{"id":257,"date":"2017-10-13T15:59:04","date_gmt":"2017-10-13T13:59:04","guid":{"rendered":"https:\/\/koehler-kn.de\/ernst\/?p=257"},"modified":"2017-10-13T16:01:12","modified_gmt":"2017-10-13T14:01:12","slug":"primo-levi-ueber-die-erinnerung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/koehler-kn.de\/ernst\/primo-levi-ueber-die-erinnerung\/","title":{"rendered":"Primo Levi \u00fcber die Erinnerung"},"content":{"rendered":"<p>Ernst K\u00f6hler<\/p>\n<p>1.<\/p>\n<p>\u201eDie ersten Berichte \u00fcber die nationalsozialistischen Vernichtungslager begannen sich im Entscheidungsjahr 1942 zu verbreiten. Sie waren vage, stimmten aber untereinander \u00fcberein: Sie lie\u00dfen eine Massenvernichtung von einem derartig gro\u00dfen Ausma\u00df, von einer so unvorstellbaren Grausamkeit, mit so verworrenen Motivationen deutlich werden, dass die \u00d6ffentlichkeit, gerade wegen ihrer Ungeheuerlichkeit, dazu neigte, sie nicht zu glauben. Es ist bezeichnend, dass diese Ungl\u00e4ubigkeit von den Schuldigen selbst lange vorausgesagt wurde. Viele \u00dcberlebende erinnern sich daran&#8230;, was f\u00fcr ein Vergn\u00fcgen es den SS-Leuten bereitete, den H\u00e4ftlingen zynisch vor Augen zu halten: \u201aStellen Sie sich nur vor, Sie kommen in New York an, und die Leute fragen Sie: Wie war es in den deutschen Konzentrationslagern? Was haben sie da mit euch gemacht? Sie w\u00fcrden den Leuten in Amerika die Wahrheit erz\u00e4hlen. Und wissen Sie, was dann geschehen w\u00fcrde? Sie w\u00fcrden Ihnen nicht glauben, w\u00fcrden Sie f\u00fcr wahnsinnig halten, vielleicht sogar in eine Irrenanstalt stecken&#8230; Sonderbarerweise taucht dieser Gedanke&#8230;in Gestalt n\u00e4chtlicher Tr\u00e4ume aus der Verzweiflung der H\u00e4ftlinge auf. Beinahe alle erinnern sich, entweder im Gespr\u00e4ch oder in ihren Aufzeichnungen, an einen Traum, der sich in den N\u00e4chten der Gefangenschaft h\u00e4ufig einstellte, unterschiedlich in den Einzelheiten, aber im Wesentlichen immer gleichbleibend: Sie waren nach Hause zur\u00fcckgekehrt, erz\u00e4hlten mit Leidenschaft und Erleichterung einer ihnen nahestehenden Person von den vergangenen Leiden und s\u00e4hen, dass ihnen nicht geglaubt, ja nicht einmal zugeh\u00f6rt w\u00fcrde. In der typischsten (und grausamsten) Version wandte sich der Angesprochene ab und ging schweigend weg.\u201c<\/p>\n<p><!--more-->Das sind die ersten S\u00e4tze von <em>Die Untergegangenen und die Geretteten, <\/em>dem letzten Werk von Primo Levi. (Im italienischen Original ist es zuerst 1986 erschienen \u2013 ein Jahr vor dem Tod des Autors; hier ist es zitiert nach der dtv-Ausgabe von 1993). Die meisten von uns werden das Buch kennen oder richtiger: irgendwann einmal gelesen haben. Wenn man solche S\u00e4tze wiederliest, wird einem bewusst, was f\u00fcr eine Art Organ unser Ged\u00e4chtnis ist. Aber jetzt verschaffen uns unbekannte oder vergessene Texte des gleichen Autors die Chance auf eine Wiederbelebung und Vergegenw\u00e4rtigung unserer verblassten Eindr\u00fccke und Einsichten. Wir haben sie jetzt erstmals auf deutsch:<\/p>\n<p><em>So war Auschwitz<\/em>. Zeugnisse 1945 \u2013 1986. Hrsg. Von Domenico Scarpa und Fabio Levi, M\u00fcnchen 2017 (Carl Hanser Verlag).