{"id":421,"date":"2025-10-21T13:30:52","date_gmt":"2025-10-21T11:30:52","guid":{"rendered":"https:\/\/koehler-kn.de\/ernst\/?p=421"},"modified":"2025-10-21T13:32:00","modified_gmt":"2025-10-21T11:32:00","slug":"ue-b-e-r-v-e-r-a-n-t-w-o-r-t-u-n-g-dimensionen-buergersinn-selbstueberforderung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/koehler-kn.de\/ernst\/ue-b-e-r-v-e-r-a-n-t-w-o-r-t-u-n-g-dimensionen-buergersinn-selbstueberforderung\/","title":{"rendered":"\u00dc b e r  V e r a n t w o r t u n g  \u2013 Dimensionen, B\u00fcrgersinn, Selbst\u00fcberforderung"},"content":{"rendered":"<p>\n  1.\n<\/p>\n<p>\n  Unsere Demokratie ist gef\u00e4hrdet. Von au\u00dfen, aber auch von innen, und die Zerst\u00f6rungsversuche verschr\u00e4nken sich \u00fcber nicht immer gleich durchschaute Strategien miteinander. Inzwischen ist es schwierig, sich \u00fcber die kombinierten, miteinander verzahnten Gefahren noch Illusionen zu machen. Auch f\u00fcr jemanden wie mich, der die letzten drei Jahre im Grunde nur ein Thema hatte: den Vernichtungskrieg Putin-Russlands gegen die Ukraine. Ein Exzess der Gewalt nach au\u00dfen gegen den Zerfall von Legitimation und Macht im Inneren: in Russland selbst, in der russl\u00e4ndischen F\u00f6deration und dar\u00fcber hinaus auch im bisher noch von Russland kontrollierten postsowjetischen Umfeld wie in Georgien oder Kasachstan. Terroristisch gegen die ukrainische Zivilbev\u00f6lkerung gerichtet, weil milit\u00e4risch erfolglos. \u00d6konomisch wie gesellschaftspolitisch selbstzerst\u00f6rerisch, wie immer deutlicher wird. Ein \u201eImperialismus\u201c ohne Imperium also, ein Terrorstaat aus Furcht vor der eigenen Gesellschaft. Woher, bitte, sollte angesichts der Wahnhaftigkeit und der Aussichtslosigkeit dieses Angriffs auf Recht und Freiheit in Europa ein Selbstzweifel am Bestand unserer eigenen Demokratie kommen? Aber keine Ausrede, es war ein zu enger Fokus der Zeitbeobachtung. So etwas l\u00e4sst sich bestenfalls als fachliche Spezialisierung vertreten. Die Laien, die wir werden wollen, m\u00fcssen versuchen, keine Dimension des laufenden Epochenbruchs einfach zu verdr\u00e4ngen. Hier im Nachholbedarf ein Blick auf neue und neu entdeckte Literatur.\n<\/p>\n<p>\n  Wenn es so existentiell wird, f\u00e4ngt man bei sich selbst an. Also bei den Deutschen, und zwar besser nicht schon wieder gleich bei gewissen ostdeutschen Besonderheiten, die sich so aufdringlich daf\u00fcr anzubieten scheinen. Kurz gesagt: Die politische Leistung liegt vor uns, nicht hinter uns. Die alte \u00dcberzeugung, wir h\u00e4tten \u201e68\u201c die Bundesrepublik ein f\u00fcr alle Mal von unten durchdemokratisiert, mag noch nicht ganz weg sein \u2013 sie ist schlie\u00dflich unser Stolz und Selbstbild. Aber langsam wirkt sie doch schon etwas nostalgisch. (Bei mir war sie bis gestern noch so fest und robust, dass ich die schon recht fr\u00fche Warnung des weltbekannten amerikanischen Osteuropahistorikers Timothy Snyder vor der strategischen Zusammenarbeit des Kreml mit zahllosen, politisch organisierten Putin-Freunden in Deutschland und ganz Europa als blo\u00dfen Albtraum abtun zu d\u00fcrfen glaubte.) Als eine inspirierende Handreichung zu der gebotenen Ern\u00fcchterung empfehle ich: <em>Daniel Cohn<\/em>&#8211;<em>Bendit und Claus Leggewie<\/em>, \u201eZur\u00fcck zur Wirklichkeit. Eine politische Freundschaft\u201c, 2025 (Klaus Wagenbach). Die beiden Autoren, die man kaum vorstellen muss, stellen hier ihren politischen Weg als (linksliberale) Demokraten dar: abwechselnd ihre je eigene Jugend (\u201eGegenw\u00e4rtige Geschichten\u201c); dann ihre Lernprozesse, Entscheidungen,  die praktischen Aufgaben, die sie sich gestellt haben (\u201eRealit\u00e4tstests\u201c); schlie\u00dflich ihre aktuellen Positionen  und  Forderungen (\u201eZeitdiagnosen\u201c). Bei all seiner Eigenst\u00e4ndigkeit, seinem Mut des \u00f6ffentlichen Wortes und der authentischen Weltkenntnis \u2013 auch Claus Leggewie ist in Frankreich und seiner Zeitgeschichte zu Hause: in dem souver\u00e4nen Zeugnis erkennt sich auch der Zeitgenosse aus der Provinz wieder. Man f\u00fchlt sich gepackt, ermutigt und, wie soll ich sagen, anerkannt.