{"id":340,"date":"2023-06-28T11:12:38","date_gmt":"2023-06-28T09:12:38","guid":{"rendered":"https:\/\/koehler-kn.de\/ernst\/?p=340"},"modified":"2023-06-28T11:12:38","modified_gmt":"2023-06-28T09:12:38","slug":"rassismusvorwuerfe-im-politischen-abseits","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/koehler-kn.de\/ernst\/rassismusvorwuerfe-im-politischen-abseits\/","title":{"rendered":"Rassismusvorw\u00fcrfe im politischen Abseits"},"content":{"rendered":"<p>Der Ansatzpunkt und bis heute der eigentliche Fokus der neuen vehementen Auseinandersetzung \u00e0 la \u201eWoke\u201c oder Cancel Culture\u201c mit uns selber: mit den vermeintlich verborgenen, vor uns selbst verborgenen, dunklen, schmutzigen Seiten unserer Mentalit\u00e4t ist eine spezifische \u00f6ffentliche Rassismuskritik. Sie findet Rassismus, in jedem von uns. Sie pr\u00e4sentiert sich als die unnachgiebige Forderung nach einer schonungslosen Selbsterforschung und Selbstentbl\u00f6\u00dfung, die l\u00e4ngst \u00fcberf\u00e4llig sei.<\/p>\n<p>Zur Abwechslung k\u00f6nnte man einmal versuchen, die b\u00f6se und unvers\u00f6hnlich umstrittene neue Moral-, Sozial- und Kulturkritik bis dorthin zur\u00fcck zu verfolgen, wo sie noch genuine Sozialforschung oder Geschichtsschreibung ist. Oder es auch noch ist, wenn die autoritative Sto\u00dfrichtung dieser Forschungsleistungen auch schon ideologisch sein sollte &#8211; und die Denktraditionen der Aufkl\u00e4rung bereits verlassen. Dann k\u00f6nnte man die anhaltende, wenn nicht wachsende \u00dcberzeugungskraft dieser Gedankenwelt vielleicht besser verstehen. Die sich einem eher entziehen, wenn man nur den penetranten Belehrungsanspruch und die Spaltungsstrategie im Auge hat. Wenn die neue Unterdr\u00fcckungspraxis auf jahrzehntelangen Wegen von links her kommt und aus dem weiten Denkhorizont des sozialen Ausgleichs auf uns herabst\u00f6\u00dft, wei\u00df man jedenfalls, dass man es hier mit einer Verf\u00e4lschung, mit einer Perversion zu tun hat. Die Frage w\u00e4re dann: Wo genau haben die Geister sich geschieden und die Wege sich getrennt?<\/p>\n<p>Manchmal verl\u00e4uft alles freilich auch zusammengedr\u00e4ngt, und wir haben die authentische Kritik an emp\u00f6rendem sozialem Unrecht, den kollektiven Widerstand gegen reale Menschenverachtung und seinen Umschlag, seine Verwandlung in eine ganz andere \u201eBewegung\u201c oder auch nur Unruhe sch\u00f6n anschaulich und massiv beieinander. Wenn man dem auch bei uns viel gelesenen amerikanischen Journalisten George Parker folgt, war die m\u00e4chtige Woge von antirassistischen Protesten in den USA nach der Ermordung von George Floyd im Mai 2020 genau ein solcher Fall \u2013 vielschichtig und gebrochen:<\/p>\n<p>\u201eDer z\u00fcndende Funke war ein Video von 5 Minuten und 46 Sekunden, das zeigt, wie ein Schwarzer Mann vom Knie eines kriminell gest\u00f6rten Polizisten niedergedr\u00fcckt und erstickt wird. Die Proteste dauerten erst Tage, dann Wochen, dann Monate. An manchen Orten fanden sie gar kein Ende. Sieben Millionen Menschen, vielleicht aber auch 15 oder 26 Millionen Menschen in 2500 St\u00e4dten haben sich daran beteiligt \u2013 die genaue Zahl l\u00e4sst sich nicht feststellen, daf\u00fcr waren die Protestz\u00fcge zu viele und zu gro\u00df. Weltweit gingen die Menschen in mindestens 70 L\u00e4ndern auf die Stra\u00dfe. Sogar