{"id":303,"date":"2019-06-20T16:49:06","date_gmt":"2019-06-20T14:49:06","guid":{"rendered":"https:\/\/koehler-kn.de\/ernst\/?p=303"},"modified":"2019-06-20T16:49:08","modified_gmt":"2019-06-20T14:49:08","slug":"was-der-westen-osteuropa-verdankt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/koehler-kn.de\/ernst\/was-der-westen-osteuropa-verdankt\/","title":{"rendered":"Was der Westen Osteuropa verdankt"},"content":{"rendered":"<h2>\u00dcber Philippe Sands: R\u00fcckkehr nach Lemberg<\/h2>\n<p>Im Osten trifft man auf den Westen, und im Westen auf den Osten. Ersteres ist evident, schon ein fast Gemeinplatz. \u201eDie neue Ordnung auf dem alten Kontinent\u201c (Philipp Ther, 2014) ist von Beginn an beobachtet und inzwischen vielf\u00e4ltig bearbeitet worden. Zun\u00e4chst war sie ja auch so etwas wie ein Triumph f\u00fcr den Westen. Mit der Zeit haben wir auch einiges davon mitbekommen, was die Epochenz\u00e4sur von 1989 ff. f\u00fcr die nichtprivilegierten Menschen im Osten Europas bedeutet hat und bedeutet. Was der Umbruch sie an Lebensqualit\u00e4t, Mu\u00dfe, pers\u00f6nlichem Gleichgewicht, Lebensstandard, sozialer Sicherheit gekostet hat und kostet. F\u00fcr die in Polen hat es uns etwa Andrzej Stasiuk vor Augen gef\u00fchrt, f\u00fcr die Menschen in Russland Swetlana Alexijewitsch. Gereist sind wir dann auch ein bisschen, mit Karl Schl\u00f6gel als unserem unvergleichlichen Hermes. Aber es geht hier nicht nur um gro\u00dfe Literatur, die unsere lebensweltlich verwurzelte und auch in unserem historischen Ged\u00e4chtnis verankerte Provinzialit\u00e4t als Westeurop\u00e4er aufzubrechen vermag. <!--more--><\/p>\n<p>Wir wissen, dass wir hier als B\u00fcrger eines Europa post Jalta gefordert sind. Polen ist heute ein \u00f6konomisch erfolgreiches Land. Aber man versteht den Wahlsieg der Partei \u201eRecht und Gerechtigkeit\u201c (PiS) und die Machtf\u00fclle der Rechtsregierung gar nicht, wenn man die Entt\u00e4uschung und Erbitterung von Millionen Polen \u00fcber die kapitalistische Demokratie und ihre Formen von Befreiung, Entfesselung und Ungleichheit unbeachtet l\u00e4sst. (Zum Machtwechsel in Polen: Anna Wojciuk, Lukasz Mikotajewski, Die polnische Wandlung, Le Monde diplomatique, Februar 2016) Verst\u00e4ndnisinnig muss man deshalb noch nicht werden. Daf\u00fcr ist die Situation auch viel zu beklemmend, wie uns f\u00fcr Polen Marta Kijowska in ihrem neuen Buch wieder zeigt. In dem Kapitel \u201eSmolensk\u201c demonstriert sie, zu was f\u00fcr perversen Spitzen das Kaczynski-Regime seine nationalistische Opfermythologie treibt und treiben darf. (Was ist mit den Polen los?, dtv 2018, S. 55 ff.). Der Aufstieg eines Wladimir Putin vor dem Erfahrungshintergrund von Massenverarmung und Gesellschaftszerfall ist eine der Grunderfahrungen unserer Zeit. Die anhaltende Macht und Popularit\u00e4t seines Regimes hat aber offenkundig noch ganz andere Quellen als das Trauma der Existenzangst und Verlassenheit aus den 90er Jahren. Zu viele Russen seien vom \u201eimperialen Syndrom\u201c angesteckt, hat die jetzt verstorbene gro\u00dfe russische B\u00fcrgerrechtlerin Ljudmila Alexejewa gesagt.