{"id":200,"date":"2016-11-13T12:38:25","date_gmt":"2016-11-13T10:38:25","guid":{"rendered":"https:\/\/ernstkoehler.wordpress.com\/?p=200"},"modified":"2016-11-13T12:38:25","modified_gmt":"2016-11-13T10:38:25","slug":"es-ist-wie-beim-hunger","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/koehler-kn.de\/ernst\/es-ist-wie-beim-hunger\/","title":{"rendered":"Es ist wie beim Hunger"},"content":{"rendered":"<p>Ernst K\u00f6hler<\/p>\n<p>Buchbesprechung zu Martin Walde: Wie man seine Sprache hassen lernt. Sozialpsychologische \u00dcberlegungen zum deutsch-sorbischen Konfliktverh\u00e4ltnis.<\/p>\n<figure id=\"attachment_102\" aria-describedby=\"caption-attachment-102\" style=\"width: 275px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-102\" src=\"https:\/\/koehler-kn.de\/ernst\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/walde-buch.jpg\" alt=\"walde-buch\" width=\"275\" height=\"388\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-102\" class=\"wp-caption-text\">Martin Walde: Wie man seine Sprache hassen lernt. Sozialpsychologische \u00dcberlegungen zum deutsch-sorbischen Konfliktverh\u00e4ltnis, Bautzen 2010 (Domowina-Verlag) 184 S., Abbildungen, Broschur, ISBN 978-3-7420-2178-6 19.90 \u20ac<\/figcaption><\/figure>\n<p>Es ist wie beim Hunger. Wenn er erst einmal hungert, wehrt der Mensch sich nicht mehr. Zur Hungerrevolte kommt es nur, wenn es schon wieder ein bisschen bergauf geht. Jeder Protest braucht die Aussicht auf Erfolg, auf eine Machtverschiebung. Sonst bleibt er aus. Die Unterdr\u00fcckung muss nur umfassend und nachhaltig genug sein, dann wird Widerstand zur absoluten Ausnahmeerscheinung. F\u00fcr dieses tragische Paradox gibt es in der deutschen Geschichte reichlich Belege. Einen exemplarischen, aber bisher so gut wie unbekannten hat uns jetzt Martin Walde mit seiner Studie \u00fcber die Geschichte der Sorben in Deutschland geliefert. \u201eWie man seine Sprache hassen lernt\u201c \u2013 der Titel nimmt bereits die Kernaussage des Buches vorweg. Die staatliche Entrechtung und gesellschaftliche Ausgrenzung dieser slawischen Minderheit in der Lausitz war \u00fcber die verschiedenen Phasen der modernen deutschen Geschichte hinweg so allgegenw\u00e4rtig, tiefgreifend und bruchlos permanent, dass die Betroffenen sich nicht mehr zu wehren und zu behaupten wussten. Stattdessen haben sie sich unterworfen, wie das Gesetz des Menschen es will. Sie haben sich in diversen Formen mit ihrer \u00fcberm\u00e4chtigen und feindlichen Umwelt identifiziert. Sie haben sich selbst nicht mehr ertragen. Sie haben ihre Muttersprache als einen Makel, als ein Stigma erlebt.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Das kleine Volk ist also nicht von selbst fast verschwunden und verl\u00f6scht. Aber wie l\u00e4sst sich eine solche Geschichte der von oben und au\u00dfen erzwungenen Selbstannullierung \u00fcberhaupt schreiben, d.h. empirisch erschlie\u00dfen? Seinen verzweifelten, scheiternden Kampf um soziale Anerkennung pflegt jedermann f\u00fcr sich zu behalten. Gerade das Schmerzlichste bleibt intim. Welche Zeugnisse und Dokumente g\u00e4be es f\u00fcr dieses von den Leidtragenden selbst verschwiegene und erst recht von der deutschen Mehrheitsgesellschaft \u00fcber alle Z\u00e4suren der politischen Geschichte hinweg beharrlich totgeschwiegene Langzeit-Drama? Martin Walde findet gleich zwei h\u00f6chst aufschlussreiche historische Quellen und bringt sie gegen das gro\u00dfe, doppelte Schweigen und Vergessen in Anschlag. Da sind einmal die ethnografischen und alltagsnahen statistischen Forschungen des Sorabisten Arnost Muka, der in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts von Dorf zu Dorf durch die Siedlungsgebiete der Sorben zieht. Es ist das konkrete Bild eines beschleunigten Umbruchs, das der aufmerksame Wanderer aus seinen Gespr\u00e4chen vor Ort zeichnet. Die Sorben sind noch da \u2013 noch geschlossener pr\u00e4sent, als die politisch beflissene Publizistik der Zeit es suggerieren m\u00f6chte. Aber die Germanisierung hat im Zuge der Nationalstaatsgr\u00fcndung von 1871 an Kraft gewonnen. Symptomatisch f\u00fcr diesen Druck ist die Figur des Nemcowar, des \u201eDeutschsprechers\u201c \u2013 des sorbischen Lehrers oder Pfarrers, der den ihm Anvertrauten das Sorbische mit aller Gewalt austreiben m\u00f6chte. Die zweite Quelle ist der \u201eKatolski Posol\u201c (Der Katholische Bote), die Zeitschrift der katholischen Sorben in der Oberlausitz, die der Autor f\u00fcr die Zeit nach 1918 auswertet. F\u00fcr die Sorben bringt die Weimarer Republik keine Befreiung. Wenn sich auch das katholisch- sorbische Milieu vergleichsweise l\u00e4nger bewahren kann als das evangelisch-sorbische, so sieht es sich doch ungeachtet seiner Fr\u00f6mmigkeit und Treue von der kirchlichen Hierarchie systematisch missachtet, entrechtet und untergraben.<\/p>\n<p>Und heute? Der Schlussabschnitt \u201eNach dem Einigungsvertrag\u201c ist eine Pflichtlekt\u00fcre f\u00fcr deutsche Politiker und Bisch\u00f6fe. Der nach der Wende von 1989 durchgesetzte Rechtstaat ist formal geblieben. Die b\u00fcrger- und menschenrechtlich inspirierten Sorben-Artikel der Landesverfassungen Brandenburgs und Sachsens haben die kollektiven Rechte dieser Minderheit nicht erreicht und nicht garantiert \u2013 kein einziges von ihnen. Die Entmutigung ist entsprechend grenzenlos. In den Worten von Jan Nuk, dem Vorsitzenden der Domowina, des Dachverbandes der Sorben: \u201eUns wird permanent der Eindruck vermittelt: \u201aWenn ihr euch entwickeln wollt, m\u00fcsst ihr euch so entwickeln, wie wir es wollen.\u2019 Diese Art der \u201aF\u00f6rderung\u2019 muss nach unseren Erfahrungen versagen, weil sie die freie Entwicklung unm\u00f6glich macht und selbst denen jede Lust zum Handeln nimmt, die sich noch auf politischer Ebene engagieren.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ernst K\u00f6hler Buchbesprechung zu Martin Walde: Wie man seine Sprache hassen lernt. Sozialpsychologische \u00dcberlegungen zum deutsch-sorbischen Konfliktverh\u00e4ltnis. Es ist wie beim Hunger. Wenn er erst einmal hungert, wehrt der Mensch sich nicht mehr. Zur Hungerrevolte kommt es nur, wenn es schon wieder ein bisschen bergauf geht. 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