{"id":182,"date":"2016-11-13T12:32:35","date_gmt":"2016-11-13T10:32:35","guid":{"rendered":"https:\/\/ernstkoehler.wordpress.com\/?p=182"},"modified":"2016-11-13T12:32:35","modified_gmt":"2016-11-13T10:32:35","slug":"zeichen-der-zeit-kosovo-2010","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/koehler-kn.de\/ernst\/zeichen-der-zeit-kosovo-2010\/","title":{"rendered":"Zeichen der Zeit &#8211; Kosovo 2010"},"content":{"rendered":"<p>Ernst K\u00f6hler<\/p>\n<p>1.<br \/>\nDas \u00fcberdimensionale Foto ist immer noch da. Es bedeckt die ganze Hauswand. \u201eLider\u201c steht in gro\u00dfen Buchstaben auf dem Plakat. Es ist ein riesiges Portrait von Ramush Haradinaj an dem Geb\u00e4ude, in dem sich das B\u00fcro des Chefs der AKK (Allianz f\u00fcr die Zukunft von Kosova) befindet. Es ist ein an sich sympathisches, durchaus ziviles Bild des Politikers \u2013 ohne Krampf, Stechblick und Herrschermiene, der inzwischen erneut verhaftet worden ist und wieder in Untersuchungshaft in den Den Haag sitzt. Es ist die \u00dcbergr\u00f6\u00dfe und der Ort seiner Ausstellung, die das Foto grotesk und abgeschmackt machen. Auch wenn man das Geb\u00e4ude betritt, trifft man auf die Erscheinungsformen eines Stils, eines Modells politischer F\u00fchrung, dessen Stunde l\u00e4ngst abgelaufen ist. Im Eingangsbereich ein sehr junger, h\u00f6flicher Mann mit Fremdsprachenkenntnissen, der den Besucher nicht warten l\u00e4sst und sofort einen H\u00f6herrangigen informiert. Der dann auch gleich die Treppe herunter kommt, ein paar Fragen stellt und alles effizient arrangiert. Ein paar Tage sp\u00e4ter auf dem Weg zum Interview mit dem Boss durch ein, zwei Vorzimmer, in denen \u00e4ltere M\u00e4nner warten und achtungsvoll gr\u00fc\u00dfen. Sie k\u00f6nnten gut Veteranen der UCK mit ihren Anliegen sein\u00a0 Alles dreht sich um den einen Mann \u2013 die Maschine wie die Klientel, der sich im Gespr\u00e4ch dann aber unpr\u00e4tenzi\u00f6s, nachdenklich und kommunikativ verh\u00e4lt. Als ob er \u2013 als Person, als denkender Mensch &#8211;\u00a0 nicht so recht in den autorit\u00e4ren Rahmen passen wolle, den er da um sich herum aufgebaut hat. Als ob er der Gefangene dieser selbstgeschaffenen Umgebung sei. Wie bei fr\u00fcheren Begegnungen ist es wieder ein richtiges Gespr\u00e4ch. Eine politische Unterhaltung ohne strategische Tricks und Man\u00f6ver. Ramush Haradinaj argumentiert diesmal im Kern liberaler, wirtschaftsliberaler als bei fr\u00fcheren Gespr\u00e4chen. Im Zentrum seiner Aufmerksamkeit und Hoffnung steht das qualifizierte, leistungsbereite \u201eIndividuum\u201c. Als seien wir hier nicht in einem pauperisierten und zudem einzigartig isolierten Land. Befinden wir uns nicht im Kosovo? Haradinaj muss anderswo sein. Er scheint den Boden unter den F\u00fc\u00dfen verloren zu haben. Er scheint seinem geschundenen und blockierten Land tats\u00e4chlich eine schablonenhaft amerikanische Wirtschaftsideologie verordnen oder \u00fcberst\u00fclpen zu wollen. Keine Spur etwa von einer sozialdemokratischen Programmatik, die den Entwicklungsr\u00fcckstand und die erdr\u00fcckende Arbeitslosigkeit des Kosovo auch nur ansatzweise aufnehmen w\u00fcrde. Warum nicht? Der \u00fcberragende Einflu\u00df der USA im Kosovo und die unangefochtene Macht der amerikanischen Botschaft in Prishtina k\u00f6nnen diese politische Kurzsichtigkeit und mangelnde intellektuelle Unabh\u00e4ngigkeit kaum erkl\u00e4ren. Ernst, glaubw\u00fcrdig um sein Land besorgt wie seit jeher, wirkt dieser an sich f\u00e4hige, lernbereite Politiker diesmal eigenartig fremdbestimmt, entwurzelt, orientierungslos.