{"id":245,"date":"2017-09-16T11:23:58","date_gmt":"2017-09-16T09:23:58","guid":{"rendered":"https:\/\/koehler-kn.de\/ernst\/?p=245"},"modified":"2017-09-16T16:27:18","modified_gmt":"2017-09-16T14:27:18","slug":"der-nine-eleven-des-karl-marx","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/koehler-kn.de\/ernst\/der-nine-eleven-des-karl-marx\/","title":{"rendered":"Der nine eleven des Karl Marx"},"content":{"rendered":"<h2>Gastbeitrag von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ivan_Glaser\">Ivan Glaser<\/a> zum 150sten Editionsjubil\u00e4um des ersten Bandes des \u201eKapitals\u201c<\/h2>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Dem Andenken an Erhard Lucas (1937-1993) gewidmet<\/em><\/p>\n<ol>\n<li><a href=\"#kapitel1\">Was im Jahr 1867 mit dem Text des \u201eKapitals\u201c geschah<\/a><\/li>\n<li><a href=\"#kapitel2\">Wie Marx 1867 die Druckvorlage auf 60 B\u00f6gen brachte<\/a><\/li>\n<li><a href=\"#kapitel3\">Die editorische Bilanz des Jahres 1867<\/a><\/li>\n<li><a href=\"#kapitel4\">Marx\u00b4 desastr\u00f6se Entdeckung: Krisen der kapitalistischen Produktionsweise nicht Vorzeichen ihres Zusammenbruchs, sondern Formen ihrer Durchsetzung<\/a><\/li>\n<li><a href=\"#kapitel5\">\u201eDas Kapital\u201c \u2013 Klassiker des Historischen Materialismus oder Mystifikation von Friedrich Engels?<\/a><\/li>\n<\/ol>\n<h3><a name=\"kapitel1\"><\/a>1. Was im Jahr 1867 mit dem Text des \u201eKapitals\u201c geschah<\/h3>\n<p>Den ersten Band des \u201eKapitals\u201c, beinahe so wie wir ihn noch heute in H\u00e4nden halten, wenn wir Band 23 der Marx-Engels-Werke (MEW) oder eine der vielen dieser Ausgabe folgenden Editionen oder \u00dcbersetzungen konsultieren, hat Marx im Jahr 1866 und in den ersten drei Monaten des Jahres darauf ausgearbeitet. Die Erstausgabe aus dem Jahr 1867 ist f\u00fcr die zweite Auflage (1872) strukturell von Marx und f\u00fcr die dritte und vierte, auf der Grundlage der ersten franz\u00f6sischen unter Mitwirkung von Marx entstandenen \u00dcbersetzung, sprachlich-stilistisch von Engels \u00fcberarbeitet worden. Die Ausgabe MEW Band 23 folgt der 4. Auflage aus dem Jahr 1890.<\/p>\n<p><!--more-->Mit der endg\u00fcltigen Ausarbeitung des Werks hat Marx nach eigenen Worten Punkt 1. Januar 1866 begonnen und das fertige Manuskript am 12. April 1867 dem Verleger Otto Mei\u00dfner in Hamburg pers\u00f6nlich \u00fcbergeben. Das genaue Erscheinungsdatum des 1. Bandes ist nicht mehr ermittelbar. Sicher lag es im September 1867, wahrscheinlich war es der 11. September. Nach der \u00dcbersendung eines ersten Manuskriptteiles bereits im November 1866 lief parallel zur Arbeit am Manuskript die Auseinandersetzung zwischen Marx und Mei\u00dfner dar\u00fcber, in welcher Weise die Publikation erfolgen sollte \u2013 vielleicht in kleinere Einheiten aufgeteilt, die nacheinander erscheinen w\u00fcrden \u2013 und wann der Verleger mit ihr oder mit dem Druck zu beginnen h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Marx ging mit Selbstverst\u00e4ndlichkeit davon aus, dass der Verleger das Werk, wie das auch mit dem Vorl\u00e4uferwerk \u201eZur Kritik der politischen \u00d6konomie\u201c Ende der f\u00fcnfziger Jahre geschehen war, in kleinen Tranchen ver\u00f6ffentlichen, zumindest aber in Vorbereitung seiner Ver\u00f6ffentlichung in Satz geben w\u00fcrde. Dem Verleger war jedoch sicherlich nicht entgangen, wie jenes fr\u00fchere Unterfangen endete: Es sollte niemals \u00fcber die Publikation eines ersten Heftes hinausgelangen. Von daher l\u00e4sst sich verstehen, dass Mei\u00dfner sich weigerte, sich auf entsprechende Vorstellungen von Marx einzulassen.