{"id":326,"date":"2022-11-17T11:47:53","date_gmt":"2022-11-17T10:47:53","guid":{"rendered":"https:\/\/koehler-kn.de\/ernst\/?p=326"},"modified":"2022-11-17T12:02:27","modified_gmt":"2022-11-17T11:02:27","slug":"ueber-den-ukrainischen-jedermann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/koehler-kn.de\/ernst\/ueber-den-ukrainischen-jedermann\/","title":{"rendered":"<strong>\u00dcber den ukrainischen Jedermann<\/strong>"},"content":{"rendered":"\n<p>Ernst K\u00f6hler <\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Woher nehmen die Ukrainer die Kraft daf\u00fcr, diese Entschlossenheit zum Widerstand?  Es ist  ein gro\u00dfes, unvergleichliches Ereignis der Gegenwart. Aber ist es nicht auch ein unfassbares? Mehr als 90 Prozent der Zivilisten des Landes wollen, dass die ukrainische Armee bis zu vollen Befreiung ihres Landes k\u00e4mpft &#8211; was auch immer sie durchmachen  und noch durchmachen m\u00fcssen. In Deutschland bewundern wir diese Menschen daf\u00fcr und stehen hinter ihnen. Heute nicht mehr die  Mehrheit von uns.  Aber ob es nun, sagen wir, 60 Prozent oder nur noch 40 Prozent sind,  ist zweitrangig. Es sind nach wie vor  sehr viele von uns.  Ungeachtet aller Probleme, die der Krieg auch uns  selbst auferlegt.  Das ist ausschlaggebend. Es ist immer noch ein massives Votum, eine gesellschaftliche Wucht, eine kritische Masse.  <\/p>\n\n\n\n<p>Aber verstehen wir die Ukrainer auch? Unsere Hochachtung hat etwas Empathisches, das hei\u00dft auch: etwas Labiles. Der Respekt ist ohne Zweifel authentisch, aber auch anf\u00e4llig f\u00fcr  gewisse Erm\u00fcdungserscheinungen. Nicht nur in Deutschland, sondern auch anderswo im Westen, nicht zuletzt  in den USA. Aber bleiben wir bei uns. Man kann in niemanden hineinsehen. Aber das Thema <em>Krieg<\/em> \u2013 der ein Vernichtungskrieg  gegen die ukrainische Zivilbev\u00f6lkerung ist, so wie der serbische Krieg der 90er Jahre ein Vernichtungskrieg gegen die bosnische Zivilbev\u00f6lkerung war \u2013 wird bei uns m\u00f6glichst vermieden. Auch im engeren Bekanntenkreis, auch in der Familie. Das ist eine  Form der Selbstvereinzelung, wie soll sich da politischer Zusammenhalt und kollektive Festigkeit entwickeln?  <\/p>\n\n\n\n<p>Vor der Klammer steht: <em>Unserer Anteilnahme und Loyalit\u00e4t fehlt es hinten und vorn an historischem Wissen.<\/em> Sie w\u00e4ren verl\u00e4sslicher, wenn wir nicht so wenig w\u00fcssten \u00fcber das unbeugsame Land. Hier der Versuch einer Ann\u00e4herung in Stichworten: \u00fcber drei Quellen geistiger Autonomie, ausgereifter nationaler Besonderheit oder Identit\u00e4t, aus denen die Selbstbehauptung der Ukraine gegen die Aggression Russlands sch\u00f6pfen kann. Es sind zugleich aber auch drei  Punkte, die uns eher fremd sind und in denen wir M\u00fche haben, den B\u00fcrgern der Ukraine zu folgen. Es sind drei Grundtatsachen der ukrainischen Geschichte und Zeitgeschichte, in die wir uns gerade einzuarbeiten begonnen haben. Ausgerechnet dort, wo sie handeln, wo sie sich zusammenschlie\u00dfen, wo wir sie \u00fcber sich selbst hinauswachsen sehen, sto\u00dfen wir an die Grenzen unseres Erfahrungshorizonts. <\/p>\n\n\n\n<p>Erstens wissen die  Ukrainer, wer Putin ist. Und das nicht erst seit 2014. Wir nicht \u2013 oder erst seit gestern, soweit wir uns da  \u00fcberhaupt schon bewegt haben sollten, \u201eZeitenwende\u201c hin oder her.  Als deutsche Durchschnittsb\u00fcrger stehen wir freilich kaum vor der Frage, ob wir den russischen Pr\u00e4sidenten nicht doch langsam wieder mal anrufen sollten. Um ihn ordentlich zu ermahnen. So ganz isoliert sind Figuren wie Olaf Scholz oder Emmanuel Macron nun auch wieder nicht. Sie geh\u00f6ren mit ihrem absurden Phantasma von der Unsterblichkeit der Diplomatie  zu unserer vertrauten politischen Vorstellungswelt. Es ist eine aus der Zeit gefallene Welt, in der Staatsm\u00e4nner immer Staatsm\u00e4nner bleiben, egal was f\u00fcr Verbrechen sie begehen.   <\/p>\n\n\n\n<p>In der Ukraine ist der Nationalismus dann zweitens die ma\u00dfgebliche Schubkraft hinter der europ\u00e4ischen Orientierung des Landes. Er war es dort,  wie man jetzt in einem Standardwerk  zur Geschichte der Ukraine nachlesen kann (Serhii Plokhy, <em>Das Tor Europas<\/em>, 2022),  immer wieder. Seitdem es in diesem Land \u00fcberhaupt so etwas wie einen modernen Nationalgedanken gibt.  