{"id":349,"date":"2023-12-13T14:21:50","date_gmt":"2023-12-13T13:21:50","guid":{"rendered":"https:\/\/koehler-kn.de\/ernst\/?p=349"},"modified":"2023-12-13T14:22:07","modified_gmt":"2023-12-13T13:22:07","slug":"der-citoyen-und-sein-deutsches-gegenteil","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/koehler-kn.de\/ernst\/der-citoyen-und-sein-deutsches-gegenteil\/","title":{"rendered":"Der Citoyen und sein deutsches Gegenteil"},"content":{"rendered":"<h2>Zur Aktualit\u00e4t der politischen Denkerin Hannah Arendt*<\/h2>\n<p><em>* Vortrag im Theater am M\u00fchlenrain, Weil am Rhein, am 13. M\u00e4rz 2005.<\/em><\/p>\n<p><em>In der polaren Verklammerung von Totalitarismus und Demokratieentwurf kann man, so unser Autor, eine zentrale Denkfigur von Hannah Arendt beobachten. Arendt fragte auch im Falle des Nationalsozialismus nach der pers\u00f6nlichen Verantwortung \u2013 nicht nur derer da oben, sondern auch jener da unten. Sie setzte sich mit der Figur des \u00bbSpie\u00dfers\u00ab auseinander, mit dem infizierten Denken, mit der auffallenden Gef\u00fchllosigkeit der deutschen Nachkriegsgesellschaft, aber auch mit der Bew\u00e4hrung des Individuums unterhalb glorifizierter Heldenschaft. Hannah Arendt warnte sp\u00e4ter aus guten Gr\u00fcnden vor totalisierenden Tendenzen in den repr\u00e4sentativen Demokratien und betonte die Herausforderung der Demokratisierung der Demokratie. In ihrem tastenden, experimentellen Denken war kein Platz f\u00fcr Patentrezepte. Aus der Freiheit des Handelns wollte sie niemanden entlassen.<\/em><\/p>\n<p>In seinem <em>Tagebuch eines Demonstranten <\/em>schreibt der auch bei uns nicht unbekannte ukrainische Schriftsteller Juri Andruchowytsch \u00fcber die dramatischen Tage nach dem 21. November in Kiew: \u00bbEs ist wie bei einem Pendel: Die Stimmung schwankt zwischen Euphorie und Depression. Zu langer Aufenthalt in der Redaktion von <em>Krytyka<\/em> f\u00f6rdert Unsicherheit und Zweifel. Wir reflektieren und kritisieren, werden von Entt\u00e4uschung \u00fcberw\u00e4ltigt, von Skepsis, Ironie, best\u00e4rken uns gegenseitig in unserer Verzweiflung. In solchen Momenten muss man auf den Majdan gehen. Das ist die beste Therapie gegen Unglauben und M\u00fcdigkeit. Ohne den Majdan kann ich nicht mehr leben; keine Nacht, in der ich nicht von ihm tr\u00e4ume. Das Wort \u203awir\u2039 nimmt auf dem Majdan eine v\u00f6llig neue, \u00fcberraschende Bedeutung an.\u00ab (<em>NZZ<\/em>, 9.12.04)<\/p>\n<p>Zweifellos eine sch\u00f6ne kleine Geschichte. Was das mit Hannah Arendt zu tun hat? Bei Hannah Arendt geht es genau um solche Geschichten. Um eben diesen spontanen Schritt zu den anderen hin \u2013 aus der Absonderung, wie erlesen auch immer, in den gemeinsam erschlossenen und gemeinsam gehaltenen Raum des politischen Handelns, wie neu und ungewohnt auch immer. Im demokratischen Momentum von Kiew scheint er f\u00fcr einmal leicht zu fallen. Aber er ist unersetzlich. Und er l\u00e4sst sich niemals delegieren. Man muss den Schritt immer pers\u00f6nlich machen. Das ist f\u00fcr Hannah Arendt das handfeste, praktische, physische Kriterium f\u00fcr politische Freiheit. Wo die Menschen den Schritt unterlassen \u2013 und sei es nur, weil sie ihn unter den Bedingungen einer gut ge\u00f6lten Parteiendemokratie f\u00fcr unn\u00f6tig oder ineffizient oder gar illusion\u00e4r halten, kann man nach Hannah Arendt nicht ernsthaft von politischer Freiheit sprechen.<\/p>\n<p>Hier gleich noch eine von diesen raren kleinen Geschichten, diesmal aber eine von Hannah Arendt selbst. Sie spielt 1946 in Moskau und entsprechend tief oder besser gesagt elementar setzt sie notgedrungen an:<\/p>\n<p>\u00bbGanz anders liegt der Fall Pasternak. Er ist einzigartig, denn in ihm handelt es sich um den einzigen gro\u00dfen Dichter aus der fr\u00fchen Revolutionsperiode, der wie durch ein Wunder nicht vernichtet wurde und der, weil er die ungeheure Kraft hatte, Jahrzehnte zu schweigen, in seiner dichterischen Substanz nicht zerst\u00f6rt worden ist. F\u00fcr die Hoffnung, dass \u203aOrwells 1984 nur ein Albtraum ist\u2039, ist er die einzige lebendige und herrliche St\u00fctze. Aber in den Bereich dieser Hoffnungen geh\u00f6rt auch die au\u00dferordentliche Anekdote, die von dem offenbar einzigen \u00f6ffentlichen Auftreten des Dichters unter der totalen Herrschaft berichtet wird. Pasternak, so h\u00f6ren wir, hatte in Moskau einen Vorleseabend angek\u00fcndigt, zu dem sich eine ungeheure Menschenmenge eingefunden hatte, wiewohl doch sein Name nach all den Jahren des Schweigens nur noch als der des \u00dcbersetzers von Shakespeare und Goethe ins Russische bekannt war. Er las aus seinen Gedichten, und es geschah, dass ihm beim Lesen eines alten Gedichtes das Blatt aus der Hand glitt: \u203aDa begann eine Stimme im Saal aus dem Ged\u00e4chtnis das Gedicht weiterzusprechen. Von mehreren Ecken des Saales stiegen andere Stimmen auf. Und im Chor endete die Rezitation des unterbrochenen Gedichts.\u2039 &#8230;\u00ab(1)<\/p>\n<p>Bevor wir uns ihrem Verst\u00e4ndnis von diesem \u00bbWir\u00ab, diesem \u00f6ffentlichen \u00bbZusammenhandeln\u00ab zuwenden und der politischen Macht, die dabei entstehen kann, sollten wir uns den dunklen Erfahrungshintergrund vergegenw\u00e4rtigen, vor den oder gegen den Hannah Arendt ihre Vorstellung von Spontaneit\u00e4t, von politischem Handeln und schlie\u00dflich auch von Republik stellt. Un\u00fcbersehbar ist ja das Gegeneinander oder besser die polare Verklammerung von Totalitarismusanalyse und Demokratieentwurf in diesen Texten. Es handelt sich um die eigentliche Inspirationsquelle dieses Denkens. Und wir werden noch sehen, dass ein Zwei-Phasen-Schema \u2013 zuerst, Ende der Vierzigerjahre, die Arbeit am Totalitarismusbuch, dann in den sp\u00e4ten F\u00fcnfziger- und fr\u00fchen Sechzigerjahren, die Entdeckung der Freiheit \u2013 ihm nicht gerecht w\u00fcrde. Ich spreche hier ungeniert von Totalitarismus, dabei werde ich mich im Folgenden \u2013 schon aus schlichten Kompetenzgr\u00fcnden \u2013 auf das NS-Regime beschr\u00e4nken oder auf das, was Hannah Arendt dar\u00fcber zu sagen hat. Und hier auch nur auf ein Problem, das mir immer noch als besonders irritierend erscheint, als qu\u00e4lend ungel\u00f6st \u2013 auch nach Hannah Arendt noch, die dar\u00fcber mehr und furchtloser nachgedacht hat als andere Autoren, die ich kenne: n\u00e4mlich die Frage der pers\u00f6nlichen Verantwortung in solchen politischen Verh\u00e4ltnissen.<\/p>\n<p>Das w\u00e4re also meine Gliederung \u2013 <em>erster Punkt<\/em>:<\/p>\n<p>Wie sieht Hannah Arendt jene unz\u00e4hligen Menschen, die in einem Unrechtssystem wie dem nationalsozialistischen im Prinzip tun, was man von ihnen verlangt? Oder sogar noch mehr, als man ihnen abverlangt? Und wie bewertet oder gewichtet sie die pers\u00f6nliche Verantwortung dieser Leute?