{"id":184,"date":"2016-11-13T12:33:57","date_gmt":"2016-11-13T10:33:57","guid":{"rendered":"https:\/\/ernstkoehler.wordpress.com\/?p=184"},"modified":"2016-11-13T12:33:57","modified_gmt":"2016-11-13T10:33:57","slug":"wir-haben-unseren-tiefen-respekt-und-wir-haben-unsere-tiefe-unkenntnis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/koehler-kn.de\/ernst\/wir-haben-unseren-tiefen-respekt-und-wir-haben-unsere-tiefe-unkenntnis\/","title":{"rendered":"Wir haben unseren tiefen Respekt, und wir haben unsere tiefe Unkenntnis"},"content":{"rendered":"<p>Ernst K\u00f6hler<\/p>\n<p>Bei Ling: Der Freiheit geopfert. Die Biografie des Friedensnobelpreistr\u00e4gers Liu Xiaobo.<\/p>\n<figure id=\"attachment_121\" aria-describedby=\"caption-attachment-121\" style=\"width: 286px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-121\" src=\"https:\/\/koehler-kn.de\/ernst\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/beiling.jpg\" alt=\"beiling\" width=\"286\" height=\"404\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-121\" class=\"wp-caption-text\">Bei Ling: Der Freiheit geopfert. Die Biografie des Friedensnobelpreistr\u00e4gers Liu Xiaobo. \u00dcbersetzung aus dem Chinesischen von Martin Winter, Yin Yan und G\u00fcnther Klotz, M\u00fcnchen 2011 ( riva Verlag), 19,95 \u20ac<\/figcaption><\/figure>\n<p>Die Verleihung des Friedensnobelpreises 2010 an den chinesischen Dissidenten Liu Xiaobo hat uns mit ungetr\u00fcbter Freude und Genugtuung erf\u00fcllt \u2013 wie die an Aung San Suu Kyi 1991 oder an Nelson Mandela 1993. Aber das hei\u00dft nicht, dass uns dieser ferne Mann im abstrakten Menschenmeer Chinas als Mensch, als konkrete Person auch n\u00e4her gekommen und fasslich geworden w\u00e4re. Wir haben unseren tiefen Respekt, und wir haben unsere tiefe Unkenntnis, unsere westliche Provinzialit\u00e4t \u2013 zusammengenommen ergibt das eine Ikone, eine Lichtgestalt etwas oberhalb der Erde.<\/p>\n<p>Jetzt hat der chinesische Untergrundschriftsteller Bei Ling eine Biografie \u00fcber Liu Xiaobo geschrieben, die auch auf deutsch erschienen ist. Der Autor war mit seinem \u201eHelden\u201c einmal eng befreundet. In New York waren die beiden unmittelbar vor Beginn der chinesischen Demokratiebewegung von 1989 eine Zeit lang unzertrennlich. F\u00fcr einen Augenblick denken sie daran, in Amerika gemeinsam um politisches Asyl nachzusuchen. Aber dann trennen sich ihre Wege wieder. Xiaobo kehrt allein zur\u00fcck nach China und wird der politische Mensch, der zivile K\u00e4mpfer, als den die Welt ihn kennt und ausgezeichnet hat. Das ist die Verbindung von Vertrautheit und Abstand, die diesen Text zu einer unsentimentalen, eindringenden, genauen Lebensbeschreibung werden l\u00e4sst. Das Buch ist offenbar hastig geschrieben \u2013 unter dem Zugzwang des Preises, aber daf\u00fcr auch schn\u00f6rkellos und packend direkt. Von ganz wenigen leeren, pathetischen Stellen abgesehen, h\u00e4lt sich die Darstellung durchweg dicht an die Texte und Selbstzeugnisse Liu Xiaobos. Auch Andere kommen reichlich zu Wort &#8211; mit ihren Reaktionen auf diesen exzentrischen, schroffen, provozierenden, dann auch verzweifelten Mann. Darunter nicht zuletzt seine zweite Frau Liu Xia, die ihn wegen der \u00fcbergro\u00dfen Risiken, die er eingeht, \u201emeinen Dummkopf\u201c nennt. So entfaltet sich vor dem Leser das Bild eines bedr\u00e4ngten Milieus, eines Netzwerkes im Widerstand, einer vom Staat \u00fcberfahrenen Liebe.