„Immer sind ja die Wörter schöner als die Geschichte“

Ernst Köhler

Über die neuen Gedichte von Peter Salomon

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Peter Salomon, Die Jahre liegen auf der Lauer. Neue Gedichte, Paperback, 92 S., 12,– € , Eggingen 2012 (Edition Klaus Isele)

Die jetzt erschienenen neuen Gedichte von Peter Salomon weisen eine große Spannweite auf – der Themen, der Formen, der Tonlage. Die ungeniert auseinanderstrebende Fülle wird aber zusammengehalten durch ein immer präsentes, nie erschlaffendes Methodenbewusstsein. Es ist eine Methodik des Experimentierens, des Spiels mit dem Bruch von Klischees und Konventionen – verbrauchten Verfahren des Sehens, Denkens, Empfindens, Schreibens, die diese zentrifugalen Text-Potenzen bändigt und in einen Reigen einbindet. Es gibt kein Gedicht, das nicht die Spuren dieses Zugriffs, dieser destruktiven Arbeit an sich trüge. Peter Salomon gilt als ein Lyriker, der sich dem gegenwärtigen Alltag zuwendet – samt seiner Misere und Qual. Das sagt er auch selbst von sich – allerdings präziser, differenzierter, literarisch versierter wie etwa in der knappen autobiografischen Skizze Wie ich nach Konstanz gekommen bin und warum ich es nicht wieder verlassen habe (Autobiographische Fußnoten, 2009). Aber mögen auch alle die in dieser Lyrik reproduzierten Erinnerungen, Begegnungen, Beobachtungen, Gedanken, Befindlichkeiten einen realen, alltäglichen Anlass, Vorwurf oder Hintergrund haben, sie wirken ausnahmslos gebrochen. Sie sind alle verwandelt. Das Alltagsmaterial muss jeweils zerschlagen worden sein – zerstückelt, bevor es wieder zusammengefügt worden ist. Es sind Konstruktionen, die uns der Autor anbietet – realitätshaltig, erfahrungsgesättigt, sinnenhaft konkretisiert, aber mit Bruchlinien. Richtiger: weltnah, weil sie ihre Künstlichkeit nie vertuschen. Die in der Überschrift dieser Besprechung zitierte Zeile findet sich in dem Gedicht Aus dem Jahr 1978. Sie bringt die Arbeitsweise des Lyrikers Peter Salomon wie nebenbei auf den Punkt.

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Das kleinere Übel und seine stille Anziehungskraft. Fragen zur amerikanischen Irak-Politik

Ernst Köhler

So verrannt und verrückt es klingt, aber für den täglichen Massenmord im Irak sind die Mörder verantwortlich – nicht die Amerikaner. Verantwortlich sind die miteinander auf den Tod verfeindeten islamischen Religionsgemeinschaften, richtiger: ihre geistlichen Führer und ihre Milizen, nicht die gescheiterten Besatzer. Hierzulande muss man anscheinend erst einmal die Mörder hinter den Amerikanern hervorziehen. Den Abzug verlangt auch niemand im Ernst. Auch die US-amerikanischen Demokraten nicht, die gerade eine Wahl gewonnen haben – nicht zuletzt über das Irak-Thema, aber ohne zu sagen, was sie im Irak anders machen wollen.

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Das Kosovo hinter der Kosovofrage – am Vorabend der Status-Verhandlungen

Ernst Köhler (September/ Oktober 2005)

1. Zwischen Diagnose und Diplomatie. Über den neuen Kosovo-Bericht des UN-Sonderbeauftragten Kai Eide.

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Bereits im August 2004 hatte der norwegische Diplomat Kai Eide im Auftrag Kofi Annans einen vielbeachteten Bericht über die Lage im Kosovo vorgelegt. Unter dem Eindruck der schweren Übergriffe im März 2004, hatte er davor gewarnt, die Verhandlungen über den künftigen „Status“ des Landes noch weiter zu verzögern. Im Klartext: die Frage, ob das Kosovo ein unabhängiger Staat sein wird, wie es die albanische Mehrheit will, oder aber als autonome Provinz bei Serbien-Montenegro bleibt, dürfe nicht länger vertagt werden. Die „Standards“ waren soeben in den anti-serbischen Unruhen massiv verletzt worden – dennoch sollten sie jetzt auf einmal nicht mehr als unverzichtbare Vorleistung gelten: als unabdingbare Voraussetzung für die Eröffnung des „Status-Prozesses“.