<\/p>\n<p>So kam es, dass Marx in einem an Engels gerichteten Schreiben am 19. Januar 1867 entt\u00e4uscht berichten musste, der Verleger weigere sich, mit dem Druck zu beginnen, ehe er das Manuskript des ganzen Werks in den H\u00e4nden halte. Und das d\u00fcrfte Marx in der Tat in eine gro\u00dfe Verlegenheit gebracht haben.<\/p>\n<p>Zwischen Marx und Mei\u00dfner war n\u00e4mlich die Publikation eines Werkes vom Umfang von 60 Druckb\u00f6gen vorgesehen, das in zwei B\u00e4nden h\u00e4tte erscheinen sollen. Dabei war eine Aufteilung in vier B\u00fccher geplant, von denen je zwei in einem Band h\u00e4tten vereinigt werden sollen. Die ersten B\u00fccher 1-3 h\u00e4tten theoretischen Charakter getragen, im vierten h\u00e4tte der Inhalt historisch \u201erekapituliert\u201c werden sollen. \u201eHistorisch\u201c meint hier die historische Darstellung der Vorl\u00e4ufer von Marx\u00b4 theoretischen Positionen. Der Ausdruck muss in diesem Zusammenhang ganz anders verstanden werden als dort, wo es sich auf historische Momente im Inhalt des 1. Bandes bezieht. Denn dort ist mit \u201ehistorisch\u201c die Geschichte der Etablierung der industriellen Produktion insbesondere in England im 18. und 19. Jhs., die Zeitgeschichte eingeschlossen, gemeint.<\/p>\n<p>Aus der Vorphase der Arbeit am definitiven Manuskript verf\u00fcgt Marx am Anfang des Jahres 1866 \u00fcber einen Gesamtentwurf des Werkes, der sich aus einem relativ knappen Entwurf des ersten, einem extrem knappen Entwurf des zweiten und einem ins Uferlose geratenen Entwurf des dritten Buches zusammensetzt. Im April 1867 kann Marx dem Verleger eine abgerundete Version des 1. Buches vorlegen, aber die Arbeit am 2. Buch steht ihm erst bevor. Marx wird sie vom Wesentlichen her gesehen erst um das Jahr 1870 herum abschlie\u00dfen.<\/p>\n<p>Am Entwurf des dritten Buches hat Marx nach 1867 kaum mehr gearbeitet. Daran kann man ermessen, dass er mehr als recht hat, wenn er an in seiner Korrespondenz mit Engels, ebenfalls am 19. Januar 1867, einr\u00e4umt, das Erscheinen des Werkes w\u00fcrde sich um Jahre verz\u00f6gern, wenn er dem Verleger das ganze Manuskript vorlegen m\u00fcsste, damit dieser mit dem Druck beginne. Und weshalb er darauf dr\u00e4ngt, dass der Verleger den Druck sofort in Angriff nimmt.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich gelingt es Marx im Jahr 1867, seinen Verleger umzustimmen. Einerseits dadurch, dass er sich auf unrealistische Fristen im Hinblick auf die Fertigstellung weiterer Teile des Werkes verpflichtet. Es kommt aber andererseits noch ein weiterer Umstand hinzu, der vermutlich f\u00fcr Marx\u2018 Erfolg die Schl\u00fcsselrolle spielt. Zwar kann er Mei\u00dfner nicht das Manuskript des ganzen Werkes \u00fcberreichen, ja nicht einmal das des 1. Bandes in der Form, in der dieser urspr\u00fcnglich h\u00e4tte zusammengesetzt werden sollen &#8211; denn dazu h\u00e4tte auch das 2. Buch fertig vorliegen m\u00fcssen &#8211; , sondern nur den Text des 1. Buches. Dieser hat indes den Umfang erreicht, den nach der Vereinbarung zwischen den beiden das vollendete Werk h\u00e4tte erreichen sollen: 60 Druckb\u00f6gen. Und diese Tatsache hatte unzweideutig die Wirkung eines starken Argumentes.