{"id":196,"date":"2016-11-13T12:37:38","date_gmt":"2016-11-13T10:37:38","guid":{"rendered":"https:\/\/ernstkoehler.wordpress.com\/?p=196"},"modified":"2016-11-13T12:37:38","modified_gmt":"2016-11-13T10:37:38","slug":"pathos-gespickt-mit-ironie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/koehler-kn.de\/ernst\/pathos-gespickt-mit-ironie\/","title":{"rendered":"Pathos gespickt mit Ironie"},"content":{"rendered":"<p>Ernst K\u00f6hler<\/p>\n<p>\u00dcber den Roman \u201eIm geschlossenen Raum\u201c von Istv\u00e1n E\u00f6rsi.<\/p>\n<figure id=\"attachment_90\" aria-describedby=\"caption-attachment-90\" style=\"width: 150px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-90\" src=\"https:\/\/koehler-kn.de\/ernst\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/istvaneoersi.jpg\" alt=\"*** Local Caption ***\" width=\"150\" height=\"203\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-90\" class=\"wp-caption-text\">Istv\u00e1n E\u00f6rsi<\/figcaption><\/figure>\n<p>Wie es die Gedanken-Lyrik gibt und das Theater des Disputs, des Thesenstreits, so auch den Roman, der eigentlich ein Essay ist. Im geschlossenen Raum, das letzte, auf deutsch jetzt postum erschienene Buch des 2005 verstorbenen ungarischen Schriftstellers Istv\u00e1n E\u00f6rsi, ist ein solcher Roman. \u201eEpisoden einer Abhandlung\u201c nennt er es selbst einmal. Die Wirklichkeit, die er gedanklich zu durchdringen und von allen Seiten zu beleuchten versucht, ist der Poststalinismus in Ungarn \u2013 also die Jahrzehnte, die auf den von den Sowjets brutal niedergeschlagenen Aufstand von 1956 folgten und mit dem Namen K\u00e1d\u00e1rs verbunden sind.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>F\u00fcr uns sind sie bereits Geschichte, f\u00fcr Ungarn selbst keineswegs. F\u00fcr uns im Westen scheint alles schon Geschichte, was Ost-und S\u00fcdosteuropa nach Jalta durchgemacht haben. F\u00fcr Ungarn selbst und seine politische \u00d6ffentlichkeit ist die blutige Repression von 1956 mit ihren Massenhinrichtungen und ihren hunderttausenden von Fl\u00fcchtlingen hingegen eine Vergangenheit, die nicht vergehen will. Budapest konnte sich im Oktober 2006 bekanntlich nicht einmal auf ein gemeinsames Gedenken an die jetzt 50 Jahre zur\u00fcckliegenden Ereignisse einigen. Das Land ist \u00fcber seine Erinnerung, \u00fcber seine Erinnerungspolitik so erbittert gespalten, wie es wohl nicht einmal Polen ist.<\/p>\n<figure id=\"attachment_91\" aria-describedby=\"caption-attachment-91\" style=\"width: 228px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-91\" src=\"https:\/\/koehler-kn.de\/ernst\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/oersiraumg.jpg\" alt=\"oersiraumg\" width=\"228\" height=\"377\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-91\" class=\"wp-caption-text\">Istv\u00e1n E\u00f6rsi: Im geschlossenen Raum. Roman, Frankfurt am Main 2006 (Suhrkamp Verlag), 22.80 Euro<\/figcaption><\/figure>\n<p>Es gibt f\u00fcr den irritierten, aus seinem s\u00e4uberlich halbierten Geschichtsbild aufgeschreckten Westeurop\u00e4er vermutlich keinen besseren Zugang zu diesem Klima des Traumas, des Hasses und der Feindschaft als den schmalen Essayband \u201eDer r\u00e4tselhafte Charme der Freiheit. Versuche \u00fcber das Neinsagen\u201c (2003), ebenfalls von Istv\u00e1n E\u00f6rsi. Der Autor, nach dem gescheiterten Revolutionsversuch selbst f\u00fcr vier Jahre im Gef\u00e4ngnis \u2013 als Kommunist unter dem Kommunismus, legt hier mit gnadenloser Klarheit dar, wie es in der \u201elustigsten Baracke des Ostblocks\u201c \u2013 so eine typische Sch\u00f6nf\u00e4rberei unseres damaligen politischen Wortschatzes \u2013 in Wahrheit zuging. Der hierzulande mit jovialem Wohlwollen bedachte \u201eGulaschkommunismus\u201c war danach ein erstickendes Bestechungssystem, dem sich nahezu die gesamte Intelligenz Ungarns widerstandslos und \u00fcber tausend faule Rechtfertigungen eingef\u00fcgt hat.<\/p>\n<p>Das heutige Ungarn und seine politische Unkultur lassen sich nur vor dem Hintergrund dieser niemals eingestandenen Selbstkorrumpierung seiner Eliten, auch der k\u00fcnstlerischen, verstehen. Man wirft sich heute gegenseitig Versagen vor \u2013 in diffamierender Absicht. Hinzu kommt das nationalistische, rassistische, antisemitische Gedankengut der Horthy-\u00c4ra davor, das in der gesamten roten Epoche unbearbeitet blieb und v\u00f6llig intakt zu \u00fcberwintern vermochte.