\n<\/p>\n<p>\n  Hier nur zwei eher kurze Zitate, die aber unmissverst\u00e4ndlich offenlegen, was f\u00fcr die Autoren politische Verantwortung hei\u00dft. Zuerst doch wieder ein Gedanke zur Au\u00dfenpolitik, dem ich selbst viel verdanke und dem ich mich verpflichtet f\u00fchle (bis zur Einseitigkeit eben). Es ist eine gewohnt l\u00e4ssige, gleichsam wegwerfende Bemerkung von Daniel Cohn-Bendit zu seinem bisher vielleicht wichtigsten Beitrag als politischer Denker und Aktivist \u00fcberhaupt &#8211; \u00fcber den Bosnien-Krieg 1992-1995:\n<\/p>\n<p><em>Wir organisierten 1993 eine Veranstaltung zu \u201e25 Jahre 1968\u201c in Frankfurt, in der das unerh\u00f6rte Ereignis mit der \u00fcblichen Routine abgefeiert wurde. Ich war furchtbar gelangweilt und stellte die Frage an das Podium, warum sie kein Wort zu Bosnien verl\u00f6ren und ob es f\u00fcr Revoluzzer wie sie nicht angebracht w\u00e4re, das von den Serben angegriffene Land zu unterst\u00fctzen. Joschka Fischer sch\u00fctzte seinen Sohn, Jahrgang 1979, vor, als k\u00f6nne er nicht selbst entscheiden, ob er in einen Krieg ziehen will. Oskar Negt bekam Schnappatmung: Ein 68er m\u00fcsse im Gegenteil gegen jede milit\u00e4rische Intervention auf die Stra\u00dfe gehen. (<\/em>Daniel Cohn-Bendit\/Claus Leggewie, \u201eZur\u00fcck zur Wirklichkeit\u201c, S. 66)\n<\/p>\n<p>\n  Dieser Zwischenruf war in der Substanz ein vision\u00e4rer Sichtwechsel und hat dann bekanntlich zu einem regelrechten \u00f6ffentlichen Durchbruch gef\u00fchrt, zu einem grundlegenden politischen Umdenken keineswegs nur bei den Gr\u00fcnen. Auch wenn die sp\u00e4tere Beteiligung der Bundeswehr an der Intervention der NATO in den erneut v\u00f6lkerm\u00f6rderischen Kolonialkrieg Serbiens gegen das Kosovo (1999) &#8211; ohne UN-Mandat \u2013 das liberale und linke Spektrum in Deutschland bis heute spaltet.\n<\/p>\n<p>\n  Aber dann eine Stellungnahme der Verfasser zu der laufenden Migrationsdebatte, mit der wir nun endlich zu der Gef\u00e4hrdung unserer rechtstaatlichen Demokratie von innen kommen:\n<\/p>\n<p><em>Der Haupteinwand der restriktiven Fl\u00fcchtlings- und Migrationspolitik gilt dem angeblichen Wirklichkeitsverlust der Bef\u00fcrworter offener Grenzen und einer menschenw\u00fcrdigen Asylpolitik. Sie m\u00fcssten, sagt die hei\u00df laufende Polemik, endlich die Wirklichkeit zur Kenntnis nehmen, die mit Stichworten wie Messerstecher, Sozialbetrug, Schlepper und dergleichen belegt wird. Real ist die starke Belastung durch Einwanderung und Flucht, die wohlsituierte Mittel- und Oberschichten gerne bei den Unterschichten diagnostizieren, jenen \u201ehard working people\u201c, die freigestellte Studienr\u00e4te wie Bj\u00f6rn H\u00f6cke, Pleite-Milliard\u00e4re wie Donald Trump und Ex-Kommunistinnen wie Sahra Wagenknecht inbr\u00fcnstig in Schutz nehmen. Der Trump-Adept, der alerte Kapitalmanager und in den US-Senat katapultierte J.D. Vance, hat ihnen in der HILLBILLY ELEGIE eine Schmonzette gewidmet. F\u00fcr die Hillbillys hat er mittlerweile nur noch Verachtung \u00fcbrig \u2013 sie sollen es ihm gleichtun und gef\u00e4lligst hart arbeiten.<\/em>\n<\/p>\n<p><em>Das Thema Migration hat Europa wieder einmal im Griff, es weckt politische Leidenschaften, die man sich f\u00fcr die Bek\u00e4mpfung des Klimawandels und der wachsenden sozialen Ungleichheit w\u00fcnschen w\u00fcrde. Bis weit in die Ampelparteien hinein reden mittlerweile alle wie die AfD 2015, deren Stimmanteile Friedrich Merz zu halbieren versprach, die sich seither aber verdoppelt haben. Der CDU-Vorsitzende kann von Giogia Meloni lernen, die als Premierministerin die Migration auch nur ein Zehntel einzud\u00e4mmen vermag. Das ist die Wirklichkeit, die Konservative verdr\u00e4ngen. Dass es eben nicht leicht ist, einen durch die Folgen brutaler B\u00fcrgerkriege, massiver Umweltverw\u00fcstung und wachsender Zukunftslosigkeit entstandenen Druck zu mildern. Davor die Augen zu verschlie\u00dfen ist die Verleugnung der globalen Wirklichkeit. \u201eMultikulti- Phantasten\u201c eine Entwicklung in die Schuhe zu schieben, die arabische und asiatische Despoten und vor allem Wladimir Putin zu verantworten haben, ist perfide. (Ebenda, S. 108, 109)<\/em>\n<\/p>\n<p>\n  Kein Kommentar. Ich f\u00fcge nur etwas unfroh an, dass ich selbst f\u00fcr mein Teil zu dem Buch von J.D. Vance seinerzeit eine ganz begeisterte Besprechung ver\u00f6ffentlicht habe. (Wenn die Arbeiter rechts w\u00e4hlen, in: Lettre International, 116, 2017)\n<\/p>\n<p>\n  2.