in Vidor, einer Stadt in Texas mit einer ber\u00fcchtigten Verbindung zum Ku-Klux-Klan knieten wei\u00dfe Menschen nieder und senkten schweigend das Haupt\u2026 Noch nie hatte es in der Geschichte der USA einen Protest dieses Ausma\u00dfes gegeben, wie er sich nach dem Tod von George Floyd erhob\u2026 Nach einigen Wochen ebbten die Proteste ab. Die engagiertesten Aktivisten, wie die in Minneapolis, wandten sich wieder der K\u00e4rrnerarbeit zu, eine Ver\u00e4nderung im Umgang der Polizei mit Schwarzen Menschen zu bewirken. Einige Regierungsbeh\u00f6rden in den St\u00e4dten und Bundesstaaten besch\u00e4ftigten sich mit der Frage, wie man Polizisten besser zur Rechenschaft ziehen und das Justizsystem entsprechend reformieren k\u00f6nnte\u2026Aber der Geist des Protests verschwand nicht. Er verlie\u00df die Stra\u00dfen und zog ein in die Kultur \u2013 in Universit\u00e4ten, Zeitungen, Kunstvereine, Verlagsh\u00e4user, gemeinn\u00fctzige Vereine, Unternehmen und nach Hollywood.<br \/>\nDie Fokussierung auf die Polizeigewalt zog weitere Kreise und verwandelte sich in etwas weniger Greifbares, aber sehr viel Ehrgeizigeres. Etwas nahezu Transhistorisches, das als \u201aAntirassismus\u2019 bezeichnet wurde. F\u00fcr einige Amerikaner, vor allem aus den gebildeten wei\u00dfen Schichten, wurde der Sommer 2020 die Jahreszeit der wei\u00dfen Fragilit\u00e4t, der Anti-Blackness, der Reflexion unausgesprochener Vorurteile, der Abrechnung mit dem Rassismus\u2026 Diese Form des Engagements verlagerte die Aktivit\u00e4ten von den armen Stadtvierteln und den Gef\u00e4ngnissen in die Personalabteilungen, die Antidiskriminierungsprogramme\u2026Dieser Sommer zielte weniger auf soziale Reformen als auf einen Bewusstseinswandel. \u2013 Die Pandemie verschwand fast v\u00f6llig aus dem Blickfeld, w\u00e4hrend Millionen Wei\u00dfe ein kollektives moralisches Erwachen erlebten, das die Amerikaner in ihrer Geschichte von Zeit zu Zeit \u00fcberkommt. Diese Erweckungserfahrungen k\u00f6nnen die Gestalt religi\u00f6sen Erlebens annehmen, und zwar in einer speziell amerikanischen Spielart mit S\u00fcnde, Brandmarkung, Beichte, Bu\u00dfe, Erl\u00f6sung. Jagd auf H\u00e4retiker, B\u00fccherverbrennungen und dem Traum vom Paradies. Solcherart Erweckungserfahrungen vollziehen einen gro\u00dfen Salto r\u00fcckw\u00e4rts. Hinweg \u00fcber die diesseitsgewandten Philosophen des 18.Jahrhunderts und unsere s\u00e4kularen, rationalistischen Gr\u00fcnderv\u00e4ter, um schlie\u00dflich bei unseren Urspr\u00fcngen zu landen, unseren puritanischen Vorfahren.\u201c (George Parker, Die letzte beste Hoffnung. Zum Zustand der Vereinigten Staaten, Hamburg 2021, S. 60 ff.),<\/p>\n<p>Wer sich in diese archaische Welt, die anscheinend nicht ganz versinken will, hineindenken m\u00f6chte, kann es \u00fcber ein Meisterwerk der amerikanischen Literatur aus dem 19. Jahrhundert tun: Nathaniel Hawthorne, The Scarlet Letter. A Romance (1850, dt. Der scharlachrote Buchstabe, dtv 2021, wunderbar \u00fcbersetzt von J\u00fcrgen Bocan). Hier ist es eine junge Frau, die wegen eines unehelichen Kindes \u00f6ffentlich buchst\u00e4blich an den Pranger gestellt wird. Und dann in einem Leben Rande dieser steinern-patriarchalischen Pioniergesellschaft \u00fcber sich hinausw\u00e4chst. Nur begleitet von ihrer fr\u00fchreifen, unbestechlichen kleinen Tochter. W\u00e4hrend der Vater des Kindes, ein Geistlicher und ausgerechnet der charismatische spirituelle F\u00fchrer der kleinen abgelegenen Waldgemeinde in ihren selbst gezimmerten Blockh\u00e4usern, fast sein ganzes Leben braucht, ehe er dazu zu stehen vermag.