{"id":346,"date":"2023-11-04T15:11:41","date_gmt":"2023-11-04T14:11:41","guid":{"rendered":"https:\/\/koehler-kn.de\/ernst\/?p=346"},"modified":"2023-11-04T15:11:41","modified_gmt":"2023-11-04T14:11:41","slug":"gedenken-gegen-erinnerung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/koehler-kn.de\/ernst\/gedenken-gegen-erinnerung\/","title":{"rendered":"Gedenken gegen Erinnerung"},"content":{"rendered":"<p>Was man etwas vorschnell unsere \u201eZeitenwende\u201c genannt hat, in der wir auf einmal aus einer jahrzehntelangen bundesdeutschen Selbstbezogenheit \u201eaufgewacht\u201c seien \u2013 einfacher gesagt: der russische Vernichtungskrieg gegen die Ukraine \u2013 zwingt uns zumindest eine geschichtliche Horizonterweiterung auf. Und konfrontiert uns so auch mit politischen Verh\u00e4ltnissen, in denen das Gedenken die Erinnerung nicht anregt, st\u00fctzt und f\u00f6rdert, sondern sie im Gegenteil versch\u00fcttet und vernichtet. Einen exemplarischen Fall daf\u00fcr bietet der amerikanische Historiker Charles King in seiner subtilen, auch literarisch herausragenden Geschichte der Stadt Odessa, die jetzt auch auf Deutsch vorliegt. (Odessa. Leben und Tod in eine Stadt der Tr\u00e4ume, 2023, Edition Tiamat). Auf Grund ihrer f\u00fcr den Handel und Fernhandel g\u00fcnstigen geografischen Lage, ihrer multiethnischen Zug\u00e4nglichkeit und sozi\u00f6konomischen wie kulturellen Liberalit\u00e4t entwickelte sich die Stadt in der zweiten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts zu einer Metropole des regionalen und gesamtrussischen j\u00fcdischen B\u00fcrgertums und Gro\u00dfb\u00fcrgertums. Das sich hier einmal nicht nur geduldet sah, sondern auch politisch pr\u00e4sent war, das hei\u00dft: \u00fcber Einfluss und Macht verf\u00fcgte und in mancher Hinsicht das letzte Wort hatte.<\/p>\n<p>Wer sich in den Untergang dieser einzigartigen j\u00fcdischen Prominenz und Dominanz im fr\u00fchen 20. Jahrhundert einf\u00fchlen m\u00f6chte, kommt nicht an einem ihrer gro\u00dfen Schriftsteller vorbei: an dem Vordenker des Zionismus Vladimir Jabotinsky und seinem autobiografisch grundierten Roman \u201eDie F\u00fcnf\u201c (1935, auf Deutsch 2012, Die Andere Bibliothek) Das Werk mag hierzulande nicht zum Kanon der Gro\u00dfen Literatur z\u00e4hlen, es ist ein Meisterwerk der modernen Weltliteratur.<\/p>\n<p>Aber hier geht es schon nicht mehr um Niedergang, Abstieg und Zerfall zwischen Sp\u00e4tzarismus, Erstem Weltkrieg und bolschewistischer Revolution. Sondern bereits um Ausrottung. Um die systematische Verfolgung, Vertreibung, Deportation und Ermordung der j\u00fcdischen B\u00fcrger von Odessa im Zweiten Weltkrieg. Wie sie in diesem Fall nicht direkt von den Nazis, sondern in \u00dcbereinstimmung mit Hitler-Deutschland von der rum\u00e4nischen Besatzungsmacht durchgef\u00fchrt worden ist. Und wie sie dann nach dem Zweiten Weltkrieg von den Entscheidungstr\u00e4gern der siegreichen Sowjetunion im Interesse und im Zuge propagandistischer Systemstabilisierung und politisch- ideologischer Selbstverherrlichung so gut wie wegmanipuliert wird. Charles King zeigt in gro\u00dfer Dichte, Quellenn\u00e4he und begrifflicher Feinheit auf, wie aus der realen Stadt, die unter dem Druck totalit\u00e4rer Gewaltherrschaft stand, jetzt eine strahlende sowjetische \u201eHeldenstadt\u201c gemacht wird.