{"id":206,"date":"2016-11-13T12:39:26","date_gmt":"2016-11-13T10:39:26","guid":{"rendered":"https:\/\/ernstkoehler.wordpress.com\/?p=206"},"modified":"2016-11-13T12:39:26","modified_gmt":"2016-11-13T10:39:26","slug":"die-tagebuecher-von-victor-klemperer-sind-wirklich-gelesen-worden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/koehler-kn.de\/ernst\/die-tagebuecher-von-victor-klemperer-sind-wirklich-gelesen-worden\/","title":{"rendered":"Die Tageb\u00fccher von Victor Klemperer sind wirklich gelesen worden"},"content":{"rendered":"<p>Ernst K\u00f6hler<\/p>\n<p>Buchbesprechung zu Mihail Sebastian: Voller Entsetzen, aber nicht verzweifelt. Tageb\u00fccher 1935-44.<\/p>\n<figure id=\"attachment_110\" aria-describedby=\"caption-attachment-110\" style=\"width: 370px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-110\" src=\"https:\/\/koehler-kn.de\/ernst\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/mihsebastian.jpg\" alt=\"mihsebastian\" width=\"370\" height=\"370\" srcset=\"https:\/\/koehler-kn.de\/ernst\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/mihsebastian.jpg 300w, https:\/\/koehler-kn.de\/ernst\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/mihsebastian-150x150.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 370px) 85vw, 370px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-110\" class=\"wp-caption-text\">Mihail Sebastian: \u201eVoller Entsetzen, aber nicht verzweifelt\u201c .Tageb\u00fccher 1935-44, Berlin 2005 (Claassen), broschiert 2006 (List)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Die Tageb\u00fccher von Victor Klemperer sind wirklich gelesen worden \u2013 nebenher, nicht in den Ferien, in den Abendstunden, \u00fcber Wochen. Das war ein Bild von der deutschen Gesellschaft unter Hitler, wie man es ungeachtet allen verb\u00fcrgten Wissens doch immer noch gesucht hatte. Den jetzt auch auf deutsch vorliegenden Tageb\u00fcchern von Mihail Sebastian aus den Jahren 1935-44 w\u00e4re die gleiche Aufmerksamkeit zu w\u00fcnschen. Das Rum\u00e4nien der \u201eEisernen Garde\u201c, der Diktatur des Generals Jon Antonescu, S\u00fcdosteuropa im Schatten, unter dem Druck, dann unter der Kontrolle des \u201eDritten Reichs\u201c scheint einigerma\u00dfen entr\u00fcckt &#8211; bereits nicht mehr ganz gegenw\u00e4rtige Geschichte.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Trotz des Holocausts, an dem Rum\u00e4nien sich bekanntlich beflissen beteiligt hat &#8211; aber dieser Nexus ist zu d\u00fcnn, zu schwach f\u00fcr ein Interesse an der konkreten, spezifischen Gesellschaft dahinter. Und wir kennen ja seit unserer Schulzeit auch \u201eDie Nash\u00f6rner\u201c von Eug\u00e8ne Jonesco &#8211; dem engen Freund und Leidensgenossen Mihail Sebastians, wie man hier erf\u00e4hrt &#8211; , das sollte reichen. Aber dieses Tagebuch ist keine zus\u00e4tzliche Illustration f\u00fcr die im Schema oder auch in der parabelhaften Verdichtung l\u00e4ngst begriffene Faschisierung eines Landes, einer politischen \u00d6ffentlichkeit, f\u00fcr die eigenartig reibungslose antisemitische Verseuchung einer ganzen Gesellschaft, vor allem ihrer Intelligenz. Es handelt sich hier vielmehr um ein Zeugnis, das so pers\u00f6nlich, so wahrhaftig, so furchtlos reflektiert ist, da\u00df es sich jeder Schnellverwertung als Beleg oder \u201eQuelle\u201c verweigert. Und es ist das Zeugnis eines Menschen &#8211; auch das unerwartet, um nicht zu sagen: fast unbegreiflich &#8211; , der sich in der Vereinsamung, in der Isolierung, in der Verfolgung nicht verh\u00e4rtet; der sich auch im Leid nicht zu rigiden, verbitterten Urteilen \u00fcber seine Umgebung versteht.