<\/p>\n<p>2.<br \/>\nIm B\u00fcro von \u201eVetevendosje\u201c (Selbstbestimmung) fallen pr\u00e4gnante S\u00e4tze. Man wird sie so leicht nicht mehr los: Die Internationale Gemeinschaft mache hier zwei grundlegende Fehler. Einmal habe sie f\u00fcr das Kosovo nur eine Stabilit\u00e4tspolitik, keine Entwicklungspolitik. Man sei zufrieden, wenn Ruhe im Land herrsche \u2013 \u201eFrieden\u201c im milit\u00e4risch-polizeilichen Sinne. Zweitens mache man aus allem eine ethnische Frage. Es gebe hier anscheinend keine Studenten, keine Arbeiter. Es gebe nur \u201eEthnien\u201c. Es ist Glauk Konjufca, der das sagt, Ende 20, einer der f\u00fchrenden K\u00f6pfe dieser au\u00dferparlamentarischen Bewegung vor allem junger Leute. Man sp\u00fcrt, es ist keine radikale Rhetorik. Nicht die vertraute Sprache der Selbststilisierung. Kein Revolutionstheater, wir haben hier nicht die Neuauflage unserer \u201eNeuen Linken\u201c vor uns. Man verst\u00fcnde den Erfolg von Vetevendosje bei den Wahlen im Dezember auch nicht \u2013 auf Anhieb etwa 13 % der Stimmen (das amtliche Wahlergebnis liegt beim Schreiben dieses Textes noch nicht vor), wenn man diesen jungen politischen Intellektuellen und seine Analyse in diese Schublade stecken wollte. Oder sie gar einem nationalistischen Extremismus s\u00fcdosteurop\u00e4ischen Typs zuschl\u00fcge, wie nicht wenige westliche Journalisten es jahrelang getan haben. Die These vom \u00f6konomischen und gesellschaftspolitischen Disengagement der EU hinter der milit\u00e4rischen Pr\u00e4senz der NATO und hinter der Rechtstaatsmission EULEX entspricht vielmehr einer im Land verbreiteten Wahrnehmung: Wo w\u00e4re der Unterschied, wo w\u00e4re die Z\u00e4sur zwischen den Jahren der UNMIK-Verwaltung und heute? Ist es nicht viel eher die Kontinuit\u00e4t zwischen diesen beiden Phasen, die das Alltagsleben der gro\u00dfen Mehrheit der Menschen kennzeichnet? Und die Unabh\u00e4ngigkeit von 2008?\u00a0 Man muss sie nicht zur\u00fccknehmen wollen; man muss nicht von ihr abr\u00fccken wollen, um sie als eine gro\u00dfe Entt\u00e4uschung zu empfinden \u2013 je nach Grad und Tiefe der Bitterkeit: als eine unvollendete Errungenschaft, als eine halbe Sache, als eine leere Versprechung.<\/p>\n<p>Und auch die These von der ethnizistischen Manie und Verblendung der Internationalen Gemeinschaft im Kosovo findet breite Resonanz in der albanischen Gesellschaft des Kosovo. Sie spricht vielen Menschen hier aus der Seele. Sie ist keine Diffamierung des Minderheitenschutzes. Die heillose ethnische Aufspaltung Bosniens ist im Kosovo sehr gegenw\u00e4rtig. Sollte sich die Ehrfurcht vor den Ethnien nicht sp\u00e4testens mit der Fehlkonstruktion von Dayton politisch kompromittiert haben? Das Befremden \u00fcber die einzigartige Privilegierung der kosovarischen Serben im Ahtisaari-Plan beschr\u00e4nkt sich keineswegs auf nationalistische Kreise. Das \u00dcberzogene, das \u00dcberkomplizierte, das K\u00fcnstliche an diesem ausget\u00fcftelten Regelwerk; die politische Verlogenheit darin, der hinter dem Humanismus versteckte Opportunismus, die anbiedernde Botschaft an die Adresse Belgrads trifft auch bei Liberalen auf Unbehagen und Ablehnung. Der internationale Fokus auf den Minderheiten im Kosovo wird generell als Fehlleistung, sogar als Absurdit\u00e4t gewertet. In Gespr\u00e4chen, sobald sie freim\u00fctig werden, kann man h\u00f6ren: Immer ist nur von den Minderheiten die Rede, kaum je von uns, der Mehrheitsbev\u00f6lkerung. Z\u00e4hlen wir nicht? Haben wir etwa keine Rechte? Im Kosovo sind nicht nur die Roma arm. Und in Mitrovica leidet nicht nur das weltber\u00fcchtigte Roma-Lager unter der Bleiverseuchung des Bodens, sondern die ganze Stadt.