<\/p>\n<p><em>Zweiter Punkt<\/em>: Wie steht es um die Gegenkr\u00e4fte? Welche Aussichten f\u00fcr das freie, aber nicht unorganisierte Eingreifen von unten oder von au\u00dfen jenseits der etablierten Entscheidungsmechanismen kann Hannah Arendt dann in der Demokratie westlichen Typs selber ausmachen? Der Durchbruch zur Demokratie dauert nicht ewig. Auch wenn er tats\u00e4chlich gelingt, nicht. Die hinrei\u00dfenden Szenen in Kiew sind vorbei. Was bleibt nachher davon noch \u00fcbrig? M\u00fcssen solche hohen Zeiten der demokratischen Massenpolitisierung nicht Episode bleiben?<\/p>\n<p>Beide Male geht es also nicht in erster Linie um die Eliten, auch nicht um die Intellektuellen, sondern um die namenlose Masse \u2013 einmal der kleinen und mittleren Funktionstr\u00e4ger, ohne die das NS-Regime seine Ziele nicht erreicht h\u00e4tte; dann der einfachen B\u00fcrger, die in aller Regel auch in der liberalen, rechtsstaatlich verfassten Demokratie nur \u00bbrepr\u00e4sentiert\u00ab werden, statt h\u00f6chstpers\u00f6nlich in der Politik pr\u00e4sent zu sein. Nur dass diese Menschen bei Hannah Arendt nicht als die sprichw\u00f6rtliche \u00bbbreite Masse\u00ab figurieren und sich mit ein paar fragw\u00fcrdigen, hochm\u00fctigen Klischees abgetan sehen \u2013 die gleichgeschalteten Untertanen Hitler-Deutschlands nicht, und die schleichend oder kalt entmachteten B\u00fcrger Amerikas schon gar nicht.<\/p>\n<h4><strong>1.<\/strong><\/h4>\n<p>Zu den bekanntesten und wirklich gelesenen Texten Hannah Arendts geh\u00f6rt zweifellos \u00bbBesuch in Deutschland\u00ab aus dem Jahre 1950.(2) Im Auftrag der <em>Commission on European Jewish Cultural Reconstruction<\/em> reist Hannah Arendt von August 1949 bis M\u00e4rz 1950 durch Deutschland, und es ist ein bitteres und b\u00f6ses Wiedersehen:<\/p>\n<p>\u00bbDas einfachste Experiment besteht darin, expressis verbis festzustellen, was der Gespr\u00e4chspartner schon von Beginn der Unterhaltung an bemerkt hat, n\u00e4mlich dass man Jude sei. Hierauf folgt in der Regel eine kurze Verlegenheitspause; und danach kommt \u2013 keine pers\u00f6nliche Frage, wie etwa: \u203aWohin gingen Sie, als Sie Deutschland verlie\u00dfen?\u2039, kein Anzeichen f\u00fcr Mitleid, etwa dergestalt: \u203aWas geschah mit Ihrer Familie?\u2039, sondern es folgt eine Flut von Geschichten, wie die Deutschen gelitten h\u00e4tten (was sicher stimmt, aber nicht hierher geh\u00f6rt); und wenn die Versuchsperson dieses kleinen Experiments zuf\u00e4llig gebildet und intelligent ist, dann geht sie dazu \u00fcber, die Leiden der Deutschen gegen die Leiden der anderen aufzurechnen, womit sie stillschweigend zu verstehen gibt, dass die Leidensbilanz ausgeglichen ist &#8230;\u00ab<\/p>\n<p>Wie frisch sich das heute liest! Oder heute wieder. Nur die kurze Verlegenheitspause wirkt nicht mehr ganz so aktuell. Die \u00bbUnf\u00e4higkeit zu trauern\u00ab geh\u00f6rt an sich zum eisernen Bestand bundesdeutscher Erinnerungsarbeit \u2013 gegenw\u00e4rtig scheint man dem altbew\u00e4hrten Topos publizistisch und in den Massenmedien sogar ganz ungeahnte neue M\u00f6glichkeiten abgewinnen zu wollen. Aber ich w\u00fcsste nicht zu sagen, wo die Verweigerung des Denkens hinter dem Trauerdefizit so klarsichtig aufgezeigt worden w\u00e4re wie in dieser kleinen Gelegenheitsarbeit. Die auffallende Gef\u00fchllosigkeit in Nachkriegsdeutschland ist schlimm, aber sie ist noch nicht das Schlimmste:<\/p>\n<p>\u00bbDer wohl hervorstechendste und auch erschreckendste Aspekt der deutschen Realit\u00e4tsflucht liegt jedoch in der Haltung, mit Tatsachen so umzugehen, als handele es sich um blo\u00dfe Meinungen. Beispielsweise kommt als Antwort auf die Frage, wer den Krieg begonnen habe \u2013 ein keineswegs hei\u00df umstrittenes Thema \u2013, eine \u00fcberraschende Vielfalt von Meinungen zu Tage. In S\u00fcddeutschland erz\u00e4hlt mir eine Frau von ansonsten durchschnittlicher Intelligenz, die Russen h\u00e4tten mit einem Angriff auf Danzig den Krieg begonnen \u2013 das ist nur das gr\u00f6bste von vielen Beispielen. Doch die Verwandlung von Tatsachen in Meinungen ist nicht allein auf die Kriegsfrage beschr\u00e4nkt; auf allen Gebieten gibt es unter dem Vorwand, dass jeder das Recht auf eine eigene Meinung habe, eine Art Gentlemen\u2019s Agreement, dem zufolge jeder das Recht auf Unwissenheit besitzt \u2013 und dahinter verbirgt sich die stillschweigende Annahme, dass es auf Tatsachen nun wirklich nicht ankommt. Dies ist in der Tat ein ernstes Problem, &#8230; weil der Durchschnittsdeutsche ganz ernsthaft glaubt, dieser allgemeine Wettstreit, dieser nihilistische Relativismus gegen\u00fcber Tatsachen sei das Wesen der Demokratie. Tats\u00e4chlich handelt es sich dabei nat\u00fcrlich um eine Hinterlassenschaft des Naziregimes.\u00ab<\/p>\n<p>Das Denken selbst scheint infiziert \u2013 oder wenn das zu weit geht, doch die Denkbereitschaft. Eine gewisse Unsicherheit empfindet man freilich schon beim Wiederlesen dieser S\u00e4tze. Vielleicht sollte man es besser offen lassen, wie weit diese Leute den Dummen nur spielen. Sonst macht man noch eine Art Opfer aus ihnen. Es k\u00f6nnte ja sein, dass wir es hier nicht mit Verwirrung zu tun haben, sondern mit Unversch\u00e4mtheit. Wie dem auch sei: Die Standards, die Kriterien f\u00fcr eine vern\u00fcnftige Aussage haben jedenfalls im damaligen Deutschland offenkundig ihre Verbindlichkeit eingeb\u00fc\u00dft. Jeder kann sich ungestraft erlauben, sie einfach zu missachten. Die doktrin\u00e4ren Inhalte, die Ideologien der NS-Zeit haben sich l\u00e4ngst verfl\u00fcchtigt \u2013 unerwartet spurlos sogar. Es bleibt nur die opportune Verwahrlosung des Denkens, die sorgsam antrainierte Willk\u00fcr:<\/p>\n<p>\u00bbDie Nazis haben das Bewusstsein der Deutschen vor allem dadurch gepr\u00e4gt, dass sie es darauf getrimmt haben, die Realit\u00e4t nicht mehr als Gesamtsumme harter, unausweichlicher Fakten wahrzunehmen, sondern als Konglomerat st\u00e4ndig wechselnder Ereignisse und Parolen, wobei heute wahr sein kann, was morgen schon falsch ist.\u00ab<\/p>\n<p>Wir werden dieser alarmierten Aufmerksamkeit f\u00fcr das Denken, f\u00fcr das Urteilen und f\u00fcr das politische Schindluder, das mit dieser menschlichen M\u00f6glichkeit getrieben wird, wieder begegnen \u2013 sie zieht sich durch das gesamte Werk Hannah Arendts.<\/p>\n<p>Einen Lichtblick gibt es: In Berlin glaubt Hannah Arendt, ein anderes politisches Klima anzutreffen. Und andere Leute \u2013 sie schreibt dar\u00fcber ganz gl\u00fccklich, geradezu \u00fcberschw\u00e4nglich an ihren Mann Heinrich Bl\u00fccher:<\/p>\n<p>\u00bbAber: Was es noch gibt, sind die Berliner. Unver\u00e4ndert, gro\u00dfartig, menschlich, humorvoll, klug, blitzklug sogar. Dies zum ersten Mal wie nach Hause kommen &#8230; durch die Tr\u00fcmmer fahrend: Mein Chauffeur, 20-j\u00e4hriger Junge, h\u00fcbsch und nett: Die Ostzone k\u00f6nnen Sie gleich erkennen; da h\u00e4ngt so viel Quatsch rum (er meint Fahnen und Plakate). Wir kommen an einem Stalin-Plakat vorbei: Stalin, der gro\u00dfe Freund des Volkes. Darauf er: Tja, wir haben bereits so \u2019nen gro\u00dfen Freund des Volkes gehabt; und das hat er denn seinem geliebten Volk hinterlassen (auf die Tr\u00fcmmer weisend). (Dazu musst Du wissen, dass niemand, aber positiv niemand in ganz Deutschland je die Tr\u00fcmmer mit Hitler in Beziehung bringt.) &#8230;\u00ab(3)<\/p>\n<p>Ein zweiter ber\u00fchmter Text: \u00bbOrganisierte Schuld\u00ab, 1944 in Amerika verfasst, 1945 in englischer, 1946 in deutscher Sprache ver\u00f6ffentlicht.