\n<\/p>\n<p>\n  Wenn wir uns unserer Verantwortung als einfache B\u00fcrger ohne Amt und Mandat stellen m\u00f6chten, ist eine wertvolle gedankliche Hilfe auch <em>Judith N. Shklar <\/em>mit ihrer fordernden Theorie der Freiheit. Die ebenfalls auf dem selbstbestimmten Eingreifen des einzelnen B\u00fcrgers in die allgemeinen Lebensbedingungen im Staat insistiert. Vorrangig an der Seite der Schw\u00e4chsten, der <em>Opfer, <\/em>wie sie auch jede Demokratie und jeder Rechtsstaat in der Welt hervorbringe. Unweigerlich und reichlich. Die Opfer unserer stolzen Verfassungsstaaten m\u00fcssten aber erst einmal ausgemacht, aus dem Dunkeln, aus ihrer sozialen Unsichtbarkeit herausgeholt werden. Sie seien von falschen, nur selbsterkl\u00e4rten \u201eOpfern\u201c zu unterscheiden, anzuerkennen, anzuh\u00f6ren, zu verstehen. Empathie, Schutz, Recht f\u00fcr jeden Menschen ganz unten oder au\u00dfen. F\u00fcr die Fl\u00fcchtlinge und Migranten zum Beispiel, wenn man den Ansatz auf das die Politik der neuen deutschen Regierung beziehen will.\n<\/p>\n<p>\n  Zun\u00e4chst ein Zitat aus der Einleitung von <em>Judith N. Shklar<\/em>, \u201e\u00dcber Ungerechtigkeit. Erkundungen zu einem moralischen Gef\u00fchl\u201c(Berlin 2021, Matthes &amp; Seitz).  Das Buch ist zuerst 1990 erschienen (unter dem Titel <em>The Faces of Injustice ) :<\/em>\n<\/p>\n<p><em>Unter passiver Ungerechtigkeit verstehe ich nicht unsere gewohnheitsm\u00e4\u00dfige Gleichg\u00fcltigkeit gegen das Elend anderer, sondern ein weitaus begrenzteres und spezifisch staatsb\u00fcrgerliches Versagen, privaten und \u00f6ffentlichen Akten der Ungerechtigkeit Einhalt zu gebieten. Die M\u00f6glichkeit, dass B\u00fcrger pr\u00e4ventiv t\u00e4tig werden, ist in freien Gesellschaften weitaus gr\u00f6\u00dfer als in von Furcht bestimmten autorit\u00e4ren, weshalb ich sie als einen Aspekt der Verpflichtung von B\u00fcrgern konstitutioneller Demokratien behandeln werde. Tats\u00e4chlich geht es in diesem Buch, obwohl ich Beispiele aus vielen Orten und Zeiten heranziehen werde, in Wirklichkeit um Amerika \u2013 nicht etwa, weil die amerikanische Gesellschaft die ungerechteste w\u00e4re, sondern weil ich sie am besten kenne und weil man, wenn man \u00fcber Ungerechtigkeit schreibt, mit dem Finger ebenso gut auf sein eigenes Land zeigen kann. Zudem ist die Frage, was es eigentlich bedeutet, Staatsb\u00fcrger zu sein, in Amerika bis auf den heutigen Tag ein stetiger Gespr\u00e4chsgegenstand gewesen. Als B\u00fcrger, werde ich im Folgenden zeigen, sind wir passiv ungerecht, wenn wir Verbrechen nicht anzeigen, beiseite schauen, wo wir Betr\u00fcgerei und kleinere Diebst\u00e4hle sehen und schweigend Gesetze akzeptieren, die wir f\u00fcr ungerecht, unklug oder grausam halten.\u201c<\/em>\n<\/p>\n<p>\n  \u201eStetiger Gespr\u00e4chsgegenstand\u201c ist hier nicht minimalistisch zu verstehen.  Es ist das Understatement von jemandem, der sich der demokratischen Tradition und Kultur seines Landes sicher ist. 2025 h\u00e4tte die Autorin es nicht mehr so niederschreiben k\u00f6nnen. Selbst im Umfeld von amerikanischen Spitzenuniversit\u00e4ten scheint man gegenw\u00e4rtig m\u00f6glichst gar nicht mehr \u00fcber die rassistische Hetze und Gewalt der Regierung gerade gegen die \u201eLetzten\u201c, die Allerschw\u00e4chsten reden zu zu wollen. Schweigen statt Kommunikation. Aber lieber noch ein St\u00fcckchen mehr aus diesem unvergleichlich genauen Text:\n<\/p>\n<p><em>Man muss sich klarmachen, dass passive Ungerechtigkeit ein Begriff ist, der sich strikt aus der Vorstellung dessen ergibt, was es hei\u00dft, ein Staatsb\u00fcrger zu sein. Er muss nicht von irgendeiner besonderen Moraltheorie untermauert sein, weder von negativen noch von positiven Spielarten des Utilitarismus, auch nicht von Vertragstheorien oder einer Pflichtenlehre. Alle diese Entw\u00fcrfe k\u00f6nnten dazu dienen, eine Theorie aktiver republikanischer B\u00fcrgerschaft zu entwickeln, die passive Ungerechtigkeit verurteilt. Rein menschliche moralische Konflikte w\u00e4ren f\u00fcr eine solche Theorie au\u00dferdem keine Themen. Passive Ungerechtigkeit bezieht sich auf unsere \u00f6ffentlichen Rollen und ihren politischen Kontext \u2013 auf die Tatsache, dass wir B\u00fcrger in einer konstitutionellen Demokratie sind. Von Untertanen einer Schreckensherrschaft, sei sie nun modern oder traditionell, kann