{"id":212,"date":"2016-11-13T12:40:38","date_gmt":"2016-11-13T10:40:38","guid":{"rendered":"https:\/\/ernstkoehler.wordpress.com\/?p=212"},"modified":"2016-11-13T12:40:38","modified_gmt":"2016-11-13T10:40:38","slug":"immer-sind-ja-die-woerter-schoener-als-die-geschichte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/koehler-kn.de\/ernst\/immer-sind-ja-die-woerter-schoener-als-die-geschichte\/","title":{"rendered":"\u201eImmer sind ja die W\u00f6rter sch\u00f6ner als die Geschichte\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Ernst K\u00f6hler<\/p>\n<p>\u00dcber die neuen Gedichte von Peter Salomon<\/p>\n<figure id=\"attachment_150\" aria-describedby=\"caption-attachment-150\" style=\"width: 271px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-150\" src=\"https:\/\/koehler-kn.de\/ernst\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/salomonbild.jpg\" alt=\"Salomonbild\" width=\"271\" height=\"453\" srcset=\"https:\/\/koehler-kn.de\/ernst\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/salomonbild.jpg 211w, https:\/\/koehler-kn.de\/ernst\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/salomonbild-179x300.jpg 179w\" sizes=\"auto, (max-width: 271px) 85vw, 271px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-150\" class=\"wp-caption-text\">Peter Salomon, Die Jahre liegen auf der Lauer. Neue Gedichte, Paperback, 92 S., 12,&#8211; \u20ac , Eggingen 2012 (Edition Klaus Isele)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Die jetzt erschienenen neuen Gedichte von Peter Salomon weisen eine gro\u00dfe Spannweite auf &#8211; der Themen, der Formen, der Tonlage. Die ungeniert auseinanderstrebende F\u00fclle wird aber zusammengehalten durch ein immer pr\u00e4sentes, nie erschlaffendes Methodenbewusstsein. Es ist eine Methodik des Experimentierens, des Spiels mit dem Bruch von Klischees und Konventionen \u2013 verbrauchten Verfahren des Sehens, Denkens, Empfindens, Schreibens, die diese zentrifugalen Text-Potenzen b\u00e4ndigt und in einen Reigen einbindet. Es gibt kein Gedicht, das nicht die Spuren dieses Zugriffs, dieser destruktiven Arbeit an sich tr\u00fcge. Peter Salomon gilt als ein Lyriker, der sich dem gegenw\u00e4rtigen Alltag zuwendet \u2013 samt seiner Misere und Qual. Das sagt er auch selbst von sich \u2013 allerdings pr\u00e4ziser, differenzierter, literarisch versierter wie etwa in der knappen autobiografischen Skizze Wie ich nach Konstanz gekommen bin und warum ich es nicht wieder verlassen habe (Autobiographische Fu\u00dfnoten, 2009). Aber m\u00f6gen auch alle die in dieser Lyrik reproduzierten Erinnerungen, Begegnungen, Beobachtungen, Gedanken, Befindlichkeiten einen realen, allt\u00e4glichen Anlass, Vorwurf oder Hintergrund haben, sie wirken ausnahmslos gebrochen. Sie sind alle verwandelt. Das Alltagsmaterial muss jeweils zerschlagen worden sein \u2013 zerst\u00fcckelt, bevor es wieder zusammengef\u00fcgt worden ist. Es sind Konstruktionen, die uns der Autor anbietet \u2013 realit\u00e4tshaltig, erfahrungsges\u00e4ttigt, sinnenhaft konkretisiert, aber mit Bruchlinien. Richtiger: weltnah, weil sie ihre K\u00fcnstlichkeit nie vertuschen. Die in der \u00dcberschrift dieser Besprechung zitierte Zeile findet sich in dem Gedicht Aus dem Jahr 1978. Sie bringt die Arbeitsweise des Lyrikers Peter Salomon wie nebenbei auf den Punkt.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Das w\u00e4re etwa die Anemone, die erste Fr\u00fchlingsblume im gerade aufgetauten Wald. Im gleichnamigen Gedicht von Gottfried Benn (1936) ist sie denn auch ein Ersch\u00fctterer, der so leise wie m\u00e4chtig die elementare Unaufhaltsamkeit des kommenden Sommers bekundet. Deshalb wird das Gedicht auch gern im Gymnasium gelesen. Das Gedicht In der Klinik in dem neuen B\u00e4ndchen eher nicht. Es setzt schon ein mit den Zeilen: Dass eine Blume ersch\u00fcttern kann \u2013 Habe ich nie geglaubt. Die Anemone steht dann nur auf dem Nachttisch \u2013 einfach so, ohne Bedeutungsschwere. M\u00f6glicherweise ist sie auch nur eine hundsordin\u00e4re Ringelblume. Der gleiche Sturzflug vom Erhabenen ins Profane in dem Gedicht Das Unaufh\u00f6rliche, das &#8211; wie den wenigen Anmerkungen des Autors zu entnehmen ist &#8211; den Titel eines Oratoriums von Benn klaut (1931, von Paul Hindemith vertont). Nur die \u00dcberschrift, sonst nichts; denn im Oratorium ist \u201edas Unaufh\u00f6rliche\u201c ein Gro\u00dfes Gesetz, das irgendwie Welt und Erde und Menschheit durchwaltet \u2013 gnadenlos. Im Text von Peter Salomon gibt es hingegen nur Langeweile, Frust \u2013 den literarischen \u00dcberdruss an Konstanz als Gegenstand: Das was zu sehen ist, sind Platit\u00fcden. Und \u201eunaufh\u00f6rlich\u201c soll in diesem Elend nur der Schlaf sein, in den sich der Dichter fl\u00fcchten m\u00f6chte. Um nachts aus seinem Fenster nicht immer wieder das raffiniert illuminierte M\u00fcnster sehen m\u00fcssen. Ich m\u00f6chte \u00fcber all das nicht mehr schreiben.