(4) Er f\u00fchrt uns von Nachkriegsdeutschland in die NS-Zeit selbst zur\u00fcck:<\/p>\n<p>\u00bbDie ungeheure Erregung, in die nachgerade jeder Mensch guten Willens ger\u00e4t, wenn die Rede auf Deutschland kommt, &#8230; ist erzeugt von jener ungeheuerlichen Maschine des \u203aVerwaltungsmassenmordes\u2039, zu deren Bedienung man nicht Tausende und nicht Zehntausende ausgesuchter M\u00f6rder, sondern ein ganzes Volk gebraucht hat und gebrauchen konnte. &#8230; Dass in dieser Mordmaschine jeder auf diese oder jene Weise an seinen Platz gezwungen ist, auch wenn er nicht direkt in den Vernichtungslagern t\u00e4tig ist, macht das Grauen aus. &#8230; Wie an dem \u203aVerwaltungsmassenmord\u2039 der politische Verstand des Menschen stillsteht, so wird an der totalen Mobilisierung f\u00fcr ihn das menschliche Bed\u00fcrfnis nach Gerechtigkeit zuschanden. Wo alle schuldig sind, kann im Grunde niemand mehr urteilen. Denn dieser Schuld gerade ist auch der blo\u00dfe Schein, die blo\u00dfe Heuchelei der Verantwortung genommen. Solange die Strafe das Recht des Verbrechers ist \u2013 und auf diesem Satz beruht seit mehr als zweitausend Jahren das Gerechtigkeits- und das Rechtsempfinden der abendl\u00e4ndischen Menschheit, geh\u00f6rt zum Strafen eine \u00dcberzeugung von der Verantwortungsf\u00e4higkeit des Menschen.\u00ab<\/p>\n<p>Wie man sieht, k\u00fcndigt sich hier bereits die Problemstellung des sp\u00e4teren Buches <em>Eichmann in Jerusalem<\/em> an. Der Prozess kann freilich nur einer bestimmten verantwortlichen und schuldf\u00e4higen Person gemacht werden \u2013 diese Vorentscheidung und die Klarheit, die sie bringt, wird die Reporterin Hannah Arendt in Jerusalem als Wohltat, als Befreiung empfinden. Und man begreift bei der Lekt\u00fcre des fr\u00fchen Textes auch, warum. Merkw\u00fcrdigerweise \u00fcberspringen die werkgeschichtlichen Verbindungslinien das monumentale Werk <em>Elemente und Urspr\u00fcnge totaler Herrschaft<\/em>, das ja an sich oder rein chronologisch betrachtet dazwischenliegt. Der Holocaust ist dort gar nicht das Thema. Das Kapitel \u00fcber die \u00bbKonzentrationslager\u00ab geht an den Vernichtungslagern im Osten vorbei. Und die \u00bbMassen\u00ab, wie sie hier genannt werden, folgen Hitler und seiner Politik dort so widerstandslos, weil sie sozial entwurzelt und politisch ohne Orientierung sind. Und zuallererst einmal einen neuen festen Halt in einer chaotischen und unverst\u00e4ndlich gewordenen Welt suchen. Letztlich sind es Verzweifelte, Verlassene, geistig Obdachlose, die sich da dem F\u00fchrungsanspruch des Nationalsozialismus \u00fcberantworten. Man f\u00fchlt sich hier an einige Meisterwerke der Weimarer Soziologie erinnert \u2013 an <em>Die Angestellten<\/em> (1929) von Siegfried Kracauer etwa oder an die Aufs\u00e4tze Emil Lederers \u00fcber die neuen Mittelschichten (1929) oder an <em>Die soziale Schichtung des deutschen Volkes <\/em>(1932) von Theodor Geiger und das darin gezeichnete Bild von den Erwerbslosen. 1944 schl\u00e4gt Hannah Arendt einen ganz anderen Ton an: Es ist hier der \u00bbSpie\u00dfer\u00ab, der Typus des treu sorgenden Familienvaters, der die Vernichtungsapparatur am Laufen h\u00e4lt. \u00bbSeine Gef\u00fcgigkeit war in den Gleichschaltungen zu Beginn des Regimes bereits bewiesen worden. Es hatte sich herausgestellt, dass er durchaus bereit war, um der Pension, der Lebensversicherung, der gesicherten Existenz von Frau und Kindern willen Gesinnung, Ehre und menschliche W\u00fcrde preiszugeben. &#8230; Die einzige Bedingung, die er von sich aus stellte, ist, dass man ihn von der Verantwortung f\u00fcr seine Taten radikal freisprach. Es ist der gleiche Durchschnittsdeutsche, den die Nazis trotz wahnsinnigster Propaganda durch Jahre hindurch nicht dazu haben bringen k\u00f6nnen, einen Juden auf eigene Faust totzuschlagen (selbst nicht, als sie es ganz klar machten, dass solch ein Mord straffrei ausgehen w\u00fcrde), der heute widerspruchslos die Vernichtungsmaschinen bedient.\u00ab Es handelt sich f\u00fcr Hannah Arendt auch keineswegs um ein spezifisch deutsches Ph\u00e4nomen. In Deutschland konnte es nur besonders gut gedeihen: \u00bbKaum ein anderes der abendl\u00e4ndischen Kulturl\u00e4nder ist von den klassischen Tugenden des \u00f6ffentlichen Lebens so unber\u00fchrt geblieben; in keinem haben privates Leben und private Existenz eine so gro\u00dfe Rolle gespielt. &#8230; Der Spie\u00dfer selbst aber ist eine internationale Erscheinung, und wir t\u00e4ten gut daran, ihn nicht im blinden Vertrauen, dass nur der deutsche Spie\u00dfer solch furchtbarer Taten f\u00e4hig ist, allzu sehr in Versuchung zu f\u00fchren. Der Spie\u00dfer ist der moderne Massenmensch, betrachtet nicht in den exaltierten Augenblicken in der Masse, sondern im sicheren oder vielmehr heute so unsicheren Schutz seiner vier W\u00e4nde. Er hat die Zweiteilung von Privat und \u00d6ffentlich, von Beruf und Familie so weit getrieben, dass er noch nicht einmal in seiner eigenen identischen Person eine Verbindung zwischen beiden entdecken kann. Wenn sein Beruf ihn zwingt, Menschen zu morden, so h\u00e4lt er sich nicht f\u00fcr einen M\u00f6rder, gerade weil er es nicht aus Neigung, sondern beruflich getan hat. Aus Leidenschaft w\u00fcrde er nicht einer Fliege etwas zu Leide tun. Wenn man einem Individuum dieser neuesten Berufsgattung, die unsere Zeit hervorgebracht hat, morgen sagen wird, dass er zur Verantwortung gezogen wird, so wird er sich nur betrogen f\u00fchlen.\u00ab<\/p>\n<p>Ich wiederhole: Wir schreiben das Jahr 1944! Ich glaube nicht, dass Hannah Arendt irgendwo jemals weiter gegangen ist im Bem\u00fchen zu verstehen als in diesem Text und in diesen S\u00e4tzen. Man kann sich vor diesem intellektuellen Mut nur verneigen. Er liegt darin, dass die Verfolgte sich hier den Boden f\u00fcr eine Anklage, f\u00fcr eine Abrechnung selber zu entziehen droht.