{"id":425,"date":"2025-11-06T17:26:43","date_gmt":"2025-11-06T16:26:43","guid":{"rendered":"https:\/\/koehler-kn.de\/ernst\/?p=425"},"modified":"2025-11-06T17:28:53","modified_gmt":"2025-11-06T16:28:53","slug":"nur-noch-ein-staat-unter-anderen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/koehler-kn.de\/ernst\/nur-noch-ein-staat-unter-anderen\/","title":{"rendered":"Nur noch ein Staat unter anderen?"},"content":{"rendered":"\r\n<h3 class=\"wp-block-heading\">1.<\/h3>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Die deutsche Au\u00dfenpolitik gegen\u00fcber Israel ist ein gro\u00dfes, scharf kontroverses Thema. Hier eine pers\u00f6nliche \u00dcberlegung dazu. Ich habe mich n\u00e4mlich gefragt, ob Israel mittlerweile f\u00fcr mich &#8211; zum ersten Mal in meinem Leben &#8211; ein Staat ohne Bezug zum Holocaust ist. Nur noch von den Verbrechen her zu sehen und zu beurteilen, die es im Gazastreifen begeht, und von der ethnischen S\u00e4uberung, die es in Gaza und im Westjordanland vorantreibt? In meiner privaten Wahrnehmung, aus der Ferne und ohne Expertise, also ein Staat ohne Bezug zur Erinnerung an die Vernichtung der europ\u00e4ischen Juden durch die Deutschen. Wie ich sie dann mit der Zeit wie die meisten der nichtj\u00fcdischen Deutschen zugelassen habe. Erst Jahrzehnte nach Ende des Zweiten Weltkrieges allerdings, unsere unerh\u00f6rte Versp\u00e4tung im Denken ist ja allgemein bekannt. Es war dann schlie\u00dflich doch eine Erinnerung \u2013 in ihrer ganzen, \u00f6ffentlich wenig thematisierten Begrenztheit, Willk\u00fcr, Verkr\u00fcppelung. Von der mit ihr gern verbundenen Selbstbeweihr\u00e4ucherung ganz zu schweigen. (Vgl. dazu jetzt: Dominik Kawa, Vernichtungskrieg im Irrealis, in: FAZ, 03.07.2025) Doch wie fragmentarisch, borniert, indifferent, selbstzufrieden auch immer, ohne dieses St\u00fcckwerk von Erinnerung w\u00e4ren wir nie eine Demokratie geworden. Adenauer, der faktisch mit der offiziellen westdeutschen Unterst\u00fctzung Israels angefangen hat, hatte keine. (Vgl. Daniel Marwecki, Absolution? Israel und die deutsche Staatsr\u00e4son, 2024, Wallstein Verlag) Eine Demokratie sind wir dann erst 20, 30 Jahre nach seiner Zeit als Kanzler geworden. Seine Westorientierung war kein Schritt auf diesem Weg.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Ich hatte auch schon angefangen, im Freundeskreis \u00fcber meinen pers\u00f6nlichen Tabubruch im Blick Israel zu sprechen. Er kam mir wie die Quintessenz meiner Ern\u00fcchterung und Distanzierung vor. Sagen, was man denkt. Bis mir auf einmal klar geworden ist, dass ich gar nicht wirklich so denke. Nach wie vor nicht. Trotz allem nicht, was wir im Nahen Osten an Verletzungen der Menschenrechte sehen. Dass ich also mein Bekenntnis, Israel sei f\u00fcr mich inzwischen nichts als ein Nationalstaat unter Nationalstaaten, nicht aufrechterhalten kann. Und zwar nicht mittels Selbstreflexion, die gern immer weiter bohrt, per innerem Dialog, der, wie wir wissen, die Person ausmacht, sondern mit Hilfe der Lekt\u00fcre eines fremden Textes. Durch einen Ansto\u00df von au\u00dfen. Den man anscheinend gelegentlich auch f\u00fcr Entscheidungen ben\u00f6tigt, die einem f\u00fcr den eigenen moralischen Werdegang als existenziell und unabdingbar erscheinen. Es handelt sich um die Auseinandersetzung Natan Sznaiders mit dem neuen Buch des indischen Denkers Pankaj Mishra: \u201eDie Welt nach Gaza\u201c (2025, Fischer Verlag). Die Besprechung von Sznaider findet sich als Gratistext in der Stuttgarter Zeitschrift Merkur, Ausgabe vom Juni 2025. Vorweg sollte ich vielleicht anmerken, dass ich etwas verquer vorgegangen bin: zuerst die Kritik, dann das kritisierte Buch, dann wieder die Kritik. Denn mit dem Werk von Pankaj Mishra wollte ich zuerst nichts zu tun haben. Ich vermutete da wieder nur eine dreiste, unversch\u00e4mt apodiktische \u201epostkoloniale\u201c Streitschrift, ein weiteres Dokument der aus meiner Sicht international um sich greifenden kulturellen und moralischen Verwahrlosung. Vorgenommen habe ich mir das Buch schlie\u00dflich dann doch \u2013 in seinem