man vern\u00fcnftigerweise nicht erwarten, dass sie sich wie B\u00fcrger einer freien Republik verhalten. Letztere haben andere Rechte, Verantwortlichkeiten, M\u00f6glichkeiten und Erwartungen aneinander. Passive Ungerechtigkeit bezeichnet das Versagen dieser republikanischer B\u00fcrger ihre  haupts\u00e4chlichen Aufgaben wahrzunehmen: n\u00e4mlich darauf zu achten, dass die Regeln der Gerechtigkeit aufrechterhalten werden, und aktiv jene informellen Beziehungen zu unterst\u00fctzen, auf denen die republikanische Ordnung beruht und die ihr Ethos vorschreibt. Es sollte ihnen nicht gen\u00fcgen, darauf zu warten, dass staatliche Instanzen einschreiten, wenn ein klar zutage tretendes \u00f6ffentliches Unrecht begangen worden ist.\u201c <\/em>(Hier zitiert nach der Ausgabe des Werkes, Berlin 2021, Matthes &amp; Seitz Verlag, S.14 und S. 69)\n<\/p>\n<p>\n  Wieder ein Fall von unmittelbarer, f\u00fcr jedermann ohne weiteres nachvollziehbarer Relevanz von \u201ehoher\u201c Theorie f\u00fcr die Alltagspraxis. (\u201eLebenswelt\u201c ist ja auch ein Begriff der zeitgen\u00f6ssischen Philosophie.) Was f\u00fcr eine Vorstellung von Freiheit und Demokratie unseren gegenw\u00e4rtigen Kanzler und Innenminister umtreibt, ist eine andere Frage.\n<\/p>\n<p>\n  Die gro\u00dfe j\u00fcdisch-amerikanische Denkerin (1928-1992) war f\u00fcr mich bisher kein Begriff, nicht einmal ein Name. Der amerikanische Rechtsphilosoph <em>Samuel Moyn<\/em> hat sie aber jetzt auch einem breiteren deutschen Publikum erschlossen und nahegebracht: \u201eDer Liberalismus gegen sich selbst. Intellektuelle im Kalten Krieg und die Entstehung der Gegenwart\u201c, (Berlin 2024, Suhrkamp Verrlag). Die Studie widmet sich dem westlichen \u201eKalter-Krieg-Liberalismus\u201c (Isaiah Berlin, Karl Popper, Gertrude Himmelfarb, Hannah Arendt, Lionel Trilling), der danach noch ganz im Zeichen, im Bann der Menschheitskatastrophen des 20.Jahrhunderts bleibt: Weltkrieg, Nationalsozialismus, Stalinismus. Seine Theorie der Freiheit sei noch ganz bestimmt vom Bewusstsein andauernder Bedrohung , der Sorge vor der niemals auszuschlie\u00dfenden M\u00f6glichkeit, dass sich alles  w i e d e r h o l e n  k\u00f6nnte: der \u201eTotalitarismus\u201c von rechts und links , die uferlose Menschenvernichtung durch hochmoderne Staaten, die \u00fcber alles verf\u00fcgen, was sie dazu brauchen. So ziemlich im Alleingang habe Judith N. Shklar diese Blockierung, R\u00fcckw\u00e4rtsgewandtheit, Verengung, Sterilit\u00e4t der zutiefst traumatisierten politischen Philosophie ihrer Zeit erfasst, auseinandergenommen und den Entwurf eines anderen Freiheitsgedankens dagegengestellt: Nicht mehr allein die Unverletzlichkeit des Individuums,  die Verteidigung  und Rettung des Menschen ist jetzt der leitende Gedanke, sondern weitaus mehr: n\u00e4mlich die aktive Gestaltung des Gemeinwesens durch seine B\u00fcrger. Im Interesse von mehr Anstand, von mehr Gerechtigkeit, von mehr Menschlichkeit f\u00fcr alle. (Ich benutze hier den Konjunktiv, nicht weil ich es besser w\u00fcsste, sondern weil ich dem Werk Judith N. Shklars gegen\u00fcber erst am Anfang stehe. Bei aller Anleitung &#8211; etwa durch den erhellenden Aufsatzband \u201eJudith N. Shklar, Der Liberalismus der Furcht\u201c, Berlin, dritte Auflage 2020, Matthes &amp; Seitz Verlag. F\u00fcr unsereins w\u00e4re es auch nicht schlecht, wenn das klassische Buch der Denkerin &#8211; <em>After Utopia.The Decline of Political Faith<\/em>, zuerst erschienen 1957 \u2013 langsam mal ins Deutsche \u00fcbersetzt werden k\u00f6nnte.)\n<\/p>\n<p>\n  3.\n<\/p>\n<p>\n  Wir bleiben in Amerika. Aber nicht mehr in dem von Judith N. Shklar, sondern in einem Amerika auf dem Weg zur Diktatur &#8211; wenn auch eine mit der alten amerikanischen Demokratie \u201eam Hals\u201c. Wieder bei den \u201eHillbillys\u201c, diesmal in Ostkentucky (aber nicht mehr verf\u00fchrt vom beschw\u00f6renden biographischen Zeugnis eines machtgeilen Trumpisten aus dieser sozialen Welt, der sie verr\u00e4t, als er oben ist). Wir halten uns an ein St\u00fcck herausragender wissenschaftlicher Literatur: Arli <em>Russel Hochschild<\/em>, \u201eGeraubter Stolz. Verlust, Scham und der Aufstieg der Rechten\u201c, 2025 (Hamburger Edition Verlag).