{"id":190,"date":"2016-11-13T12:35:58","date_gmt":"2016-11-13T10:35:58","guid":{"rendered":"https:\/\/ernstkoehler.wordpress.com\/?p=190"},"modified":"2016-11-13T12:35:58","modified_gmt":"2016-11-13T10:35:58","slug":"totale-macht-ueber-den-menschen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/koehler-kn.de\/ernst\/totale-macht-ueber-den-menschen\/","title":{"rendered":"Totale Macht \u00fcber den Menschen"},"content":{"rendered":"<p>Ernst K\u00f6hler<\/p>\n<p>\u00dcber den Gef\u00e4ngnisbericht des chinesischen Schriftstellers Liao Yiwu.<\/p>\n<figure id=\"attachment_145\" aria-describedby=\"caption-attachment-145\" style=\"width: 323px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-145\" src=\"https:\/\/koehler-kn.de\/ernst\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/liaobuch.jpg\" alt=\"liaobuch\" width=\"323\" height=\"495\" srcset=\"https:\/\/koehler-kn.de\/ernst\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/liaobuch.jpg 386w, https:\/\/koehler-kn.de\/ernst\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/liaobuch-196x300.jpg 196w\" sizes=\"auto, (max-width: 323px) 85vw, 323px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-145\" class=\"wp-caption-text\">Liao Yiwu: F\u00fcr ein Lied und hundert Lieder. Ein Zeugenbericht aus chinesischen Gef\u00e4ngnissen. Aus dem Chinesischen von Hans Peter Hoffmann, Frankfurt am Main 2011 (S. Fischer Verlag), gebunden, 592 Seiten, 24,95 \u20ac<\/figcaption><\/figure>\n<p>\u201eEhrlich gesagt, bevor ich im Knast gewesen bin, hatte ich im Grunde keine Ahnung von Politik, bis heute habe ich keine nennenswerten reiferen politischen Ansichten. Ich bin Individualist, das Vagabundentum steckt mir noch im Blut, und nur als es zu einer dramatischen Kollision zwischen der Staatsideologie und meiner Eigenart als Dichter gekommen ist, blieb mir nichts anderes \u00fcbrig, als mich zu wehren und sogar bis zur Selbstzerst\u00f6rung Widerstand zu leisten. Ich kann keine Regierung akzeptieren, die aus Henkern besteht &#8230; Ich bin jemand, der sich an seine Todfeinde erinnert &#8230;\u201c. Das sagt Liao Yiwu im Gef\u00e4ngnis einmal zu einem anderen politischen Gefangenen.<\/p>\n<p>Der Leser dieses Erfahrungsberichts aus chinesischen Gef\u00e4ngnisses in den 90er Jahren \u2013 in der Phase unmittelbar nach dem Massaker vom 4.Juni 1989 in Peking \u2013 kann es nur als Gl\u00fccksfall empfinden, dass der Autor so bei sich selbst bleibt. Die hier vorgelegten Erinnerungen werden so zu einem pers\u00f6nlichen, intimen Zeugnis jenseits blo\u00dfer politischer Analyse und Aufkl\u00e4rungsabsicht. Es ist die reine Defensive gegen das Vergessen. Man kann dieses Werk nicht in einem Zug lesen. Was dieses Regime mit seinen Gefangenen macht, und was die Gefangenen mit sich selber machen, tritt hier in einer imaginativen Sprache vor uns. Sie arbeitet immer wieder mit einer expressiven oder vision\u00e4ren Bildhaftigkeit. Es ist die Verfremdung und Destruktion der gewohnten sachlichen Darstellung im Interesse der Ann\u00e4herung an eine kaum vorstellbare Wirklichkeit.<\/p>\n<p>Liao Yiwu hat nicht aufgeh\u00f6rt ein Dichter zu sein, als er nach der milit\u00e4rischen Repression der Studentenbewegung glaubt, k\u00fcnftig keine Gedichte mehr schreiben k\u00f6nnen. Wenn die Willk\u00fcr der Staatsmacht, die Ungerechtigkeit der politischen Ordnung so heillos ist wie im China dieser Jahre, dann ger\u00e4t f\u00fcr diese Sprachkunst auch der Kosmos aus den Fugen. Alles ist dann verkehrt, alles pervers. Der Himmel selbst driftet in ein unkontrollierbares Chaos ab. F\u00fcr einen chinesischen Leser d\u00fcrfte die \u00fcbergreifende Verkn\u00fcpfung der Unordnung auf der Erde und im Weltall vertrauter sein als f\u00fcr uns.