<\/p>\n<p>II.<\/p>\n<p>Das ist Amerika, das sind nicht wir. Hier kann die Polizei nicht einfach routinem\u00e4\u00dfig auf offener Stra\u00dfe Menschen umbringen. Und es gibt bei uns keine \u201eneuen Puritaner\u201c. Dennoch: lie\u00dfe sich nicht aus den hier so trefflich skizzierten beiden Phasen der Rassismuskritik im Amerika von 2020 auch etwas f\u00fcr uns selbst lernen \u2013 \u00fcber alle politischen, kulturellen und ideologischen Unterschiede hinweg? Vielleicht so: hohe Anspr\u00fcche an die pers\u00f6nliche Gewissenserforschung: an die eigene moralische Integrit\u00e4t, Vorurteilsfreiheit, Sensibilit\u00e4t f\u00fcr jede Form von sozialer Benachteiligung und Ausgrenzung &#8211; bei gleichzeitiger Flucht aus der Politik: R\u00fcckzug von jeder sozialpolitischen Front; von jedem Machtkampf um die Durchsetzung von sozialen Reformen in einer unregulierten, entfesselten kapitalistischen Gesellschaft? Gibt es nicht auch hier eine Mittelschicht, meist Leute mit h\u00f6herer Bildung, die an ihrer Weltoffenheit arbeiten m\u00f6gen, an ihrem kosmopolitischen Humanismus, an ihrem Respekt f\u00fcr den Anderen &#8211; bei doch gleichzeitigem Desinteresse am allt\u00e4glichen Klassenkampf, der \u00fcberall die werte Innerlichkeit umgibt und umlagert.?<\/p>\n<p>Das Angriffsobjekt der hier gemeinten, sehr speziellen Suche und Jagd nach versteckten, unterschwelligen, oft unbewussten, aber immer opferreichen Formen von Rassismus ist die westliche Gesellschaft in toto, nicht mehr und nicht weniger. Es ist die westliche Demokratie, die aus dieser Sicht ihre heiligen Werte im Alttagsleben allesamt verr\u00e4t und mit F\u00fc\u00dfen tritt. Wenn auch wie blind, wie geistesabwesend, wie nebenbei &#8211; eher aus Gewohnheit, aus einer habituellen Stumpfheit, Unterentwicklung, Verwahrlosung des Denkens und F\u00fchlen heraus denn aus Hass und Fanatismus. Nach dieser zeitkritischen Diagnose haben wir uns achtlos zu einer Gesellschaft ohne Interesse, ohne Einf\u00fchlung, ohne Imagination f\u00fcr das viele Leid gemacht, das wir t\u00e4glich anrichten.<\/p>\n<p>Die gedankliche Basis f\u00fcr diesen Frontalangriff auf unsere angeblich doppelb\u00f6dige, abgr\u00fcndige Normalit\u00e4t ist bereits vor Jahrzehnten ausgearbeitet worden: in den 60er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts. Es war ein Umbruch, der die bis dahin noch irgendwie als tragend, wenn nicht als alternativlos verstandenen Vorstellungen vom Funktionieren unserer Gesellschaft, von einer legitimen politischer Ordnung, von einem demokratisch und rechtstaatlich verfassten Gemeinwesen angetastet und zu demolieren versucht hat. Hier eine Einsch\u00e4tzung, die seinen Hintergr\u00fcnden und seiner Reichweite gerecht werden k\u00f6nnte:<\/p>\n<p>\u201eUm 1950 kam es in Europa zu einer Reihe von tiefgreifenden sozialen Ver\u00e4nderungen. Die beiden Weltkriege hatten das Vertrauen der Europ\u00e4er in den Fortschritt nachhaltig und Angst vor der Macht der Technik gesch\u00fcrt. Die intellektuelle Linke in Europa betrachtete den Liberalismus und die westliche Industriegesellschaft mit neuer