<\/p>\n<p>Ich versuche, zwei Fragen zu formulieren. Kann man \u00fcberhaupt akzeptieren, was Hannah Arendt hier sagt? Kann ein Erwachsener unter der NS-Herrschaft \u2013 ein Mensch, der also vor 1933 aufgewachsen ist \u2013 sich \u00fcberhaupt derma\u00dfen perfekt und durchschlagend selber entlasten, von aller Verantwortung freisprechen und gegen jedes Schuldbewusstsein immunisieren? Primo Levi hat in <em>Die Untergegangenen und die Geretteten <\/em>f\u00fcr den Fall Eichmann und \u00e4hnlicher Verbrecher daran erinnert, dass das \u00bbDritte Reich\u00ab schlie\u00dflich nur zw\u00f6lf Jahre gedauert hat. Kann ein totalit\u00e4res Regime in einem so kurzem Zeitraum, der im letzten Drittel auch noch eine Phase des Untergangs war, das Rechtsempfinden und Verantwortungsgef\u00fchl eines Menschen tats\u00e4chlich ausl\u00f6schen? Schon die klassische Studie des Strafrechtlers Herbert J\u00e4ger \u00fcber <em>Verbrechen unter totalit\u00e4rer Herrschaft <\/em>(1967) l\u00e4sst Zweifel an der starren, hermetischen Figur des arendtschen Spie\u00dfers aufkommen. Oder an ihrer Repr\u00e4sentativit\u00e4t \u2013 allgemein gesprochen macht diese Arbeit die Gebrochenheit oder Reflexivit\u00e4t der deutschen T\u00e4ter st\u00e4rker. Etwa indem sie die Angst in Anschlag bringt, die sich sp\u00e4testens nach Stalingrad unter den Deutschen ausbreitet \u2013 mit der Angst vor der sich abzeichnenden Niederlage und ihren Folgen meldet sich auch das Gewissen zur\u00fcck. Anscheinend war es eher storniert, wenn man so sagen darf, als tot. Und Hans Buchheim nimmt in seinem Gutachten f\u00fcr den Auschwitzprozess von 1964 sogar f\u00fcr die Masse der SS-Angeh\u00f6rigen eher ein Nebeneinander von traditionellem Rechtsempfinden und rassistischer Hybris an.(5) Inzwischen ist nat\u00fcrlich viel geforscht und nachgedacht worden, man denke nur an die Hamburger Wehrmachtsaustellung \u2013 aber die Masse der kleinen T\u00e4ter, der \u00bbganz normalen M\u00e4nner\u00ab, um die zu Recht ber\u00fchmte Pionierstudie von Christopher Browning zu zitieren, bleibt schon aus Mangel an Quellen im Dunkeln f\u00fcr uns.<\/p>\n<p>Die andere Frage w\u00e4re: Was macht die rechtsstaatlich verfasste Demokratie mit diesen Menschen, wenn alles vorbei ist? Es ist die Frage, mit der Hannah Arendt dann in <em>Eichmann in Jerusalem<\/em> ringen wird.(6) Ich spreche von einem Ringen, obwohl es der Berichterstatterin aus Amerika ganz fern liegt, dem Angeklagten vor dem israelischen Bezirksgericht seine l\u00e4cherliche Ausflucht vom \u00bbkleinen R\u00e4dchen\u00ab abzunehmen. Aber sie ist bereit, Eichmann in den konkreten politischen Kontext zu stellen, in dem er seinerzeit gehandelt hat. Und wiederum, wie schon zwei Jahrzehnte fr\u00fcher, wagt sie es, die Frage aufzuwerfen, wie denn ein Mensch sich des verbrecherischen Charakters seines Tun bewusst werden soll, wenn der Rechtsbruch in einem politischen System das Normale ist und nicht das Recht. Wenn das Verbrechen vom Staat, vom Machtzentrum gewollt und angeordnet ist. Wenn das Verbrechen selber Recht wird und sich in der Form von amtlichen und der Form nach rechtm\u00e4\u00dfigen Verordnungen immer tiefer in die Rechtsordnung hineinfrisst. Vielleicht kann Hannah Arendt es wagen, diese verst\u00f6rende Frage aufzuwerfen, weil die Richter Eichmanns es nicht tun. Sie erinnern sich: Hannah Arendt bewundert diese Richter, sie vertraut ihnen, sie verehrt sie geradezu \u2013 wegen ihrer Ruhe, ihrer Geistesgegenwart und ihrer Fairness dem Angeklagten gegen\u00fcber. Aber vor allem, weil diese drei M\u00e4nner \u00fcberhaupt ein ordentliches, regul\u00e4res Gerichtsverfahren durchzuf\u00fchren versuchen \u2013 gegen die rechtsfremden politischen Absichten des Ankl\u00e4gers (und des hinter ihm stehenden David Ben Gurion) mit diesem Prozess. Die andere Seite dieser Professionalit\u00e4t und Kultiviertheit ist freilich die althergebrachte \u00dcberzeugung, dass jeder Mensch im Innersten wei\u00df, was Mord ist. Und zu erkennen vermag, was ein verbrecherischer Befehl ist. Jeder Mensch tr\u00e4gt ein untr\u00fcgliches, letztlich unzerst\u00f6rbares Sensorium oder Unterscheidungsverm\u00f6gen f\u00fcr Recht und Unrecht in sich \u2013 das glauben die Richter. Hannah Arendt glaubt es nicht, sie widerspricht dieser konventionellen Sicht. Aber sie sieht auch, dass die Richter ihren Job nur mit Hilfe dieses altmodischen Menschenbildes zu Ende bringen k\u00f6nnen. Und sie ist ganz einverstanden damit, sie ist den Richtern dankbar daf\u00fcr, dass sie ihn mit W\u00fcrde und Anstand zu Ende bringen.<\/p>\n<p>Aber dann scheint Hannah Arendt den gordischen Knoten dieses Gerichtsverfahrens auf einmal durchschlagen zu wollen. Am Ende des \u00bbEpilogs\u00ab, der sich mit der Perspektive einer k\u00fcnftigen internationalen Strafjustiz befasst, r\u00fcckt sie unvermittelt mit einer alternativen Urteilsbegr\u00fcndung heraus. Die Richter h\u00e4tten dem Verurteilten sagen k\u00f6nnen: \u00bbDenn wenn Sie sich auf Gehorsam berufen, so m\u00f6chten wir Ihnen vorhalten, dass die Politik ja nicht in der Kinderstube vor sich geht und dass im politischen Bereich der Erwachsenen das Wort Gehorsam nur ein anderes Wort f\u00fcr Zustimmung und Unterst\u00fctzung ist. So bleibt also nur \u00fcbrig, dass Sie eine Politik gef\u00f6rdert und mitverwirklicht haben, in der sich der Wille kundtat, die Erde nicht mit dem j\u00fcdischen Volk und einer Reihe anderer Volksgruppen zu teilen &#8230;\u00ab Das ist bestechend. Jeder ist f\u00fcr seinen Gehorsam selbst verantwortlich. Aber es hat auch etwas von einem Befreiungsschlag. In einem anderen Text aus der gleichen Zeit erl\u00e4utert Hannah Arendt ihre provozierende These: \u00bbWenn wir das Wort \u203aGehorsam\u2039 f\u00fcr all diese Situationen gebrauchen, dann geht dieser Gebrauch auf die uralte politikwissenschaftliche Vorstellung zur\u00fcck, die uns \u2013 seit Plato und Aristoteles \u2013 sagt, dass jedes politische Gemeinwesen aus Herrschern und Beherrschten besteht und dass Erstere befehlen und Letztere gehorchen &#8230; ich m\u00f6chte doch betonen, dass sie fr\u00fchere, und ich glaube auch genauere Auffassungen von den Beziehungen zwischen den Menschen in der Sph\u00e4re gemeinsamen Handelns ersetzten. Diesen fr\u00fcheren Auffassungen zufolge kann jede Handlung, die von einer Mehrzahl von Menschen ausgef\u00fchrt wird, in zwei Phasen eingeteilt werden: den Anfang, den ein \u203aF\u00fchrer\u2039 macht. und die Ausf\u00fchrung, an der sich viele beteiligen, um etwas, was dann ein gemeinsames Unternehmen wird, mit Erfolg abzuschlie\u00dfen.\u00ab(7) Kooperation statt Befehlskette \u2013 Hannah Arendt muss ihre ganze Kritik an den \u00bbfragw\u00fcrdigen Traditionsbest\u00e4nden\u00ab aufbieten \u2013 einen Begriff von Politik, wie sie ihn etwa Ende der F\u00fcnfzigerjahre in der unvollendet gebliebenen \u00bbEinf\u00fchrung in die Politik\u00ab entworfen hatte, um zu einer klaren Position gegen\u00fcber Eichmann und seiner pers\u00f6nlichen Schuld zu finden.