<\/p>\n<h3><a name=\"kapitel2\"><\/a>2. Wie Marx 1867 die Druckvorlage auf 60 B\u00f6gen brachte<\/h3>\n<blockquote>\n<p style=\"padding-left: 60px;\">Mit dem eigentlich theoretischen Teil konnte ich nicht vorangehen. Dazu war das Hirn zu schwach. Ich habe daher den Abschnitt \u00fcber den \u201eArbeitstag\u201c historisch ausgeweitet, was au\u00dfer meinem urspr\u00fcnglichen Plan lag<em>.<\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"padding-left: 60px;\">Karl Marx in einem Brief an Friedrich Engels vom 10. Feb. 1866<\/p>\n<p>Marx hat erst bei der letzten Bearbeitung von Buch 1 in den Jahren 1866 und 1867, also unmittelbar vor seiner Publikation, das Buch mit historischen Illustrationen ausgef\u00fcllt. Der entsprechende Vorentwurf ist uns nicht erhalten. Aus Marx\u2018 Briefen wissen wir allerdings, dass er sich bereits bei der Arbeit am Vorentwurf mit Materialien befasst hat, die er f\u00fcr seine Illustrationen benutzt oder benutzen wird. Aber erst im Jahr 1866 wird er diese historischen Materialien derart massiv in das Manuskript einarbeiten, dass sie das Buch 1 auf den f\u00fcr das ganze Werk geplanten Umfang von 60 Druckb\u00f6gen bringen.<\/p>\n<p>Ohne Marx unterstellen zu wollen, er habe die eingetretene Entwicklung angestrebt, k\u00f6nnen wir \u00dcberlegungen anstellen, welche Vorteile sie ihm brachte.<\/p>\n<p>An erster Stelle ist noch einmal die rein quantitative Seite zu nennen. Das Buch 1 hat nunmehr derart an Volumen gewonnen, dass es f\u00fcr Marx leicht geworden ist, seinen Verleger zum Anfang des Drucks zu \u00fcberreden.<\/p>\n<p>Zu dem quantitativen Aspekt gesellt sich der qualitative hinzu. Wenn sich Marx an seine urspr\u00fcnglichen Pl\u00e4ne gehalten h\u00e4tte, dann w\u00e4re unmittelbar nach der Vollendung des 1. Buches das 2. Buch an die Reihe gekommen, womit der 1. Band abgerundet worden w\u00e4re. Ein wichtiger, wenn nicht sogar der wichtigste Bestandteil der Thematik des 2. Buches sind die sog. Reproduktionsschemata. Statt aber diese systematische Thematik zu bearbeiten und mit ihr den ersten Band abzuschlie\u00dfen, greift Marx vielmehr auf das historische Material zur\u00fcck, um \u2013 wie er das nennt \u2013 die Thematik des ersten Buches (z.B. die Herauspressung des Profits aus der Industriearbeiterschaft) historisch auszudehnen.<\/p>\n<p>Woraus sch\u00f6pft er dieses Material? Aus den amtlichen britischen Berichten der Zeit. Jenen, die verschiedene Kommissionen des Parlaments anfertigen und dem Parlament vorlegen. Jenen, die verschiedene zentrale Beh\u00f6rden wie das <em>Board of Health<\/em> anfertigen und ver\u00f6ffentlichen, genauso wie das auch mit den an das Parlament gerichteten Berichten geschieht.<\/p>\n<p>Es sind geradezu bodenlos skandal\u00f6se soziale Verh\u00e4ltnisse, die ihre emsige amtliche Erfassung aufgedeckt hat und die nunmehr unverdeckt und ungeschminkt in den Berichten zum Ausdruck kommen.<\/p>\n<p>Marx steht selbst unter ihrem Eindruck. Er benutzt in den Monaten der endg\u00fcltigen Ausarbeitung des 1. Buches \u00e4ltere von ihnen, aber auch die neueren und neuesten nimmt er begierig entgegen, um sein Bild der aktuellen englischen Verh\u00e4ltnisse vollst\u00e4ndiger zu machen. Er muss dabei ein gutes Gef\u00fchl gehabt haben. Denn schon allein im Weitertransport der Befunde beteiligt er sich an der Ablehnung, ja der \u00c4chtung der bestehenden Verh\u00e4ltnisse. Er bezeugt mittelbar, dass ihre Ver\u00e4nderung das dringende Gebot der Stunde ist.