{"id":188,"date":"2016-11-13T12:35:24","date_gmt":"2016-11-13T10:35:24","guid":{"rendered":"https:\/\/ernstkoehler.wordpress.com\/?p=188"},"modified":"2016-11-13T12:35:24","modified_gmt":"2016-11-13T10:35:24","slug":"ueber-abraham-sutzkever-1913-2010","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/koehler-kn.de\/ernst\/ueber-abraham-sutzkever-1913-2010\/","title":{"rendered":"\u00dcber Abraham Sutzkever (1913 \u2013 2010)"},"content":{"rendered":"<p>Ernst K\u00f6hler<\/p>\n<p>\u201eWie hilflos bewegt sich ein Fremder in der unversehrten Stadt, die dennoch ausgel\u00f6scht wurde! Kaum einer vermag ihm Auskunft zu geben, wo er eine Spur finden k\u00f6nnte. Wilnas Bev\u00f6lkerung scheint ausgewechselt nach dem Krieg &#8230; Den einzigen Hinweis, wo die alte Hauptsynagoge gestanden hat, erh\u00e4lt er von einem alten Juden, der Deutsch spricht und das Lager von Schiaulen \u00fcberlebt hat.\u201c Das hatte Karl Schl\u00f6gel 1986 \u00fcber einen Besuch in Vilnius geschrieben.<\/p>\n<figure id=\"attachment_131\" aria-describedby=\"caption-attachment-131\" style=\"width: 369px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-131\" src=\"https:\/\/koehler-kn.de\/ernst\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/sutzkever1.jpg\" alt=\"sutzkever1\" width=\"369\" height=\"369\" srcset=\"https:\/\/koehler-kn.de\/ernst\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/sutzkever1.jpg 300w, https:\/\/koehler-kn.de\/ernst\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/sutzkever1-150x150.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 369px) 85vw, 369px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-131\" class=\"wp-caption-text\">Abraham Sutzkever: Wilner Getto 1941 \u2013 1944. Aus dem Jiddischen \u00fcbertragen von Hubert Witt, Ammann Verlag, Z\u00fcrich 2009, 22,95 \u20ac<\/figcaption><\/figure>\n<p>Mit der Ver\u00f6ffentlichung zweier B\u00e4nde mit Werken des jiddischen Dichters Abraham Sutzkever aus Wilna gibt uns der Z\u00fcricher Ammann Verlag eine unvergleichliche Chance der Erinnerung. Es handelt sich um den Bericht \u201eWilner Getto 1941-1944\u201c und um eine Auswahl von Gedichten (\u201eGes\u00e4nge vom Meer des Todes\u201c). Bericht und Gedichte sind von Hubert Witt, einem ausgewiesenen Kenner und \u00dcbersetzer jiddischer Literatur, erstmals ins Deutsche \u00fcbertragen worden. Die vom Verlag vorgegebene und dann gemeinsam mit dem \u00dcbersetzer erweiterte Idee, dem Erfahrungsbericht Lyrik an die Seite zu stellen \u2013 lyrische Texte aus der Zeit der Katastrophe selbst, aber auch aus sp\u00e4teren Phasen dieses Schriftstellerlebens &#8211; kann man nur als gl\u00fccklich bezeichnen. Die Gedichte hindern den Leser daran, den Bericht \u00fcber die Verfolgung und Ermordung der Wilnaer Juden durch die Nazis und ihre litauischen Helfer einfach nur seinem gesammelten Wissen \u00fcber den Holocaust zuzuschlagen. Sie verweisen, sie sto\u00dfen ihn auf etwas, was ihm beim Abheften als Erstes verloren ginge: auf die \u201eFassungslosigkeit\u201c der Erz\u00e4hlung, um mit Saul Friedl\u00e4nder zu sprechen. Der Erfahrungsbericht ist kein Tagebuch. Er ist im Nachhinein niedergeschrieben worden &#8211; am Ende des Krieges in Moskau, wohin man den bereits anerkannten Dichter aus den W\u00e4ldern um Wilna mit einem kleinen Flugzeug ausgeflogen und gerettet hatte. Aber der Text w\u00e4hlt die Form des Tagebuchs. Und umgekehrt er\u00f6ffnet das Zeugnis auch dem durchschnittlichen Leser einen Zugang zu den Gedichten, die zur experimentellen, avantgardistischen Dichtung dieser Zeit und dieses Raumes geh\u00f6ren und sonst hermetisch bleiben k\u00f6nnten.<\/p>\n<figure id=\"attachment_132\" aria-describedby=\"caption-attachment-132\" style=\"width: 373px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-132\" src=\"https:\/\/koehler-kn.de\/ernst\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/sutzkever2.jpg\" alt=\"sutzkever2\" width=\"373\" height=\"373\" srcset=\"https:\/\/koehler-kn.de\/ernst\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/sutzkever2.jpg 300w, https:\/\/koehler-kn.de\/ernst\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/sutzkever2-150x150.