<\/p>\n<p>Aber auch umgekehrt im Westen auf den Osten? Es liegt weniger auf der Hand &#8211; ungeachtet der Millionen Menschen aus Osteuropa, die bei uns seit Jahrzehnten leben und arbeiten, sich hier aber in aller Regel nahtlos assimilieren. Ein bahnbrechendes, jetzt auch auf Deutsch vorliegendes Buch f\u00f6rdert zu Tage, wie sehr wir mit unseren tragenden Rechtsvorstellungen, mit unserem Begriff von den Menschenrechten, mit unserem Selbstverst\u00e4ndnis als Demokraten letztlich Osteuropa verpflichtet sind.<\/p>\n<p>So ist der fundamentale Gedanke, dass dem Staat, wie er sich in der Moderne formiert hat, v\u00f6lkerrechtliche Grenzen zu setzen sind; dass der Staat mit seinen eigenen B\u00fcrgern nicht machen kann, was er will; dass auch Staatsf\u00fchrer sich vor Gericht f\u00fcr ihre Verbrechen zu verantworten haben, zuerst in Osteuropa gedacht oder zuende gedacht worden \u2013 und zwar im 1918 wiedererstandenen Polen. Der Gedanke ist historisch also noch jung. Er ist eine Errungenschaft des fr\u00fchen 20.Jahrhunderts. Er bricht erstmals mit einem \u00fcber Jahrhunderte festetablierten V\u00f6lkerrecht, das den Staat immer absolut gesetzt hat: unerreichbar hoch \u00fcber seine B\u00fcrger und ihr Lebensrecht und Schutzbed\u00fcrfnis. Dass der Staat selber kriminell werden k\u00f6nne \u2013 heute f\u00fcr die Welt eine unbezweifelbare, furchtbare Wahrheit &#8211; war f\u00fcr dieses V\u00f6lkerrecht nicht einmal denkbar. Der moderne Staat durfte mit den Menschen in seiner Gewalt, unter seiner legalen Herrschaft nach Belieben verfahren. Da machte ihn gerade aus. Alles, was er tat, stand ihm auch zu. Alles war erlaubt und legitim. Er konnte seine Staatsangeh\u00f6rigen unterdr\u00fccken, verfolgen, vertreiben, foltern, t\u00f6ten \u2013 ohne sich daf\u00fcr irgend rechtfertigen zu m\u00fcssen. Es gab keine Instanz \u00fcber ihm. Er war frei von externer Kontrolle, er war frei von jeglichem Legitimationszwang. Er war \u201esouver\u00e4n\u201c. Souver\u00e4nit\u00e4t hie\u00df Autonomie nach au\u00dfen, den anderen M\u00e4chten gegen\u00fcber, aber sie war auch unbegrenzte Verf\u00fcgungsgewalt im Innern.<\/p>\n<p>\u201eBetrachten wir doch den Fall eines Mannes, der einige H\u00fchner besitzt. Er t\u00f6tet sie. Warum nicht? Es geht Sie nichts an. Wenn Sie sich einmischen, ist das unbefugt.\u201c Das hielt Anfang der 20er Jahre ein renommierter Professor f\u00fcr Strafrecht an der Universit\u00e4t Lemberg in Galizien einem seiner Studenten entgegen, der im Seminar gegen die Straffreiheit der f\u00fchrenden Verantwortlichen f\u00fcr den t\u00fcrkischen Massenmord an den Armeniern 1915 aufzubegehren wagte. Schamlose Hochschuldidaktik. Aber kein Zynismus damals, sondern Standard, Denkhorizont, Zivilisation, unhinterfragbare Weltordnung.<\/p>\n<p>Der Gedanke, dass es ein internationales Recht auch \u00fcber jedem einzelnen Staat \u2013 seinen selbstgesetzten Regeln, Normen, Gesetzen, Verfahren &#8211; gibt und \u00fcber seinen Chefs, kommt aber auch nicht erst mit dem N\u00fcrnberger Prozess gegen die F\u00fchrer des NS-Regimes in die Welt. 1945 war er schon da, so k\u00f6nnen wir die Zeit seiner Geburt eingrenzen. Die Richter des Milit\u00e4rtribunals konnten schon auf diesen Rechtsgrundsatz zur\u00fcckgreifen. Er war bereits