<\/p>\n<p>Zum Beispiel in erbaulichen, am\u00fcsanten und sentimentalen Kriegsfilmen \u2013 mit so tapferen wie treuherzigen und gem\u00fctsvollen jungen Soldaten in den Hauptrollen, an denen sich ganz Russland erfreut und erw\u00e4rmt &#8211; verschwindet die Stadt, die sich angstvoll anpasst; die sich notgedrungen unterwirft; die mit der faschistischen Macht in allen m\u00f6glichen Varianten kollaboriert; die sich im durchaus typischen und massenhaften Ph\u00e4nomen der Denunziation kompromittiert. \u201eAber \u201aOdessa-Mama\u2019 \u2013 die verhei\u00dfungsvolle und herzliche Mutterstadt, die von sowjetischen Schlagers\u00e4ngern und Schriftstellern gepriesen wurde \u2013 diente nun dazu, die schwierigen Realit\u00e4ten, die den Ort in der ersten H\u00e4lfte des zwanzigsten Jahrhunderts gepr\u00e4gt hatten, auszublenden. Die sowjetische Version des Odessa-Patriotismus \u00fcberdeckte eine dunkle Vergangenheit: die unausweichliche Tatsache, dass das j\u00fcdische Erbe, das nun zumeist in verschl\u00fcsselter Form zelebriert wurde \u2013 in zahllosen Geschichten, Romanen, Theaterst\u00fccken, Filmen, Witzb\u00fcchern, Konzerten, Musicals und anderen Schm\u00e4hungen \u2013 im Ged\u00e4chtnis derer, die es wiederherstellen wollten, ausgel\u00f6scht worden war.\u201c<\/p>\n<p>Das Gedenken ist hier nur Kitsch, Nostalgie, L\u00fcge. Wir hatten nach dem Krieg entschieden mehr Gl\u00fcck als unsere sowjetischen Zeitgenossen. Anders als sie hatten wir die Chance, eine vertretbare, eine im Ansatz um Aufkl\u00e4rung bem\u00fchte Erinnerungskultur aufzubauen. Wenn wir auch Jahrzehnte gebraucht haben, eher wir uns in unserem Denken und Lernen an die realen Orte der deutschen Verbrechen in Osteuropa begeben haben. In Westdeutschland jedenfalls. Auch f\u00fcr die von sich selbst so \u00fcberzeugten \u201e68er\u201c war die Frage lange Jahre immer nur gewesen: Warum hatte der Nationalsozialismus in Deutschland an die Macht kommen k\u00f6nnen? \u201eAuschwitz\u201c war eine Chiffre, ein Symbol, keine konkrete Wirklichkeit.<\/p>\n<p>Inzwischen, mit der Invasion Russland in die Ukraine, ist dieser Standardblick auf unsere Zeitgeschichte fragw\u00fcrdig geworden. Er ist besser gesagt ersch\u00fcttert worden. Heute wird sich kaum mehr jemand bei uns etwas auf unsere \u201eVergangenheitsbew\u00e4ltigung\u201c einbilden \u2013 so viel ernstgemeinte internationale Anerkennung sie auch gefunden hat. Was selbst die ukrainischen Gro\u00dfst\u00e4dte betrifft \u2013 abgesehen vielleicht nur von Kiew-, sind die deutschen Verbrechen vor Ort hierzulande bis heute Neuland unserer Erinnerung. Auch f\u00fcr viele historisch interessierte und verantwortungsbewusste deutsche B\u00fcrger. Es handelt sich um eine tief verankerte, in unserem Horizont, in unserer halbierten Integrit\u00e4t, in unserem Bild von der Welt, in unserem Begriff von Europa angelegte Ignoranz. Unser einge\u00fcbtes, etabliertes Gedenken an die Deutschen den Zweiten Weltkrieg war und ist kein Lug und Trug. Aber es war und ist doch selektiv, und zwar verbohrt selektiv. Es war und ist verkr\u00fcppelt. So, wie es ist, kann es keinesfalls Bestand haben. Es f\u00fcr die erreichbare, unerschlossene, gleichsam brachliegende, wartende Erinnerung aufzuschlie\u00dfen, bleibt die Aufgabe.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was man etwas vorschnell unsere \u201eZeitenwende\u201c genannt hat, in der wir auf einmal aus einer jahrzehntelangen bundesdeutschen Selbstbezogenheit \u201eaufgewacht\u201c seien \u2013 einfacher gesagt: der russische Vernichtungskrieg gegen die Ukraine \u2013 zwingt uns zumindest eine geschichtliche Horizonterweiterung auf. 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