(8) Der Prozess ist mit seiner Tendenz zum \u00bbSchauprozess\u00ab, wie auch Hannah Arendt es nennt, schon problematisch genug. Aber das Kernproblem ist doch f\u00fcr sie ein Angeklagter, ein T\u00e4ter, der \u00bbnicht denken\u00ab kann. Jahre sp\u00e4ter wird sie sich diese Wahrnehmung noch einmal vergegenw\u00e4rtigen: \u00bbWie monstr\u00f6s die Taten auch immer waren, der T\u00e4ter war weder monstr\u00f6s noch d\u00e4monisch, und das einzige unverkennbare Kennzeichen, das man in seiner Vergangenheit ebenso wie in seinem Verhalten w\u00e4hrend des Prozesses und der vorausgehenden polizeilichen Untersuchung entdecken konnte, war etwas vollkommen Negatives: nicht Dummheit, sondern eine merkw\u00fcrdige, durchaus authentische Unf\u00e4higkeit zu denken. In der Rolle des prominenten Kriegsverbrechers funktionierte er ebenso wie zuvor unter dem Nazi-Regime; es bereitete ihm nicht die geringste Schwierigkeit, v\u00f6llig andere Regeln zu akzeptieren. Er wusste, dass das, was er einst als seine Pflicht angesehen hatte, nun als Verbrechen bezeichnet wurde, und er akzeptierte diesen neuen Kodex der Beurteilung, als handele es sich um nichts anderes als um eine andere Sprachregel &#8230; Klischees, g\u00e4ngige Redewendungen, das Festhalten an konventionellen, standardisierten Kodizes des Ausdrucks und Betragens haben die gesellschaftlich anerkannte Funktion, uns vor der Wirklichkeit in Schutz zu nehmen, das hei\u00dft vor dem Anspruch, den alle Ereignisse und Tatsachen kraft ihrer Existenz an unsere denkende Aufmerksamkeit stellen. Wenn wir f\u00fcr diesen Anspruch jederzeit empf\u00e4nglich w\u00e4ren, w\u00e4ren wir bald ersch\u00f6pft; der Unterschied bei Eichmann war lediglich, dass er eindeutig solchen Anspruch \u00fcberhaupt nicht kannte.\u00ab(9)<\/p>\n<p>An dieser Stelle vielleicht eine erste Zwischenbilanz: Man muss sich vorsehen bei Hannah Arendt. Ihre Texte sind oft faszinierend formuliert und geradezu \u00fcberw\u00e4ltigend scharfsinnig. Man sieht sich jedes Mal \u00fcberzeugt. Erst hinterher kratzt man m\u00fchsam seine Zweifel und Einw\u00e4nde zusammen. Und erst langsam begreift man auch, dass man hier ein tastendes, ein experimentelles Denken vor sich hat. Konsistenz ist nicht unbedingt sein Ma\u00dfstab und Ziel. Es geht um Verstehen \u2013 in immer neuen Anl\u00e4ufen. Allein in <em>Elemente und Urspr\u00fcnge totaler Herrschaft<\/em> lassen sich schon drei davon unterscheiden.(10) Und \u00bbOrganisierte Schuld\u00ab und <em>Eichmann in Jerusalem<\/em> enthalten wiederum einen anderen Denkansatz. Diese beiden Texte nehmen dem typischen subalternen Hitler-Anh\u00e4nger gewisserma\u00dfen die Tragik weg. Sie machen ihn kleiner, h\u00e4sslicher, banaler. Aber eines scheint allen Varianten von Verf\u00fcgbarkeit, wie Hannah Arendt sie nacheinander entwickelt, gemeinsam: Die Hauptsache f\u00fcr sie alle ist immer, dass \u00fcberhaupt eine Ordnung, ein System, eine Richtung da ist, ganz egal was f\u00fcr eine.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich ist das immer noch ein wesentlicher Beitrag zum Verst\u00e4ndnis des NS-Regimes. Man muss sich freilich klar machen, auf welcher Macht-Ebene man sich hier befindet. Inzwischen sind ganz andere und bedeutend h\u00f6herrangige T\u00e4tertypen in den Fokus der historischen Forschung und auch der interessierten \u00d6ffentlichkeit ger\u00fcckt \u2013 Leistungstr\u00e4ger, hochkompetent, kreativ, entsetzlich inspiriert wie die wissenschaftlichen \u00bbVordenker der Vernichtung\u00ab, um die bahnbrechende Studie von G\u00f6tz Aly und Susanne Heim zu nennen. Oder wie Werner Best, f\u00fcr den, wie Ulrich Herbert in einer gro\u00dfen Monographie nachgewiesen hat, die Vernichtung der Juden ein rationales und nichts als ein rationales Gebot v\u00f6lkischer \u00dcberlebensstrategie war. Dort findet sich auch eine knappe, k\u00fchle Relativierung von <em>Eichmann in Jerusalem<\/em> und der Debatte, die das Buch zumindest in den Sechzigerjahren ausgel\u00f6st hat:<\/p>\n<p>\u00bbDass sich Eichmann &#8230; als organisationsw\u00fctiger Spie\u00dfer ohne jedes pers\u00f6nliche und intellektuelle Format entpuppte, musste auf die \u00dcberlebenden und die Nachkommen der Opfer wie ein Hohn wirken. Aber Eichmann spielte ebenso wie die in Frankfurt angeklagten Aufseher des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz in der Hierarchie des RSHA nur eine untergeordnete Rolle, und f\u00fcr die F\u00fchrer des Terrorapparates war er eher untypisch. So hat es sich historiographisch m\u00f6glicherweise verh\u00e4ngnisvoll ausgewirkt, dass von nun an der nationalsozialistische \u203aSchreibtischt\u00e4ter\u2039 in den Kategorien des beflissenen Befehlsempf\u00e4ngers Eichmann betrachtet wurde.\u00ab(11)<\/p>\n<h4><strong>2.<\/strong><\/h4>\n<p>Aber jetzt auf die helle Seite! Sie hat auch in den dunkelsten Zeiten nicht ganz gefehlt. Man erinnere sich nur an das Denkmal, das Hannah Arendt in <em>Eichmann in Jerusalem<\/em> dem \u00f6ffentlichen Widerstand der D\u00e4nen gegen die Deportation der d\u00e4nischen Juden gesetzt hat: \u00bbDie Geschichte der d\u00e4nischen Juden ist sui generis; im Kreise der L\u00e4nder Europas \u2013 ob besetzt oder neutral und wirklich unabh\u00e4ngig \u2013 war das Verhalten des d\u00e4nischen Volkes und seiner Regierung einzigartig. Diese Geschichte m\u00f6chte man als Pflichtlekt\u00fcre aller Studenten der politischen Wissenschaft empfehlen, die etwas dar\u00fcber erfahren wollen, welch ungeheure Macht in gewaltloser Aktion und im Widerstand gegen einen an Gewaltmitteln vielfach \u00fcberlegenen Gegner liegt.\u00ab Faktisch l\u00e4sst sich das so kaum halten. Die Geschichtswissenschaft hat reichlich Wasser in diesen Wein gegossen.(12) Aber es bleibt immer noch genug: Die Nazis sind hier glatt gescheitert. Anders als in Frankreich hat auch die Polizei nicht kollaboriert. Die Juden, etwa 8000 Leute, sind mit kleinen Booten \u00fcber den Sund nach Schweden gebracht worden. Wir verdanken dieser Autorin Herrschaftsanalysen von einer geradezu ersch\u00fctternden Schonungslosigkeit. Aber Widerstand hat sie niemals unterschlagen oder herabgesetzt. Wo sie auf ihn trifft, w\u00fcrdigt sie ihn. Und wie sie ihn w\u00fcrdigt: Im Jerusalemer Prozess berichtet ein Zeuge, ein ehemaliger j\u00fcdischer Untergrundk\u00e4mpfer, von einem deutschen Feldwebel, der ihnen geholfen hatte und daf\u00fcr hingerichtet worden war: \u00bbW\u00e4hrend der wenigen Minuten, die Kovner brauchte &#8230;, lag Stille \u00fcber dem Gerichtssaal; es war, als habe die Menge spontan beschlossen, die \u00fcblichen zwei Minuten des Schweigens zu Ehren des Mannes Anton Schmidt einzuhalten. Und in diesen zwei Minuten, die wie ein pl\u00f6tzlicher Lichtstrahl inmitten dichter, undurchdringlicher Finsternis waren, zeichnete ein einziger Gedanke sich ab, klar, unwiderlegbar, unbezweifelbar: Wie vollkommen anders alles heute w\u00e4re, in diesem Gerichtssaal, in Israel, in Deutschland, in ganz Europa, vielleicht in allen L\u00e4ndern der Welt, wenn es mehr solcher Geschichten zu erz\u00e4hlen g\u00e4be.\u00ab Zwei Seiten weiter hei\u00dft es lakonisch: \u00bbDenn die Lehre solcher Geschichten ist einfach, ein jeder kann sie verstehen. Sie lautet, politisch gesprochen, dass unter den Bedingungen des Terrors die meisten Leute sich f\u00fcgen, <em>einige aber nicht.