klar formuliert und ausgearbeitet worden. Und diese Richter griffen tats\u00e4chlich auf ihn zur\u00fcck. Sie wollten es, sie brauchten es, sie waren inzwischen reif daf\u00fcr. Sie sahen sich zum Bruch mit dem alten V\u00f6lkerrecht und seinen so altehrw\u00fcrdigen wie menschenverachtenden Regeln gen\u00f6tigt. Es war f\u00fcr sie unvorstellbar, dass die leitenden Verantwortlichen des nationalsozialistischen Unrechtstaates straffrei bleiben w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Von heute her m\u00f6chte man hinzuf\u00fcgen: in diesem speziellen Moment unvorstellbar. In diesem historischen Augenblick der unausweichlichen Konfrontation mit dem Geschehen des Zweiten Weltkriegs. Heute, nach \u00fcber 70 Jahren hat das damals revolutionierte V\u00f6lkerrecht mit seiner unerh\u00f6rten, weltgeschichtlich einzigartigen Kriminalisierung von \u201eVerbrechen gegen die Menschlichkeit\u201c und \u2013 zun\u00e4chst noch z\u00f6gernd und unschl\u00fcssig &#8211; auch schon von \u201eGenozid\u201c wieder viel von der moralischen und politischen Verbindlichkeit eingeb\u00fc\u00dft, die es 1945 gehabt hat. Trotz des neuerlichen \u201eZivilisationsbruchs\u201c in Ruanda und dann in Bosnien am Ende des 20. Jahrhunderts. Man erkennt diesen Schwund an Geltung, den Verlust an globaler Anerkennung und Durchsetzbarkeit an den Grenzen und R\u00fcckschl\u00e4gen des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag, der an sich eine internationale Kraftanstrengung zur institutionellen Absicherung des neuen V\u00f6lkerrechts war. (Vgl. Oliver Diggelmann: Tektonische Verschiebung im V\u00f6lkerrecht, NZZ, 4.September 2018) Die Doktrin von der allem Recht entzogenen, enthobenen Handlungsfreiheit des Staates ist nicht \u00fcberwunden, sondern im Gegenteil auf dem Vormarsch. Man kann sich etwa fragen, was eigentlich aus der \u201eSchutzverantwortung\u201c geworden ist, wie sie 2005 von der Uno-Generalversammlung auf Grund des Genozids in Ruanda einstimmig beschlossen wurde. F\u00fcr Richard N. Haass von dem partei-unabh\u00e4ngigen US-amerikanischen Thinktank Council on Foreign Relations ist sie \u201cim wesentlichen tot\u201d: \u201cDie Welt hat bei der Zerst\u00f6rung Syriens, wo mehr als 500 000 ihr Leben verloren und eine Mehrheit der Bev\u00f6lkerung obdachlos wurde, kaum etwas anderes getan als zuzuschauen.\u201c (Gastkommentar, NZZ, 5.Oktober 2018) Wir t\u00e4uschen uns, wenn wir die v\u00f6lkerrechtliche Z\u00fcgelung und Einhegung der Staaten, wie sie nach dem Zweiten Weltkrieg in verbindlichen internationalen Vertr\u00e4gen und Konventionen kodifiziert worden ist, f\u00fcr verb\u00fcrgt und definitiv halten.<\/p>\n<p>Aber wer hat den umst\u00fcrzend neuen Rechtsgedanken entwickelt? Wer hat der epochenbeherrschenden Konstruktion vom bindungslosen, souver\u00e4nen Staat so kategorisch widersprochen und ihm den Entwurf einer neuen \u00fcbergreifenden Gesetzgebung, einer international g\u00fcltigen Ordnung zum Schutz des einzelnen Menschen und der bedrohten V\u00f6lker entgegengestellt ? Und in welcher Situation, in welchem politischen Kontext, aus welchen konkreten Erfahrungen heraus ist dieser radikale Schnitt vollzogen worden? Die Geschichte dieses