{"id":198,"date":"2016-11-13T12:37:59","date_gmt":"2016-11-13T10:37:59","guid":{"rendered":"https:\/\/ernstkoehler.wordpress.com\/?p=198"},"modified":"2016-11-13T12:37:59","modified_gmt":"2016-11-13T10:37:59","slug":"marx-beim-scheitern-zusehen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/koehler-kn.de\/ernst\/marx-beim-scheitern-zusehen\/","title":{"rendered":"Marx beim Scheitern zusehen"},"content":{"rendered":"<p>Ernst K\u00f6hler<\/p>\n<figure id=\"attachment_83\" aria-describedby=\"caption-attachment-83\" style=\"width: 293px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-83\" src=\"https:\/\/koehler-kn.de\/ernst\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/karlmarxx.jpg\" alt=\"karlmarxx\" width=\"293\" height=\"389\" srcset=\"https:\/\/koehler-kn.de\/ernst\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/karlmarxx.jpg 377w, https:\/\/koehler-kn.de\/ernst\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/karlmarxx-226x300.jpg 226w\" sizes=\"auto, (max-width: 293px) 85vw, 293px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-83\" class=\"wp-caption-text\">Karl Marx, Hrsg. von Michael Berger, Freiburg i.Br. 2005 (Reihe: absolute, orange press), 18 \u20ac<\/figcaption><\/figure>\n<p>Ein \u00fcberragender Denker, in seinen Prognosen widerlegt, seines politisches Einflusses g\u00e4nzlich beraubt \u2013 aber abtun, vergessen l\u00e4\u00dft er sich auch nicht. Das will man sich denn doch nicht antun. Man sp\u00fcrt, da\u00df man sich damit selber schaden, selber \u00e4rmer oder d\u00fcmmer machen w\u00fcrde. Das ist der gegenw\u00e4rtige Schwebezustand unserer Marx-Rezeption. Und aus ihr kommt die keineswegs rhetorisch gemeinte Frage: Was hat Karl Marx uns heute noch zu sagen? Vielleicht ist sie aber zu steil, zu direkt gestellt. Vielleicht beginnt man besser mit der Frage: Bis wohin k\u00f6nnen wir Marx heute noch folgen? Und wo m\u00fcssen wir ihn endg\u00fcltig einer abgetakelten Geschichtsphilosophie zuordnen \u2013 einer dieser \u201egro\u00dfen Erz\u00e4hlungen\u201c also, die inzwischen \u2013 in unseren Breiten wohlgemerkt, keinewegs global &#8211; allesamt abgebaut sind?<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Daf\u00fcr brauchen wir freilich die Handreichung einer schmalen, lesbaren, gleichwohl repr\u00e4sentativen Auswahl von Marx-Texten. Ohne geht es nicht. Sonst k\u00f6nnen sich nur Experten an der Diskussion beteiligen \u2013 wie gehabt. Und die ausgew\u00e4hlten Texte oder Schl\u00fcsselpassagen d\u00fcrfen auch nicht nur und nicht einmal in erster Linie aus dem &#8222;Kapital&#8220; (erster Band 1867) herausgezogen sein, sie m\u00fcssen vielmehr alle Felder des Marxschen Denkens, der Marxschen Geistesgegenwart abdecken. Sie m\u00fcssen auch den Philosophen, den Redakteur, den Publizisten, den zeitweiligen Arbeiterf\u00fchrer Karl Marx vergegenw\u00e4rtigen.<\/p>\n<p>Von den Gelegenheitsarbeiten zum Hauptwerk f\u00fchrt der Weg des interessierten Laien, nicht umgekehrt. Der soeben erschienene Marx-Band in der von Klaus Theweleit herausgegebenen Reihe \u201eabsolute\u201c (orange press, Freiburg i.Br.) erf\u00fcllt diese Bedingung einer leserfreundlichen Einf\u00fchrung. Die Texte sind von Michael Berger zusammengestellt, einem ausgewiesenen Kenner des Marxschen Gesamtwerks, und durch eine informative, ja dichte Biografie in vier knappen Portionen miteinander verbunden. An die Adresse des Verlags: Ein Mangel dieser willkommenen Publikation ist nur, da\u00df es an Anmerkungen fehlt. Vor allem die abgedruckten Briefe mit ihren Namen und Anspielungen erschlie\u00dfen sich so nur halb.