<\/em>\u00ab<\/p>\n<p>Wer Letztere sind und wie sie es fertig bringen, nein zu sagen, bleibt ein R\u00e4tsel. F\u00fcr Hannah Arendt hat es, wie sollte es anders sein, etwas mit dem Denken zu tun \u2013 mit dem Zwiegespr\u00e4ch einer Person mit sich selbst. Hannah Arendt hat diese Hypothese mehrfach vorgetragen \u2013 am eindrucksvollsten vielleicht in dem Aufsatz \u00bb\u00dcber den Zusammenhang von Denken und Moral\u00ab aus dem Jahre 1971(13), aber auch in den beiden Sokrates-Kapiteln von \u00bbDas Denken\u00ab, urspr\u00fcnglich eine Vorlesung aus dem Jahre 1973, findet sie sich wieder.(14) Das Wichtigste daran ist vielleicht der Verzicht auf Stilisierung. So wie die M\u00f6rder f\u00fcr Hannah Arendt keine Monster, so sind die Helden keine Moralgiganten. Es sind einfach nur Leute, die sich im entscheidenden Moment nicht vorstellen k\u00f6nnen, f\u00fcr den Rest ihres Lebens mit sich selbst als einem Verbrecher zusammenleben zu m\u00fcssen. Also kein unbeugsames Gewissen. Kein Himmelsgestirn von moralischen Werten. Man muss den Ansatz nicht unbedingt \u00fcberzeugend finden. Aber verglichen mit dem gewohnten Moralisieren wirkt er wie ein elegantes Understatement. Und jedenfalls erleichtert das eigenartig profane oder minimalistische Gedankenmodell von Widerstand den Zugang zu den unscheinbaren, vorher, bis zum Moment der Bew\u00e4hrung, ganz unauff\u00e4lligen Helden \u2013 etwa, um ein Beispiel aus der Region zu w\u00e4hlen, von der Art eines Paul Gr\u00fcninger, dem tapferen Polizeikommandanten von St. Gallen. Der ahnte, wie Stefan Keller in seinem sch\u00f6nen Buch nahe legt, vorher wahrscheinlich selber am allerwenigsten, was f\u00fcr einer er eigentlich war. Wenn er \u00fcberhaupt je einen Gedanken darauf verschwendet hat (<em>Gr\u00fcningers Fall<\/em>, Z\u00fcrich 1993).<\/p>\n<p>Im Dunkeln gibt es das Helle. Und im Hellen gibt es das Dunkle. Untilgbar, unausrottbar \u2013 es kann einged\u00e4mmt werden, es kann zur\u00fcckgedr\u00e4ngt werden, aber es kann nicht definitiv \u00fcberwunden oder gar zum Verschwinden gebracht werden. Die Suche nach tragf\u00e4higen, dauerhaften Formen der Freiheit bei Hannah Arendt ist dringlich, beharrlich, unerm\u00fcdlich. Dem heutigen Leser f\u00e4llt auf, dass die totalit\u00e4re Gefahr f\u00fcr Hannah Arendt noch nicht vorbei ist. Oder sagen wir vorsichtiger: dem deutschen Leser, bei einem amerikanischen bin ich mir da nicht so sicher. Hannah Arendt schlie\u00dft die Wiederkehr dieser Herrschaftsform niemals ganz aus. Auch nicht f\u00fcr Amerika. In einem Text \u00fcber die Kommunistenjagd der McCarthy-\u00c4ra schreibt sie etwa: \u00bb&#8230; dass die totalit\u00e4re Herrschaft eine neue Staatsform darstellt, die h\u00f6chstwahrscheinlich als M\u00f6glichkeit und immer gegenw\u00e4rtige Gefahr uns von nun ab in der Geschichte begleiten wird &#8230;\u00ab(15)<\/p>\n<p>Seit der Wiederver\u00f6ffentlichung der Beitr\u00e4ge Hannah Arendts f\u00fcr die New Yorker deutsch-j\u00fcdische Emigrantenzeitung <em>Aufbau<\/em> verstehen wir auch die spezifisch j\u00fcdische Dimension dieser Unbeirrbarkeit besser.(16) Bis dahin hatte das Buch \u00fcber Rahel Varnhagen (mit seinen beiden erst Ende der Drei\u00dfigerjahre geschriebenen, pointiert assimilationskritischen Schlusskapiteln) gleichsam in der Luft gehangen. Jetzt haben wir das Zwischenst\u00fcck. In diesen Artikeln der Jahre 1941\u20131945 formuliert Hannah Arendt zum ersten Mal ihren spezifischen Begriff des politischen Handelns \u2013 in doppelter innerj\u00fcdischer Frontstellung: gegen die traditionell paternalistische, abwiegelnde, auf eine Entpolitisierung der j\u00fcdischen Volksmassen abzielende Politik der j\u00fcdischen Eliten <em>und<\/em> gegen die dominante, gut \u00bbrealpolitische\u00ab Variante des Zionismus, die um jeden Preis den j\u00fcdischen Nationalstaat in Pal\u00e4stina durchsetzen will und f\u00fcr sein \u00dcberleben ausschlie\u00dflich auf die Protektion bestimmter Gro\u00dfm\u00e4chte setzt. Es war das \u2013 zum guten Teil freilich imagin\u00e4re \u2013 Szenarium der um ihre schiere Existenz und dar\u00fcber hinaus f\u00fcr ihre Gleichrangigkeit unter den V\u00f6lkern in einer k\u00fcnftigen Weltordnung k\u00e4mpfenden Juden \u2013 als regul\u00e4re Soldaten im Krieg gegen das NS-Regime; als Partisanen im Kampf gegen die Besatzungsmacht in Ost- und Westeuropa; als Partner einer Verhandlungsl\u00f6sung mit den Arabern in Pal\u00e4stina \u2013, an dem Hannah Arendt zum ersten Mal durchdacht hat, wie Menschen aus sich selbst verantwortungsbewusste politische Akteure machen k\u00f6nnten. Es ist der j\u00fcdische Citoyen, den sie als ersten denkt. Sie besitzt ihn gewisserma\u00dfen schon, als sie sich dann an die Interpretation der Gefolgschaft Hitlers macht \u2013 in diversen Ausf\u00fchrungen. Und dieser j\u00fcdische Citoyen ist auch nicht imagin\u00e4r. Er ist fr\u00fcher da als der j\u00fcdische Staat, und Hannah Arendt wird ihm unmittelbar nach dem Krieg in Amerika leibhaftig begegnen. Ihr Briefwechsel mit Kurt Blumenfeld ist ein sch\u00f6nes Zeugnis daf\u00fcr.(17)<\/p>\n<p>Aber die Suche nach einem Ort oder Raum f\u00fcr die Freiheit ist auch vergeblich. Die Polis des klassischen Athen ist endg\u00fcltig versunken. Und es war auch eine Veranstaltung von Sklavenhaltern. Die Gr\u00fcndung der amerikanischen Republik \u2013 f\u00fcr Hannah Arendt das andere gro\u00dfe weltgeschichtliche Exempel eines politischen Gemeinwesens, das die Freiheit zu institutionalisieren und auf Dauer zu stellen versucht \u2013 ist inzwischen zumindest stark versandet. Hannah Arendt wird \u00fcber Amerika niemals so schreiben, wie sie \u00fcber das Europa des bequemen Pessimismus, der Nachgiebigkeit oder sogar der Komplizenschaft gegen\u00fcber dem Nationalsozialismus an der Macht geschrieben hat. Es gibt immer einen Vorbehalt von Respekt und Vertrauen. Man sp\u00fcrt immer einen Unterton von Loyalit\u00e4t, auch noch in den ganz verzweifelten Texten. Aber Hannah Arendt ist auch hier entschlossen, sich nichts vorzumachen. Der politische Entscheidungsprozess wird auch in den USA von gro\u00dfen Parteimaschinen beherrscht. Und die amerikanische Gesellschaft hat sich schon im 19. Jahrhundert in eine arbeits- und konsumbesessene Massengesellschaft verwandelt, die die alte B\u00fcrgertugend weitgehend vergessen und f\u00fcr die politischen Visionen der <em>Founding Fathers<\/em> kaum mehr Verst\u00e4ndnis hat. Das politische Erbe der Amerikanischen Revolution mag noch nicht ganz tot sein, aber es lebt auch nicht mehr richtig. Wie Hannah Arendt in <em>\u00dcber die Revolution<\/em> (1963) aufzuzeigen versucht, lag der Keim des Niedergangs schon darin, dass die basisdemokratischen Einrichtungen der Pionierzeit mit ihren <em>townhall meetings<\/em> keinen Eingang in die Verfassung gefunden haben. Schlie\u00dflich w\u00e4ren da noch die R\u00e4te, die in bestimmten Krisenmomenten der europ\u00e4ischen Geschichte der letzten hundert Jahre auftauchen: in der Pariser Kommune, am Ende des Ersten Weltkrieges in Russland und Deutschland, in der Ungarischen Revolution von 1956. Hannah Arendt hat den Ereignissen in Ungarn einen Essay gewidmet, der nur auf den ersten Blick unangemessen emphatisch wirkt, in Wahrheit aber gerade die Isoliertheit, die Verlorenheit dieses hoffnungslos verfr\u00fchten Freiheitskampfes herausarbeitet. Die R\u00e4te kommen f\u00fcr Hannah Arendt aus dem Willen der Massen, die Initiative zur\u00fcckzugewinnen, die politische Macht zu \u00fcbernehmen \u2013 womit sie zumindest die deutsche R\u00e4tebewegung von 1918 gr\u00fcndlich \u00fcbersch\u00e4tzt oder missversteht. Aber sie gehen regelm\u00e4\u00dfig ebenso schnell wieder unter, wie sie aufgekommen sind. Nirgends haben sie eine wirkliche Chance gegen die politischen Parteien.