rechtspolitischen Durchbruchs erz\u00e4hlt jetzt der britische Menschenrechtsanwalt Philippe Sands. (R\u00fcckkehr nach Lemberg, Frankfurt a.M. 2018 bei Fischer). Es ist die Geschichte zweier einzelner M\u00e4nner, Juristen, beide Juden, beide aus jener ostmitteleurop\u00e4ischen Region, in der sich nach der Niederlage des deutschen Kaiserreichs und dem Zerfall \u00d6sterreich-Ungarns und des zaristischen Imperiums neue Nationalstaaten bilden oder es &#8211; wie die kurzlebige Westukrainische Volkrepublik \u2013 versuchen. Die Kriege gehen in dieser Zone nach Ende des Gro\u00dfen Krieges erst einmal weiter. Und in einem ethnisch durchmischten Umfeld, in dem breite, vor allem b\u00e4uerliche Bev\u00f6lkerungsgruppen noch gar kein Nationalbewusstsein entwickelt haben, werden sie zu m\u00f6rderischen B\u00fcrgerkriegen. Die Konflikte m\u00fcssen die Nationen gewisserma\u00dfen erst noch schaffen, erwecken, mobilisieren und aus dem Boden stampfen, die sie in den von ihnen jeweils beanspruchten Territorien gegeneinander abgrenzen wollen. Die j\u00fcdische Minderheit ger\u00e4t dabei \u00fcberall zwischen die Fronten. Polen k\u00e4mpfen gegen Ukrainer, und beide Seiten w\u00fcten gegen die j\u00fcdische Zivilbev\u00f6lkerung. Es ist dies eine Phase der mittelosteurop\u00e4ischen Zeitgeschichte, die in Westeuropa so gut wie unbekannt geblieben ist \u2013 auch wenn unsere Medien sie gegenw\u00e4rtig &#8211; im Gedenken an die Z\u00e4sur von 1918 und im Zusammenhang mit dem hundertj\u00e4hrigen Jubil\u00e4um der damals zur\u00fcckgewonnenen Unabh\u00e4ngigkeit Polens &#8211; in gro\u00dfen Strichen rekapitulieren. (Vgl. den erhellenden Beitrag von Jochen B\u00f6hler, Imre Kert\u00e9sz-Kolleg Jena: \u201eB\u00fcrgerkrieg im Herzen Europas\u201c, FAZ, 26. November 2019)<\/p>\n<p>Der junge moralisch alarmierte, von seinem herablassenden Professor kaum zu \u00fcberzeugende Jurastudent im Lemberg Anfang der 20er Jahre war Raphael Lemkin (geb. 1900), ein Bauernsohn aus der Gegend von Wolkowysk, n\u00f6rdlich von Lemberg gelegen &#8211; im ehemals von Russland annektierten Teilungsgebiet Polens. Der andere junge Mann , der in Lemberg kurz vorher bei teilweise den gleichen Professoren studiert hatte, war Hersch Lauterpacht (geb. 1897), ukrainischer Herkunft, Sohn einer b\u00fcrgerlichen j\u00fcdischen Familie in der Kleinstadt Z\u00f3lkiew ganz in der N\u00e4he von Lemberg (ukrainisch Lwiw, polnisch Lw\u00f3w). Beide kommen sie schon als junge Erwachsene zu der Einsicht, an der sie dann ihr ganzes Leben lang festhalten und weiterarbeiten werden: Im Mittelpunkt jeglicher Rechtsordnung haben der Mensch und sein Schutz zu stehen. Dem einzelnen Nationalstaat und seiner Verfassungsordnung kann diese kardinale Funktion nicht \u00fcberlassen bleiben und anvertraut werden. Sie muss vielmehr unbedingt zus\u00e4tzlich in einer internationalen Gesetzgebung festgeschrieben werden. Es ist dies bereits ihre Antwort als j\u00fcdische Intellektuelle \u2013 der eine polnisch, der andere ukrainisch &#8211; auf die brutalen Nationalit\u00e4tenkonflikte in ihrer unmittelbaren Umgebung, die in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg bereits schon einmal zu \u201eBloodlands\u201c (Timothy Snyder) wird und in mordl\u00fcsternem Antisemitismus versinkt. Aber der beiden gemeinsame Universalismus des Rechts gabelt sich schon von Beginn an auf in zwei verschiedene, sp\u00e4ter auch miteinander konkurrierende Denkans\u00e4tze: f\u00fcr Hersch Lauterpacht ist es der verletzliche einzelne Mensch, das machtlose, gleichsam nackte Individuum, das des international garantierten Schutzes bedarf; f\u00fcr Raphael Lemkin sind es hingegen die ethnischen Minderheiten und die bedrohten, der Entrechtung ausgesetzten sozialen Kollektive \u00fcberhaupt. Dementsprechend wird der eine dann mehr als zwei Jahrzehnte sp\u00e4ter die \u201eVerbrechen gegen die Menschlichkeit\u201c in den N\u00fcrnberger Prozess einf\u00fchren \u2013 ein gro\u00dfer, kr\u00f6nender Erfolg dieses origin\u00e4ren Rechtsdenkers auf seinem Weg von Galizien in die Metropolen des Westens. Und wird der andere leidenschaftlich daf\u00fcr eintreten, dass das Verbrechen des \u201eGenozids\u201c in die Anklage gegen die NS-F\u00fchrer aufgenommen \u2013 mit weniger Erfolg, da sein Begriff vom Verbrechen aller Verbrechen bei den ma\u00dfgeblichen britischen und US-amerikanischen juristischen Kreisen noch auf erhebliche Vorbehalte st\u00f6\u00dft. Auch die Gesetze und Ma\u00dfnahmen des NS- Staates und die Katastrophe des rassistischen Vernichtungskriegs der Deutschen zuerst gegen Polen und dann gegen die Sowjetunion k\u00f6nnen sie nicht ganz auszur\u00e4umen \u2013 wenn sie denn \u00fcberhaupt zu den amerikanischen Eliten durchdringen und nicht als albtraumhafte Phantasmen abgetan werden. Der zentrale, aus heutiger Sicht befremdliche Einwand gegen Raphael Lemkin lautet, er bek\u00e4mpfe da den Rassismus der Nazis selber mit einem verwandt v\u00f6lkischen Topos \u2013 mit einem kollektivistischen Konstrukt, das die Gruppe , die Ethnie zum eigentlichen Opfer mache &#8211; statt den einzelnen verfolgten, zerst\u00f6rten, vernichteten Menschen. Man h\u00e4tte sich auch mit dem eher nachvollziehbaren Einwand begn\u00fcgen k\u00f6nnen, die T\u00e4ter seien bei Lemkin immer \u201edie Deutschen\u201c, nicht die Nationalsozialisten \u2013 wenn das f\u00fcr uns heute, nach einem Zeitalter von historischer Forschung, auch keineswegs mehr so sch\u00f6n deutlich auseinander zu halten ist. Die von Raphael Lemkin \u00fcber Jahre hinweg zusammengetragene und hellsichtig analysierte Dokumentation des b\u00fcrokratisch-systematischen Ausgrenzungs-, Enteignungs-, Entmenschungs- und Ausl\u00f6schungsprozesses, den die Nazis \u00fcberall dort einleiten, wohin sie kommen \u2013 nicht allein gegen die Juden, l\u00e4sst schon an das klassische Werk von Raul Hilberg denken. Lemkin hat sein Material Ende 1944 als Buch ver\u00f6ffentlicht. (Axis Rule in Occupied Europe). Es sieht sich als wertvolle, faktisch unwiderlegbare Quellensammlung auch durchaus gew\u00fcrdigt und genutzt, aber als v\u00f6lkerrechtlich unmittelbar relevante exemplarische Beschreibung des V\u00f6lkermords als eines Staats- und Kriegsverbrechens noch beiseitegeschoben. Der Westen ist am Ende des Zweiten Weltkrieges ohne Zweifel dabei, von den beiden bedeutenden humanistischen V\u00f6lkerrechtlern aus Polen zu lernen \u2013 wenn im Fall Raphael Lemkins auch nur langsam, m\u00fchsam, widerstrebend. F\u00fcr seinen grundlegenden Beitrag, f\u00fcr seinen Begriff vom Verbrechen des Genozids brauchen der Westen und die Welt noch einige weitere Jahre &#8211; bis zur UN- Konvention \u00fcber die Verh\u00fctung und Bestrafung des V\u00f6lkermords von 1948.