<\/p>\n<p>3.<br \/>\nDann kommt Albin Kurti dazu. Er wirkt gel\u00f6st. Er befindet sich hier ja auch nicht im gerichtlich verf\u00fcgten Hausarrest, in dem wir ihn beim letzten Mal besuchen mussten \u2013 mit Presseausweis und Reisepass vorbei an mehreren Polizeibeamten auf der Treppe zu seiner Wohnung. Irgendwann zieht er ein kleines Notizbuch aus der Tasche und liest eine Reihe von polar angelegten Begriffspaaren vor, die mit unserem Gespr\u00e4ch auf das Vergn\u00fcglichste korrespondieren:<\/p>\n<p>Moderne:\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Postmoderne:<br \/>\n\u00d6konomie\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Kultur<br \/>\nKlassen\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Ethnien<br \/>\nEntwicklung\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Stabilit\u00e4t&#8230;<\/p>\n<p>Fast ist man versucht, der semantischen Serie Kurtis noch ein weiteres Wort-Paar anzuh\u00e4ngen: \u201eRelevanz\u201c (60er, 70er Jahre) \u2013 \u201eKompetenz\u201c (immer seitdem).<\/p>\n<p>Es ist Sommer. Die Entscheidung f\u00fcr die Teilnahme von Vetevendosje an den n\u00e4chsten nationalen Wahlen ist noch frisch. Aber sie ist definitiv gefallen \u2013 nach wochenlangen, sehr kontroversen Diskussionen, wie Kurti unterstreicht. Niemand kann wissen, dass so wenig Zeit bleibt und die Wahlen schon Ende des Jahres kommen \u2013 vorverlegt, weil die Regierungskoalition zwischen PDK (Demokratische Partei, die Partei von Hashim Thaci) und LDK (Demokratische Liga, die alte Partei Ibrahim Rugova\u2019s) auseinandergebrochen ist. Es gibt in Prishtina ausgezeichnete Kenner der gesamten politischen Szene, die diesen Sprung aus dem Protest in die Politik f\u00fcr verfehlt und selbstzerst\u00f6rerisch halten. \u201eAls Politiker wird er scheitern\u201c, so ein Mitarbeiter der International Crisis Group. Er kennt Albin Kurti seit dem gemeinsamen Studium an der Universit\u00e4t in Prishtina und hat seinen politischen Weg seit langem verfolgt \u2013 bisher immer mit gro\u00dfem Einf\u00fchlungsverm\u00f6gen und kritischem Verst\u00e4ndnis. Der merkw\u00fcrdig apodiktisch anmutenden Prognose ist eine Sorge anzumerken, auf die man in diesen Wochen immer wieder trifft: Der unbeugsame Rebell &#8211; gestern gegen das Milosevic-Regime, heute gegen die Machenschaften der eigenen Elite; der furchtlose Kritiker amerikanischer und europ\u00e4ischer Gro\u00dfmacht-Anma\u00dfung; der Denker eines aufgekl\u00e4rten nationalen Eigeninteresses \u2013 dieser integre Mann und beeindruckende Rhetor kann nur verlieren, wenn er \u201eins System geht\u201c. \u201eWir gehen nicht ins System; wir nehmen nur an Wahlen teil\u201c, entgegnet Albin Kurti darauf. \u201eWir bleiben, wer wir sind.