\n<\/p>\n<p>\n  Mit der Verantwortung des einzelnen B\u00fcrgers sehen wir uns hier radikal anders konfrontiert.Nicht mehr mit der vergessenen; nur schwach und kr\u00e4nkelnd ausgebildeten; wenn \u00fcberhaupt jemals im Herzen von so vielen B\u00fcrgern geborenen, dass es einen Unterschied macht. Hier sehen sich die B\u00fcrger nicht dazu aufgerufen, sich auch pers\u00f6nlich einzumischen und f\u00fcr den Zustand der Gesellschaft im Gro\u00dfen und Ganzen mitverantwortlich zu f\u00fchlen, in der sie nun einmal leben. Hier ist jetzt vielmehr von B\u00fcrgern die Rede, die \u2013 gewisserma\u00dfen andersherum &#8211; ihre pers\u00f6nliche Verantwortung f\u00fcr sich selbst und ihre Familien derma\u00dfen absolut setzen, das sie die Abh\u00e4ngigkeit ihres Existenzkampfes von \u00fcbergeordneten, oft globalen wirtschaftlichen Prozessen &#8211;  jenseits aller pers\u00f6nlichen Kontrolle  &#8211;  niemals anerkennen w\u00fcrden. Eine so verstandene, widerst\u00e4ndige, eisern selbstbezogene, blind tapfere Version von Verantwortungsbewusstsein kann den betreffenden Menschen &#8211; meist Mann, wei\u00dfer Mann \u2013 auch in einen Abgrund hineinziehen.  Die Autorin f\u00fchrt diese Sichtweise auf ein <em>Stolzparadox <\/em>zur\u00fcck, in dem sich das halbe Land anscheinend hoffnungslos verf\u00e4ngt: vor allem die Bev\u00f6lkerung in den republikanisch beherrschten Bundesstaaten der USA:\n<\/p>\n<p><em>Die gr\u00f6\u00dfte Bedeutung als Grundlage f\u00fcr Stolz besitzt unsere N\u00e4he zum amerikanischen Traum. Dieser Begriff, den der Autor und Historiker James Truslow Adams 1931 pr\u00e4gte, beinhaltet die Vorstellung von einem Leben in der Mittelschicht \u2013 einem sicheren Arbeitsplatz, einem Haus, einem Auto \u2013 und die Vorstellung, sich hochzuarbeiten und mehr zu verdienen als der eigene Vater. <\/em>\n<\/p>\n<p><em> Dieser Traum beinhaltet jedoch ein verstecktes Paradox, das unterschiedliche kulturelle Welten schafft \u2013 eine Welt republikanischer Bundesstaaten mit geringeren Chancen und strikteren Erwartungen und eine Welt demokratischer Bundesstaaten mit besseren Chancen und weniger strikten Erwartungen. In der Welt der republikanischen Bundesstaaten sind diejenigen, die den amerikanischen Traum nicht erreichen k\u00f6nnen, anf\u00e4llig f\u00fcr Scham, wie wir sehen werden\u2026<\/em>\n<\/p>\n<p><em>Aber zun\u00e4chst zu dem Paradox selbst. Es besteht aus zwei Teilen: aus dem Vorhandensein wirtschaftlicher Chancen in der eigenen Region und aus den eigenen kulturellen \u00dcberzeugungen \u00fcber die Verantwortung, sie zu nutzen. Etwa ab 1970 entwickelte sich in den USA eine Spaltung zwischen zwei Wirtschaften \u2013 die der Gewinner und die der Verlierer der Globalisierung. Zunehmende Chancen boten wirtschaftlich diversifizierte St\u00e4dte und Regionen, oftmals Standorte neuerer, weniger anf\u00e4lliger Industrien, die typischerweise Arbeitskr\u00e4fte mit College-Abschluss in Dienstleistungs- und Tech-Branchen. Abnehmende Chancen gab es in l\u00e4ndlichen und halbl\u00e4ndlichen Gegenden mit Arbeitspl\u00e4tzen f\u00fcr Arbeiter in \u00e4lteren Fertigungsindustrien, die anf\u00e4lliger f\u00fcr Verlagerung ins Ausland und f\u00fcr Automatisierung waren. Dazu geh\u00f6ren auch Regionen mit Arbeitspl\u00e4tzen in der F\u00f6rderung von \u00d6l, Kohle und anderen Mineralien, bei denen die Nachfrage von den Schwankungen am Weltmarkt abh\u00e4ngt. Die urbane Mittelschicht, die zu den Demokraten tendiert, entwickelte sich zu einem sogenannten Mobilit\u00e4tsinkubator, w\u00e4hrend viele l\u00e4ndliche, von Arbeitern dominierte Gegenden, die nun zu den Republikanern tendierten, zu Mobilit\u00e4tsfallen wurden\u2026.<\/em>\n<\/p>\n<p><em>Der zweite Teil des Paradoxes liegt in Kernvorstellungen \u00fcber harte Arbeit und die individuelle Verantwortung f\u00fcr die eigenen wirtschaftlichen Geschicke. Bei den meisten von uns sind die Ansichten des amerikanischen Traums mit einer Vorstellung von Individualismus verkn\u00fcpft. Das ist der grundlegende Glaube an das, was der Soziologe Max Weber als protestantische Ethik bezeichnet und als Triebkraft des Kapitalismus einstufte. Harte Arbeit geht mit der Vorstellung von individueller Verantwortung einher. Wenn du erfolgreich bist, rechne es dir voll an. Wenn du scheiterst, bist du ebenfalls allein daf\u00fcr verantwortlich\u2026Mehr Republikaner als Demokraten halten an der uralten protestantischen Ethik fest, so schwer die