Skepsis, schlie\u00dflich hatten sie, nicht zuletzt aufgrund der Stimmen verelendeter W\u00e4hler, den Aufstieg des Faschismus zugelassen und damit die verh\u00e4ngnisvolle Entwicklung \u00fcberhaupt erst eingeleitet. Imperien waren untergegangen, und der Kolonialismus war f\u00fcr die meisten Menschen moralisch kompromittiert. Die Bewohner der ehemaligen Kolonien migrierten in die westlichen Gesellschaften, was linke Intellektuelle dazu veranlasste, ethnischen oder kulturellen Ungleichheiten mehr Aufmerksamkeit und zu widmen und sich insbesondere mit Machstrukturen auseinanderzusetzen, die diese bef\u00f6rderten. Die B\u00fcrgerrechtsbewegung in den Vereinigten Staaten und Aktivismus im Namen von Frauen und Homosexuellen erhielten mehr und mehr Unterst\u00fctzung in der \u00d6ffentlichkeit, w\u00e4hrend die Ern\u00fcchterung \u00fcber den orthodoxen Marxismus \u2013 bisher der gro\u00dfe gemeinsame Nenner der Linken im Kampf f\u00fcr soziale Gerechtigkeit \u2013 innerhalb der politischen und kulturellen Linken zunahmen. Angesichts der katastrophalen Auswirkungen des Kommunismus, die sich in allen kommunistisch regierten Staaten zeigten, war diese Desillusionierung nur allzu begr\u00fcndet und f\u00fchrte zu einer radikalen Neujustierung der Weltsicht der linken kulturellen Elite. In der Folge geriet auch das Vertrauen in die Wissenschaft, die zu diesem Zeitpunkt noch in jeder Hinsicht im Aufstieg begriffen war, zum ersten Mal ins Wanken; gerade die Wissenschaft hatte ja dazu beigetragen, die zuvor undenkbaren Gr\u00e4uel des 20.Jahrhunderts \u00fcberhaupt zu erm\u00f6glichen und zu rechtfertigen\u2026\u201c (Helen Pluckrose und James Lindsay, Zynische Theorien, M\u00fcnchen 2022, S.24 f. Der erhellenden Studie folge ich auch in den n\u00e4chsten Abschnitten.)<\/p>\n<p>Eine Reihe illustrer franz\u00f6sischer Denker der ersten Nachkriegsjahrzehnte, wie vor allem Michel Foucault und Jean-Francois Lyotard, haben sich dieser Z\u00e4sur in ihren Werken k\u00fchn und originell gestellt. Einerseits, und sind andererseits doch hoffnungslos weit hinter ihr zur\u00fcckgeblieben. Beantwortet dieser\u201ePostmodernismus\u201c doch die umfassende Ersch\u00fctterung und Desillusionierung zahlloser Menschen nach dem Zweiten Weltkrieg mit einem im Kern superskeptischen, def\u00e4tistischen Welt- und Gesellschaftsbild. Jeglicher politischer Imperativ scheint darin weggedacht, gekappt. Ein fast unabsehbar komplexes und weitgespanntes reales Szenarium der Trauer, der Erbitterung, der Auflehnung, das an allen Ecken und Kanten nach politischem Handeln geradezu schreit \u2013 nach Intervention: selbstbestimmt, organisiert, von unten noch oben, von au\u00dfen nach innen &#8211; sieht sich hier theoretisch sozusagen stillgelegt, wie eingefroren. Man denke nur an Foucault. Es gibt hier allgegenw\u00e4rtige, systemisch miteinander vernetzte und verklammerte sozialer Machtsysteme. \u00dcberall Hierarchien und Komplexe von Unterdr\u00fcckungsroutinen, gegen die offenbar nichts ankommt: ein individueller Mensch ohnehin nicht, aber auch kein Kollektiv von Menschen, keine Reformanstrengung. Nirgendwo, in der Schule nicht, in der Klinik nicht. Von der Justiz ganz zu schweigen. Von den Sozialwissenschaften an den Universit\u00e4ten ganz zu schweigen. Die Sprache ist gewisserma\u00dfen die Machtsapparatur der Machtapparaturen. Gleichsam der Treibriemen dieses monstr\u00f6sen, maschinenhaften Ganzen. Sie sagt uns oder spricht uns vor, wer wir sind, wo wir stehen und wie wir unser Umfeld zu sehen haben. Wie wir die anderen zu sehen haben. Die \u00fcber uns, aber vor allem die unter uns. Kurz: sie sagt uns, wie wir \u00fcber unser Denken zu denken haben.