\u201c Er scheint fest \u00fcberzeugt, dass der politische Betrieb der B\u00fcrgerbewegung nichts anhaben kann. Dass Vetevendosje in dem neuen Kontext nichts verliert &#8211; nichts von seiner Unabh\u00e4ngigkeit, nichts von seiner Au\u00dfenansicht, nichts von seinen Handlungsm\u00f6glichkeiten, sondern im Gegenteil einige neue Ebenen oder Foren der \u00f6ffentlichen Intervention hinzugewinnt.<\/p>\n<p>Auch in Tirana st\u00f6\u00dft diese Selbstsicherheit, dieses stolze Gef\u00fchl der politischen Unantastbarkeit \u00fcbrigens auf tiefe Skepsis. Sie kann hier sogar noch b\u00f6ser, \u00e4tzender ausfallen und fast schon die Farbe des Hohns und der Verachtung annehmen. Begreiflich vielleicht vor dem Hintergrund des albanischen postkommunistischen Machtsystems, das der in Albanien und auch im Kosovo hochgeachtete politische Schriftsteller Fatos Lubonja\u00a0 im Gespr\u00e4ch \u201eirgendwo zwischen Putin und Berlusconi\u201c ansiedeln m\u00f6chte. Zenel Hoxha, heute Pr\u00e4sident und CEO der British Chamber of Commerce and Industry in Albania, fr\u00fcher ein politischer Publizist von Rang, verweist uns auf den Fall der NGO \u201eMjaft!\u201c (Genug!) und ihres Sprechers Erion Veliaj, der einmal ein Geistesverwandter von Albin Kurti zu sein schien, inzwischen aber bei den Sozialisten Edi Ramas gelandet sei und \u201eseine Identit\u00e4t g\u00e4nzlich eingeb\u00fc\u00dft\u201c habe.<\/p>\n<p>4.<br \/>\nDer Wahlerfolg des parlamentarischen Newcomers im Dezember ist ein Ereignis, ein un\u00fcbersehbares Zeichen von unten, aus den schweigenden Massen des Kosovo heraus, das erst einmal interpretiert werden will. Es ist ein deutliches Votum, aber kaum ein emphatisches oder gar r\u00fcckhaltloses. F\u00fcr politischen Enthusiasmus sind die allermeisten Menschen im Kosovo inzwischen viel zu zerm\u00fcrbt, zu verbraucht, zu m\u00fcde. Daf\u00fcr f\u00fchlen sie sich viel zu schwach, zu abh\u00e4ngig, zu ohnm\u00e4chtig. Ihre Alltagserfahrung, ihr Alltagswissen spricht f\u00fcr Albin Kurti, aber ebenso auch gegen ihn. F\u00fcr ihn spricht, dass er ein einfaches Leben f\u00fchrt; dass er nicht zu den neuen Herren z\u00e4hlt \u2013 er mag die Leute nach Stil und Geist eher an die hier seit jeher geachteten sozialen Figuren des selbstvergessen bem\u00fchten Lehrers oder des Gelehrten erinnern. F\u00fcr ihn spricht, dass er nicht mit zwei oder drei Zungen spricht, sondern nur mit einer, mit seiner \u2013 gleichg\u00fcltig, wo und zu wem; dass er eine zivile, unmartialische Form der Tapferkeit verk\u00f6rpert und zu leiden versteht, wenn es sein muss. Gegen ihn spricht aber \u2013 und zwar massiv, dass er sich in eine absurd unrealistische Konfrontation mit den \u00fcberm\u00e4chtigen Gewalten verstrickt, verbissen hat, die \u00fcber das kleine Land verf\u00fcgen. Der junge Angestellte an der Rezeption des Hotels, der Albin Kurti gerade noch einen gewissen Respekt gezollt hat, explodiert auf einmal fast vor Ungeduld, vor Zorn, als er auf das dauernde, allseitige K\u00e4mpfen kommt: \u201eWir k\u00f6nnen doch unm\u00f6glich gegen alle k\u00e4mpfen. Das geht total \u00fcber unsere Kraft. Wir haben gar keine Kraft mehr! Wir sind froh, wenn wir irgendwie durchkommen!