Mitglieder beider Parteien auch arbeiten m\u00f6gen\u2026<\/em>\n<\/p>\n<p><em>Unbewu\u00dft setzen Republikaner also h\u00e4rtere Bedingungen f\u00fcr verdienten Stolz an, obwohl sie damit zu k\u00e4mpfen haben, in den am h\u00e4rtesten getroffenen Regionen- die anf\u00e4lliger f\u00fcr Werkschlie\u00dfungen und Lohnk\u00fcrzungen sind \u2013 ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Demokraten f\u00fchre ihre bessere Lage mit gr\u00f6\u00dferer Wahrscheinlichkeit auf \u201eallgemeine Umst\u00e4nde\u201c zur\u00fcck&#8230;Besonders bei den Republikanern war der individuelle amerikanische Traum mit dem der Unternehmen verkn\u00fcpft \u2013 mit dem Traum gr\u00f6\u00dferer Aktion\u00e4rsgewinne. \u00dcber weite Teile des 20.Jahrhunderts funktionierte diese Verkn\u00fcpfung recht gut. Aber ab den 70er Jahren gerieten diese beiden Tr\u00e4ume zunehmend in Konflikt\u2026\u201c <\/em>(Arlie Russel Hochschild, a.a.O., S.40 ff.)\n<\/p>\n<p>\n  Schon diese erste, noch summarische Skizze des bitteren, um nicht zu sagen, tragischen Dramas, das Amerika politisch zerrei\u00dft, l\u00e4sst mich erahnen, dass mein bisheriges Bild von dieser Situation eine Verharmlosung gewesen ist. Brauchte Donald Trump f\u00fcr seinen Aufstieg  und seine zweifache Wahl an die Macht im Staat denn \u00fcberhaupt die vielen Kulturk\u00e4mpfe &#8211; gegen die Frauen, gegen die Schwarzen, gegen die anderen Farbigen, gegen die Immigranten, gegen die gleichgeschlechtlichen Eheschl\u00fcsse, um die Arbeiter, wie ich es unterstellte,  zu vernebeln und davon abzulenken, dass er eine Politik gegen sie und ihre eigentlichen Interessen machen w\u00fcrde? Es spukte da wohl noch so etwas wie ein Schatten des ewig zumindest ein bisschen klassenbewussten \u201eProletariats\u201c in meinem Kopf herum. Aber es sind ja doch Arbeiter, die \u2013 in den Worten von Hochschild &#8211; an eben jenen \u201eungez\u00fcgelten Kapitalismus\u201c glauben, der \u201eden Menschen das Leben schwer macht\u201c: \u201eohne staatliche Unterst\u00fctzung oder Regulierung\u201c. Und ohne Gewerkschaften, die sie vielleicht nicht einmal mehr vermissen.  Aber die Forscherin, eine emeritierte Soziologieprofessorin an der University of California, Berkeley, will n\u00e4her an dieses spezifische Szenarium heran:\n<\/p>\n<p><em>Meine Fragen erwuchsen aus einer Reihe von Vermutungen, die ich aus meiner fr\u00fcheren Forschungsarbeit zu rechtsgerichteten Einwohnerinnen von Louisiana in den Jahren vor der Wahl von Donald Trump zum Pr\u00e4sidenten 2016 durchgef\u00fchrt hatte. ( <\/em>\u201eFremd in ihrem Land. Eine Reise ins Herz der amerikanischen Rechten\u201c, Frankfurt, New York, 2017, Campus Verlag, E.K.) <em>Ich ging von der Annahme aus, dass dem Reiz politischer Kandidaten fast immer Emotionen zugrunde liegen. Ein Mann erkl\u00e4rte mir. \u201eDas Erste, was ein politischer F\u00fchrer anspricht, ist Angst, dann Leid, dann Stolz, dann Scham, vor allem unberechtigte Scham.\u201c<\/em>\n<\/p>\n<p><em>Bevor ich fortfahre, m\u00f6chte ich einige Pr\u00e4missen umrei\u00dfen, da sie den Hintergrund dieser Geschichte bilden. Stolz und Scham signalisieren die Verbindungsstelle zwischen Identit\u00e4t, die wir in der Welt repr\u00e4sentieren, und der Reaktion der Welt auf unsere Identit\u00e4t. Stolz fungiert sozusagen als emotionale \u201eHaut des Selbst\u201c, er signalisiert, wann unsere Identit\u00e4t sicher ist, akzeptiert und bewundert wird und wann wir Gefahr laufen, Zur\u00fcckweisung zu erfahren. Er ist unsere innere Reaktion auf unser \u00e4u\u00dferes Erscheinungsbild. Auch Scham f\u00fchlt sich an wie eine \u201eHaut\u201c, die wir ablegen wollen. Wir alle versp\u00fcren den Wunsch nach Stolz und die Furcht vor Scham\u2026Zusammen mit Stolz und Scham erleben wir sekund\u00e4re Einstellungen zu diesen Gef\u00fchlen. Wenn man mich besch\u00e4mt, verdiene ich es, mich zu sch\u00e4men? Oder verdiene ich es, stolz zu sein? Auf welcher Grundlage? \u00dcber solche Gr\u00fcnde gibt es zwar gewisse Streitigkeiten, aber im Grunde \u2013 wenn die Gesellschaft zusammenh\u00e4lt- leben wir in einer nationalen Stolz\u00f6konomie. In meiner Studie zum Petrochemieg\u00fcrtel um Lake Charles in Louisiana hatte ich einen gewissen trotzigen Stolz entdeckt, daher konnte ich Vermutungen \u00fcber eine gr\u00f6\u00dfere, \u00e4hnlich w\u00e4hlende