<\/p>\n<p>Aber Hannah Arendt bleibt unvers\u00f6hnt. Es gibt keine Kehrtwendung von der Art, wie die Alt-Achtundsechziger unter uns sie kennen \u2013 erst eine hochfliegende \u00bbau\u00dferparlamentarische\u00ab oder gar \u00bbanarcholibert\u00e4re\u00ab Doktrin und dann, nach der Entt\u00e4uschung dieser utopischen Hoffnungen, nur noch die Demokratie, so, wie sie ist. Weder das eine noch das andere. Keine Fundamentalopposition, keine R\u00fcckkehr in die so genannte politische Mitte. Kein linker Radikalismus, keine Einkehr oder Resignation.<\/p>\n<p>Keine Negation der etablierten demokratischen Institutionen: Hannah Arendt hat das spontane politische Handeln nie als systemsprengend oder grenzenlos emanzipatorisch gedacht, wie nicht wenige von uns es eine Zeit lang getan haben. Sie denkt es immer als eingebettet in ein komplexes Gef\u00fcge von republikanischen Institutionen, von politischen \u00bbchecks and balances\u00ab, die es verfeinern, erweitern, zur M\u00e4\u00dfigung zwingen. Das hei\u00dft: zur Ber\u00fccksichtigung anderer, abweichender Meinungen \u2013 nicht etwa aus Toleranz, sondern weil es, mit dem Gleichnis in <em>Nathan der Weise<\/em> zu sprechen, den echten Ring gar nicht gibt. Gl\u00fccklicherweise nicht gibt, wie Hannah Arendt mit Lessing sagt.(18) Freiheit kann es f\u00fcr sie nur im Rahmen eines stabilen Gemeinwesens geben \u2013 auch hier spricht, wie Margaret Canovan gezeigt hat, die Erfahrung vom Totalitarismus als rei\u00dfendem, alles zerst\u00f6renden \u00bbpolitischen Hurrikan\u00ab.(19) Die Vorstellung von einer ungez\u00fcgelten, unabgebremsten Mehrheit \u2013 und sei es auch einer ganz demokratisch zu Stande gekommenen, die sich selbst absolut setzt und verg\u00f6tzt \u2013, war Hannah Arendt ein Grauen. Wie vorher auch schon Alexis de Tocqueville, der Mitte der Drei\u00dfigerjahre des 19. Jahrunderts in <em>\u00dcber die Demokratie in Amerika <\/em>geschrieben hatte: \u00bb&#8230; sobald \u00fcber eine Frage die Mehrheit erst einmal zustande gekommen ist, gibt es sozusagen nichts, was ihren Gang hemmen, geschweige denn zum Stillstand bringen k\u00f6nnte, nichts, was ihr Zeit lie\u00dfe, die Klagen derer anzuh\u00f6ren, die sie auf ihrem Wege zermalmt.\u00ab(20)<\/p>\n<p>Aber eben auch kein Verzicht auf ein grunds\u00e4tzliches Hinterfragen der etablierten demokratischen Institutionen: Die B\u00fcrgerfreiheit \u2013 als Freiheit des politischen Handelns, nicht als rechtlich abgesicherte Freiheit von der Politik \u2013 bleibt \u00fcberall ein unertr\u00e4gliches Desiderat. Der zeitgem\u00e4\u00dfe Platz, die aktuell brauchbare Institution ist f\u00fcr sie noch nirgends gefunden. Als sich im Zeichen des Vietnamkrieges die politischen Verh\u00e4ltnisse in Amerika dann verd\u00fcstern und verformen \u2013 in \u00bbihrem\u00ab Amerika, das sie 1941 aufgenommen hat, dem sie seine Leistung im Zweiten Weltkrieg nie vergisst und das sie in <em>On Revolution<\/em> vor den Demokratien der Welt ausgezeichnet hatte \u2013, nimmt Hannah Arendt ihre Zuflucht sogar zu einem paradoxen Gedanken. Sie scheint jetzt allen Ernstes f\u00fcr so etwas wie den Einbau des zivilen Ungehorsams in das politische System pl\u00e4dieren zu wollen. Es erscheint ihr in diesem dunklen Moment, der sie am Ende ihres Lebens noch einmal zur leidenschaftlichen politischen Publizistin werden l\u00e4sst, durchaus nicht abwegig, einen Massenprotest wie den gegen diesen sinnlosen und sch\u00e4ndlichen Krieg verfassungsrechtlich legitimieren zu wollen.<\/p>\n<p>Ein nicht zur Ruhe kommendes, nicht zu bes\u00e4nftigendes Problembewusstsein f\u00fcr das strukturelle Freiheitsmanko der repr\u00e4sentativen Demokratie, so, wie sie ist \u2013 eine Beunruhigung, bar aller Rezepte. Ich w\u00fcsste nicht, was aktueller w\u00e4re. Aber vielleicht h\u00e4ngt mit dieser Unerf\u00fclltheit, mit der Absage an das politische Wunschdenken oder, wie man auch sagen k\u00f6nnte, mit der eher defensiven als utopischen Ausrichtung des arendtschen Denkens auch ein einigerma\u00dfen esoterisch wirkender Zug zusammen. Ich meine den eigenartigen Hochglanz, den Hannah Arendt dem \u00f6ffentlichen Handeln durchweg verleiht. F\u00fcr die Amerikanische Revolution ist von dem unvergleichlichen Gl\u00fccksgef\u00fchl die Rede, das mit dem Auftreten in dieser Sph\u00e4re verbunden sei. Mit gro\u00dfer Zustimmung zitiert Hannah Arendt John Adams, f\u00fcr den ausnahmslos alle Menschen sich intensiv danach sehnen, dass \u00bbman sie sieht, dass man sie h\u00f6rt, dass man von ihnen spricht, dass man sie anerkennt und respektiert\u00ab. In der Polis war es der edle, wenn auch unerbittliche Wettstreit um Auszeichnung, der zumindest die Innenpolitik ausgemacht habe. Immer scheint das politische Handeln bei Hannah Arendt um sich selbst zu kreisen. Und immer scheint die Freiheit ihren Sinn und ihre Erf\u00fcllung in sich selber zu finden.<\/p>\n<p>Nein, nicht immer: Die \u00bb\u00dcberlegungen zu den Pentagon-Papieren\u00ab aus dem Jahre 1971 brechen aus diesem Diskurs aus. Das hier gezeichnete Bild von der F\u00fchrungsmacht der freien Welt \u2013 von einer Weltmacht, die nur noch an ihrem \u00bbImage\u00ab als Weltmacht interessiert scheint \u2013 ist allzu bedrohlich. Es verlangt wieder zwingend nach Widerstand, und der kreist nicht um sich selbst.(21) Aber zumindest \u00fcberall dort, wo es grunds\u00e4tzlich um die Spezifik des Politischen geht, sto\u00dfen wir bei Hannah Arendt auf eine gewisse Tendenz zur Verkl\u00e4rung. W\u00e4re sie ein Surrogat? Die politische Ebene s\u00e4he sich dann zu einer autonomen, nahezu in sich geschlossenen Dimension des menschlichen Daseins aufgewertet oder erh\u00f6ht, weil in der politischen Realit\u00e4t gerade das Entscheidende scheitert: die Demokratisierung der Demokratie. Wie dem auch sei: Der ordin\u00e4re Stoff, aus dem f\u00fcr uns und unseren Alltagsverstand die Politik gemacht ist, bleibt jedenfalls au\u00dfen vor. Der gesellschaftliche Konflikt ist hier etwas Fremdes. Und f\u00fcr den Fall, dass er in die Politik einbricht: etwas St\u00f6rendes, schlimmstenfalls sogar Destruktives. Man hat Hannah Arendt daher einmal, in halbem Ernst, als erste \u00bbNeokonservative\u00ab <em>avant la lettre <\/em>bezeichnet, aber das ist ein anderes Thema.