\u201c<\/p>\n<p>Welchen Sinn h\u00e4tte auch die Kernforderung Albin Kurtis nach \u201eSelbstbestimmung\u201c, die seiner Bewegung den Namen gegeben hat, in einem Land, das sich von der EU unabsehbar auf Distanz gehalten, ausgegrenzt sieht und bislang &#8211; anders als die anderen Staates des Westbalkan, anders als die Ukraine, anders auch als das von keinem einzigen EU-Mitglied anerkannte Taiwan \u2013 vergeblich sogar auf eine Liberalisierung des Visa-Regimes wartet. (Vgl. jetzt European Stability Initiative: Isolation Confirmed, Berlin, Brussels, Pristina 22.November 2010). Ganz zu schweigen von der Einleitung von Integrationsverhandlungen des Kosovo mit der EU. Welchen Sinn h\u00e4tte der hohe, noble, emanzipatorische Anspruch, sein politisches Schicksal endlich in die eigenen H\u00e4nde nehmen zu d\u00fcrfen, angesichts der chancenlos jedes Jahr neu auf den Arbeitsmarkt dr\u00e4ngenden jungen Menschen, die dringend, existenziell auf eine \u00d6ffnung der europ\u00e4ischen Arbeitsm\u00e4rkte angewiesen w\u00e4ren \u2013 statt auf Massenabschiebungen wie aus Deutschland?<\/p>\n<p>Im Fr\u00fchjahr und Sommer war eines der gro\u00dfen, aktuellen Themen im Kosovo das Vorgehen von EULEX gegen Fatmir Limaj, den m\u00e4chtigen, schwer korruptionsverd\u00e4chtigen Transport- und Posttelekommunikationsminster der Regierung Thaci. Worauf das ganze Land damals hoffte und doch \u2013 aus profundem Misstrauen, aus alter Erfahrung mit den hier seit dem Krieg operierenden internationalen Organisationen \u2013 nicht wirklich zu hoffen wagte, war ein Durchgreifen der Rechtsstaatsmission. Ein konsequentes rechtliches Durchgreifen \u2013 unabgelenkt, ungebremst von politischen Opportunit\u00e4tsgr\u00fcnden, wie sie von den Vertretungen der ma\u00dfgeblichen Staaten in Prishtina zu kommen pflegen. Wen k\u00f6nnte in dieser Situation die Forderung nach \u201eSouver\u00e4nit\u00e4t\u201c \u00fcberzeugen, wie Albin Kurti sie bis heute immer wieder vortr\u00e4gt?\u00a0 Der Unabh\u00e4ngigkeit seit 2008, die sonst unerf\u00fcllt und formal bleibe, m\u00fcsse die echte politische Souver\u00e4nit\u00e4t folgen. In unserem Fall hie\u00dfe das: Entmachtung von EULEX, Reduzierung der Mission auf blo\u00dfe Beratungsfunktionen. Die breite \u00d6ffentlichkeit im Kosovo verlangt ganz im Gegenteil, dass EULEX seine exekutive Gewalt endlich anwendet. Zun\u00e4chst muss sie faktisch umgesetzt werden \u2013 im gebieterischen Interesse des Landes. Bevor man sie wieder abschafft.<\/p>\n<p>5.<br \/>\nN\u00e4her am Puls des Kosovo ist Albin Kurti mit seiner Perspektive eines Zusammenschlusses von Kosovo und Albanien. Wenn man das sogleich und fast reflexhaft mit \u201eGro\u00dfalbanien\u201c assoziiert, hat man sich ein unbefangenes Verst\u00e4ndnis bereits verstellt. Man denkt dann unwillk\u00fcrlich an \u201eGro\u00dfdeutschland\u201c, \u201eGro\u00dfungarn\u201c, \u201eGro\u00dfserbien\u201c oder \u201eGro\u00dfkroatien\u201c, und die auf mehrere Staaten verteilte albanische Nation von heute steht flugs unter dem Verdacht, einen \u00e4hnlich blutigen Chauvinismus auszubr\u00fcten. Eines Interviews f\u00fcr eine unserer gro\u00dfen Zeitungen wird Albin Kurti erst seit kurzem f\u00fcr w\u00fcrdig befunden &#8211;\u00a0 so sagte er neulich der NZZ (9.Dezember 2010): \u201eErstens benutzen wir nicht den Begriff Gro\u00dfalbanien; wir sprechen von einer Vereinigung von Kosovo und Albanien. Und zweitens fordern wir dies nur als ein Recht, wie es jedem souver\u00e4nen Staat zusteht. Wenn Frankreich und Deutschland sich vereinigen wollen, kann sie niemand daran hindern \u2013 zwei Referenden, und die Sache ist erledigt. Warum soll Kosovo nicht dasselbe Recht haben? Wir sind gegen den Verfassungsartikel 1.3, der festh\u00e4lt, dass Kosovo sich nicht mit einem anderen Staat vereinigen soll. Das erinnert mich an Breschnews Konzept der beschr\u00e4nkten Souver\u00e4nit\u00e4t sozialistischer Staaten.