{"id":413,"date":"2024-04-12T08:57:01","date_gmt":"2024-04-12T06:57:01","guid":{"rendered":"https:\/\/koehler-kn.de\/ernst\/?p=413"},"modified":"2024-04-16T13:18:00","modified_gmt":"2024-04-16T11:18:00","slug":"longue-duree-auf-russisch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/koehler-kn.de\/ernst\/longue-duree-auf-russisch\/","title":{"rendered":"Longue dur\u00e9e auf russisch?"},"content":{"rendered":"<p>Ernst K\u00f6hler<\/p>\n<p><em>Longue Dur\u00e9e auf russisch?<\/em><\/p>\n<p>Das popul\u00e4re Bild einer gro\u00dfen historischen, die Jahrhunderte \u00fcbergreifenden Kontinuit\u00e4t im Denken, F\u00fchlen und Verhalten der russischen Gesellschaft w\u00e4re m\u00f6glicherweise einmal zu hinterfragen. Ob es nun als ein stolzes Selbstbild des Landes auftritt, wie russische Denker, Autoren oder Propagandisten es vortragen. Oder ob es ins Kritische und Schwarze gewendet erscheint &#8211; wie in den Stimmen, die heute aus dem russischen Exil und aus Osteuropa zu uns gelangen. Es k\u00f6nnte ein Zerrbild sein. Es k\u00f6nnte dem postsowjetischen Russland seine gesellschaftliche Spezifik rauben. Auch er russischen Gesellschaft unter der Herrschaft Putins, die ebenfalls erst einmal f\u00fcr sich selbst zu betrachten ist. Und die eher das Szenarium eines politischen Gewoges bietet als ein gewisserma\u00dfen starres, identisches St\u00fcck oder Fragment immer der gleichen althergebrachten Untert\u00e4nigkeit. Eine solche Einordnung \u00fcberfl\u00f6ge oder unterschl\u00fcge zum Beispiel die Massenproteste gegen das Putin-Regime von 2012, die &#8211; anders als hierzulande oft angenommen \u2013 nicht nur die j\u00fcngeren, gebildeten Generationen in den gro\u00dfen St\u00e4dten umfassten, sondern das ganze Land und die gesamte Bev\u00f6lkerung. Es handelt sich dabei auch insofern um eine politische Z\u00e4sur, als Wahlen, manipulierte Wahlen in der gesamten Sowjetzeiten niemals irgendein Problem gewesen waren. Anders als etwa im Afrika von gestern und heute.<\/p>\n<p>Aber die Vorstellung von einer uralten, gleichsam versteinerten Sklavenmentalit\u00e4t des russischen Volkes unterschl\u00e4gt noch vieles andere. So die Ergebnisse echter, unabh\u00e4ngiger innerrussischer Meinungsumfragen in der sp\u00e4ten Sowjetunion (hierzulande nur in Fachkreisen zur Kenntnis genommen), die den \u201eHomo Sowjeticus\u201c bereits a u s t e r b e n sehen. Wenn dieser zerfallende Typus von Anpassung und Unterwerfung unter Putin dann zun\u00e4chst auch wieder zur\u00fcckgekehrt zu sein scheint, so doch nicht mehr in seiner 50j\u00e4hrigen sowjetischen Auspr\u00e4gung als eines aussichtlosen, ewigen Verhandelns jedes einzelnen Individuums oder jeder einzelnen Familie mit der totalen Macht. Es geht jetzt vielmehr um den kritischen Ma\u00dfstab der sozialen Stabilit\u00e4t, wie sie Putin dem Land versprochen hat. Sie ist es denn auch, die 2012 eingefordert wird: jetzt kollektiv, massenhaft, und gegen Putin.<\/p>\n<p>Die Meinungsfreiheit bleibt im Russland nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ein unverzichtbares, existenzielles Kriterium f\u00fcr politische Ordnung. Auch wenn sie den Menschen unter Putin seit 20 Jahren wieder genommen wird. Immer radikaler, mit immer brutalerer Gewalt. Aber warum diese Repression, wenn es sich doch bei der Masse der Russen um geborene Untertanen handelt, die nie etwas anderes wollten als einen unangefochtenen Oberherrn und Zaren. Der alle politischen Entscheidung f\u00fcr einen trifft und dem man sein unverbr\u00fcchliches Vertrauen schenkt?<\/p>\n<p>Ich st\u00fctze mich hier auf ein scharfsichtiges Buch der j\u00fcdisch-amerikanisch-russischen Autorin Masha Gessen: Die Zukunft ist Geschichte. Wie Russland die Freiheit gewann und verlor (2020, Suhrkamp Taschenbuch). Aber es ist vor der Invasion Russlands in die Ukraine geschrieben worden, die uns die Frage neu stellt, warum Russland so ist, wie es ist. Das Befremden auf unserer Seite ist \u00fcberw\u00e4ltigend. Das Ausbleiben jedes gro\u00dfen innerrussischen Massenprotestes gegen diesen Angriffskrieg gegen ein Nachbarland, seine Zivilbev\u00f6lkerung und ihre Lebensgrundlagen scheint keinen Raum mehr zu lassen f\u00fcr noch die geringsten Hauch eines Verst\u00e4ndnisses einer solchen Gesellschaft gegen\u00fcber. Aber so geht es auch nicht.