historischen Wissen das Werk Israels ist, bis ins letzte Detail zu verstehen. F\u00fcr mich verk\u00f6rpert der Gazastreifen die ganze Geschichte des israelisch- pal\u00e4stinensischen Konflikts. Er verk\u00f6rpert den zentralen Widerspruch des Staates Israel \u2013 Demokratie f\u00fcr die einen, Enteignung f\u00fcr die anderen. Es ist unser freiliegender<\/em> <em>Nerv.\u201c <\/em> <\/blockquote>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>(Amira Hass, Gaza. Tage und N\u00e4chte in einem besetzten Land, M\u00fcnchen 2003, Verlag C.H. Beck, S. 13)<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p><em>Dieser Beitrag wurde 30.11.2024 auf <a href=\"https:\/\/www.zeitenwende.online\/2024\/11\/30\/wie-israel-zu-kritisieren-und-zu-verteidigen-ist\/\">zeitenwende.online<\/a> erstver\u00f6ffentlicht.<\/em><\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sich genau zu \u00fcberlegen, wann man von V\u00f6lkermord spricht und wann eher nicht, kann auch f\u00fcr den Laien nicht falsch sein. Es gibt das V\u00f6lkerrecht, das wir heranziehen k\u00f6nnen. (Vgl. in diesem Zusammenhang das hinrei\u00dfende Buch von Philippe Sands: R\u00fcckkehr nach Lemberg, 2. Auflage 2018, Verlag S. 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