\u201c<\/p>\n<p>H\u00e4tte sich die Option Kosovo \u2013 Kosovo als ein neuer Nationalstaat auf dem Balkan \u2013 etwa bereits \u00fcberlebt? Gerade erst feierlich aus der Taufe gehoben und schon wieder abgestorben? Unter entsetzlichen Opfern erk\u00e4mpft und doch schon wieder delegitimiert und aufgegeben?\u00a0 Man macht ein Land nicht ungestraft zu einem Dauerlabor f\u00fcr politische Experimente \u2013 auch ein so kleines und hilfloses Land nicht. Europa l\u00e4sst ein Land in Europa nicht ungestraft darben und verkommen \u2013 auch das Kosovo nicht. Dann g\u00e4be es eine \u2013 noch stille, noch untergr\u00fcndige &#8211;\u00a0 Abwendung der Kosovo-Albaner von ihrem jungen Staat?\u00a0 Und sie w\u00e4re die Rechnung des Volkes f\u00fcr die Politik der internationalen Gemeinschaft und vor allem Europas?\u00a0 Und auch die Rechnung an die Adresse der\u00a0 \u201epolitische Klasse\u201c des Landes, die im Schatten und Schutz der Internationalen vor Ort \u00fcber den unfertigen Staat verf\u00fcgt, als sei er ihre Dom\u00e4ne, ihr Eigentum? Man fragt sich bei uns gern, warum uns diese besessenen Kosovo-Albaner denn unbedingt einen unm\u00f6glichen, lebensunf\u00e4higen Kleinstaat zumuten und aufhalsen m\u00fcssen. Vielleicht sollten wir uns besser fragen, was die EU tun kann, um diesen Staat in den Augen seiner eigenen B\u00fcrger einigerma\u00dfen zu rehabilitieren.<\/p>\n<p>Aber das erfasst die eigenartige politische \u201eObdachlosigkeit\u201c (Siegfried Kracauer) nicht genau, die der Besucher im Kosovo heute ahnt. Wir sollten vermeiden, der Entwicklung vorauszueilen. Die besondere Verbundenheit mit den Albanern in Albanien ist im Kosovo nat\u00fcrlich nichts Neues. Ein Freund, Ende 40, der in der Gegend von Prizren aufgewachsen ist, erz\u00e4hlt von seinem schmerzlichen Befremden, von seiner Fassungslosigkeit, als ihm als Junge schlagartig die Grenze, die geschlossene Grenze zwischen Jugoslawien und dem Albanien Enver Hoxhas bewusst geworden sei. Die gewaltsame, hermetische Trennung von den keineswegs fremden, vielf\u00e4ltig nahestehenden, verwandten Leuten jenseits der Grenze habe er als Kind als etwas Widernat\u00fcrliches, Menschenwidriges empfunden. Auch die dem Kosovo als dem letzten Nachfolgestaat des in Kriegen untergegangenen Jugoslawiens international oktroyierten Auflage, sich nicht mit Albanien zu vereinigen, ist hier immer nur hingenommen, niemals akzeptiert worden. Die Auflage ist hier immer nur als ein Tabu empfunden worden. Und das Tabu ist immer nur aus Ohnmacht, aber durchaus auch aus Verst\u00e4ndnis f\u00fcr ein in Jugoslawien j\u00e4mmerlich gescheitertes, zerstrittenes, \u00fcberfordertes, gedanklich-strategisch auf ein zwanghaftes Krisenmanagement reduziertes Europa stillschweigend geschluckt worden. Heute, soviel l\u00e4sst sich sagen, wird es nicht mehr geschluckt. Die Ohnmacht hat sich keineswegs entsch\u00e4rft, aber das Verst\u00e4ndnis f\u00fcr Europa ist merklich erkaltet.