<\/p>\n<p>Der Hitler-Vergleich ist nur ein Keule, ein Hammer, zu dem man zur Not und auf der Suche nach publizistischer Angemessenheit und Pointiertheit im Umgang mit Putin greifen mag. Bei aller Verwandtschaft des NS-Staates und der Sowjetunion unter Stalin im unvorstellbaren Ausma\u00df des Mordens und Folterns gibt es doch auch wesentliche Unterschiede. Die Nazis haben eine klare, \u201ekristalline\u201c Linie zwischen den Opfern und den T\u00e4tern gezogen, w\u00e4hrend die Sowjets beide Gro\u00dfgruppen gleicherma\u00dfen verfolgt und millionenfach ermordet haben. Die Kader wurden immer selbst zu Opfern. Die Opfer in den KZs und in den Vernichtungslagern wussten alle, warum sie dort waren. Die Opfer im Gulag wussten es nie. Sie konnten es sich nur ergr\u00fcbeln. Und sie gerieten bei diesem hoffnungslosen, verqu\u00e4lten R\u00e4tseln \u00fcber den Sinn und den politischen Hintergrund ihres Schicksals und ihres Leids oft genug auf die Seite der M\u00f6rder und der Staatsmacht. Und damit in einen selbstzerst\u00f6rerischen Gegensatz zu ihren Leidensgenossen. Alles so und nicht anders vom Machtzentrum gewollt.<\/p>\n<p>Diese Undurchsichtigkeit und Absurdit\u00e4t der Lagerhaft, die gezielt und systematisch hergestellte, perverse Sinnlosigkeit ist denn auch der eigentliche Charakter des Gulag. Nicht Vernichtung. Auch nicht Ausbeutung bis zum Tod, wie nicht wenige von uns in einer bestimmten Phase ihrer politischen Entwicklung glauben wollten: zur Rechtfertigung Stalins und seiner Herrschaftsmethoden im Interesse des Aufbaus einer modernen Industriegesellschaft. Sondern Qu\u00e4len und Foltern pur, der Ruin des Menschen, die Zerst\u00f6rung der menschlichen Pers\u00f6nlichkeit pur. Ohne irgendeine grundlegende, zielf\u00fchrende rassistische Logik, ohne \u00f6konomische und \u201ezivilisatorische\u201c Rationalit\u00e4t. Wenn die Menschen dabei massenhaft starben, so war es egal. Es bedeutungslos, aber es war nicht die eigentliche Entscheidung und Absicht des Systems.<\/p>\n<p>Dieser Unterschied zwischen den beiden Formen von Terrorstaat wird dann auch in der Zeit nach der Katastrophe tiefgreifende Folgen f\u00fcr die jeweilige Gesellschaft haben \u2013 bis heute. Einmal ganz abgesehen davon, dass diese neue Epoche in Deutschland 1945 beginnt und im Zeichen des Kalten Kriegs stehen wird, in Russland hingegen erst um Jahrzehnte sp\u00e4ter. F\u00fcr uns war \u2013 nach den bekannten, langen Jahren der \u201eUnf\u00e4higkeit zu trauern\u201c, des Verschweigens und des Selbstbetrugs \u2013 dann unabweisbar evident, dass wir das T\u00e4tervolk waren. F\u00fcr die postsowjetischen Russen war nichts auch nur entfernt so eindeutig. Und nur ganz besondere, dissidente, vergeistigte, unbeugsame Minderheiten \u2013 fernab jeglichen Konsenses in der Erinnerung an Millionen von Toten und in der Trauerarbeit, wie es ihn dann in Deutschland geben wird \u2013 machen sich in Russland dann an die wahrheitsgem\u00e4\u00dfe Aufarbeitung der Katastrophen des 20. Jahrhunderts.<\/p>\n<p>Ich folge hier einem hellsichtigen Buch des russisch-amerikanischen Kulturhistorikers Alexander Etkind: Warped Mourning. Stories of the Undead in the Land of the Unburied ( 2013, Standford University Press; es ist leider nicht ins Deutsche \u00fcbersetzt). Das Werk verweist uns auf den historischen Kontext der vision\u00e4ren Aussage einzelner russischer Autoren wie Andrej Kurkow (Tagebuch einer Invasion, 2022) oder Maria Stepanova (Reparatur des Lebens, in: FAZ, 27.11.2023), das Versagen, die Verantwortungslosigkeit des russischen Volkes im russischen Vernichtungskrieg gegen die Ukraine sei begr\u00fcndet darin, dass die Katastrophen des Landes im 20. Jahrhundert nie gesamtgesellschaftlich aufgearbeitet worden seien.<\/p>\n<p>Keine Aufarbeitung der Vergangenheit und ihrer Verbrechen, keine handlungsf\u00e4hige Zivilgesellschaft. Gerade wir Deutschen \u2013 mit unserem um Jahrzehnte versp\u00e4teten Aufwachen in den 80er Jahren &#8211; sollten das eigentlich verstehen und uns da besser kein verh\u00e4rtetes, moralisierendes Unverst\u00e4ndnis leisten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ernst K\u00f6hler Longue Dur\u00e9e auf russisch? Das popul\u00e4re Bild einer gro\u00dfen historischen, die Jahrhunderte \u00fcbergreifenden Kontinuit\u00e4t im Denken, F\u00fchlen und Verhalten der russischen Gesellschaft w\u00e4re m\u00f6glicherweise einmal zu hinterfragen. Ob es nun als ein stolzes Selbstbild des Landes auftritt, wie russische Denker, Autoren oder Propagandisten es vortragen. 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