<\/p>\n<p>Ich komme zum Schluss. Wir haben Hannah Arendt hierzulande im Licht des Umbruchs von 1989 f\u00fcr uns wieder entdeckt. Und sind vielleicht dabei, sie mit der allm\u00e4hlichen Einebnung dieser zeitgeschichtlichen Z\u00e4sur schon wieder zu verlieren. Haben wir diese Autorin heute, im Licht des 11. September 2001, noch einmal wieder zu entdecken, wie manche amerikanische Interpreten ihrer Werke zu meinen scheinen? Es k\u00f6nnte ein schwer verdaulicher Brocken f\u00fcr uns werden. Denn eine Hannah Arendt mit ihrer Bereitschaft, sich der Gewalt von \u00bbIdeologie und Terror\u00ab in ihrer Zeit gedanklich zu stellen; mit ihrem idealistischen, nicht selten etwas pathetisch anmutenden Votum f\u00fcr die Freiheit, l\u00e4sst sich kaum als ein Fall von amerikanischem Wahnwitz abheften.<\/p>\n<p>Ich kann Hannah Arendt schlecht lesen, ohne mich zu fragen, wo ich selbst stehe. So k\u00f6nnte ich mich heute etwa fragen, ob ich bereit bin, den Totalitarismus islamistischer Provenienz \u00fcberhaupt als eine neue Form von Totalitarismus wahrzunehmen oder anzuerkennen. Oder ob ich es nicht doch vorziehe, ihn nach lieber alter Gewohnheit als einen brutalen, aber verst\u00e4ndlichen Protest der \u00bbDritten Welt\u00ab gegen uns und unsere egoistisch behauptete Vormacht auf der Welt zu verharmlosen. Oder ich k\u00f6nnte mich fragen, wie wichtig mir denn die politische Freiheit in der Welt ist, sagen wir, im Nahen Osten \u2013 mir als Europ\u00e4er, wenn ich den Amerikanern schon so misstraue. Vielleicht m\u00fcsste ich mir ja eingestehen, dass die Freiheit der Menschen, der anderen, f\u00fcr mich an Bedeutung hinter der Stabilit\u00e4t der Regimes zur\u00fccksteht, seien sie noch so freiheitsfeindlich. In diesem Fall sollte ich freilich Hannah Arendt besser aus der Hand legen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Vortrag erschien zuerst in <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kommune._Forum_f%C3%BCr_Politik,_%C3%96konomie_und_Kultur\">Kommune. Forum f\u00fcr Politik, \u00d6konomie und Kultur<\/a>, Heft 03\/2005 [<a href=\"https:\/\/web.archive.org\/web\/20170113025016\/http:\/\/www.oeko-net.de\/kommune\/alte.htm\">Webarchiv<\/a>].<\/p>\n<hr \/>\n<h4>Fu\u00dfnoten<\/h4>\n<ol>\n<li>\u00bbDie Ungarische Revolution und der totalit\u00e4re Imperialismus\u00ab, 1958, jetzt in: Hannah Arendt: <em>In der Gegenwart<\/em>, hrsg. von Ursula Ludz, M\u00fcnchen 2000.<\/li>\n<li>Hier zitiert nach: Hannah Arendt, <em>In der Gegenwart<\/em>, a. a. O.; der Titel des Textes lautet jetzt: \u00bbDie Nachwirkungen des Naziregimes: Bericht aus Deutschland\u00ab.<\/li>\n<li>Hannah Arendt\/Heinrich Bl\u00fccher: <em>Briefe 1936\u20131968<\/em>. Hrsg. von Lotte K\u00f6hler, M\u00fcnchen 1999.<\/li>\n<li>Hier zitiert nach: Hannah Arendt, <em>In der Gegenwart<\/em>, a. a. O.<\/li>\n<li>\u00bbBefehl und Gehorsam\u00ab<em>, <\/em>in: Hans Buchheim, Martin Broszat, Hans-Adolf-Jacobsen, Helmut Krausnick: <em>Anatomie des SS-Staates, <\/em>6. Aufl. 1994, dtv.<\/li>\n<li>1963, hier zitiert nach der deutschen Ausgabe von 1965.<\/li>\n<li>\u00bbWas hei\u00dft pers\u00f6nliche Verantwortung unter einer Diktatur?\u00ab, 1964, jetzt in: Hannah Arendt: <em>Nach Auschwitz<\/em>. Hrsg. von Eike Geisel und Klaus Bittermann, Berlin 1989.<\/li>\n<li>Vgl. Hannah Arendt: <em>Was ist Politik?<\/em> Aus dem Nachlass. Hrsg. von Ursula Ludz, M\u00fcnchen 1993.<\/li>\n<li>\u00bb\u00dcber den Zusammenhang von Denken und Moral\u00ab, 1971, jetzt in: Hannah Arendt: <em>Zwischen Vergangenheit und Zukunft<\/em>. Hrsg. von Ursula Ludz, M\u00fcnchen 2000.<\/li>\n<li>Vgl. Roy T. Tsao, in: Antonia Grunenberg, Hrsg.: <em>Totalit\u00e4re Herrschaft und republikanische Demokratie<\/em>, Frankfurt\/M. 2003.<\/li>\n<li>Ulrich Herbert: <em>Best. Biographische Studien \u00fcber Radikalismus, Weltanschauung und Vernunft 1903\u20131989<\/em>, Bonn 1996.<\/li>\n<li>Ebenda.<\/li>\n<li>Wieder gedruckt in: Hannah Arendt: <em>Zwischen Vergangenheit und Zukunft<\/em>, a. a. O.<\/li>\n<li>Hannah Arendt: <em>Vom Leben des Geistes. Bd.1<\/em>. Hrsg. von Mary McCarthy, dt. Ausgabe M\u00fcnchen 1979.<\/li>\n<li>\u00bbGestern waren sie noch Kommunisten\u00ab, 1953, jetzt in: Hannah Arendt: <em>In der Gegenwart<\/em>, a. a. O.<\/li>\n<li>Hannah Arendt: <em>Vor dem Antisemitismus ist man nur auf dem Monde sicher<\/em>. Hrsg. von Marie Luise Knott, M\u00fcnchen 2000.<\/li>\n<li><em>\u00bb&#8230; in keinem Besitz verwurzelt\u00ab<\/em>. Hrsg. von Ingeborg Nordmann und Iris Pilling, Hamburg 1995.<\/li>\n<li>\u00bbGedanken zu Lessing: Von der Menschlichkeit in finsteren Zeiten\u00ab, 1959, jetzt in: Hannah Arendt: <em>Menschen in finsteren Zeiten<\/em>. Hrsg. von Ursula Ludz, M\u00fcnchen 2001.<\/li>\n<li>Vgl. Daniel Ganzfried u. Sebastian Heft, Hrsg.: <em>Hannah Arendt. Nach dem Totalitarismus<\/em>, Hamburg 1997.<\/li>\n<li>Erster Band, 1835, hier zitiert nach: Reclam-Auswahl, hrsg. von J. P. Mayer, Stuttgart 1997.<\/li>\n<li>\u00bbDie L\u00fcge in der Politik\u00ab, jetzt in: Hannah Arendt: <em>In der Gegenwart<\/em>, a. a. O.<\/li>\n<\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zur Aktualit\u00e4t der politischen Denkerin Hannah Arendt* * Vortrag im Theater am M\u00fchlenrain, Weil am Rhein, am 13. M\u00e4rz 2005. In der polaren Verklammerung von Totalitarismus und Demokratieentwurf kann man, so unser Autor, eine zentrale Denkfigur von Hannah Arendt beobachten. Arendt fragte auch im Falle des Nationalsozialismus nach der pers\u00f6nlichen Verantwortung \u2013 nicht nur derer &hellip; <a href=\"https:\/\/koehler-kn.de\/ernst\/der-citoyen-und-sein-deutsches-gegenteil\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eDer Citoyen und sein deutsches Gegenteil\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[54,52,39,55,53],"class_list":["post-349","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-54","tag-citoyen","tag-hannah-arendt","tag-kommune","tag-vortrag"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/koehler-kn.de\/ernst\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/349","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/koehler-kn.de\/ernst\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/koehler-kn.de\/ernst\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/koehler-kn.de\/ernst\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/koehler-kn.de\/ernst\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=349"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/koehler-kn.de\/ernst\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/349\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":351,"href":"https:\/\/koehler-kn.de\/ernst\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/349\/revisions\/351"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/koehler-kn.de\/ernst\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=349"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/koehler-kn.de\/ernst\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=349"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/koehler-kn.de\/ernst\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=349"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}