<\/p>\n<p>Was den gl\u00fccklichen, von solchen Erfahrungen zeitgeschichtlich verschont gebliebenen Leser erstaunt, vielleicht auch befremdet, ist schon die Anh\u00e4nglichkeit Mihail Sebastians (geb. 1907, mit b\u00fcrgerlichem Namen : Josif Hechter) seinen Freunden in Publizistik, Literatur, Theater gegen\u00fcber. Denn diese Leute verwandeln sich etwa in der Mitte der 30er Jahre zum guten Teil in gemeine Antisemiten \u2013 rasch, umstandslos, bedenkenlos: darunter so illustre und sp\u00e4ter im Westen hochangesehene Gr\u00f6\u00dfen wie Mircea Eliade oder Emil Cioran. (Vgl. das informative, wenn auch sehr verhaltene Vorwort des Herausgebers Edward Kanterian; auch die Anmerkungen und das sorgf\u00e4ltige Personenregister sind f\u00fcr den mit der Geistesgeschichte der rum\u00e4nischen Zwischenkriegszeit wenig vertrauten Leser eine gewisse Hilfe.) Die Herren halten es nicht einmal f\u00fcr n\u00f6tig, ihre dreiste Niedertracht vor ihrem j\u00fcdischen Freund und Kollegen irgendwie zu kaschieren. In ihrer heute geradezu l\u00e4cherlich anmutenden Eitelkeit und Egomanie verletzen sie ihn ohne jede Scham. Mihail Sebastian seinerseits verdr\u00e4ngt nichts: nicht die gedankliche Verirrung, nicht die zwischenmenschliche Verrohung. Er dokumentiert fein und genau, was ihm da widerf\u00e4hrt. Nie fl\u00fcchtet er sich in eine Sch\u00f6nf\u00e4rberei im Dienste der Sentimentalit\u00e4t. Aber er verz\u00f6gert das vernichtende Urteil. Er schiebt den definitiven Bruch hinaus \u2013 solange, bis es einfach nicht mehr geht. Erst dann zieht er sich zur\u00fcck. Und an dem Dichter Camil Petrescu \u2013 diesen Aufzeichnungen nach zu schlie\u00dfen, einem der gro\u00dfm\u00e4uligsten Kannegie\u00dfer der an dieser Spezies offenbar nicht gerade armen Bukarester Literatenszene \u2013 h\u00e4lt er auch dann noch fest. Vielleicht mu\u00df man hier von einer verzweifelten Beharrlichkeit oder Behutsamkeit sprechen. Es geht schlie\u00dflich um nicht weniger als um die soziale Existenz des so Gedem\u00fctigten. Der Preis f\u00fcr dieses endlose Abwarten sind immer wieder neue Verletzungen. Der Preis ist eine immer tiefere, immer wieder neu gen\u00e4hrte Traurigkeit. Der Ertrag (f\u00fcr uns) ist freilich auch sehr gro\u00df: ein unvergleichlich genaues, gewisserma\u00dfen molekulares Bild von der Verkommenheit dieses Milieus. Und weil Mihail Sebastian sich soviel Zeit l\u00e4\u00dft mit der Trennung von seinen dem Zeitgeist so sklavisch ergebenen Bekannten \u2013 von einem Nae Jonescu etwa, Philosophieprofessor, Herausgeber der Zeitung \u201eCuvantel\u201c (Das Wort) und zun\u00e4chst so etwas wie ein Mentor f\u00fcr ihn -, entwickelt er mit der Zeit ein luzides Verst\u00e4ndnis f\u00fcr Strategien der L\u00fcge und des faulen Selbstbetrugs \u00fcberhaupt. Nach dem kl\u00e4glichen Scheitern eines Putschversuches der \u201eGardisten\u201c im Januar 1941, bei dem weit \u00fcber 100 Juden ermordet worden waren, notiert sich Sebastian etwa: \u201eDie Menschen sind nie interessanter als in Momenten j\u00e4her politischer Umschw\u00fcnge. Von einem Tag auf den anderen verleugnen sie sich, wechseln ihre Meinung oder mildern sie ab, geben Erkl\u00e4rungen ab, finden Gleichgesinnte, rechtfertigen sich, vergessen ihre Abneigungen, erinnern sich nur an das, was ihnen gerade ins Konzept pa\u00dft. W\u00e4re diese pl\u00f6tzlichen Schwankungen noch von einem gewissen Zynismus begleitet, w\u00e4re sie noch zu ertragen. Aber der D\u00e4mon der Konsequenz zwingt die Menschen dazu, beweisen zu wollen, da\u00df sie sowohl gestern, als sie noch zum alten Regime hielten, als auch heute, da sie sich ihm widersetzen, \u201aim Prinzip\u2019 dieselbe Position vertraten.