<\/p>\n<p>Die Geduld mit der westeurop\u00e4ischen \u00d6ffentlichkeit scheint gl\u00fccklicherweise dennoch nicht ganz aufgezehrt. In Gjakova, unweit der albanischen Grenze und traditionell eng \u2013 ein Freund nennt es \u201eethnopsychologisch\u201c \u2013 mit Nordalbanien verkn\u00fcpft, sprechen wir lange mit Mentor Kaci, einem leitenden Angestellten einer Fachhochschule in Peja, \u00fcber die albanische nationale Frage. Mentor Kaci legt den Akzent auf ihre Entd\u00e4monisierung. Es ist in seinen Augen die erste Aufgabe &#8211; eine schwierige, langwierige Aufgabe. \u201eWir m\u00fcssen unser Anliegen, unseren friedlichen Wunsch nach nationaler Einheit der Welt zuerst einmal darstellen, verdeutlichen, vermitteln. Das ist es, woran wir arbeiten m\u00fcssen.\u201c Man kann ruhig mal ein bisschen staunen: In dieser Sicht sind die Aufkl\u00e4rer zur Abwechslung einmal die Albaner \u2013 und die Adressaten sind zur Abwechslung einmal wir.<\/p>\n<p>Es geht im Kosovo nicht &#8211; noch nicht &#8211;\u00a0 um Grenzver\u00e4nderung und Staatenbildung. Daf\u00fcr g\u00e4be es auch in Tirana gegenw\u00e4rtig gar keinen ernsthaften Ansprechpartner. Aber\u00a0 es geht auch nicht nur um Gef\u00fchle: um die alte, historische, wenn auch keineswegs st\u00f6rungs- und spannungsfreie Erfahrung der sprachlichen, kulturellen, verwandtschaftlichen N\u00e4he. Genauer gesagt: um die Anerkennung dieser Gef\u00fchle durch ein gerade in seiner au\u00dfenpolitischen Schw\u00e4che und Unschl\u00fcssigkeit verh\u00e4rtetes,\u00a0 voreingenommenes Europa. Es geht aktuell vor allen Dingen einmal um die konkrete infrastrukturelle und \u00f6konomische Vernetzung des Kosovo mit Albanien und \u00fcberhaupt mit den albanischen Siedlungsgebieten in der Region \u2013 gedacht, gewollt, geplant als der grundlegende Schritt aus der gezielten epochalen Unterentwicklung der serbischen Provinz, aus dem gezielten Ruin des Krieges, aus der international zu verantwortenden Isolierung und Stagnation der Nachkriegszeit heraus. Es ist die eigentliche, die sich zwingend aufdr\u00e4ngende Selbsthilfe \u2013 auf dem Weg nach Europa, richtiger: im Vorgriff auf ein abwartendes, sich in der Krise gar verschlie\u00dfendes Europa. Man muss nur einmal in kosovo-albanischer Begleitung die neue Autobahn von Prizren nach Durres fahren, der Hafenstadt an der Adria. Dann ist diese Perspektive des Aufbruchs und der Hoffnung mit H\u00e4nden zu greifen. Ihr Begleiter wird Ihnen seine Freude, nein: sein Gl\u00fccksgef\u00fchl \u00fcber die neue Stra\u00dfe signalisieren \u2013 egal wie wenig befahren sie noch ist; egal wie monstr\u00f6s die gigantischen Bauten der Autobahn die nat\u00fcrliche Landschaft vergewaltigen; egal wie furchtbar arm die D\u00f6rfer am Rand sind. Er wird Sie selbst auf diese D\u00f6rfer aufmerksam machen. Er kennt ihr Elend. Er wei\u00df aus der pers\u00f6nlichen Anschauung vieler Jahre, wie arm Albanien ist \u2013 skandal\u00f6s arm, wenn man an seine Oligarchen, Kriminellen und Neureichen denkt. Ihr Begleiter wird diese Autobahn dennoch als eine kapitale Investition in die Zukunft werten. In die Zukunft auch und gerade des Kosovo, wenn das Kosovo bisher auch noch nichts produziert, das im Hafen von Durres verladen werden k\u00f6nnte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ernst K\u00f6hler 1. Das \u00fcberdimensionale Foto ist immer noch da. Es bedeckt die ganze Hauswand. \u201eLider\u201c steht in gro\u00dfen Buchstaben auf dem Plakat. Es ist ein riesiges Portrait von Ramush Haradinaj an dem Geb\u00e4ude, in dem sich das B\u00fcro des Chefs der AKK (Allianz f\u00fcr die Zukunft von Kosova) befindet. 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