{"id":210,"date":"2016-11-13T12:40:15","date_gmt":"2016-11-13T10:40:15","guid":{"rendered":"https:\/\/ernstkoehler.wordpress.com\/?p=210"},"modified":"2016-11-13T12:40:15","modified_gmt":"2016-11-13T10:40:15","slug":"das-kleinere-uebel-und-seine-stille-anziehungskraft-fragen-zur-amerikanischen-irak-politik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/koehler-kn.de\/ernst\/das-kleinere-uebel-und-seine-stille-anziehungskraft-fragen-zur-amerikanischen-irak-politik\/","title":{"rendered":"Das kleinere \u00dcbel und seine stille Anziehungskraft. Fragen zur amerikanischen Irak-Politik"},"content":{"rendered":"<p>Ernst K\u00f6hler<\/p>\n<p>So verrannt und verr\u00fcckt es klingt, aber f\u00fcr den t\u00e4glichen Massenmord im Irak sind die M\u00f6rder verantwortlich &#8211; nicht die Amerikaner. Verantwortlich sind die miteinander auf den Tod verfeindeten islamischen Religionsgemeinschaften, richtiger: ihre geistlichen F\u00fchrer und ihre Milizen, nicht die gescheiterten Besatzer. Hierzulande muss man anscheinend erst einmal die M\u00f6rder hinter den Amerikanern hervorziehen. Den Abzug verlangt auch niemand im Ernst. Auch die US-amerikanischen Demokraten nicht, die gerade eine Wahl gewonnen haben \u2013 nicht zuletzt \u00fcber das Irak-Thema, aber ohne zu sagen, was sie im Irak anders machen wollen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Erst wenn man auf ma\u00dflose und demagogische Schuldvorw\u00fcrfe verzichtet, kann man \u00fcber die reale politische Verantwortung der Bush-Regierung im Irak vern\u00fcnftig nachdenken. Das kritische Kernargument lautet: Sie h\u00e4tten wissen k\u00f6nnen, sie h\u00e4tten wissen m\u00fcssen, auf was sie sich da einlassen. Die USA sind eine Weltmacht \u2013 wenn sie es nicht wissen, wer dann? Wenn man in einem Land wie dem Irak das Herrschaftssystem beseitigt, muss man unbedingt auch die Macht und die Mittel haben, das so geschaffene politische Vakuum zu meistern und zun\u00e4chst einmal die Sicherheit der betroffenen Zivilbev\u00f6lkerung zu gew\u00e4hrleisten. Sonst muss man es eben lassen. Das gro\u00dfe Amerika hat diese Macht und diese Mittel offenkundig nicht. Das gro\u00dfe Amerika \u2013 oder vielmehr seine zur Zeit ma\u00dfgebliche F\u00fchrungselite \u2013 hat sich diese unbegrenzte Gestaltungsmacht nur eingebildet. Und die Menschen im Irak haben f\u00fcr diese Hybris, diese Selbst\u00fcberhebung der Supermacht heute schwer zu bezahlen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_52\" aria-describedby=\"caption-attachment-52\" style=\"width: 305px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-52\" src=\"https:\/\/koehler-kn.de\/ernst\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/irak_5.jpg\" alt=\"APTOPIX IRAQ\" width=\"305\" height=\"299\" srcset=\"https:\/\/koehler-kn.de\/ernst\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/irak_5.jpg 305w, https:\/\/koehler-kn.de\/ernst\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/irak_5-300x294.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 305px) 85vw, 305px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-52\" class=\"wp-caption-text\">Huge flames come out of a U.S. army Abrams battle tank, east of Baghdad, Iraq, Friday, March 10, 2006, after a large explosion set fire to it. The U.S. military had no immediate information on the incident and on casualties. (AP Photo\/Hadi Mizban)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Zumindest der \u201eReligionskrieg\u201c von heute mit seinen m\u00e4chtigen Geistlichen, die in Wahrheit Warlords sind, war kaum vorauszusehen. Diese hochgef\u00e4hrliche \u201ereligi\u00f6se\u201c Potenzierung, Entfesselung, Entartung des Kampfes um politische Macht und um die Verf\u00fcgung \u00fcber das irakische \u00d6l ist brandneu. Das Ph\u00e4nomen ist in seiner au\u00dferordentlichen Virulenz nicht einmal richtig verstanden \u2013 wie sollte es vorhersehbar gewesen sein? Aber klare Fehlleistungen der amerikanischen Regierung \u2013 und insbesondere ihres bisherigen Verteidigungsministers \u2013 waren etwa das von Anfang an zu geringe Truppenaufgebot, die ersatzlose Aufl\u00f6sung der irakischen Armee, die unertr\u00e4gliche Schutzlosigkeit vor allem der Krankenh\u00e4user unmittelbar nach der Besetzung.