<\/p>\n<p>Dabei ist es das China Deng Xiaopings und seiner im Westen bis heute hochgesch\u00e4tzten Wirtschaftsreformen. Das jetzt in der literarisch kongenialen \u00dcbersetzung von Hans Peter Hoffmann vorliegende Buch von Liao Yiwu st\u00f6\u00dft uns auf die Gleichzeitigkeit von kapitalistischer Reform und totalit\u00e4rer Machtsicherung der kommunistischen Partei. Dass der Text \u00fcberhaupt zu uns gelangt ist \u2013 von seinem Autor immer wieder versteckt, dreimal neu geschrieben, schlie\u00dflich zuletzt nach Deutschland hinausgeschmuggelt, ist fast ein Wunder. Das Nebeneinander, die funktionale Verklammerung der beiden kommunistischen Strategien &#8211; Entfesselung der Wirtschaftskr\u00e4fte, Abw\u00fcrgen jeder Demokratisierung &#8211; war im Prinzip bekannt. Aber nur in der abstrakten, klischeehaften Form, wie sie uns schon unsere Interessenlage nahe legte. So ist etwa die bei Liao Yiwu dokumentierte tiefe Resonanz der protestierenden Studenten in der breiteren Bev\u00f6lkerung bei uns kaum zur Kenntnis genommen worden. Es gab und gibt auch eine chinesische Spielart dieser Halbverdr\u00e4ngung und Gleichg\u00fcltigkeit. Bei Liao Yiwu nimmt sie sich so aus: \u201eElf Jahre, eine Demokratiebewegung von gewaltigen Dimensionen hat sich in nichts aufgel\u00f6st, eine Seifenblase, die politischen Gefangenen &#8230; bilden ein nicht gerade glorreiches Erbe der Gesellschaft und werden von der \u00fcberwiegenden Mehrheit der Menschen, die daf\u00fcr gelobt werden, \u201anicht zu viel nach Politik zu fragen\u2019, abgelehnt \u2013 von denselben, die sich einmal in Massen und begeistert in die Politik der Stra\u00dfe gest\u00fcrzt haben!\u201c<\/p>\n<p>Das erste Kapitel des Buches (\u201eEs geschah am Ostfenster\u201c) ist noch in einem anderen Ton gehalten. Das Volk in seiner Vielstimmigkeit ist hier noch pr\u00e4sent. Es ist noch nicht eine zynische, entpolitisierte Masse. Der Autor ist (formell) damals noch in Freiheit, wenn er sich wegen seiner im Land bald ber\u00fchmten gro\u00dfen Gedichte \u201eMassaker\u201c und \u201eRequiem\u201c \u2013 beide im Text dokumentiert &#8211; auch schon intensiv verfolgt sieht. Man bedauert etwas, dass die Einsch\u00fcbe \u00fcber das jahrelange, schubhafte Schreiben an diesem Zeitdokument eher selten bleiben und in der Regel knapp ausfallen. Die mit dem zweiten Kapitel einsetzende dichte, sinnlich detaillierte Beschreibung der Qual der auf engstem Raum zusammengedr\u00e4ngten und oft zur Strafe auch noch an ihren Gliedma\u00dfen gefesselten Gefangenen erdr\u00fcckt diese Reflexion dann fast ganz. Erst im letzten Kapitel (\u201eZur Umerziehung durch Arbeit\u201c) \u00f6ffnet sich der Text wieder daf\u00fcr.<\/p>\n<p>Die Methodik der Entmenschung von Menschen, deren sich die chinesischen Kommunisten bedienen, ist aber auch unfassbar. Sie lassen die Gefangenen auf weite Strecken hin von Gefangenen verwalten, beherrschen, unterdr\u00fccken, foltern, fertig machen. Die eigentliche Macht \u00fcber dieser \u201eSelbstverwaltung\u201c, \u00fcber den Marionetten-Despotien in jeder einzelnen Zelle, bleibt in der Hinterhand. Abgesehen von den unvermeidlichen Gro\u00dfinszenierungen des totalen Machtanspruchs \u00fcber den Menschen, greift \u201edie Regierung\u201c, wie die Gefangenen das Gef\u00e4ngnisestablishment nennen, mit ihren Elektrokn\u00fcppeln oder ihren uns\u00e4glichen anderen Disziplinierungsverfahren meist nur im Fall des Konflikts oder Aufruhrs ein.<\/p>\n<p>Indirekte Verfahren der Herrschaftsaus\u00fcbung waren bekanntlich auch bei den Nazis in Gebrauch. Die chinesischen Machthaber k\u00f6nnen den Nazis durchaus das Wasser reichen. Sie sorgen daf\u00fcr, dass in ihren Gef\u00e4ngnissen alles B\u00f6se, alle Verkommenheit, alle Infamie, das abgr\u00fcndige Rachebed\u00fcrfnis einer uralten und niemals freien Gesellschaft zum Einsatz kommt. Es gibt trotz allem eine Grenze f\u00fcr diese von oben gesteuerte Selbstzerst\u00f6rung. Das sind die \u201eToten\u201c, wie im Jargon des Gef\u00e4ngnisses die zum Tode verurteilten Gefangenen bezeichnet werden. Wenn sie sich auf ihre Hinrichtung vorbereiten, k\u00f6nnen die Mechanismen des Kapo-Systems in der Zelle aussetzen und schweigen. Egal, wer dieser Todeskandidat ist und was er in seinem Leben getan hat \u2013 und sei er auch ein brutaler Frauenm\u00f6rder gewesen: jetzt h\u00f6rt man ihm zu, jetzt \u00fcbernimmt man seine Arbeitsleistung, jetzt hilft man ihm beim Essen, wenn es sein muss.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ernst K\u00f6hler \u00dcber den Gef\u00e4ngnisbericht des chinesischen Schriftstellers Liao Yiwu. \u201eEhrlich gesagt, bevor ich im Knast gewesen bin, hatte ich im Grunde keine Ahnung von Politik, bis heute habe ich keine nennenswerten reiferen politischen Ansichten. 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