<\/p>\n<p>Als NS-Deutschland den Pakt und das Geheimabkommen mit Stalin von 1939 bricht und nun auch den bisher den Sowjets \u00fcberlassenen Osten Polens besetzt, befand sich Hersch Lauterpacht mit seiner Frau und seinem kleinen Sohn schon lange in Sicherheit und in den wohlsituierten Verh\u00e4ltnissen eines angesehenen Universit\u00e4tsgelehrten und Fachautors in Gro\u00dfbritannien, bzw. in den USA. Und war Raphael Lemkin gerade noch rechtzeitig aus Warschau, wo er sich eine Existenz als Rechtsanwalt aufgebaut hatte, geflohen und \u00fcber Schweden und Moskau in die USA gelangt. Aber beide verlieren in den Todeslagern des begierig expandierenden Regimes von Hans Frank mit Sitz in Krakau nahezu alle ihre Lieben, ihre gesamte Familie, soweit sie in der alten Heimat geblieben war und damit jetzt dem Zugriff der Deutschen ausgesetzt ist. Aber beide wissen es lange nicht. Sie f\u00fcrchten es, sie ahnen es die ganze Zeit, aber sie haben keine Informationen vom Schicksal ihrer engsten Angeh\u00f6rigen. Philippe Sands rekonstruiert diese Lebensgeschichte mit ihrem Weitermachen, mit ihrem unbeirrbaren, leidenschaftlichen Weiterarbeiten am Projekt eines V\u00f6lkerrechts, das die Menschenrechte verteidigt, statt sie mit F\u00fc\u00dfen zu treten &#8211; einem Weiterk\u00e4mpfen bei gleichzeitiger Ungewissheit \u00fcber das pers\u00f6nlich Wichtigste: Was ist mit meinen Leuten? Sands rekonstruiert diese Biografie f\u00fcr seine beiden Protagonisten. Aber \u2013 und das inspiriert das ganze Buch und bestimmt seine Konzeption &#8211; er erz\u00e4hlt sie eingangs auch f\u00fcr seinen eigenen, geliebten Gro\u00dfvater Leon, der ebenfalls aus der Gegend von Lemberg stammte und sich als Jude Ende der 30er Jahre noch rechtzeitig aus Wien nach Paris hatte absetzen k\u00f6nnen. Zuerst noch ohne seine kleine Tochter und seine Frau, die wie durch ein Wunder dann aber auch noch gerettet werden. Aber seine alte Mutter und fast seine gesamte gro\u00dfe Familie werden ermordet. Der alte Mann spricht mit seinem Enkel niemals dar\u00fcber, dem dieses absolute Schweigen und die strikte Abwehr von Fragen zun\u00e4chst eigenartig und r\u00e4tselhaft erscheinen. Erst viel sp\u00e4ter beginnt er es zu begreifen. Und als Autor \u00f6ffnet es ihn dann auch f\u00fcr Hersch Lauterpacht und Raphael Lemkin, deren Weg er mit der gleichen Sorgfalt, Anteilnahme und Imagination erkundet wie den seines Gro\u00dfvaters.<\/p>\n<p>Ernst K\u00f6hler<br \/>\nDezember 2018<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber Philippe Sands: R\u00fcckkehr nach Lemberg Im Osten trifft man auf den Westen, und im Westen auf den Osten. Ersteres ist evident, schon ein fast Gemeinplatz. \u201eDie neue Ordnung auf dem alten Kontinent\u201c (Philipp Ther, 2014) ist von Beginn an beobachtet und inzwischen vielf\u00e4ltig bearbeitet worden. 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