<\/p>\n<p>Der mit seinen h\u00e4retischen Thesen \u00fcber die Wertlosigkeit der gesamten chinesischen Gegenwartsliteratur (des Jahrzehnts nach der \u201eKulturrevolution\u201c) und mit seinen noch viel radikaleren Attacken gegen die autorit\u00e4re konfuzianische Tradition seines Landes schnell ber\u00fchmt gewordene junge Literaturwissenschaftler und Kulturkritiker (Jg. 1956) hatte bald seinen Spitznamen in einschl\u00e4gigen Kreisen weg: \u201eSchwarzes Pferd\u201c \u2013 eine unbekannte, aus dem Nichts (vermutlich aber von Westen) herangaloppierende Kreatur und Kraft, die da auf einmal die Gemeinde unsicher macht. Schon das vermittelt einen Eindruck von der \u00fcberraschenden Neugier, Diskussionsbereitschaft und Toleranz der Intelligenz zumindest in Peking. Damals ist Liu Xiaobo noch kein Verfolgter. Er ist vielmehr ein Star, und er genie\u00dft es in vollen Z\u00fcgen, um nicht zu sagen: z\u00fcgellos. Der Bruch kommt mit dem Massenprotest der Studenten im Mai und Juni 1989, dem sich Liu Xiaobo zusammen mit drei Freunden nach anf\u00e4nglichem Z\u00f6gern anschlie\u00dft. Die \u201eVier Ehrenm\u00e4nner\u201c sind auch in der Nacht zum 4.Juni auf dem Platz des Himmlischen Friedens. Und als die Armee dann heranr\u00fcckt, tun sie alles, um die Studenten zum Abzug zu bewegen. Nach dramatischem Ringen um Vernunft und lebensrettende Gewaltlosigkeit: schlie\u00dflich mit Erfolg. Zu einem Massaker an den Studenten auf dem Platz selbst kommt es nicht \u2013 entgegen der sich bis heute haltenden Weltlegende von diesen Ereignissen. Das Massaker fand an den umliegenden Stra\u00dfenkreuzungen statt und traf vor allem einfache Pekinger B\u00fcrger, die sich mit den Studenten solidarisiert hatten. W\u00e4hrend des anschlie\u00dfenden, zun\u00e4chst knapp zweij\u00e4hrigen Gef\u00e4ngnisaufenthaltes entscheidet sich Liu Xiaobo schlie\u00dflich zu einem Gest\u00e4ndnis, d.h. zu einer \u201eSelbstkritik\u201c im Sinne des kommunistischen Totalitarismus, was er sich sp\u00e4ter dann nie mehr verzeihen wird. Diese Abschnitte \u00fcber die Selbstentw\u00fcrdigung, \u00fcber den Kotau eines integren und tapferen Menschen vor der Macht und \u00fcber seine schmerzliche Selbsterforschung und politische Reifung nach diesem Zusammenbruch bis hin zur Autorenschaft an der \u201eCharta 08\u201c muss man lesen. Sie zeigen, dass dieses Manifest f\u00fcr demokratische und rechtstaatliche Institutionen in China nicht von au\u00dfen kommt. Es kennt Vorbilder \u2013 etwa die \u201eCharta 77\u201c in der Tschechoslowakei. Aber es kommt von innen, aus der Leidens- und Lerngeschichte der chinesischen Demokraten selbst.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ernst K\u00f6hler Bei Ling: Der Freiheit geopfert. Die Biografie des Friedensnobelpreistr\u00e4gers Liu Xiaobo. Die Verleihung des Friedensnobelpreises 2010 an den chinesischen Dissidenten Liu Xiaobo hat uns mit ungetr\u00fcbter Freude und Genugtuung erf\u00fcllt \u2013 wie die an Aung San Suu Kyi 1991 oder an Nelson Mandela 1993. 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