Teil 1: \u201eDie Nachleben der Shoah\u201c und Teil 2: \u201eErinnerung an die Erinnerung an die Shoah\u201c. Aber eben nur, weil Sznaider es bei allen seinen grunds\u00e4tzlichen Einw\u00e4nden ernst nimmt und eingehend w\u00fcrdigt. Jemand wie Natan Sznaider, der &#8211; wie mir wieder einfiel &#8211; schon fr\u00fch und damals schon frei von unserer speziell deutschen Befangenheit in der Frage der Vergleichbarkeit der Shoah mit anderen F\u00e4llen von V\u00f6lkermord &#8211; \u00fcber die \u201eUniversalisierung\u201c des Holocausts nachgedacht hatte. (Vgl. Daniel Levy\/ Natan Sznaider, Erinnerung im globalen Zeitalter: Der Holocaust, Frankfurt\/Main 2007)<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<h3 class=\"wp-block-heading\">2.<\/h3>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Aber hier die Passage in der Kritik von Sznaider, die mich wieder zur Besinnung gebracht hat. Oder weniger pathetisch: der dort entfaltete Gedanke, auf den ich selbst nie gekommen w\u00e4re; den ich aber, als ich ihn hier auf einmal zu lesen bekam, sogleich als mein tiefstes, allersch\u00f6ntes geistiges Eigentum empfand:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eMishra gibt den allwissenden Intellektuellen mit privilegiertem Zugang zur Wahrheit und glaubt auf Grund dessen, f\u00fcr die Unterdr\u00fcckten sprechen zu k\u00f6nnen, ohne sie \u00fcberhaupt zu fragen. Er liest j\u00fcdische Denker und Denkerinnen wie Hannah Ahrendt, Primo Levi, Sigmund Freud, Jean Am\u00e9ry, Franz Kafka, Marcel Proust, Joseph Roth. Isaak Babel, Ossip Mandelstam, Zygmunt Bauman und andere. Es ist eine gewaltige j\u00fcdische Genealogie, die er auflistet, und er hat sie bestimmt gewinnbringend f\u00fcr sich und seine Leser und Leserinnen angeeignet. Es ist wichtig f\u00fcr ihn, seine Darlegungen mit Argumenten von j\u00fcdischen Denkern und Denkerinnen zu unterf\u00fcttern. Damit versucht er auch, dem Vorwurf des Antisemitismus zu entkommen. Und das ist auch richtig, denn dieser Vorwurf ist in der Tat viel zu oft instrumentalisiert worden und lenkt von den wichtigen politischen Fragen ab. Es ist nicht genug, sich einem Argument zu verweigern, weil es vielleicht antisemitische Vorurteile bedient.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Es ist beeindruckend, wie sich Mishra auf j\u00fcdische Intellektuelle beruft, aber er liest ihre Geschichten nicht als partikular erfahrene Gewaltgeschichten. Wie k\u00f6nnte er auch? Er versteht die pers\u00f6nlichen, famili\u00e4ren und kollektiven Geschichten von Juden und J\u00fcdinnen nicht wirklich, aber er eignet sie sich an. Das ist die St\u00e4rke und die Schw\u00e4che des Buches zugleich, denn Mishra schafft es, diese partikularen Erfahrungen zu verallgemeinern. Es sind genau diese Geschichten, die am Ende unsere politischen Leidenschaften pr\u00e4gen. Und er vermittelt seinen Lesern, dass diese seine Leidenschaften in Indien geformt wurden. Ich verstehe selbstverst\u00e4ndlich die Versuchung, universell, europ\u00e4isch, progressiv, inkludierend zu denken und zu f\u00fchlen. Es ist aber auch gleichzeitig eine Versuchung, die in ihrem eigenen Fortschrittsgedanken befangen bleibt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Gleichzeitig verstehe ich die Versuchung, die Welt partikular und j\u00fcdisch zu betrachten. Auch diese Versuchung ist mir nicht fremd. Ihm scheint sie aber fremd zu sein. So liest er Jean Am\u00e9rys Zeugnis \u00fcber seine erlittene Folter unter den Nazis als Metapher f\u00fcr Folter \u00fcberhaupt und insbesondere f\u00fcr die von Israelis ausgef\u00fchrte Folter. All das ist richtig, aber er \u00fcbersieht dabei vieles. Am\u00e9ry war Jude und auch Philosoph. Er war Fl\u00fcchtling, Widerstandsk\u00e4mpfer. Er wurde von den Nazis inhaftiert, gefoltert und nach Auschwitz deportiert. 