<\/p>\n<p>Geradezu ins Auge springt das Umkippen von vision\u00e4rer Geschichtsschreibung in pure Vision im &#8222;Manifest der kommunistischen Partei&#8220; (1848). Die Abschnitte \u00fcber die umst\u00fcrzende Gewalt, die vernichtende \u00dcbermacht des Kapitalismus allen \u00e4lteren Gesellschaftsformen gegen\u00fcber lesen sich auch heute noch taufrisch. Es ist dies offenkundig immer noch unsere Welt. Man braucht nur an die verzweifelten Proteste asiatischer Bauern bei der letzten Welthandelskonferenz in Hongkong zu denken. Auch der im Band abgedruckte Beitrag &#8222;Die britische Herrschaft in Indien&#8220; (1853) geh\u00f6rt hierher. Mit dem seit unvordenklichen Zeiten existierenden altindischen Dorf und seiner Subsistenzwirtschaft zerst\u00f6rt die britische Kolonialherrschaft freilich auch uralte Formen der Abh\u00e4ngigkeit, sozialen Erstarrung, dumpfen Isolierung \u2013 auch das h\u00f6chst aktuell, wenn auch unbequem zu denken. Aber dann meint Marx zu erkennen, da\u00df die n\u00e4chste epochale Umw\u00e4lzung der Produktionsverh\u00e4ltnisse sich bereits ank\u00fcndige, da\u00df die \u201eExpropriation der Expropiateure\u201c sich schon vorbereite.<\/p>\n<p>Interessanter als das verirrte Sehertum in diesem grandiosen St\u00fcck agitatorischer Literatur ist aber der unvermittelte, \u00fcberfliegende Emanzipationsgedanke eines etwas fr\u00fcheren Textes: &#8222;Zur Judenfrage&#8220; (1844). Die hier vorgetragene Interpretation der B\u00fcrger- und Menschenrechte, wie sie die Franz\u00f6sische Revolution und auch die Amerikanische Revolution verk\u00fcndet haben, ist an sich immer noch \u00fcberzeugend. Ungeachtet ihres humanistischen Pathos garantieren diese neuen Freiheitsrechte danach nur die freie Entfaltung der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft und ihrer Privatinteressen. Aber warum mu\u00df Marx diesen realen Durchbruch unbedingt mit einem imagin\u00e4ren noch \u00fcbertrumpfen \u2013 die \u201epolitische Emanzipation\u201c mit der \u201emenschlichen Emanzipation\u201c? Es h\u00e4tte sich ja auch fragen k\u00f6nnen, wie die neuen Spielr\u00e4ume des zu seiner Zeit erst halbdemokratischen Rechtsstaates von unten genutzt, ausgeweitet, umgeformt werden k\u00f6nnten. Uns jedenfalls, die wir die politischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts kennen, dr\u00e4ngt sich das zwingend auf. Marx tut es auch gelegentlich. Aber nur wenn er die konkrete Arbeiterklasse und die Arbeiterbewegung seiner Zeit vor Augen hat oder sich gar direkt an sie wendet \u2013 wie in der &#8222;Inauguraladresse der internationalen Arbeiter-Assoziation&#8220; (1864) oder auch in dem sch\u00f6nen Gespr\u00e4ch mit dem Journalisten R. Landor (1871), das Michael Berger zu Recht an den Anfang seiner Auswahl stellt.<\/p>\n<p>&#8222;Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte&#8220; (1851\/52) ist das Meisterst\u00fcck unter den hier vorgelegten Auz\u00fcgen. Karl Marx h\u00e4tte der Vordenker f\u00fcr einen linksdemokratischen Pragmatismus sein k\u00f6nnen. Er war es in gewisser Weise. Dem Schwachen und Abh\u00e4ngigen wird nichts geschenkt. Er mu\u00df sich alles selber holen. Er mu\u00df unter allen Umst\u00e4nden seine Verhandlungsst\u00e4rke vergr\u00f6\u00dfern. Alles ist Macht. Und f\u00fcr immer: der Machtkampf ist nicht aus der Welt zu bringen. Die Machtfrage ist allgegenw\u00e4rtig \u2013 auch und gerade in der angeblich autonom und gesetzhaft funktionierenden Wirtschaft. Aber der gro\u00dfe Autor hat sich selbst mi\u00dfverstanden. Er hat es vorgezogen, sich einer tr\u00fcgerischen Dramatik oder \u201eDialektik\u201c des menschheitlichen Fortschritts zu \u00fcberlassen \u2013 verf\u00fchrerisch, bet\u00f6rend zu seiner Zeit, heute nur noch Philosophiegeschichte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ernst K\u00f6hler Ein \u00fcberragender Denker, in seinen Prognosen widerlegt, seines politisches Einflusses g\u00e4nzlich beraubt \u2013 aber abtun, vergessen l\u00e4\u00dft er sich auch nicht. Das will man sich denn doch nicht antun. Man sp\u00fcrt, da\u00df man sich damit selber schaden, selber \u00e4rmer oder d\u00fcmmer machen w\u00fcrde. Das ist der gegenw\u00e4rtige Schwebezustand unserer Marx-Rezeption. 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