<\/p>\n<h3><a name=\"kapitel3\"><\/a>3. Die editorische Bilanz des Jahres 1867<\/h3>\n<p>Und was steht dem als systematischer Inhalt gegen\u00fcber? Welche Tragweite h\u00e4tte das Werk bekommen, wenn es Marx gelungen w\u00e4re, ihm an dieser Stelle seine geplante Fortsetzung zu geben?<\/p>\n<p>Nehmen wir uns noch einmal die Reproduktionsschemata als den zentralen Inhalt des 2. Buches vor. Sie demonstrieren, wie sich unter kapitalistischen Bedingungen der Produktionsprozess harmonisch wiederholen kann: nicht nur in dem immer gleichen Umfang, sondern sogar auf einer h\u00f6heren Stufe der Leiter \u2013 erweitert.<\/p>\n<p>Auch Engels wird noch bei der posthumen Edition des 2. Buches im Jahr 1885 in mehreren \u00c4u\u00dferungen, so am 3. Juni 1885 in einem Brief an Friedrich Adolph Sorge und knappe 3 Wochen sp\u00e4ter (am 21. Juni 1885) in einem Brief an Karl Kautsky, die Vermutung \u00e4u\u00dfern, der streng theoretische Gehalt des Buches werde so einige Erwartungen entt\u00e4uschen. Ja, sicherlich, so Engels, es fehle ihm die revolution\u00e4re W\u00fcrze. Aber man m\u00fcsse nun nur die Fortsetzung abwarten: Das in K\u00fcrze erscheinende 3. Buch werde diese W\u00fcrze bringen, soweit die Zensurbeh\u00f6rden \u00fcberhaupt zulassen w\u00fcrden, dass es das Licht des Tages erblicke.<\/p>\n<p>Darauf, auf das 3. Buch, kommen wir sp\u00e4ter nochmal zur\u00fcck. Festgehalten werden sollte an dieser Stelle die tiefe Hochsch\u00e4tzung, die Marx den Reproduktionsschemata und ihrem Sch\u00f6pfer, dem Franzosen Francois Quesnay, entgegenbringt: Sie seien die gr\u00f6\u00dfte, die genialste Erfindung der \u00d6konomie \u00fcberhaupt. Und dennoch versteckt er die eigene Besch\u00e4ftigung mit ihnen vor seinem Publikum.<\/p>\n<p>Offenbar wohnen zwei Herzen in seiner Brust, das revolution\u00e4re und das intellektuelle. Eines, das sich mit den bestehenden Verh\u00e4ltnissen nicht auss\u00f6hnen kann und das der Klasse der Arbeiter die Kraft zuspricht, sie ver\u00e4ndern zu k\u00f6nnen. Ein anderes, das an geistreich konstruierten wissenschaftlichen Modellen Gefallen findet und dem es Vergn\u00fcgen bereitet, sie \u00fcberpr\u00fcft und verfeinert in sein Werk einzubauen.<\/p>\n<p>Mit einem Wort: das intellektuelle Herz hat seine Vorlieben unabh\u00e4ngig davon, was das revolution\u00e4re ihm zu sagen hat. Es ist daher ein grundlegender Fehler, an Marx\u2018 theoretischen Modellen unbedingt den Punkt finden zu wollen, aus welchem sich dann revolution\u00e4re Perspektiven ergeben &#8211; ein Fehler, den, die Eingest\u00e4ndnisse von Engels nicht kennend oder \u00fcberh\u00f6rend, bereits viele Marxisten der ersten Stunde gemacht haben &#8211; aus der \u00dcberzeugung heraus, wenn Marx sich ein theoretisches Modell zu eigen gemacht habe, so m\u00fcsse es eben diese Perspektiven beinhalten.<\/p>\n<p>Als Fazit bleibt auf jeden Fall, dass Marx in den Jahren 1866 und 1867 seine theoretischen Konstrukte zugunsten des Studiums der amtlichen britischen Berichte der Zeit und zugunsten der gleichzeitigen Eingliederung der Ausz\u00fcge aus ihnen in sein Werk in den Hintergrund treten l\u00e4sst. Die Publizierung der theoretischen Konstrukte sollte ihre nochmalige \u00dcberpr\u00fcfung abwarten m\u00fcssen. Marx wird sich nach 1867 tats\u00e4chlich mit ihnen noch mehrfach befassen, zu einer Publizierung wird es indes zu Lebzeiten von Marx \u00fcberhaupt nicht kommen.