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Die Tagebücher von Victor Klemperer sind wirklich gelesen worden

Ernst Köhler

Buchbesprechung zu Mihail Sebastian: Voller Entsetzen, aber nicht verzweifelt. Tagebücher 1935-44.

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Mihail Sebastian: „Voller Entsetzen, aber nicht verzweifelt“ .Tagebücher 1935-44, Berlin 2005 (Claassen), broschiert 2006 (List)

Die Tagebücher von Victor Klemperer sind wirklich gelesen worden – nebenher, nicht in den Ferien, in den Abendstunden, über Wochen. Das war ein Bild von der deutschen Gesellschaft unter Hitler, wie man es ungeachtet allen verbürgten Wissens doch immer noch gesucht hatte. Den jetzt auch auf deutsch vorliegenden Tagebüchern von Mihail Sebastian aus den Jahren 1935-44 wäre die gleiche Aufmerksamkeit zu wünschen. Das Rumänien der „Eisernen Garde“, der Diktatur des Generals Jon Antonescu, Südosteuropa im Schatten, unter dem Druck, dann unter der Kontrolle des „Dritten Reichs“ scheint einigermaßen entrückt – bereits nicht mehr ganz gegenwärtige Geschichte.

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Die Wahrheit dennoch nicht zum Schweigen gebracht. Nachdenken über den Mord an Anna Politkovskaja

Ernst Köhler befragt Benno Ennker

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Der Historiker Benno Ennker

Der Mord an der weltbekannten russischen Journalistin Anna Politkovskaja hat bei uns eine besondere und anhaltende Betroffenheit hervorgerufen. Benno Ennker ist Osteuropahistoriker an der Hochschule St. Gallen und an der Universität Tübingen. Sein Forschungsschwerpunkt ist die Sowjetgeschichte. Aber er ist auch ein Kenner des gegenwärtigen Rußlands. Die Fragen stellte Ernst Köhler.

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Epochenwechsel auf dem Balkan

Ernst Köhler

Mit dem allzu Bekannten sollte man sich vorsehen. Wie mit dem „Balkan“, seiner ewig gestrigen Kleinstaaterei und seinen giftigen Nationalismen, die vielen sattsam, geradezu sprichwörtlich bekannt vorkommen. Aber es gibt einen neuen Balkan, und es wird Zeit, ihn zur Kenntnis zu nehmen. Die Epoche des Zerfalls, der blutigen Zerschlagung Jugoslawiens ist vollendet. Man kann es sich an Serbien verdeutlichen. Die Rückwärtsgewandtheit und Aussichtslosigkeit seiner Kosovo-Politik sind offensichtlich. Sie wirken inzwischen bizarr bis zur Lächerlichkeit – nicht erst seit dem Votum des Internationalen Gerichtshofes zur Unabhängigkeitserklärung des Kosovo Anfang 2008.

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Es ist wie beim Hunger

Ernst Köhler

Buchbesprechung zu Martin Walde: Wie man seine Sprache hassen lernt. Sozialpsychologische Überlegungen zum deutsch-sorbischen Konfliktverhältnis.

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Martin Walde: Wie man seine Sprache hassen lernt. Sozialpsychologische Überlegungen zum deutsch-sorbischen Konfliktverhältnis, Bautzen 2010 (Domowina-Verlag) 184 S., Abbildungen, Broschur, ISBN 978-3-7420-2178-6 19.90 €

Es ist wie beim Hunger. Wenn er erst einmal hungert, wehrt der Mensch sich nicht mehr. Zur Hungerrevolte kommt es nur, wenn es schon wieder ein bisschen bergauf geht. Jeder Protest braucht die Aussicht auf Erfolg, auf eine Machtverschiebung. Sonst bleibt er aus. Die Unterdrückung muss nur umfassend und nachhaltig genug sein, dann wird Widerstand zur absoluten Ausnahmeerscheinung. Für dieses tragische Paradox gibt es in der deutschen Geschichte reichlich Belege. Einen exemplarischen, aber bisher so gut wie unbekannten hat uns jetzt Martin Walde mit seiner Studie über die Geschichte der Sorben in Deutschland geliefert. „Wie man seine Sprache hassen lernt“ – der Titel nimmt bereits die Kernaussage des Buches vorweg. Die staatliche Entrechtung und gesellschaftliche Ausgrenzung dieser slawischen Minderheit in der Lausitz war über die verschiedenen Phasen der modernen deutschen Geschichte hinweg so allgegenwärtig, tiefgreifend und bruchlos permanent, dass die Betroffenen sich nicht mehr zu wehren und zu behaupten wussten. Stattdessen haben sie sich unterworfen, wie das Gesetz des Menschen es will. Sie haben sich in diversen Formen mit ihrer übermächtigen und feindlichen Umwelt identifiziert. Sie haben sich selbst nicht mehr ertragen. Sie haben ihre Muttersprache als einen Makel, als ein Stigma erlebt.