<\/p>\n<p>Wenn das unsere Demokratie ist, dann gibt es sie nicht. Dann ist sie eine Illusion, ein hohler Traum. Dann ist sie in Wirklichkeit totalit\u00e4r. Diese Diagnose, die zun\u00e4chst ganz au\u00dfer Mode geraten war und fast vergessen, muss in der den 90er und 2000er Jahren wieder an Boden gewonnen haben. Heute ist sie jedenfalls wieder voll pr\u00e4sent, nicht nur an den Universit\u00e4ten der USA.<\/p>\n<p>III.<\/p>\n<p>Wenn ich hier eine pers\u00f6nlichen Anmerkung einf\u00fcgen darf: Einige der \u00c4lteren unter uns m\u00fcssen sich heute eingestehen, dass sie diese vernichtende Abwertung unseres sozialen Zusammenlebens und politischen Systems zun\u00e4chst \u00fcberhaupt nicht verstanden haben. So auch ich meinen Foucault und seine philosophische Fragw\u00fcrdigkeit nicht. Alles, was ich vor einem halben Jahrhundert von ihm gelesen habe, stand f\u00fcr mich im Zeichen von Psychiatriegeschichte und der damals vieldiskutierten \u201ePsychiatriereform\u201c. Es war grob gesagt ein \u201e68er\u201c Thema. Die inzwischen \u2013 international &#8211; so machtvoll zur Geltung kommende zynisch-perspektivlose Bild, Zerrbild von unserer wie immer defizit\u00e4ren, deformierten, besch\u00e4digten Demokratie, das Foucault da zeichnet, muss ich abgewehrt haben: \u00fcberflogen oder einfach beiseite gefegt. Das Bild war einfach zu schwarz. Der gew\u00e4hlte zeitgeschichtliche Gegenstand war st\u00e4rker. Ich habe damals Foucault f\u00fcr meine Zwecke und Forschungsinteressen \u2013 das Schicksal der \u201eGeisteskranken\u201c im modernen Europa &#8211; vereinnahmt. Und einen radikalen, bahnbrechenden Aufkl\u00e4rer aus ihm gemacht. Ganz im Sinne der damaligen \u201eemanzipatorisch\u201c ausgerichteten Revolte gegen die aus unserer Sicht nur halbe, schwer unfertige oder auch fr\u00fcherstarrte, fr\u00fchverf\u00e4lschte westdeutsche Demokratie. Heute, da der derselbe Denker, dasselbe Opus dazu herhalten muss, eine ganze Inflation von Unterdr\u00fcckungsvorw\u00fcrfen zu begr\u00fcnden &#8211; und in ihrer Militanz zu legitimieren, kommt einem das alte Missverst\u00e4ndnis doch naiv und kurzschl\u00fcssig vor.<\/p>\n<p>Immerhin wird man fragen d\u00fcrfen, wie das denn zusammenpassen soll: einen Denker wie Michel Foucault endlich einmal genau, unbefangen lesen; seinen Bruch, seine Abrechnung mit dem Fortschrittsgedanken der Aufkl\u00e4rung und<\/p>\n<p>und der ihm folgenden sozialen Bewegungen nicht l\u00e4nger vertuschen; ihm keine Vision von einer besseren Welt andichten \u2013 ihn dann aber zugleich und in einem Atemzug f\u00fcr eine missionarische Kampagne ausschlachten: f\u00fcr weniger Repression, f\u00fcr weniger Diskriminierung, f\u00fcr weniger Erniedrigung, f\u00fcr mehr soziale Gerechtigkeit in der Welt? Oder wenigstens erst mal bei uns, in den westlichen Gesellschaften? Wie kann ein politischer und moralischer Aktivismus \u00fcberhaupt an sich selbst glauben, der sich auf einen derma\u00dfen entmutigenden, geschlossenen Strukturalismus beruft und st\u00fctzt? Auf eine Gesellschaftsanalyse, die \u2013 mit Hannah Arendt zu sprechen &#8211; den handelnden Menschen und seine F\u00e4higkeit zum praktischen Neuanfang verschwinden l\u00e4sst?