<\/p>\n<h3><a name=\"kapitel4\"><\/a>4. Marx\u00b4 desastr\u00f6se Entdeckung: Krisen der kapitalistischen Produktionsweise nicht Vorzeichen ihres Zusammenbruchs, sondern Formen ihrer Durchsetzung<\/h3>\n<p>Kehren wir aber nun auf den von Engels bei der Publikation des 2. Bandes in Aussicht gestellten revolution\u00e4ren Inhalt des 3. Bandes zur\u00fcck. Worin kann dieser bestanden haben? Von Engels bekommen wir keinen Hinweis, in welcher Richtung wir suchen sollten. Dabei ist, entsprechend dem umfangreichen Entwurf von Marx, auch das von Engels edierte 3. Buch sehr umfangreich ausgefallen. In seiner Gesamtheit eignet es sich ausgezeichnet als Beispiel f\u00fcr die Richtigkeit der interpretativen Position der \u201eNeuen Lekt\u00fcre des \u201aKapitals\u2018\u201c \u2013 einer um das Jahr 1970 entstandenen Deutungsrichtung, die den philosophischen Kern des Werks in den Vordergrund stellte. Im 3. Buch werden \u00fcberwiegend verschiedene Erscheinungsformen des Mehrwerts \u201ehergeleitet\u201c: Profit und seine Spaltung in Zins und Unternehmergewinn, Grundrente usw. Mit der Pointe, dass f\u00fcr alle Einkommensformen ihr Ursprung im Mehrwert bzw. in der Mehrarbeit nachgewiesen wird.<\/p>\n<p>K\u00f6nnen aber als m\u00f6glicherweise \u201egepfeffert\u201c aus ihm die in seinem 5. Abschnitt enthaltenen Ausf\u00fchrungen \u00fcber Konjunkturzyklen, \u00fcber Zusammenbr\u00fcche des Kreditsystems und monet\u00e4re Krisen betrachtet werden?<\/p>\n<p>Der Kredit regt die Produktion an und verbreitert ihren Umfang. Der Phase der Bl\u00fcte folgen indes regelm\u00e4\u00dfig Phasen der Kontraktion und des Zusammenbruchs. Warum? Der Austausch der Produkte \u2013 so die Antwort von Marx \u2013 nach Ma\u00dfgabe der f\u00fcr ihre Herstellung gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit zwingt die untereinander konkurrierenden Produzenten, ihre Produktion technisch zu vervollkommnen. Der Kredit schw\u00e4cht diesen Ansporn. Auf dem H\u00f6hepunkt der Erweiterung der Produktion auf der Basis des Kredits kommt alles durch, Produkte von geringer Qualit\u00e4t, selbst der Bluff. Das kann sich aber nicht ins Unendliche fortsetzen. F\u00fcr die Funktion des Kapitals, f\u00fcr seinen Dienst zum Nutzen des technischen Fortschritts zeigt sich der Kredit in seiner potenziellen Unbeschr\u00e4nktheit als st\u00f6render Faktor. Daher muss es zum Zusammenbruch des Kredits kommen.<\/p>\n<p>In seinem Dienst steht das monet\u00e4re System. In ihm sind einander entgegengesetzt Mittel der Kreditierung und bares Geld (oder gar Gold), das, wenn es darauf ankommt, knapp ist. Die Ursituation schildert Marx so: Alle wollen, dass man ihnen mit Gold zahlt, und das wenige Gold, das in Umlauf kommen k\u00f6nnte, lagert in den Kellern der Nationalbank. Welche verr\u00fcckte Situation. Verr\u00fcckt aber nur auf den ersten Blick. Denn, was Marx vielleicht nicht ganz ausdr\u00fccklich sagt, aber jedenfalls andeutet, die Knappheit des Geldes, ist geradezu heilsam f\u00fcr das System. Ist es einmal zum Zusammenbruch gekommen, so kann das Geld seine Funktion, die Produzenten zu disziplinieren, wieder voll aus\u00fcben.