<\/p>\n<p>Es handelt sich hier nicht um gro\u00dfe Literatur wie das eingangs zitierte Werk oder auch <em>Ist das ein Mensch? <\/em>(im Original zuerst 1958 erschienen), die Primo Levi weltbekannt gemacht haben. Es sind Gelegenheitsarbeiten, Gebrauchstexte \u2013 geschrieben jeweils aus einem aktuellen Anlass: wie der gerade in seiner Sachlichkeit kaum ertr\u00e4gliche \u201eBericht \u00fcber die hygienisch-medizinische Organisation des Konzentrationslagers f\u00fcr Juden in Monowitz (Ausschwitz- III)\u201c, den Levi im Fr\u00fchjahr 1945 zusammen mit einem Leidensgenossen, dem Arzt Leonardo De Benedetti verfasste (in Kattowitz, f\u00fcr das russische Kommando des dortigen Lagers f\u00fcr ehemalige Gefangene); wie die Zeugenaussagen f\u00fcr die Prozesse H\u00f6ss (1947), Eichmann (1960), Bosshammer (1965 \u2013 1971); wie diverse Beitr\u00e4ge in Zeitungen und Zeitschriften, \u00f6ffentliche Reden und W\u00fcrdigungen einzelner Menschen. Der deutsche Durchschnittsleser von heute sieht sich in dieser mit Sorgfalt und Liebe gemachten Edition nirgends allein gelassen: Die Anmerkungen im Anhang des Bandes orientieren ihn auf Schritt und Tritt. Der feine, verst\u00e4ndnisvolle Essay der Herausgeber: \u201eEin Zeuge und die Wahrheit\u201c, viel mehr als Nachwort, zeigt uns einen Primo Levi, der mehr als vier Jahrzehnte lang gegen das Schweigen und das Vergessen ank\u00e4mpft. Unpathetisch, offen f\u00fcr seine sich wandelnde Umgebung, unverbittert \u2013 wann immer man ihn darum bittet.<\/p>\n<p>2.<\/p>\n<p>Wir lernen hier den B\u00fcrger Primo Levi kennen, den Patrioten \u2013 einen Menschen, der sich nach allem, was er selbst durchgemacht hat und was er gesehen oder von anderen Opfern erfahren hat, von jedem Anzeichen der Nachdenklichkeit in der italienischen \u00d6ffentlichkeit dieser Nachkriegsjahrzehnte aufrichten und ermutigen l\u00e4sst:<\/p>\n<p>\u201eNiemand hatte den Erfolg erwartet, den die Ausstellung \u00fcber die Deportation und die zwei anschlie\u00dfenden Vortragsabende in Turin hatten, sie waren an die Jugend gerichtet und fanden in den R\u00e4umen der <em>Unione Culturale <\/em>im Palazzo Carignano statt. Nicht nur junge Leute, aber haupts\u00e4chlich junge Leute, sind sehr zahlreich herbeigestr\u00f6mt, haben mit sichtlichem Interesse zugeh\u00f6rt, haben wohl\u00fcberlegte, triftige Fragen gestellt, und an beiden Abenden haben sie diejenigen, denen die Aufgabe zu sprechen zugefallen war, f\u00f6rmlich umlagert. Sie wollten wissen und suchten zugleich die menschliche Begegnung, das war etwas anderes als die \u00fcbliche Schulstunde. An den Fragen, die sie stellten, wurde nicht nur ihr Bed\u00fcrfnis nach Informationen \u00fcber die Tatsachen deutlich, sondern nach einer tieferen Durchdringung des (nicht nur f\u00fcr sie dunklen) Dickichts des \u201aWarum\u2019 und des \u201aWie\u2019&#8230;Insgesamt scheint eine ziemlich genau definierte Mentalit\u00e4t darin vorzuherrschen, n\u00e4mlich die von im Wesentlichen<\/p>\n<p>unwissenden, aber wissensdurstigen jungen Leuten; der Gewalt und Kompromissen abgeneigt; weiter entfernt von jener grausamen Welt von damals, als zu vermuten, und eben deshalb wehr- und schutzlos gegen\u00fcber der Gewalt und der Ideologie, die unterschwellig in der Welt von heute fortleben&#8230;Das \u201aMusterbeispiel\u2019 vom Palazzo Carignano entspricht nicht dem Durchschnitt; dennoch ist es wichtig, feststellen zu k\u00f6nnen, dass es