<\/p>\n<p>Das ist nachzuvollziehen. Die Konstanz- und Bodensee-Gedichte k\u00f6nnen f\u00fcr die kantige Seite dieser Texte stehen \u2013 f\u00fcr ihren Berliner Biss gewisserma\u00dfen. Wenn es um die Touristen und die massenhaft einstr\u00f6menden K\u00e4ufer aus der Schweiz geht, k\u00f6nnen sie auch schon einmal in den halbvergessenen Agitprop-Ton verfallen, nur so gerade noch relativiert durch die Reimform. Charakteristischer aber der k\u00fchle Sarkasmus wie in Der m\u00fcde Schwimmer. Der See ist sch\u00f6n \u2013 das viel besungene Wasser. Dagegen ist auch dieser hier nie restlos eingemeindete Asphalt-Schriftsteller anscheinend nicht immun. Aber dann bekommen die beliebten Lyrismen rund um den Bodensee einen lyrischen Kanthaken verpasst: Der See ist nicht sehr hilfreich bei Depressionen \u2013 Lieber Tabletten! Oder in Das Schl\u00f6sschen am Rhein, eigentlich ein Sexgedicht. Gemeint ist der ehemalige Schlachthof am Seerhein, heute instandgesetzt wie ein Schl\u00f6sschen, die Fachhochschulbibliothek. In den blutigen Zeiten, da hier das Schlachtvieh br\u00fcllte, war das abends oder sonntags eine ruhige Ecke. In der man ungest\u00f6rt seinen Freund fotografieren konnte \u2013 in allen m\u00f6glichen reizvollen Posen: Wichsvorlagen f\u00fcr sp\u00e4ter. Leider vorbei &#8211; Konstanz, die gegl\u00e4ttete, super-homogene, totsanierte Stadt, die der Homosexuelle sch\u00e4rfer wahrnimmt als andere. Vermutlich, weil er mehr unter ihr leidet.<br \/>\nDie Sexgedichte sind ein poetischer H\u00f6hepunkt der Sammlung. Kunst und Gegenstand kommen hier gl\u00fccklich zusammen. Diese sich jeder Wende, jeder Verwirrung, jedem Verlust, jeder Trauer und Grenze \u00f6ffnende, aussetzende Lyrik scheint wie geeicht auf das ruhelose, prek\u00e4re, riskante Sexualleben vieler Homosexueller. Wie in dem Gedicht Verbrecher, einem bitter-komischen Lamento des nicht nur einmal ausgeraubten Freiers. Nur mein Leben haben sie \u2013 Mir immer gelassen. Der Text schlie\u00dft mit einer jener aparten, funkelnden Pointen, wie sie \u00fcberhaupt zu den formalen Mitteln des Dichters z\u00e4hlen. Es gibt Diskretion, es gibt Takt, aber keine Furcht \u2013 keine vor der Offenheit, keine vor der \u00d6ffentlichkeit. Ein unernstes, simplifiziertes Bild dieser Sexualit\u00e4t ist hier undenkbar. Auch der Vorrang von hartem Sex, von hardcore-fun l\u00e4sst Raum f\u00fcr Zuneigung und erlaubt den aufmerksamen, nuancierten, einf\u00fchlsamen Blick auf den anderen Menschen wie in Gez\u00e4hlte Tage, einem der sch\u00f6nsten Gedichte in dieser Sammlung \u00fcberhaupt. In Ver\u00e4nderungsw\u00fcnsche tut sich eine ganze soziale Welt auf, die den meisten von uns verschlossen bleiben d\u00fcrfte. Man k\u00f6nnte es die \u201eanthropologische\u201c Neugier und Vorurteilslosigkeit dieser sexuellen Neigung nennen.<\/p>\n<p>Und das Altern? Einige Gedichte thematisieren es direkt. Darunter St\u00fccke von einer k\u00f6stlichen Hypochondrie. Auch die Kindheitsgedichte \u00fcber den wohlbeh\u00fcteten, aber einsamen Jungen im feinen Grunewald-Milieu kann man zu den Altersgedichten rechnen. In Prosa und Lyrik des sp\u00e4ten Peter Salomon gibt es so etwas wie einen heiter-melancholisch sprudelnden Fokus der Autobiografie. Die Jahre liegen auf der Lauer, der Titel der Sammlung, ist schlie\u00dflich auch der Titel eines Gedichtes \u00fcber den heranr\u00fcckenden Tod. Im Volksmund, den man nicht mehr h\u00f6ren kann, ist es der Tod &#8211; als Sensenmann oder dergleichen &#8211; , der dir die Jahre nimmt. Hier sind es umgekehrt die Jahre, die dich killen. Wie J\u00e4ger auf ihrem Hochsitz die Hirsche abknallen Auf ihrem Weg zum Fleischbeschauer. Der Text hat mehr als nur einen Hauch von Expressionismus. Er trotzt der Lebenstrauer mit vulg\u00e4rer Lustigkeit.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ernst K\u00f6hler \u00dcber die neuen Gedichte von Peter Salomon Die jetzt erschienenen neuen Gedichte von Peter Salomon weisen eine gro\u00dfe Spannweite auf &#8211; der Themen, der Formen, der Tonlage. Die ungeniert auseinanderstrebende F\u00fclle wird aber zusammengehalten durch ein immer pr\u00e4sentes, nie erschlaffendes Methodenbewusstsein. 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