Region im nach rechts tendierenden S\u00fcden anstellen\u2026Als Kindern wird uns ein Platz in der materiellen Wirtschaft zugewiesen, in der wir unseren Weg machen. Das Gleiche gilt f\u00fcr unseren Platz in der Stolz\u00f6konomie. Wir werden in die Region, eine Gesellschaftsschicht, eine r a c e, eine Genderidentit\u00e4t hineingeboren \u2013 und sie alle erh\u00f6hen oder senken unseren Wert in der gr\u00f6\u00dferen Stolz\u00f6konomie\u2026So hat die Kohleregion Appalachia, einst die Hauptquelle von Strom in den USA, einen Niedergang erlebt. Stolz auf den Beruf des Bergarbeiters und auf die moralische St\u00e4rke und die Kenntnisse, die er erfordert, und der Stolz, zu einer f\u00fcr die Nation so bedeutenden Region zu geh\u00f6ren \u2013 all das hat sich ver\u00e4ndert. &#8211; In der Folge f\u00fchlten sich viele, die ich kennenlernte, gesellschaftlich angegriffen, weil sie einen Verlust an \u201estrukturellem\u201c oder \u201e\u00fcbertragenen\u201c Stolz erlitten hatten. Die meisten Menschen sind Tr\u00e4ger des Stolzes oder der Scham einer gr\u00f6\u00dferen Einheit \u2013 einer Region, einer Nation, einer Football-Mannschaft, einer Familie -, deren Stellung in der Stolz\u00f6konomie sich ihrer Kontrolle entzieht (also strukturell ist).\u2026<\/em>(A.a.O., S. 36 f.)\n<\/p>\n<p>\n  \u201eWir\u201c, sagt Arlie Russel Hochschild hier \u00fcberall: Wir Menschen. Wir Amerikaner einbezogen, samt unseren nicht untypischen Eigenheiten in Habitus, Denken, Lebensf\u00fchrung nat\u00fcrlich. Ein gener\u00f6ser, universeller, sozusagen anthropologischer Tonfall, der eingeholt und eingel\u00f6st werden will.  Als die Forscherin dann ernstmacht und von Berkeley tats\u00e4chlich nach Pikeville, eine l\u00e4ndliche Kleinstadt in Ostkentucky, umzieht, dann gleich f\u00fcr mehrere Jahre. Eine methodische Grundentscheidung: Wie h\u00e4tte es auch anders erreicht werden k\u00f6nnen, dass es im gesamten Text keinerlei Gef\u00e4lle zwischen der Fragestellerin und den von ihr Befragten gibt. Es gibt nur gleiche Augenh\u00f6he, gute Manieren, abwartende, geduldige Suche nach Kontakten, besser Begegnungen, auch immer wieder mit dem gleichen Menschen. Neben dichten, instruktiven Informationen zum jeweiligen gesellschaftlichen Kontext kommen in dem Buch nur unverwechselbare Menschen vor. Keine Forschungsklientel, kein Menschenmaterial, nur Pers\u00f6nlichkeiten, die man &#8211; wie auch sonst im Leben &#8211; nur mit der Zeit kennenlernen kann. Mit Gl\u00fcck und auch nur, wenn die entdeckten Gespr\u00e4chspartner es selber wollen. Und eines sch\u00f6nen Tages aus sich herausgehen und vielleicht etwas sehr Intimes, sehr Schmerzliches \u00fcber sich preisgeben.\n<\/p>\n<p>\n  Auch wenn die meisten von ihnen Trump gew\u00e4hlt haben, dazu auch stehen und \u2013 allen l\u00e4ngst breit ver\u00f6ffentlichten Fakten zum Trotz \u2013 an der L\u00fcge festhalten, 2020 sei ihm die Wahl \u201egestohlen\u201c worden.\n<\/p>\n<p>\n  Die Studie zerf\u00e4llt in drei Teile: Ankunft in Pikeville, erste Gespr\u00e4che mit f\u00fchrenden Leuten und Honoratioren aus Verwaltung und Kulturleben des Provinznests (mit Universit\u00e4t), das sich in dem Moment gerade mit dem Antrag aus Neonazi-Kreisen auf die amtliche Genehmigung eines Marsches mitten durch die Stadt konfrontiert sieht. (\u201eDer Protestmarsch\u201c). Und vor eine schwierige Entscheidung gestellt: Pikeville steht hinter Trump, und zwar ohne Schwanken und Zweifel, aber keiner der Verantwortlichen will diese militante Demonstration. Sie kennen ihre B\u00fcrger, man sieht sich als <em>konservativ<\/em>, man will keinen \u00f6ffentlichen Auftritt des brutalen amerikanischen Rassismus \u2013 alt oder neu &#8211; in seiner Stadt, auf die man schon immer stolz war. Und die Extremisten werden zudem bewaffnet sein, wie hier nicht anders zu erwarten. Sie erhalten die Erlaubnis. Die Verfassung garantiert ihnen die Meinungsfreiheit. Sie werden aber zwischen l\u00fcckenlos aufget\u00fcrmten Barrikaden beiderseits der Stra\u00dfe marschieren m\u00fcssen. Was f\u00fcr die Krawallmacher selbst \u2013 unwillkommen, aber zugelassen; in ihrem Recht respektiert, aber durchgreifend gez\u00e4hmt &#8211; eher eine Dem\u00fctigung werden d\u00fcrfte denn die nassforsche Propagandaschau, die sie wollten.  Es passiert dann auch nichts.