neben der verbrannten Jugend und neben der kaputten Jugend auch diese saubere, aufmerksame und neugierige Jugend gibt. \u00dcberdies wissen wir alle, wie wichtig es ist, dass bestimmte Begriffe, bestimmte Seelenlagen in Umlauf kommen, in bestimmte soziale Umgebungen eindringen, ihr Eigenleben entfalten. &#8211; Vielleicht mussten 15 Jahre vergehen, eine halbe Generation, damit in diesen Begegnungen der richtige Ton getroffen werden konnte; aber nun, das ist der einhellige Eindruck aller Anwesenden, ist die Zeit reif, es ist nicht mehr der Augenblick zu schweigen&#8230;\u201c<\/p>\n<p>(Das Wunder von Turin, 1959)<\/p>\n<p>\u201eIn dieser unserer lauten Zeit voll eitler Meinungsk\u00e4mpfe, voll offener Propaganda und verborgener Manipulation, mechanischer Rhetorik, voller Kompromisse, Skandale und Erm\u00fcdung, durch all dies hindurch, erh\u00e4lt die Stimme der Wahrheit, statt sich zu verlieren, einen neuen und deutlicheren Klang. Es scheint zu sch\u00f6n, um wahr zu sein, aber es ist so: Die weitgehende Entwertung des geschriebenen und gesprochenen Wortes ist nicht endg\u00fcltig, ist nicht allgemein, etwas hat sich gerettet. So seltsam es scheinen mag, aber wer heute die Wahrheit sagt, findet noch Geh\u00f6r, und man schenkt ihm Glauben.<\/p>\n<p>Das ist ein Anlass zur Freude, doch diese Kundgebung des Vertrauens bringt f\u00fcr uns alle eine Gewissenspr\u00fcfung mit sich. In dieser heiklen Frage, wie wir ein moralisches und gef\u00fchlsm\u00e4\u00dfiges Erbe, das wir f\u00fcr wichtig erachten, an unsere Kinder weitergeben k\u00f6nnen, haben da nicht auch wir Fehler gemacht? Wahrscheinlich ja, wir haben Fehler gemacht. Wir haben gefehlt durch Auslassung (<em>ommissione<\/em>) und Delegierung (<em>commissione<\/em>), Indem wir schwiegen, haben wir gefehlt, durch Faulheit und mangelndes Vertrauen in die Macht des Wortes, und wenn wir sprachen, haben wir oft gefehlt, indem wir eine Sprache verwendeten und akzeptierten (<em>attotando e accentando<\/em>), die nicht die unsere war. Wir wissen es, die <em>Resistenza <\/em>hatte Feinde und hat sie immer noch, und die setzen, wie nur nat\u00fcrlich, alles daran, dass so wenig m\u00f6glich von der <em>Resistenza <\/em>gesprochen wird. Ich habe den Verdacht, dass diese Knebelung mehr oder weniger bewusst auch mit subtileren Mitteln vor sich geht, indem man n\u00e4mlich die <em>Resistenza <\/em>vor der Zeit einbalsamiert und voller Hochachtung ins hehre Schloss der Nationalgeschichte versetzt.\u201c<\/p>\n<p>(Die Zeit der Hakenkreuze, 1960)<\/p>\n<p>3.<\/p>\n<p>Es geht um eine authentische Sprache. Die Aufmerksamkeit und Neugier eines Teils der jungen Italiener seit Ende der 50er, Anfang der 60er Jahre k\u00f6nnte den ehemaligen antifaschistischen Widerstandsk\u00e4mpfern ihre eigene Sprache zur\u00fcckgeben. Das ist der Gedanke. Den Partisanen von damals, denen sich auch der bis dahin eher indifferente junge Chemiker Primo Levi 1943 \u2013 mit dem Zusammenbruch der Mussolini-Herrschaft &#8211; anschlie\u00dft. Bis er dann Anfang 1944 von der politischen Polizei des Salo-Rumpfregimes verhaftet und von der SS nach Auschwitz deportiert wird \u2013 einen Ort, von dem er bis zu diesem Moment noch nie etwas geh\u00f6rt hatte.