\u201c (Eintrag vom 4.Februar 1941) Und vorher, als die Deutschen gerade dabei sind sein geliebtes Frankreich zu \u00fcberw\u00e4ltigen, schreibt er einmal: \u201eFast \u00fcberall w\u00e4chst nicht nur die Angst vor den Deutschen, sondern anscheinend auch die Achtung, ja selbst die Sympathie f\u00fcr sie. \u201aDie sind mit allen Wassern gewaschen!\u2019 \u2013 Die Leute sind verbl\u00fcfft, wo sie doch entsetzt sein m\u00fc\u00dften.\u201c (Eintrag vom 31.Mai 1940)<\/p>\n<p>\u201eAngst, Depression, bedr\u00fcckende Einsamkeit. Trotz allem der Wille, sich nicht fallen zu lassen.\u201c Der Eintrag vom 9.April 1941 kennzeichnet noch am ehesten die Haltung des Tagebuch-Schreibers \u2013 besser vielleicht als das vom Herausgeber f\u00fcr den Titel des Buches gew\u00e4hlte Zitat \u201eVoller Entsetzen, aber nicht verzweifelt\u201c, das im Licht der Notate aus den f\u00fcr Mihail Sebastian schlimmsten Jahren 1941, 1942, 1943 allzu stoisch klingt. Rum\u00e4nien hat sich wie man wei\u00df mit Deutschland verb\u00fcndet und \u00fcbernimmt die rassistische Politik der Nazis bis hin zu systematischen Vernichtungsaktionen gegen die Juden in der Nord-Bukowina, in Bessarabien und in der Ukraine. Die Juden von Bukarest und im \u201eAltreich\u201c bleiben (bis auf die von Jasi) zun\u00e4chst davon wenigstens verschont. Die Vorbereitungen f\u00fcr ihre Deportation in die Vernichtungslager in Polen laufen aber bereits. Erst als das Kriegsgl\u00fcck der Deutschen sich wendet, sagt Antonescu sie aus nackten Opportunismus im allerletzten Moment ab. Mihail Sebastian mu\u00df damit rechnen, da\u00df sein eigener Tod nicht mehr fern ist. Bei aller Angst versucht er zu arbeiten. Er entwirft Theaterst\u00fccke. Er liest in dieser bedrohlichen Situation die Werke von Shakespeare und Balzac. Er liest Thukydides. Ausnahmsweise g\u00f6nnt er sich auch einmal ein Konzert. Inzwischen ist er v\u00f6llig verarmt, er ringt um das t\u00e4gliche Existenzminimum f\u00fcr sich und seine Familie. Dieser elende Kampf um das Notwendigste dr\u00fcckt ihn nieder, demoralisiert ihn, aber er lenkt ihn auch immer wieder ab. Vor allem aber ist es der f\u00fcr einen normalen Zivilisten (f\u00fcr einen j\u00fcdischen Zivilisten, dem man das Radio weggenommen hat!) kaum durchschaubare Kriegsverlauf, der ihn okkupiert und gedanklich \u00fcber seine pers\u00f6nliche Misere hinaustr\u00e4gt. Und es ist paradoxerweise das Schicksal der rum\u00e4nischen Juden, der osteurop\u00e4ischen Juden, der europ\u00e4ischen Juden im Gro\u00dfen, das ihn daran hindert, ganz im eigenen Leid zu versinken. Seine Identit\u00e4t als Jude hat Mihail Sebastian nie verleugnet, aber jetzt wandelt sie sich grundlegend: \u201eAuf einer sonnigen, sicheren und friedlichen Insel irgendwo im Ozean w\u00e4re es mir gleichg\u00fcltig, ob ich Jude bin oder nicht. Aber hier und jetzt kann ich nichts anderes sein. Und ich will auch nichts anderes sein\u201c (Eintrag vom 17.Dezember 1941).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ernst K\u00f6hler Buchbesprechung zu Mihail Sebastian: Voller Entsetzen, aber nicht verzweifelt. Tageb\u00fccher 1935-44. Die Tageb\u00fccher von Victor Klemperer sind wirklich gelesen worden \u2013 nebenher, nicht in den Ferien, in den Abendstunden, \u00fcber Wochen. 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