<\/p>\n<p>Wir haben es hier schwarz auf wei\u00df: das Kapital dient der Entwicklung der Produktivkr\u00e4fte. Das ist seine substanzielle Wahrheit. Die periodischen Zusammenbr\u00fcche sind Mittel der Selbstheilung. Wenn Marx an einer Stelle sagt, das Geld sei kein \u201epfiffiges Auskunftsmittel\u201c, so hat er die schlichte Vermittlungsfunktion des Geldes im Blick, die bei Tauschvorg\u00e4ngen den interessierten Seiten die Suche nach der jeweils anderen erspart. Darin, in dieser Harmlosigkeit, ersch\u00f6pft sich die Rolle des Geldes indes nicht. Seine wesentliche Rolle kommt erst zum Vorschein, wenn es darum geht, den Aufschwung der Konjunktur zu bremsen oder ganz zu beenden. Denn der Zyklus hat sich inzwischen von dem Wachstum der Produktivkraft losgel\u00f6st.<\/p>\n<p>Dabei hat sich das System der Zahlungen bereits schon lange vor Marx\u2018 Zeiten weiterentwickelt und, zumindest im inl\u00e4ndischen Geldverkehr, von der entscheidenden Rolle gel\u00f6st, die Edelmetalle in ihm eingenommen haben. Das \u00fcbliche Zahlungsmittel sind Wechsel geworden. Das Kreditsystem bricht zusammen, wenn Wechsel durch Banken nicht mehr eskomptiert und dadurch nicht mehr als Zahlungsmittel akzeptiert werden.<\/p>\n<p>Noch einen Schritt weiter entwickelt sich das System der Zahlungen im Zusammenhang mit dem internationalen Handel. Der Konjunkturzyklus verl\u00e4uft in verschiedenen L\u00e4ndern nicht gleichzeitig. Das f\u00fchrt zu je neuen Ungleichgewichten im Handel zwischen den L\u00e4ndern. Beziehen wir das in einem Beispiel auf zwei L\u00e4nder: Das Land, das sich im Aufschwung befindet, f\u00fchrt mehr Waren ein, als es ausf\u00fchrt. Das wiederum hat zur Folge, dass die auf jenes Land gezogenen Wechsel, aus dem Waren vermehrt eingef\u00fchrt werden, sich verteuern und gleichzeitig die auf das Aufschwungsland gezogenen Wechsel an Wert verlieren. Bis zum Eintritt des Zeitpunktes, in dem es g\u00fcnstiger wird, bei Zahlungen, die die K\u00e4ufer der einf\u00fchrenden Waren zu t\u00e4tigen haben, Gold einzusetzen. Was dann auch erfolgt und zum Goldabfluss aus dem Land des Aufschwungs ins Ausland f\u00fchrt. Und dieser Goldabfluss wiederum f\u00fchrt dazu, dass sich bei der Nationalbank des betreffenden Landes die Bereitschaft dazu verringert, Wechsel zu diskontieren. Am Schluss steht die Abbremsung des Aufschwungs.<\/p>\n<p>Damit ist eine vorwiegend stille Form der Beendigung des konjunkturellen Zyklus beschrieben. Ohne Zusammenbruch des Kredits, ohne Krach geht eine Periode des Aufschwungs zu Ende. Der Druck, den das Geld auf die Produzenten aus\u00fcbt, die Produktion technisch zu vervollkommnen, hat sich erneuert.<\/p>\n<h3><a name=\"kapitel5\"><\/a>5. \u201eDas Kapital\u201c \u2013 Klassiker des Historischen Materialismus oder Mystifikation von Friedrich Engels?<\/h3>\n<blockquote>\n<p style=\"padding-left: 60px;\">Das 3. Buch &#8222;Kapital&#8220; wird immer gro\u00dfartiger, je tiefer ich eindringe&#8230; Es ist kaum fassbar, wie ein Mann, der solch gewaltige Entdeckungen, solch eine umfassende und vollst\u00e4ndige wissenschaftliche Revolution im Kopf hatte, sie 20 Jahre bei sich behalten konnte.