<\/p>\n<p>Aber Levi geht viel weiter. Der \u201eHunger nach Wahrheit\u201c, den er in der jungen Generation seines Landes wachsen sp\u00fcrt, tangiert auch den Kernbereich der publizistischen und literarischen Aufgabe, die er zun\u00e4chst einmal sich pers\u00f6nlich stellt. Sonst w\u00e4re es auch nicht Primo Levi. Aber die erwachende Wahrheitsliebe der Zeitgeschichte und ihren dunkelsten Tatsachen gegen\u00fcber sollte die \u00dcberlebenden von \u201eAuschwitz\u201c \u00fcberhaupt dazu inspirieren, mehr aus sich herauszugehen und ihre Erfahrungen schonungsloser mitzuteilen \u2013 ohne Stilisierung, ohne verh\u00fcllende Vereinfachungen. Realit\u00e4tsgerechter, als es ihnen in ihrer Randst\u00e4ndigkeit, Isolierung und Vereinsamung unmittelbar nach dem Krieg zun\u00e4chst m\u00f6glich gewesen ist. Was Levi hier sich selber, aber letztlich auch seinen Schicksalsgenossen abverlangt, ist eine unerh\u00f6rte Leistung. Man denke nur an das Kapitel \u201eDie Grauzone\u201c in <em>Die Untergegangenen und Geretteten<\/em> :<\/p>\n<p>\u201eNun war das Netz menschlicher Beziehungen innerhalb der Lager nicht einfach: Es war nicht auf zwei Bl\u00f6cke reduziert, auf Opfer und Verfolger. Bei denen, die heute \u00fcber die Geschichte der Konzentrationslager lesen (oder dar\u00fcber schreiben), wird die Neigung, ja geradezu das Bed\u00fcrfnis offenkundig, das B\u00f6se vom Guten zu trennen, Partei zu ergreifen, die Geste Christi beim J\u00fcngsten Gericht zu wiederholen: hier die Gerechten und dort die Verdammten. Vor allem junge Menschen wollen Klarheit, einen sauberen Schnitt; da ihre Erfahrung mit der Welt noch gering ist, lieben sie keine Doppelb\u00f6digkeit. Ihre Erwartungshaltung spiegelt \u00fcbrigens genau jene der Neuank\u00f6mmlinge im Konzentrationslager wider, ob sie nun jung waren oder nicht: Alle, mit Ausnahme jener, die bereits eine \u00e4hnliche Erfahrung durchgemacht hatten, erwarteten sich eine zwar grauenhafte, aber doch immer noch entzifferbare Welt, die jenem einfachen Modell entsprach, das wir atavistischerweise in uns tragen, wobei \u201awir\u2019 drinnen sind und der Feind drau\u00dfen, abgetrennt durch eine klare geographische Grenzlinie. \u2013 Statt dessen war der Eintritt in das Lager ein Zusammenprall, und zwar wegen des Unerwarteten, das er mit sich brachte. Die Welt, in die man hineinst\u00fcrzte, war nicht nur grauenvoll, sondern auch noch unentzifferbar: Sie entsprach keinem der bekannten Modelle, der Feind war drau\u00dfen und zugleich drinnen, das \u201awir\u2019 verlor seine Grenzen, es gab keine zwei gegnerischen Parteien, man erkannte nicht nur eine Grenzlinie, sondern viele und unklare, vielleicht unz\u00e4hlige, jeweils eine zwischen dem einen und einem anderen. Beim Eintritt hoffte man zumindest auf die Solidarit\u00e4t der Schicksalsgenossen, aber die erhofften Verb\u00fcndeten \u2013 ausgenommen ganz besondere F\u00e4lle \u2013 gab es nicht. Statt dessen gab es tausend versiegelte Monaden und zwischen diesen einen verzweifelten, verborgenen, fortw\u00e4hrenden Kampf.