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 373px) 85vw, 373px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-132\" class=\"wp-caption-text\">Abraham Sutzkever: Ges\u00e4nge vom Meer des Todes. Ausgew\u00e4hlt und aus dem Jiddischen \u00fcbertragen von Hubert Witt, Ammann Verlag, Z\u00fcrich 2009, 22,95 \u20ac<\/figcaption><\/figure>\n<p>Vor allem in ihrem ersten Teil \u2013 \u201eIn den Klauen der Deutschen\u201c \u2013 sind diese Aufzeichnungen \u00fcber die Ausl\u00f6schung der Juden von Wilna gro\u00dfe dokumentarische Literatur. Sie stellen die bereits vernichtenden Ma\u00dfnahmen der Deutschen unmittelbar nach der Okkupation im Juni 1941 dar. Wiedergeben lassen sie sich nicht. Sie zeigen den verfolgten Menschen in seiner ganzen Ausgesetztheit. Und sie zeigen den Verfolger in seiner bestialischen Menschlichkeit. Es ist ein Massenm\u00f6rder von Geist, mit einer raffinierten Seele; die historische Forschung wird dann Jahrzehnte brauchen, bevor sie zu ihm aufschlie\u00dft. Der nationalsozialistische Massenm\u00f6rder ist ein Initiant, ein Neuerer. Er bedarf keiner Anweisungen von oben. Auch zum V\u00f6lkermord braucht er keinen Befehl, wie er nach dem Krieg behaupten wird. Der zweite Teil ist dem Ghetto gewidmet. Er ist in einem verhalteneren Stil geschrieben und zeichnet sehr genau die auf Desinformation und Verwirrung der Insassen abzielenden Herrschaftstechnik der Besatzer nach: mit dem gewollten Chaos von dauernd wieder ver\u00e4nderten Spezialausweisen und Berechtigungszetteln, die den Menschen immer wieder die Hoffnung auf eine \u00dcberlebensm\u00f6glichkeit machen und sie ihnen gleich wieder nehmen. Vor den schubweisen Deportationen aus dem Ghetto in den Tod versuchen sich die Menschen in die ausgekl\u00fcgeltsten Verstecke zu retten, die sie mit der Zeit zu einer \u201eunterirdischen Stadt\u201c ausbauen. Aber sie bauen sich auch \u00fcber der Erde eine heimliche \u201eStadt\u201c, eine vor der Macht verborgene Parallelwelt auf: mit einer Lebensmittelwirtschaft, mit einem Gesundheitswesen, mit sozialen Transferleistungen, Schulen und einem intensiven kulturellen Leben. Und da Abraham Sutzkever hier keineswegs nur Beobachter bleibt, sondern sich als K\u00fcnstler, Mentor, Aktivist praktisch und h\u00f6chst riskant engagiert, geh\u00f6ren die Passagen \u00fcber zivile Selbstbehauptung unter den Bedingungen der Barbarei zu den sch\u00f6nsten des ganzen Buches. Ein dritter Teil ist schlie\u00dflich dem bewaffneten Widerstand vorbehalten, dem sich auch Sutzkever anschlie\u00dft. \u201eLasst uns nicht wie Schafe zur Schlachtbank gehen!\u201c Der ber\u00fchmte, aber oft isoliert zitierte und f\u00e4lschlich heroisierte erste Satz aus dem von Aba Kowner formulierten ersten Aufruf der Wilnaer Untergrundk\u00e4mpfer (vom 1.Januar 1942) sieht sich hier in den Kontext gestellt, in den er geh\u00f6rt. Es ist der Bruch mit dem Illusionismus der Verzweifelten. Es ist die Erkenntnis, dass die Nazis die physische Vernichtung ausnahmslos aller Juden planen. Die unfassbare Wahrheit ist im j\u00fcdischen Wilna fr\u00fcher erfasst worden als anderswo in Osteuropa, fr\u00fcher als in Warschau etwa.<\/p>\n<p>In einem Gedicht, das Abraham Sutzkever nach seiner Zeugenaussage vor dem Internationalen Milit\u00e4rtribunal in N\u00fcrnberg im Februar 1946 schreibt, wird es dann hei\u00dfen: \u201eMein Volk, du musst dich f\u00fcr dein Schwert entscheiden, wenn Gott zu schwach ist f\u00fcr Gerechtigkeit.\u201c Aber die Verbindung dieses Dichters mit seinem Volk geht sehr viel weiter als bis zur Auseinandersetzung mit einem Gott, der ausf\u00e4llt, wenn man ihn braucht. \u201eIch bin das Kind, das einen Grashalm tr\u00e4gt, w\u00e4hrend man es zur Erschie\u00dfung f\u00fchrt\u201c (\u201eAbschied\u201c, Wilner Getto \u2013 Narotscher W\u00e4lder, 1943-1944). Er trauert in diesen Texten nicht nur um Menschen, die er kennt, die ihm nahe stehen \u2013 wie seine Mutter, deren Festtagsschuhe er zuf\u00e4llig auf einem f\u00fcr den Transport nach Deutschland bestimmten Wagen voller Schuhe entdecken muss. Die fast mystisch anmutende Radikalit\u00e4t dieser Vereinigung mit dem unbekannten Anderen erschlie\u00dft sich vielleicht am klarsten in dem kleinen Gedicht \u201eAbend\u201c (Wilner Getto, 10. Januar 1943). Die Schlusszeile lautet: \u201e Es offenbart sich im Licht meiner Blindheit: Aus wie vielen Seelen besteht mein Ich&#8230;\u201c.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ernst K\u00f6hler \u201eWie hilflos bewegt sich ein Fremder in der unversehrten Stadt, die dennoch ausgel\u00f6scht wurde! Kaum einer vermag ihm Auskunft zu geben, wo er eine Spur finden k\u00f6nnte. 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