{"id":192,"date":"2016-11-13T12:36:23","date_gmt":"2016-11-13T10:36:23","guid":{"rendered":"https:\/\/ernstkoehler.wordpress.com\/?p=192"},"modified":"2016-11-13T12:36:23","modified_gmt":"2016-11-13T10:36:23","slug":"romeo-und-julia-in-ex-jugoslawien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/koehler-kn.de\/ernst\/romeo-und-julia-in-ex-jugoslawien\/","title":{"rendered":"Romeo und Julia in Ex-Jugoslawien"},"content":{"rendered":"<p>Ernst K\u00f6hler<\/p>\n<p>\u00dcber den Roman \u201eMeeresstille\u201c von Nicol Ljubic<\/p>\n<figure id=\"attachment_139\" aria-describedby=\"caption-attachment-139\" style=\"width: 244px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-139\" src=\"https:\/\/koehler-kn.de\/ernst\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/ljubic.jpg\" alt=\"ljubic\" width=\"244\" height=\"396\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-139\" class=\"wp-caption-text\">Nicol Ljubic: Meeresstille. Roman. Hamburg 2010. Hoffmann &amp; Campe. 191 Seiten, 17 \u20ac.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Schon der \u201eProlog\u201c des neuen Romans des Berliner Journalisten und Autors Nicol Ljubic (geb. 1971 in Zagreb) st\u00f6\u00dft den Leser auf die reale Geschichte des verbrecherischen Krieges in Bosnien 1992 bis 1995. Und das ist etwas grunds\u00e4tzlich Anderes als die heute eingefahrene Erinnerungspolitik, die sich nahezu ausschlie\u00dflich auf \u201eSrebrenica\u201c, auf das dort im Sommer 1995 ver\u00fcbte Massaker an 8000 muslimischen M\u00e4nnern und Jungen beschr\u00e4nkt. In diesem Text geht es vielmehr um den bislang so gut wie ignorierten und auch offiziell-juristisch nicht anerkannten V\u00f6lkermord an den bosnischen Muslimen in den St\u00e4dten und Ortschaften entlang der Drina &#8211; zum Beispiel in Visegrad, dem gebildeten Publikum bekannt aus Ivo Andrics ber\u00fchmtem Roman \u201eDie Br\u00fccke \u00fcber die Drina\u201c. Ostbosnien war bereits lange vor dem allgemein bekannten, \u201ehistorischen\u201c Verbrechen bei Srebrenica der Ort einer systematischen Ausrottung von Menschen. Diese Verbrechen serbischer Soldaten, Milizen, Banden gegen die Menschlichkeit setzen sofort mit Beginn des Krieges ein und haben tausenden Menschen, Zivilisten das Leben gekostet. Ahnungslosen, vom multiethnischen Mythos ihres Landes eingelullten Menschen, die mit dieser vernichtenden Gewalt niemals im Leben gerechnet h\u00e4tten; Opfern, die bis heute \u2013 anders als die von Srebrenica &#8211; in unserem Geschichtsbild gar nicht vorkommen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Und ausgerechnet eine Liebesgeschichte sollte gegen das Vergessen ankommen? W\u00e4re sie ein geeignetes Medium oder Genre daf\u00fcr? Nur, m\u00f6chte man nach der Lekt\u00fcre diese Romans hingerissen sagen, wenn der Autor das K\u00f6nnen, die Integrit\u00e4t und die Imagination besitzt, die Liebe gnadenlos an der noch frischen dunklen Vergangenheit scheitern zu lassen. Die beiden jungen Leute begegnen und verlieben sich in Berlin. Er Doktorand der Geschichte, in Deutschland aufgewachsen, ohne alles Interesse f\u00fcr seine kroatische Herkunft; sie eine Stipendiatin und Gemanistikstudentin aus Belgrad. Die Konstellation ist brisant, die Spannung wird durch kein intimes Gl\u00fcck oder gemeinsames Naturerleben an der Ostsee aufgehoben: Robert, der ignorante, tumbe Deutsch-Kroate \u2013 ironisch auch noch angehender Historiker, an dem die jugoslawischen Kriege spurlos vorbeigegangen sind; Ana, die aus dem Machtzentrum des Krieges und der Zerst\u00f6rung kommt und sich sehr bald an der schwer ertr\u00e4glichen Unbedarftheit ihres Geliebten zu reiben beginnt. Er wird in dieser allm\u00e4hlich entgleisenden Situation immer st\u00fcrmischer, gener\u00f6ser, sie immer verhaltener und distanzierter, bis er sich schlie\u00dflich eingestehen muss, dass seine Ana eine Unbekannte f\u00fcr ihn geblieben ist und ein bedr\u00fcckendes Geheimnis mit sich herumschleppt.<\/p>\n<p>Das m\u00fchselige, widerstrebende Erwachen des Sp\u00e4tentwicklers ist meisterhaft erz\u00e4hlt. Gerade die Ich-Form (auch die ebenfalls benutzte Er-Form ist hier eine reflexiv gebrochene Ich-Form) unterstreicht und pointiert die nachholende Reifung des jungen Mannes. Angesichts der sich vertiefenden Entfremdung, des sich abzeichnenden Bruchs mit seiner Freundin ringt er sich eine wachsende Aufmerksamkeit und Einf\u00fchlung f\u00fcr den Anderen und Andersartigen ab. Das Geheimnis und die qu\u00e4lende Last der jungen Frau aus Serbien ist die Verwicklung ihres Vaters, den sie \u00fcber alles liebt und dessen Bild in ihrer Berliner Wohnung h\u00e4ngt, in ein Mordverbrechen in Visegrad 1992. An diesem kritischen Punkt bricht die Liebesgeschichte ab. Sie \u00f6ffnet sich richtiger gesagt zur Geschichte einer l\u00e4ngst \u00fcberf\u00e4lligen pers\u00f6nlichen Konfrontation mit der jugoslawischen Zeitgeschichte \u2013 nicht Ana\u2019s freilich, die viel zu befangen, zu verletzt und auch zu ressentimentgeladen daf\u00fcr ist, aber Roberts. Man kann auch sagen: Die Liebesgeschichte zeigt sich zuletzt als der Bildungsroman, der sie untergr\u00fcndig von Anfang an war. Robert f\u00e4hrt nach Den Haag, um dem Prozess gegen den Vater von Ana vor dem Kriegsverbrechertribunal beizuwohnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ernst K\u00f6hler \u00dcber den Roman \u201eMeeresstille\u201c von Nicol Ljubic Schon der \u201eProlog\u201c des neuen Romans des Berliner Journalisten und Autors Nicol Ljubic (geb. 1971 in Zagreb) st\u00f6\u00dft den Leser auf die reale Geschichte des verbrecherischen Krieges in Bosnien 1992 bis 1995. 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