\u201c<\/p>\n<p>Niemand kann einfach die Wahrheit sagen, die ganze Wahrheit. Es ist dies eine Herausforderung, die nicht voraussetzungslos zu meistern ist. Auch in einer westlichen Demokratie nicht. Sie bedarf auch hier bestimmter pers\u00f6nlicher, politischer, institutioneller, kultureller Bedingungen, die ihr g\u00fcnstig sind. In der hier angezeigten Textsammlung k\u00f6nnen wir verfolgen, wie Primo Levi ihrer gewahr wird und wie er sie in seiner \u00f6ffentlichen Denkarbeit nutzt:<\/p>\n<p>\u201eSeit dem Ende der <em>Nazilager <\/em>sind mittlerweile viele Jahre vergangen. F\u00fcr die Welt waren es Jahre voller Ereignisse und f\u00fcr uns \u00dcberlebende Jahre der Sichtung und Kl\u00e4rung. Daher sind wir heute imstande, Dinge zu sagen, die wir unmittelbar nach der Befreiung, sozusagen geblendet vom wiedergewonnenen Leben, nicht mit solcher Deutlichkeit gesagt h\u00e4tten. In uns und in allen ist an die Stelle der unmittelbarsten Seelenregungen der Emp\u00f6rung, des Mitleids und des fassungslosen Staunens eine entspanntere, offenere Haltung getreten. Unsere individuellen Geschichten, die zun\u00e4chst erregte Berichte waren, beginnen Geschichte zu werden&#8230;Man denke nur: Vor nicht mehr als zwanzig Jahren wurde im Herzen dieses zivilisierten Europa ein wahnsinniger Traum getr\u00e4umt, n\u00e4mlich der, auf Millionen von Leichen und Sklaven ein tausendj\u00e4hriges Reich zu errichten. Das Wort wurde auf den Pl\u00e4tzen verk\u00fcndet. Nur sehr wenige haben sich geweigert, sie wurden ausgeschaltet; alle anderen haben zugestimmt, teils mit Abscheu, teils mit Gleichg\u00fcltigkeit, teils mit Begeisterung. Es war nicht nur ein Traum, das Reich, ein verg\u00e4ngliches Reich wurde errichtet: Die Leichen und die Sklaven hat es gegeben&#8230; Schamlos wurde vorgef\u00fchrt, wie leicht das B\u00f6se obsiegt. Und das wohlgemerkt nicht nur in Deutschland, sondern \u00fcberall da, wo die Deutschen ihren Fu\u00df hinsetzten. \u00dcberall, das haben sie gezeigt, ist es ein Kinderspiel, Verr\u00e4ter zu finden und sie zu Satrapen zu machen, Gewissen zu korrumpieren, jene Atmosph\u00e4re eines ambivalenten Konsenses oder des offenen Terrors zu schaffen oder aufrechtzuerhalten, die notwendig war, um ihre Absichten in die Tat umzusetzen. \u2013 So war die deutsche Besetzung in Frankreich, im seit jeher verfeindeten Frankreich; so im liberalen und starken Norwegen; so in der Ukraine, trotz zwanzig Jahren Sowjetdisziplin. Und dieselben Dinge geschahen selbst in den polnischen Gettos, man erz\u00e4hlt es sich mit Grauen, sogar in den <em>Lagern. <\/em>Es war ein Flutwelle der Gewalt, des Betrugs und der Knechtschaft, was da hervorbrach. Kein Damm hat dem standgehalten, au\u00dfer den verstreuten Inseln der europ\u00e4ischen Widerstandsbewegungen. \u2013 Sogar in den <em>Lagern, <\/em>habe ich gesagt. Wir d\u00fcrfen nicht zur\u00fcckschrecken vor der Wahrheit, wir d\u00fcrfen nicht der Rhetorik verfallen, wenn wir wirklich vor der Ansteckung gefeit sein wollen. Die<em> Lager <\/em> waren, au\u00dfer Orten der Vernichtung und des Todes, Orte des Verderbens. Nie wurde das menschliche Gewissen so sehr vergewaltigt, gedem\u00fctigt und verzerrt wie in den <em>Lagern. <\/em>An keinem anderen Ort war diese Vorf\u00fchrung, von der ich sprach, eklatanter, der Beweis, wie anf\u00e4llig jedes Gewissen ist, wie leicht es zu zerr\u00fctten und zugrunde zu richten ist.\u201c<\/p>\n<p>(Aussage f\u00fcr Eichmann, 1961)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ernst K\u00f6hler 1. \u201eDie ersten Berichte \u00fcber die nationalsozialistischen Vernichtungslager begannen sich im Entscheidungsjahr 1942 zu verbreiten. 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