In Deutschland hat der Nationalismus Hitler an die Macht gebracht, was hier zum Gl\u00fcck niemand von Anstand vergessen kann und will. Was hier andererseits aber auch gern  und fast schon reflexartig verallgemeinert wird. So als ob der Nationalismus immer  und \u00fcberall, aus seinem eigentlichen Wesen heraus in eine v\u00f6lkische,  rassistische, faschistische, genozidale Richtung abdrifte. Andere, entgegen gesetzte Erfahrungen vor der Haust\u00fcr \u2013 wie etwa die im Kosovo  der 80er und 90er Jahre kommen dagegen schlecht an. Auch hier war der Nationalismus, der Wille zu Sezession  von Serbien,  die Entscheidung f\u00fcr die staatliche Eigenst\u00e4ndigkeit die entscheidende Kraft hinter Regimewechsel und Demokratisierungsprojekt. In der Literatur \u00fcber die politische Entwicklung vor und nach der Unabh\u00e4ngigkeit der Ukraine ist die Rede von einem \u201eliberalen Nationalismus\u201c oder  \u201estaatsb\u00fcrgerlichen Nationalismus\u201c. Gefeit gegen die angedeutete Entartung ist er freilich nie. <\/p>\n\n\n\n<p>Und schlie\u00dflich : Seit der Unabh\u00e4ngigkeit von 1991 ist die strukturell, sozio\u00f6konomisch in grundverschiedene Regionen geteilte, wenn man will:  gespaltene Ukraine schrittweise zu einem Nationalstaat zusammengewachsen, der von einer klaren Mehrheit der Bev\u00f6lkerung in allen  Regionen getragen wird. Schon vor dem Krieg seit Februar 2022. Mehr noch: die in einer langen Geschichte ausgebildete regionale  Zerrissenheit hat es dem Land &#8211; man m\u00f6chte sagen: ironischerweise &#8211;  erm\u00f6glicht,  einen eigenst\u00e4ndigen demokratischen Pluralismus hervorzubringen. Anders als in der postsowjetischen russischen Republik unter Jelzin, der Panzer auf das Parlament hat schie\u00dfen lassen, hat sich  das Parlament in Kiew von Anfang an nie zu einer Institution  des blo\u00dfen Abnickens  degradieren lassen. (Vgl. auch: Mykola Rjabtschuk, <em>Die reale und die imaginierte Ukraine<\/em>, 2013)  Auch schon vor 2013\/14 nicht,  also vor der Revolution des \u201eMaidan\u201c,  die  nach mehr als zwei Jahrzehnten staatlicher Unabh\u00e4ngigkeit dann den  Bruch  auch mit dem autokratischen Herrschaftsmodell Moskaus brachte. \u201eBruch\u201c hei\u00dft hier auch: die Entfaltung einer kritischen politischen \u00d6ffentlichkeit: die f\u00fcr die Unabh\u00e4ngigkeit der Justiz k\u00e4mpfen muss, weil sie in der Ukraine noch verweigert wird. Die gegen Korruption k\u00e4mpfen muss, weil sie auch im neuen Staat noch das gesamte Leben beherrscht, und zwar von ganz oben nach ganz unten.  Seit sp\u00e4testens 2015 kommen auch bei uns die Stimmen dieser Reformforderungen zu Geltung. Wir m\u00fcssen sie nur h\u00f6ren<strong>. <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt da freilich eine besondere Schwerh\u00f6rigkeit:  Die regionalen Gegens\u00e4tze in der Ukraine \u2013 zwischen Lwiw und Donezk, pointiert gesagt &#8211;  scheint man hier vor allem als \u201eethnische\u201c, \u201esprachliche\u201c, \u201ekulturelle\u201c verstehen zu wollen.  So schreibt man sie aber \u00fcber Geb\u00fchr fest und stilisiert sie zu  einer kaum  noch wandlungsf\u00e4higen Mentalit\u00e4t hoch. Statt sie eher politisch aus der jeweils spezifischen imperialen Geschichte der einzelnen Regionen herzuleiten: lange unter den Habsburgern oder endlos lange unter dem zaristischen russischen Reich.  Wir haben es da in der deutschen \u00d6ffentlichkeit mit einer griffigen Sorte von Halbwissen und Klischeedenken zu tun. Anscheinend muss es heutzutage  immer gleich \u201cKultur\u201c sein, eine Art zweiter Natur. Darunter tun wir es nicht. Dergleichen Vorurteil ist z\u00e4hlebig. Auch wenn die Propaganda des Kreml unser selbst geschaffenes Zerrbild nicht noch mit aller Macht unterst\u00fctzte, wie er es seit Jahren tut. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ernst K\u00f6hler Woher nehmen die Ukrainer die Kraft daf\u00fcr, diese Entschlossenheit zum Widerstand? Es ist ein gro\u00dfes, unvergleichliches Ereignis der Gegenwart. Aber ist es nicht auch ein unfassbares? 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