1978 nahm er sich in Salzburg das Leben. Am\u00e9ry schrieb \u00fcber Freiheit und W\u00fcrde und \u00fcber den gewaltvollen Kampf, um diese zu erlangen. Damit kann und will sich Mishra identifizieren. Am\u00e9ry schrieb auch \u00fcber das Ghetto und die Vernichtungslager, indem er die Situation der zum Tode verurteilten Juden und der Kolonisierten differenziert betrachtet. Das Ghetto war f\u00fcr ihn der Warteraum des Todes, denn nur der Tod war sicher. Er schreibt von der totalen Einsamkeit des Ghettojuden, die anders war als die Einsamkeit er unterdr\u00fcckten Kolonisierten. Es ging allein um den Tod und nicht um Ausbeutung. Am\u00e9ry verweigert sich jeglichem Vergleich und pocht auf die Singularit\u00e4t des Holocaust. Und Am\u00e9ry klagt am Ende seines Lebens den linken Antisemitismus an. Dieser Am\u00e9ry passt nicht in Mishras Deutung.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>So wenig wie auch Hannah Arendt, die auch f\u00fcr jeden, der sie gelesen hat, \u201enicht nur die Universalistin\u201c war, \u201edie Mishra ertr\u00e4umt ins Feld f\u00fchrt\u201c. \u201eArendt spricht aus ihrer eigenen j\u00fcdischen Erfahrung von Flucht, Vertreibung und Vernichtung.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<h3 class=\"wp-block-heading\">3.<\/h3>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Das ist aus meiner Sicht der Kerngedanke Natan Sznaiders gegen Pankaj Mishra und sein Pl\u00e4doyer f\u00fcr einen universalistischen Humanismus, der sich hier als abstrakt, als abgehoben, als entleert zur\u00fcckgewiesen sieht: als ein sich letztlich autorit\u00e4r \u00fcber die realen Menschen, hier die Juden, und ihre Geschichte erhebender Moralanspruch. Der kosmopolitische, sich ausschlie\u00dflich an der globalen Geltung der Menschenrechte orientierende Diskurs ist danach also nicht die vornehmste, die legitimste aller moralischen Denkungsarten, sondern im Gegenteil eine verarmte, verflachte, schematische, ideologisierte Version. Das ist erst einmal zu verarbeiten, und mir gen\u00fcgt es auch bereits v\u00f6llig, um meine vorschnelle und tendenzi\u00f6se politische Abwendung von Israel zur\u00fcckzunehmen. Aber Natan Sznaider spricht in dieser Auseinandersetzung mit Pankaj Mishra nicht nur ein j\u00fcdischer Geschichtsdenker, der sich vor Jean Am\u00e9ry und Hannah Arendt und die anderen schreibenden \u00dcberlebenden des Holocaust stellt. Er spricht hier auch als B\u00fcrger des Staates Israel. Als ein Staatsb\u00fcrger, der nichts unterschl\u00e4gt oder verharmlost, was dieser sein Staat aus sich macht \u2013 und das nicht erst seit dem 7. Oktober 2023. Der sich andererseits aber auch nicht vorstellen kann, aus seiner politischen Existenz herausspringen, um wieder ein Diasporajude zu werden. (Anders als Arnon Gr\u00fcnberg es jetzt einigerma\u00dfen unverfroren durchspielt: \u201eDiasporismus, in: Lettre International, 149, 2025). Aussteigen in ein Dasein ohne die direkte, institutionell gesicherte, demokratische Mitverantwortung f\u00fcr einen eigenen souver\u00e4nen Staat, sein Selbstverst\u00e4ndnis, seine Macht, seine Politik? Der Unterschied zu der Verurteilung (ohne politischen Vorschlag), wie Pankaj Mishra sie in seinem Buch vortr\u00e4gt, ist nicht der zwischen Wahrheit und Besch\u00f6nigung, zwischen Bruch und Loyalit\u00e4t, Staatstreue um jeden Preis. Er liegt vielmehr darin, dass diese innerisraelischen Fundamentalkritiker die Suche nach einer gerechten L\u00f6sung dieses unabsehbaren Konflikts noch nicht aufgegeben wollen. Der Text von Natan Sznaider ist au\u00dferordentlich dicht geschrieben. Moshe Zimmermann, \u201eNiemals Frieden. Israel am Scheideweg\u201c (2024, Ullstein Verlag) hinzuzunehmen, kann dem deutschen Beobachter sehr helfen.<\/p>\r\n<hr \/>\r\n<p>Dieser Beitrag wurde zuerst am 6.7.2025 auf <a href=\"https:\/\/www.zeitenwende.online\/2025\/07\/06\/nur-noch-ein-staat-unter-anderen\/\">zeitenwende.online<\/a> ver\u00f6ffentlicht.<\/p>\r\n\r\n\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. Die deutsche Au\u00dfenpolitik gegen\u00fcber Israel ist ein gro\u00dfes, scharf kontroverses Thema. Hier eine pers\u00f6nliche \u00dcberlegung dazu. Ich habe mich n\u00e4mlich gefragt, ob Israel mittlerweile f\u00fcr mich &#8211; zum ersten Mal in meinem Leben &#8211; ein Staat ohne Bezug zum Holocaust ist. 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