<\/p>\n<p>Man kann auch das jetzt vorliegende Werk des politischen Moralisten der ungarischen Gegenwartsliteratur als den Versuch lesen, diese dunkle, schmutzige Wirklichkeit f\u00fcr die Welt, die westliche Welt vor allem, zu \u201eretten\u201c: sie dem Vergessen, aber auch der Verwandlung in verstaubte Geschichte zu entziehen. Und das ist hier, wie man sehr bald merkt, etwas ganz anderes als einen sowieso schon triumphierenden Westen obendrein auch noch zu verkl\u00e4ren: \u201eBlo\u00df um des Anschlusses willen d\u00fcrfte man sich meines Erachtens nicht der bitteren Einsicht verschlie\u00dfen, da\u00df wir uns einer lebensf\u00e4higeren, mehr Rechte und Freiheiten sichernden, aber im wesentlichen ungerechten Gesellschaft anschlie\u00dfen.\u201c Es ist das insistierende Gerechtigkeitsverlangen eines ungarischen Juden, der als Kind und Jugendlicher (Jg. 1931) erfahren hatte, was Ungleichheit sein kann.<\/p>\n<p>Aber der zeitkritische Essay ist in unserem Fall eben ein Roman, und der fabuliert ganz sch\u00f6n. Die Geschichte spielt kurz vor der Wende von 1989. Wir befinden uns die ganze Zeit auf einer kleinen Donauinsel bei Budapest \u2013 schon wieder einem \u201egeschlossenen Raum\u201c also, der ironischen Dopplung des totalit\u00e4ren Gef\u00e4ngnisses und des posttotalit\u00e4ren Regimes. \u201eErzs\u00e9bet\u201c, eine junge Journalistin, aus Ungarn nach Gro\u00dfbritannien ausgewandert, besucht den hierhin gefl\u00fcchteten Dramatiker \u201eBorsi\u201c, um ihn f\u00fcr ein renommiertes Blatt \u00fcber sein Gef\u00e4ngnisst\u00fcck \u201eIm geschlossenen Raum\u201c zu interviewen.<\/p>\n<p>Auch diese beiden Figuren sind ironische Fiktionen \u2013 Abspaltungen des autobiografischen Ich-Erz\u00e4hlers, erfunden nur, um sich \u00fcber die Kosten, die Schattenseiten des Widerstandes und der Unbeugsamkeit geh\u00f6rig auslassen zu k\u00f6nnen: \u00fcber die Egozentrik, die Selbstbeweihr\u00e4ucherung, die Verh\u00e4rtung des Helden oder M\u00e4rtyrers. Die junge Dame setzt dem alternden Autor, dessen St\u00fcck jetzt zum ersten Mal nach zwei Jahrzehnten Erfolglosigkeit aufgef\u00fchrt worden ist \u2013 in Deutschland, in Berlin sogar, derma\u00dfen respektlos, aber auch unbestechlich, hellsichtig zu, da\u00df sogar den (m\u00e4nnlichen) Leser einmal die Wut packen kann. Immerhin ist es ja das Pathos der Selbstbehauptung, der Integrit\u00e4t des Schriftstellers in einer Welt der Spitzel, der Zensur, der Gnade von oben, das sich hier dreist zur Disposition gestellt sieht.<\/p>\n<p>Aber das t\u00e4uscht. Es ist eine schonungslose Selbstpr\u00fcfung, die da inszeniert wird. Und sie bleibt frei von Zynismus. Sie steht vielmehr im Zeichen der Freiheit, der Freiheit auch den eigenen Verletzungen gegen\u00fcber. Hinter dem mit allen Schikanen ausgefochtenen Match zwischen den Beiden auf der Insel steht eine existenzielle Frage des Autors Istv\u00e1n E\u00f6rsi selbst: Wer bin ich heute? Bin ich \u00fcberhaupt noch offen f\u00fcr Neues, bin ich \u00fcberhaupt noch produktiv, kann ich \u00fcberhaupt noch schreiben? Oder bin ich nur noch ein ausgebrannter Veteran des Dissidententums? Und erz\u00e4hle ich inzwischen immer die gleichen Geschichten \u2013 m\u00f6gen sie noch so bitter und bezeichnend sein? Dann h\u00e4tte der geschlossene Raum mich doch noch gekriegt &#8211; nachtr\u00e4glich.<\/p>\n<p>Dieser Autor f\u00fcrchtet das Pathos nicht. Aber es ist \u201eein Pathos gespickt mit Ironie\u201c, wie er es anderswo einmal nennt. Unerwartet trifft der Leser auf Passagen von einem nicht mehr relativierten Ernst. Sie handeln davon, wie das staatlich organisierte Verbundsystem der geschlossenen R\u00e4ume im Sozialismus den einzelnen Mensch angreift. Sogar auf ihn \u00fcbergreift. Da mag sich einer dann so an seine Liebe krallen, da\u00df er sie verliert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ernst K\u00f6hler \u00dcber den Roman \u201eIm geschlossenen Raum\u201c von Istv\u00e1n E\u00f6rsi. Wie es die Gedanken-Lyrik gibt und das Theater des Disputs, des Thesenstreits, so auch den Roman, der eigentlich ein Essay ist. 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