<\/p>\n<p>Aber Fehler und Vers\u00e4umnisse solcher konkreten, fasslichen, benennbaren Art sind unseren Kriegsgegnern nicht genug. Die bei uns vorherrschende Kritik an der amerikanischen Irak-Politik ist umfassender angelegt. Sie bezieht alles ein, was sich an destruktiven Kr\u00e4ften im Irak inzwischen entwickelt hat. Und was andererseits an staatlichen Institutionen bisher im Land neu aufgebaut worden ist, wertet sie ebenso konsequent ab. Auf diese Weise erscheint die milit\u00e4rische Intervention im Irak nicht nur als unbedacht, schlecht geplant und halbherzig durchgef\u00fchrt, sondern als eine Unternehmung jenseits aller politischen Vernunft.<\/p>\n<p>Wenn also die Amerikaner in ihrem imperialen Machbarkeitswahn oder auch, nach einer anderen Denkschule, aus geopolitischem Egoismus den Irak in einen menschenverschlingenden, zivilisationszerst\u00f6renden Abgrund verwandelt haben, w\u00e4re das Regime Saddam Husseins dann das \u201ekleinere \u00dcbel\u201c gewesen? Auch das sagt niemand laut, jedenfalls nicht bei uns hier \u2013 anders als im Fall von Tito-Jugoslawien, das sich im Licht der Katastrophe der 90er Jahre nicht selten unverfroren rehabilitiert sah und sieht (etwa von dem hochangesehenen linken Historiker Eric J. Hobsbawm). Keine Kritik am Irak-Krieg &#8211; und sei sie noch so rigoros, die es unterlie\u00dfe, auch das menschenverachtende Regime Saddams grunds\u00e4tzlich zu verurteilen. Zwei Grunds\u00e4tzlichkeiten auf einmal also \u2013 oft in einem Atemzug vorgebracht. Aber es n\u00fctzt nichts, die beiden radikalen Verdikte kommen sich gegenseitig in die Quere.<\/p>\n<p>Ehrlicher w\u00e4re es, den hohen Preis f\u00fcr die eigene Position unger\u00fchrt auf den Tisch zu legen. Vor die Wahl gestellt zwischen einer Demokratisierungsstrategie f\u00fcr die Golfregion und den Nahen Osten und irgendeinem \u201erealpolitischen\u201c Arrangement mit jener m\u00f6rderischen Diktatur andererseits, h\u00e4tten wir uns f\u00fcr das Arrangement entscheiden sollen? Notgedrungen und nach reiflicher \u00dcberlegung w\u00e4ren wir f\u00fcr den status quo gewesen. In der Hoffnung nat\u00fcrlich, dass er sich schrittweise zum Besseren wandelt \u2013 wir sind keine Zyniker. Aber auf absehbare Zeit geben wir der politischen Stabilit\u00e4t in diesem Raum den Vorzug vor jeder von au\u00dfen und mit Gewalt herbeigef\u00fchrten Reformdynamik. Auch wenn diese Stabilit\u00e4t auf einer Repression und Entrechtung gro\u00dfen Stils beruht und viel von einem Kirchhofsfrieden hat.<\/p>\n<p>Es ist dies ebenfalls eine Entscheidung, und keine unproblematische. Auch sie w\u00e4re auf Kosten der Iraker gegangen. Um sie als solche zu erkennen, m\u00fcsste sie freilich auf das rassistische Gerede von der Un\u00fcbertragbarkeit der Demokratie auf Arabien verzichten. Denn wenn die Demokratie sich nur f\u00fcr uns eignet, nicht auch f\u00fcr die Araber, dann ist unser Votum f\u00fcr Stabilit\u00e4t um jeden Preis keine politische Entscheidung. Dann ist es die reine Weisheit, und wir haben sie gepachtet.<\/p>\n<p>In einem St\u00fcck des ungarischen Autors Istv\u00e1n E\u00f6rsi fragt sich eine Figur: \u201eWenn wir nur zwischen zwei \u00dcbeln w\u00e4hlen k\u00f6nnen, bezeichnen wir das kleinere \u00dcbel als gut. Ist das richtig? Ich glaube, ja. Aber was geschieht, wenn sich von dem kleineren \u00dcbel herausstellt, dass es unertr\u00e4glich ist?\u201c F\u00fcr den Irak muss es sich nicht mehr herausstellen. Es hat sich schon l\u00e4ngst herausgestellt. Nur ist die Unertr\u00e4glichkeit bereits Geschichte \u2013 f\u00fcr uns, nicht f\u00fcr die Opfer und ihre Angeh\u00f6rigen. Auch der Prozess gegen Saddam Hussein hat sie uns nicht mehr vergegenw\u00e4rtigen k\u00f6nnen. Das macht es so leicht f\u00fcr uns.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ernst K\u00f6hler So verrannt und verr\u00fcckt es klingt, aber f\u00fcr den t\u00e4glichen Massenmord im Irak sind die M\u00f6rder verantwortlich &#8211; nicht die Amerikaner. Verantwortlich sind die miteinander auf den Tod verfeindeten islamischen Religionsgemeinschaften, richtiger: ihre geistlichen F\u00fchrer und ihre Milizen, nicht die gescheiterten Besatzer. 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