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"padding-left: 60px;\">Friedrich Engels in einem Brief an Laura Lafargue vom 8. M\u00e4rz 1885<\/p>\n<p>Bei Marx ist schon in den Jahren der Vorbereitung des 1. Bandes f\u00fcr den Druck (1866-67) Ern\u00fcchterung eingetreten. Es ist eine Ern\u00fcchterung im Hinblick auf die eigene spekulative Konstruktion gewesen.\u00a0Marx, der zu dieser Zeit bereits auf einen Gesamtentwurf des Werkes zur\u00fcckblicken kann, muss damals bemerkt haben, dass seine Konstruktion in die falsche Richtung geht. Dass f\u00fcr ein bestimmtes Ph\u00e4nomen genau dann die richtige Stelle im Theoriegef\u00fcge gefunden ist, wenn es sich funktional in das System einf\u00fcgt &#8211; und nicht etwa dann, wenn es dysfunktional oder gar systemsprengend ist.<\/p>\n<p>Das ist der einzige Punkt in diesen Darlegungen, der systematischer und nicht historischer Natur ist.\u00a0Alles andere, was angef\u00fchrt wurde, sind historisch-biographische Argumente aus der Zeit, in der Marx die Publikation abbricht, noch ehe sein theoretisches Geb\u00e4ude in seiner Ausarbeitung bis an jene Stellen gelangt ist, die sein Ger\u00fcst blo\u00dflegen. Das Werk von Marx wird von da an eine Art Phantomleben f\u00fchren. Dass es im Entstehen begriffen ist, spricht sich herum. Der Umfang, in dem die interessierten Kreise Einblick in den Stand seines Entstehens hatten, war, wie sich das am Beispiel des Herausgebers der posthumen Edition, Friedrich Engels selbst zeigt, minimal. Doch welche Vorstellungen auch immer dar\u00fcber kursiert haben m\u00f6gen &#8211; ein <em>Kapital<\/em> hat Marx nie hinterlassen.\u00a0Sein angebliches Hauptwerk ist ein Torso, der den Hauptteil der von seinem Verfasser in Aussicht gestellten Theorien nirgends entfaltet.<\/p>\n<p>Bei der Vorbereitung des 1. Bandes\u00a0f\u00fcr den Druck in den Jahren 1866\/67\u00a0macht Marx einen Bogen um den in Aussicht genommenen theoretischen Kerngehalt des Werkes, den er auch sp\u00e4ter seinem Publikum konsequent vorenthalten wird. Die Gr\u00fcnde sind elementar. Wahrscheinlich hatte Marx doch bemerkt, dass seine Hoffnungen auf eine Revolution, die der Dialektik der kapitalistischen Gesellschaft selber geschuldet sein w\u00fcrde, von seinen eigenen Befunden desavouiert wurden. Was sie in Wahrheit bewiesen, war die unbegrenzte F\u00e4higkeit des kapitalistischen Systems zur Selbsterneuerung.<\/p>\n<p>Marx l\u00e4sst das Projekt einer materialistischen Dialektik darum stillschweigend fallen; er wird sich niemals, weder im Jahre 1867 noch irgendwann sp\u00e4ter, zu dieser Entscheidung \u00e4u\u00dfern. Engels deutet die Tatsache, dass Marx das Werk f\u00fcr sich behielt, in einer grundlegenden Weise falsch. Die unz\u00e4hligen von Marx hinterlassenen Manuskriptvarianten aus der Zeit nach 1867, in gro\u00dfer \u00dcberzahl auf das 2. Buch bezogen, werden von Engels nicht als Zeichen einer substanziellen Unsicherheit, sondern als Ergebnis einer beispiellosen, sich niemals zufriedengebenden Gr\u00fcndlichkeit ausgegeben.<\/p>\n<p>Die durch Engels zusammengestellte posthume Edition geh\u00f6rt wohl zu den ganz problematischen postumen Editionen der europ\u00e4ischen Geistesgeschichte. Nichtsdestoweniger\u00a0 wird gerade das <em>Kapital <\/em>in der Folge zum wichtigsten Bestandteil der Fundierung einer Ideologie, die eine historische Tragweite ohnegleichen entfaltet.