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Marx beim Scheitern zusehen

Ernst Köhler

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Karl Marx, Hrsg. von Michael Berger, Freiburg i.Br. 2005 (Reihe: absolute, orange press), 18 €

Ein überragender Denker, in seinen Prognosen widerlegt, seines politisches Einflusses gänzlich beraubt – aber abtun, vergessen läßt er sich auch nicht. Das will man sich denn doch nicht antun. Man spürt, daß man sich damit selber schaden, selber ärmer oder dümmer machen würde. Das ist der gegenwärtige Schwebezustand unserer Marx-Rezeption. Und aus ihr kommt die keineswegs rhetorisch gemeinte Frage: Was hat Karl Marx uns heute noch zu sagen? Vielleicht ist sie aber zu steil, zu direkt gestellt. Vielleicht beginnt man besser mit der Frage: Bis wohin können wir Marx heute noch folgen? Und wo müssen wir ihn endgültig einer abgetakelten Geschichtsphilosophie zuordnen – einer dieser „großen Erzählungen“ also, die inzwischen – in unseren Breiten wohlgemerkt, keinewegs global – allesamt abgebaut sind?

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Pathos gespickt mit Ironie

Ernst Köhler

Über den Roman „Im geschlossenen Raum“ von István Eörsi.

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István Eörsi

Wie es die Gedanken-Lyrik gibt und das Theater des Disputs, des Thesenstreits, so auch den Roman, der eigentlich ein Essay ist. Im geschlossenen Raum, das letzte, auf deutsch jetzt postum erschienene Buch des 2005 verstorbenen ungarischen Schriftstellers István Eörsi, ist ein solcher Roman. „Episoden einer Abhandlung“ nennt er es selbst einmal. Die Wirklichkeit, die er gedanklich zu durchdringen und von allen Seiten zu beleuchten versucht, ist der Poststalinismus in Ungarn – also die Jahrzehnte, die auf den von den Sowjets brutal niedergeschlagenen Aufstand von 1956 folgten und mit dem Namen Kádárs verbunden sind.

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Rede bei der Gedenkveranstaltung der Stadt Konstanz für Zoran Djindjic am 23. März 2004

Ernst Köhler

Zum Text erläutert Ernst Köhler: „Die Rede ist ins Serbische übersetzt worden und in der Belgrader Wochenzeitschrift ‚ekonomist‘ erschienen. Der hier erwähnte liberale serbische Oppositionspolitiker Cedomir Jovanovic, nicht nur für mich der eigentliche politische Erbe Djindjics, hat den Text zudem in seine Homepage aufgenommen. Bei uns ist die Rede hingegen unveröffentlicht geblieben.“

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Zoran Djindjic wurde am 12. März 2003 in Belgrad ermordet.

Ich fürchte, es ist keine Rede, was ich Ihnen hier vortragen möchte, sondern eher eine Reportage, ein Bericht über die Stipvisite, die wir Ende Februar in Belgrad gemacht haben. Für mich war es die erste Kontaktaufnahme nach zwei Jahren. Aber es war nicht nur traurig, sondern auch befreiend – befreiend, weil die Leute, die Zoran Djindjic in Belgrad verteidigen, ihn auch verteidigen und sich nicht nach allen Seiten abzusichern suchen. In einem zweiten Anlauf gehe ich dann noch einmal etwas allgemeiner auf die jüngste politische Entwicklung in Serbien ein, so wie sie sich dem Besucher eben darstellt. Wovon soll man in diesem Fall sprechen – von einem Umschwung? Von einem Rückschlag? Von einer Wende?

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