\n<\/p>\n<p>\n  Schon gleich bei der Er\u00f6ffnung einer Studie \u00fcber die neue Rechte in den USA also das Bild einer Kleinstadt mit nicht einmal 10 000 Bewohnern, die sich politisch zu behaupten wei\u00df. Die Unvoreingenommenheit und Fairness der Darstellung ist nicht so selbstverst\u00e4ndlich. Oder w\u00e4re die Geschichte bei uns vermutlich nicht ein wenig anders erz\u00e4hlt worden? Ganz abgesehen davon, dass es sie gar nicht g\u00e4be \u2013 der Marsch w\u00e4re verboten worden, auch ohne die Waffen in diesen H\u00e4nden. Aber h\u00e4tten unsere Medien ihn nicht auch eher als ein Symptom der Dunkelheit gewertet, hochgestuft, die uns l\u00e4ngst \u00fcberflutet?\n<\/p>\n<p>\n  Was dann folgt, ist gro\u00dfe Dokumentarprosa: eine Reihe von individuellen Schicksalen, gescheiterten Existenzen, die sich der Forscherin irgendwann einmal offenbaren. Kleine Leute, die es wagen, der ausgewiesenen, vertrauensw\u00fcrdigen, noblen Besucherin gegen\u00fcber r\u00fcckhaltlos offen zu sprechen: \u00fcber alles &#8211;  \u00fcber ihre h\u00f6chst realen Verluste auf dem Arbeitsmarkt; \u00fcber ihre so imagin\u00e4re wie als schlagend, als kaum ertr\u00e4glich empfundene Besch\u00e4mung; \u00fcber ihr Ringen um irgendein  Gleichgewicht, und sei es mit Hilfe von Drogen (\u201eGesichter in der Menge\u201c). Einer dieser M\u00e4nner sitzt im Gef\u00e4ngnis und versteift sich unerreichbar auf seinen Ersatzstolz als Krimineller, Gesetzloser ohne Skrupel und Reue. Aber dann fangen sie sich auch wieder (letzterer nicht gerade) &#8211; sonst w\u00e4ren sie ja auch gar nicht mehr da und k\u00f6nnten kein Zeugnis mehr ablegen f\u00fcr ihr Elend und ihre Rettung &#8211; und schaffen sich eine neue Perspektive und Existenz. Wie Tommy Ratcliff:\n<\/p>\n<p><em>Als Tommy in die Entzugsklinik kam, sa\u00df er vor einer freundlichen Angestellten, die f\u00fcr die Aufnahme zust\u00e4ndig war und ihm Fragen zu seinem Leben stellte. \u201eSie fragte mich, ob meine Eltern tranken und ob sie Alkoholiker waren. Ich sagte ihr, dass beide es waren, und sie sagte: \u201aDas ist nicht Ihre Schuld.\u2018 Ich weinte.\u201c<\/em>\n<\/p>\n<p><em>Am dritten Tag seiner Entziehungskur ging Tommy nach drau\u00dfen und setzte sich auf einen Gartenstuhl. \u201eIch lie\u00df den Kopf h\u00e4ngen und starrte auf den Boden zwischen meinen Beinen. Pl\u00f6tzlich bemerkte ich eine Ameisenstra\u00dfe. Jede Ameise trug eine winzige Ladung \u2013 einen Kr\u00fcmel, ein Blattst\u00fcck, ein bisschen Erde. Dann sah ich es: Eine Ameise trug eine andere, die genauso gro\u00df war wie sie selbst, Die tote Ameise war nutzlos, trug ihren Teil nicht bei, war eine Last, statt eine Last zu tragen. Ich dachte: \u201aSiehst du diese tote Ameise? Genau das bin ich. Ich k\u00f6nnte die Transportameise sein. I c h    w i l l    n i c h t    d i e s e    g e t r a g  e  n  e   A m e i s e   s e i n .  Das war einer der gro\u00dfartigsten Augenblicke meines Lebens. Diese Transportameise holte mich zur\u00fcck.\u201c<\/em>\n<\/p>\n<p>\n  Tommy Ratcliff wird sp\u00e4ter dann beruflich als Therapeut andere Drogenabh\u00e4ngige betreuen, jetzt, wie so sehns\u00fcchtig erhofft, \u201eTransportameise\u201c, Staatsb\u00fcrger im Sinne von Judith N. Shklar.\n<\/p>\n<p>\n  Zum Schluss bekommen wir dann eine Analyse des Demagogen und seiner Methode, seines Erfolgsrezepts, wie man sie sonst kaum irgendwo lesen kann. (\u201eDonnergrollen\u201c). Das Verfahren besteht darin, die Angespanntheit, die Verst\u00f6rtheit, die Wut von Millionen von Amerikanern nachzu\u00e4ffen, verzerrt zu spiegeln, in das t\u00e4uschend ikonische, zum paradigmatischen Abbild und Inbegriff der nationalen Wirklichkeit aufgemotzte H\u00f6llentheater des Donald Trump zu verwandeln. Mit ihm selbst nacheinander in allen Rollen: der des Opfers von unverdienter Besch\u00e4mung, des Helden von Protest und Widerstand auch vor Gericht, des R\u00e4chers f\u00fcr die erlittene Ungerechtigkeit hinterher. Unaufh\u00f6rlich, immer wieder die gleiche Abfolge , das gleiche \u201eRitual\u201c, seit anderthalb Jahrzehnten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. Unsere Demokratie ist gef\u00e4hrdet. Von au\u00dfen, aber auch von innen, und die Zerst\u00f6rungsversuche verschr\u00e4nken sich \u00fcber nicht immer gleich durchschaute Strategien miteinander. 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