<\/p>\n<p>Marx bekundete niemals, dass er es aufgegeben habe, das Werk zu Ende zu f\u00fchren. Er hat sich wohl niemals zu einer ganz eindeutigen Entscheidung durchgerungen. Der Herausgeber der einschl\u00e4gigen hinterlassenen Manuskripte, Friedrich Engels, ist ebenfalls zu einem n\u00fcchternen Fazit nicht imstande oder nicht willens gewesen.<\/p>\n<p>Ganz im Gegenteil, er hat die Mythen geliefert, die den wahren Stand der Dinge unzug\u00e4nglicher machten, als er zu Marx\u00b4 Lebzeiten war. Auf diese Weise ist eine Sicht auf das Werk entstanden, wonach es als beinah vollendeter, konsistenter Entwurf irgendwo in der Hinterlassenschaft des Verfassers schlummert und darauf wartet, von sachkundigen Interpreten ans Licht gebracht und ins volle Dasein geholt zu werden. Aber dieser Darstellung liegt ein elementarer Irrtum zugrunde, der anschlie\u00dfend 150 Jahre lang kultiviert werden sollte.<\/p>\n<p>Angesichts dessen ist es frappierend, dass in der aktuellen\u00a0Jubil\u00e4umsliteratur Texte fehlen, die sich mit den Ereignissen des Bezugsjahres 1867 selbst befassen. Soweit ich sehe, bildet die vorliegende Studie in dieser Hinsicht eine einsame Ausnahme.<\/p>\n<p><em>Insel Zlarin, 15.08.17<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gastbeitrag von Ivan Glaser zum 150sten Editionsjubil\u00e4um des ersten Bandes des \u201eKapitals\u201c Dem Andenken an Erhard Lucas (1937-1993) gewidmet Was im Jahr 1867 mit dem Text des \u201eKapitals\u201c geschah Wie Marx 1867 die Druckvorlage auf 60 B\u00f6gen brachte Die editorische Bilanz des Jahres 1867 Marx\u00b4 desastr\u00f6se Entdeckung: Krisen der kapitalistischen Produktionsweise nicht Vorzeichen ihres Zusammenbruchs, &hellip; <a href=\"https:\/\/koehler-kn.de\/ernst\/der-nine-eleven-des-karl-marx\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eDer nine eleven des Karl Marx\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":249,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[7,9,10,8,6,5],"class_list":["post-245","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-allgemein","tag-7","tag-9","tag-ivan-glaser","tag-jubilaeum","tag-kapital","tag-karl-marx"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/koehler-kn.de\/ernst\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/245","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/koehler-kn.de\/ernst\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/koehler-kn.de\/ernst\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/koehler-kn.de\/ernst\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/koehler-kn.de\/ernst\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=245"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/koehler-kn.de\/ernst\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/245\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":255,"href":"https:\/\/koehler-kn.de\/ernst\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/245\/revisions\/255"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/koehler-kn.de\/ernst\/wp-json\/wp\/v2\/media\/249"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/koehler-kn.de\/ernst\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=245"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/koehler-kn.de\/ernst\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=245"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/koehler-kn.de\/ernst\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=245"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}