<\/p>\n<p>Nicht zu unterschlagen w\u00e4re aber auch: Ungeachtet der wirren, theoretisch gesehen geradezu paradox verqueren Ausstattung und Vorbereitung dieser gegenw\u00e4rtig so auftrumpfenden Protestkultur auf die selbstgestellte , \u00fcberaus ehrgeizige Aufgabe: ohne sie g\u00e4be es gewisse Fragestellungen, Beobachtungen und Einsichten vermutlich gar nicht. Hervorzuheben w\u00e4re hier das Konzept der \u201eIntersektionalit\u00e4t\u201c, wie es die amerikanische Juristin Kimberl\u00e9 Crenshaw auch schon vor drei Jahrzehnten formuliert hat (1991):<\/p>\n<p>\u201eIntersektionalit\u00e4t ist die zutreffende Diagnose, dass Menschen besonders stark diskriminiert werden k\u00f6nnen, wenn sich bei ihnen mehrere unterdr\u00fcckte Identit\u00e4ten kreuzen &#8211; beispielsweise, wenn sie schwarz und weiblich sind &#8211; , und dass die derzeitige Gesetzgebung dieser Form der Diskriminierung nicht ausreichend Rechnung trage. Crenshaw merkt an, dass etwa legale Diskriminierung schwarzer Frauen durch ein Unternehmen m\u00f6glich sei, das zwar viele schwarze Mitarbeiter und wei\u00dfe Frauen, aber so gut wie keine schwarzen Frauen einstelle. Sie konstatiert au\u00dferdem zu Recht, dass sich intersektionale Identit\u00e4tsgruppen spezifischen Vorurteilen ausgesetzt sehen. Demzufolge k\u00f6nnte eine schwarze Frau sich den \u00fcblichen Vorurteilen gegen\u00fcbersehen, die mit Schwarz-Sein und mit Frau-Sein einhergehen, w\u00e4re dar\u00fcber hinaus aber noch mit zus\u00e4tzlichen Vorurteilen behaftet, die ausschlie\u00dflich schwarze Frauen betreffen.\u201c (Helen Pluckrose\/ James Lindsay, a.a.O., S. 61).<\/p>\n<p>Wir haben hier einen origin\u00e4ren Text in der Tradition des \u201eWoke\u201c-Diskurses vor uns. Nur liest er sich wie ein linksliberaler Reformvorschlag. Der Bezug zur staatlichen Innern- und Sozialpolitik ist jedenfalls noch nicht zerrissen. Die Fokussierung auf \u201eIdentit\u00e4ten\u201c \u2013 auf die Identit\u00e4t der Opfer von multipler Ausgrenzung &#8211; hier: Frau, schwarz, arm &#8211; ist noch nicht verzweifelt, noch nicht so steril und ohnm\u00e4chtig moralisierend. Sie sieht sich hier noch nicht als eine Sisyphus-Arbeit in einer als irreparabel verdorbenen betrachteten Gesellschaft. Die niemals eine menschlicheres Gemeinwesen aus sich hervorbringen wird. Kurz, es ist noch keine Demaskierung von uns allen, der immer wieder nur neue Entlarvungen folgen m\u00fcssen \u2013 bis ins Unendliche. Es ist hingegen ein \u00f6ffentlicher Appell, die Gesetzeslage zu \u00fcberdenken und den Rechtsstaat durchzusetzen. Genau hier \u2013 falls dieser Zugriff, diese konkrete Reformabsicht n\u00e4mlich aufgegeben wird &#8211; scheiden sich die Geister.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Ansatzpunkt und bis heute der eigentliche Fokus der neuen vehementen Auseinandersetzung \u00e0 la \u201eWoke\u201c oder Cancel Culture\u201c mit uns selber: mit den vermeintlich verborgenen, vor uns selbst verborgenen, dunklen, schmutzigen Seiten unserer Mentalit\u00e4t ist eine spezifische \u00f6ffentliche Rassismuskritik. Sie findet Rassismus, in jedem von uns. 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